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Starten Sie den Hörspaziergang am Dennewitzplatz, unweit der U-Bahnstation Bülowstraße.

Haupterzähler:
Von Dielen und Clubs. Homosexuelles Leben im Schöneberg der zwanziger Jahre.

Willkommen zu unserem Stadtspaziergang zu Homosexualitäten in den 1920er Jahren durch Schöneberg. Als die „goldenen Zwanziger“ ist uns die Zeit zwischen dem ersten Weltkrieg und der Machtübertragung an die Nationalsozialisten bekannt. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs blühten Kunst und Kultur auf und zumindest in den Großstädten war selbstbestimmteres Leben möglich. So entstand 1919 mit „Anders als die anderen“, der erste Film, der Homosexualität offen und nicht abfällig thematisierte. Eine Vielzahl von Clubs, Bars und Kneipen eröffneten und  unterschiedlichste Zeitschriften und Publikationen standen für eine sichtbar gelebte homosexuelle Kultur. Die Mehrheit der Bevölkerung ächtete jedoch Homosexualität und Viele hatten auch mit Repressionen zu kämpfen.

Die zeitgenössische Autorin Ruth Margarete Roellig merkte an:

Ruth Roellig:
„Seit der Revolution ist eine ganz besondere Wandlung eingetreten“, aber „trotz aller Toleranz gerade in sexuellen Dingen, ist vorläufig eine Frau, die in diesem Punkte ihre andersgeartete Triebrichtung frei bekennen würde, gesellschaftlich ebenso geächtet wie ehemals.“

Haupterzähler:
Ende 1928 wurden mit dem Gesetz zur „Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ Zeitschriften ganz oder zeitweise verboten und Filme zensiert.

Eine weitere schärfere Zäsur setzte die Machtübertragung an die NSDAP. Am 23. Februar 1933 wies der preußische Innenminister Hermann Göring die Polizeibehörden an, alle Lokale zu schließen, "die den Kreisen, die der widernatürlichen Unzucht“, wie nicht nur die Nazis es ausdrückten, huldigten. Zahlreiche Homosexuelle mussten fliehen, oder wurden von den Nazis verhaftet und ermordet. Das Ende der „Illusion der Freiheit“ durch die Nazis wird während unseres Audio-Spaziergangs anhand einzelner Lebensgeschichten thematisiert.

In Schöneberg gab es viele Lokale. Einige ausschließlich für Schwule, wie das „Dédé“ bzw. nur für Lesben, wie das „La Garconne“, sowie eine Reihe von lesbisch-schwulen Veranstaltungs- und Tanzlokalen.  Nicht selten boten diese getrennte Tage für Schwule und Lesben an oder hatten von vorneherein getrennte Räumlichkeiten.

Über die Grenzen der Szene hinaus, erlangten vor allem die sogenannten Schaulokale eine Prominenz. Eines der bekanntesten war das „Eldorado“ in der Martin-Luther-Strasse und dessen auf TouristInnen ausgerichtete Filiale in der Motzstrasse.

Einige der Lokale verlangten hohe Eintrittspreise, die sogenannten Dielen waren dagegen oftmals eher ein Treffpunkt des Proletariats. Unweit unseres Standortes, in der Bülowstraße 57 befand sich das „Dorian Gray“ über das Ruth Roellig berichtet:

Ruth Roellig:
Als eines der ältesten und bekanntesten Lokale der Frauenwelt gilt das in der Bülowstraße 57 gelegene Cafe „Dorian Gray“. Es wurde alles Mögliche getan, um die beiden Räume, aus denen das Cafe besteht, intim und anheimelnd zu gestalten. Schon an der Tür wird man von einem großen, in Livré steckenden Pförtner aufs Zuvorkommendste begrüßt und innen vom Wirt oder der Wirtin liebenswürdig empfangen. Man hat hier gesonderte Herren- und Damentage. So gilt hauptsächlich der Freitag als der Damen-Elitetag, an dem ein sogenannter Bunter Abend stattfindet, das heißt die Tanzmusik wird zeitweilig durch gar nicht üble Vorträge verschiedener Art unterbrochen.

Haupterzähler:
Unser Stadtspaziergang bringt Ihnen einen kleinen Ausschnitt dieser vielfältigen Kneipen- und Szenekultur sowie einige Akteur_innen in 12 Stationen näher. Wir wünschen Ihnen einen spannenden Rundgang.