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Der Stadtrundgang durch Mitte beginnt am Alexanderplatz in einer der ältesten Schwulen-Kneipen der Stadt, der "Besenkammer".

Klein wie eine Besenkammer – aber offen für alle und zwar rund um die Uhr. Dieses Motto machte die nur 20qm große Kneipe unter der S-Bahnbrücke des Bahnhofs Alexanderplatz in den 1970er Jahren zu einem Ort der Begegnung. Hier konnten sich homosexuelle Männer unbefangen treffen und offen mit ihrer Sexualität umgehen. Die Kneipe lag damals im Ostteil Berlins – der Hauptstadt der DDR. Obwohl in der DDR homosexuelle Beziehungen zwischen volljährigen Männern seit 1968 nicht mehr unter Strafe standen, wurde offene Homosexualität in der ostdeutschen Gesellschaft meist ebenso wenig toleriert wie in Westdeutschland.

In den 70er Jahren formierten sich deshalb in Ost- und Westdeutschland Bewegungen, die für die Rechte von Homosexuellen und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen kämpften. Hier in der Besenkammer, die damals noch Moccabar hieß, kam es dabei 1973 zu einer wichtigen Begegnung: Der ostdeutsche schwule Aktivist Michael Eggert traf westdeutsche Sympathisanten, die ihm von der Ausstrahlung eines Films in der ARD erzählten.

Der Titel:
„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“.

In Westdeutschland war der Film schon zwei Jahre vorher öffentlich gezeigt worden und hatte der Schwulenbewegung großen Anschub gegeben. Obwohl die ARD ein Westsender war, konnten ihn auch viele Ostdeutsche empfangen. So verabredete Michael Eggert sich mit befreundeten Aktivisten, um den Film gemeinsam zu schauen. Auch sie fühlten sich durch den Film inspiriert und gründeten daraufhin die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin, die einflussreichste schwule Gruppe der 70er Jahre in der DDR. Gemeinsam setzten sie sich für die Rechte Homosexueller ein und versuchten, eine öffentliche Plattform für Diskussionen über Sexualität zu schaffen.

Durch diese Diskussion sollte unter anderem deutlich werden, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen keinesfalls ein modernes Phänomen sind. Im antiken Griechenland zum Beispiel waren vor allem sexuelle Beziehungen zwischen Männern üblich und öffentlich akzeptiert. Das änderte sich mit dem Aufkommen des Christentums. Gleichgeschlechtliche Beziehungen als „Homosexualität“ zu bezeichnen, ist allerdings erst seit gut 150 Jahren üblich. Vorher gab es weder diesen Begriff, noch die dadurch geschaffene sexuelle Identität. Diese lange und wechselvolle Geschichte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, gehörte zum Kampf um die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen.

Dabei kümmerte sich die Schwulenbewegung aber vor allem um die Interessen schwuler Männer. Lesbische Frauen waren weniger vertreten. Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen konnten oder wollten, fielen meist völlig aus dem Rahmen. In den 90er Jahren bildete sich deshalb die Bewegung um die Queer Studies. Die Vertreter und Vertreterinnen dieser Theorie kritisierten, dass die Schwulenbewegung viele Menschen außen vor ließ. Sie zeigten, dass die Aktivisten der Schwulenbewegung es nicht geschafft hatten, sich von den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen zu befreien. Schwule Männer kämpften für schwule Männer, lesbische Frauen für lesbische Frauen – was macht aber eigentlich einen Menschen zum Mann oder zur Frau? Kommen wir mit diesen sexuellen Identitäten schon auf die Welt oder gibt es gesellschaftliche Mechanismen, die über unser Geschlecht entscheiden?

Diese Fragen hatten sich vor allem Feministinnen schon seit den 70er Jahren gestellt. Die Queer Studies brachten diese Fragen mit den Interessen der freien sexuellen Orientierung aller Menschen zusammen. Sie machten es sich zur Aufgabe, jede gesellschaftliche Zuschreibung von sexueller Identität in Frage zu stellen. Was scheinbar ganz normal und alltäglich ist, soll hinterfragt und vermeintliche Überzeugungen verunsichert werden. Dieser Stadtrundgang zur Queer History in Berlin Mitte führt Dich deshalb zu ganz alltäglichen Orten. Gemeinsam wollen wir fragen, wie diese scheinbar normalen Orte unser Leben regulieren und zwar von der Vergangenheit bis heute. Sexuelle Identitäten werden uns im Alltag immer wieder zugewiesen - vom Gang zur Toilette bis zur Gesetzgebung der EU. Ein zweiter Blick auf vermeintlich unscheinbare Orte lohnt sich also – denn nicht nur diese dunkle kleine Besenkammer hat eine bunte Geschichte.

Wenn du mit dem Rücken zur Besenkammer stehst, gehe bitte nach rechts auf den Alexanderplatz. Gegenüber vom DM-Drogeriemarkt auf der linken Seite befindet sich eine öffentliche Toilette. Hier kannst Du Dir unsere nächste Station anhören.