‚Queer History’ – ‚Geschichte queer unterrichten’ - was soll das sein?

Die Vergangenheit ist bevölkert von Geschichten über sexuelle Vielfalt – der Geschichtsunterricht hat diese Geschichten bisher jedoch nicht entdeckt. Wenn überhaupt, dann wird Schüler_innen vielleicht von der Verfolgung gleichgeschlechtlich begehrender Personen im Nationalsozialismus berichtet. Andere Erzählungen – etwa über sexuelle Emanzipationsbewegungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, über Strafprozesse wegen angeblicher sexueller ‚Devianz’ vor 1933 und nach 1945, über Transvestismus, Intersexualität oder die ersten medizinischen Operationen zur Geschlechtsumwandlung, sind aus dem Kanon historischen Wissens in der Schule verbannt. Ob dahinter eine bewusste Strategie steckt oder eher Unwissen – das freilich ist schwer zu sagen. Nach Jahrzehnten von ertrag- und erfolgreicher fachhistorischer Forschung ist es jedoch zumindest weder unmöglich noch besonders schwierig, Sexualitäts- und Geschlechtergeschichte als integralen Bestandteil der Geschichtswissenschaft zu erkennen – und ihre vielfältigen Forschungsergebnisse auch für historisches Lernen nutzbar zu machen.

Solche Geschichten zu erzählen und für die Verwendung in schulischen und außerschulischen Lehr-Lern-Arrangements aufzubereiten ist das Ziel dieses Lernportals.

Theoretischer Referenzpunkt ist die Queer Theory. Sie geht davon aus, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten keine naturgegebenen Konstanten sind – sondern dass sie in geschichtlichen, kulturellen und sozialen Prozessen erst hervorgebracht werden. Sexuelle und geschlechtliche Identitäten gibt es also nicht nur einfach so, sie sind keine essentialistischen Entitäten, sondern sie werden in komplexen und vielschichtigen Prozessen erst hervorgebracht – von handelnden und leidenden Menschen in Vergangenheit und Gegenwart.

Insbesondere historisches Lernen bietet hier nun die Möglichkeit, solche vielschichtigen Prozesse kennen zu lernen, geht es bei historischem Lernen doch immer auch darum, sich vergangene Wirklichkeiten als die eigene Vorgeschichte anzueignen und sich selbst als gewordener, ‚historischer’ Mensch zu begreifen. Dabei kann ein historisch lernender Blick zweierlei sichtbar werden lassen, zum einen: Identitäten waren in der Vergangenheit anders als heute. Sie wurden auf andere Weise konstruiert, spielten für die Menschen der Vergangenheit in ihrer Alltagspraxis eine andere Rolle als heute und waren auf andere Weise konfliktträchtig als in unserer Gegenwart. Wenn wir uns mit ihnen als Teil der Vergangenheit beschäftigen, erfahren wir also, dass sie in der Vergangenheit anders gedacht und anders gemacht wurden als heute. Das Erfahren von solcher historischen Alterität eröffnet den Lernenden den Erfahrungsraum, dass auch heutige sexuelle Identitäten, z.B. auch jene oft als natürlich verkaufte Trias aus Homo-, Hetero- und Bisexualität, nicht alternativlos sind, weil es in der Vergangenheit zu ihnen bereits Alternativen gab. Mal ging es bunter und mal grauer zu als heute, aber eben nie genauso wie jetzt.

Neben dem Erfahren einer solchen Alterität von Geschlecht und Sexualität, die das Anders-Sein als etwas historisch Normales zu erkennen gibt, können Lernende jedoch auch die Historizität, also die grundsätzliche Wandelbarkeit von Konzepten über Sexualität und Geschlecht kennen lernen. Dabei erfahren sie nicht nur, dass die Dinge dereinst anders waren, sondern sie lernen, en detail die Prozesse nachzuzeichnen, durch die sich Wandel vollzog. Sie erfahren auf diese Weise, dass es handelnde und leidende Menschen der Vergangenheit waren, die daran mitgewirkt haben, dass sich Vorstellungen zu Sexualität und Geschlecht geändert haben – und auch, dass solche Vorstellungen grundsätzlich änderbar sind. Und wer weiß, vielleicht haben sie dann auch Lust, in unserer Gegenwart an solchen Änderungen mitzuwirken.

Martin Lücke

 

Hintergrundtexte