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Angebote Station 11: Ein harmloser Kuss konnte ausreichen…

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Angebote Station 11: Ein harmloser Kuss konnte ausreichen…
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Diese Station erzählt von der Erinnerung an vergessene Opfer der NS-Verfolgung.

Zitat:
“Wenn es wahr ist, dass zehn Prozent der Deutschen homosexuell sind, dann wird unser Volk an dieser Seuche zu Grunde zugrunde gehen. Wir sollten die Homosexuellen aus dem Volk entfernen- so wie wir die Brennesseln ausreißen, sie auf einen Haufen schmeißen und verbrennen!”

Heinrich Himmler, der während des Nationalsozialismus die Geheime Staatspolizei und die Konzentrationslager kontrollierte, machte aus seiner Verachtung gegenüber Homosexuellen kein Geheimnis. Allein war er mit seiner Einstellung nicht. Über 50 Tausend Homosexuelle wurden in Deutschland während des Nationalsozialismus verfolgt und verurteilt. Wie viele von ihnen in Konzentrationslager gebracht und dort ermordet wurden, das weiß bis heute niemand genau. Denn auch nach dem Krieg wollten es viele Deutsche über Jahrzehnte nicht wissen.

Aber warum wurden Männer, nur weil sie Männer liebten und Frauen, nur weil sie Frauen liebten, so lange und von so vielen verachtet?

Frauen und Männer sollten nach Vorstellung der Nazis ganz bestimmte Eigenschaften haben und je nach Geschlecht, auch ganz bestimmte Aufgaben erfüllen. Männer sollten robust und stark sein und damit das Idealbild des ganzen Dritten Reichs verkörpern. Frauen sollten in erster Linie Kinder zur Welt zu bringen und für den Mann und die Kinder zu Hause bleiben. In so einer Gesellschaft gab es für Homosexuelle keinen Platz. Schwule Männer verschwendeten aus Sicht der Nazis nicht nur ihre Zeugungskraft. Die Nazis glaubten auch, dass schwule Männer die nicht Schwulen mit ihrer Sexualität anstecken könnten. Schon das kleinste Anzeichen, wie etwa ein harmloser Kuss konnte dann ausreichen, um in ein KZ zu kommen.

Die Sexualität zwischen lesbischen Frauen stand offiziell nicht unter Strafe, denn aus Sicht der Nazis konnten sie zum Kinder bekommen immer noch gebraucht werden. Lesbische Frauen, die ihr Leben anders leben wollten, brachten die Nazis dann teilweise als sogenannte Asoziale ins KZ.

Auch nach dem Krieg waren Schwule und Lesben in der Gesellschaft nicht willkommen. Männliche Homosexualität war weiterhin eine Straftat - und auch das klassische Bild des Mannes als dem Familienernährer und der Frau als Hausfrau galt nach dem Krieg weiter, wie ein Werbespot aus den 50ern zeigt:

Eigentlich hat sie es ja viel besser als er - sie darf backen. So, jetzt aber Tempo, bald wird Peter da sein, mit einem Bärenhunger. Sie wissen ja, eine Frau hat zwei Lebensfragen: “Was soll ich anziehen” und “Was soll ich kochen”.

Vati bringt als Familienoberhaupt das Geld nach Hause und Mutti sieht ihre Lebensaufgabe darin, ihren Mann und die Kinder zu bekochen. Homosexuelle Männer und Frauen konnten diese Rollen nicht erfüllen. Damit galten sie für viele als Außenseiter, die eben nicht richtig männlich oder weiblich waren.

Wenn Homosexuelle dann Gleichgesinnte kennenlernen wollten, mussten sie das bis in die 70er Jahre meistens ganz heimlich und versteckt tun - zum Beispiel hier im Tiergarten.

Doch auch wenn die Strafen immer weiter zurückgenommen wurden und seit 1994 ganz abgeschafft sind - von ihrer Verfolgung im Nationalsozialismus wollte lange niemand etwas hören - ein Denkmal wie dieses? Undenkbar!

Einige Gruppen von Schwulen und Lesben versuchten dennoch immer wieder, auch den homosexuellen Opfern einen Platz in der Öffentlichkeit zu geben. Meistens mussten sie aber mit Protesten von Anwohnern rechnen, die Denkmäler für Homosexuelle nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollten. Ohne die vielen Bemühungen dieser Gruppen, würdet ihr dieses Denkmal hier heute vielleicht nicht sehen. Ganze 63 Jahre dauerte es, bis Deutschland 2008 das erste Mal den verfolgten Homosexuellen ein Denkmal widmete.

In seiner Form erinnert es viele bestimmt an das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Das Denkmal für die Homosexuellen liegt zwar gleich in der Nachbarschaft, aber doch im Abseits. Eben so, wie es um Schwule und Lesben in der Gesellschaft bestellt war: Viele wollten Homosexuelle einfach nicht sehen, schon gar nicht davon sprechen, dass auch sie Opfer der Nazis waren.

Hinter der Scheibe könnt ihr einen Film sehen, in dem sich schwule und lesbische Pärchen in der Öffentlichkeit küssen - ein harmloser Kuss eigentlich, der aber während des Nationalsozialismus und auch danach tragisch enden konnte. Der Film soll alle zwei Jahre ausgetauscht werden - und damit immer wieder zeigen, dass es auch heute noch Intoleranz gegenüber Schwulen und Lesben gibt. Schon bei der Einweihung sagte ein Besucher:

Zitat:
“Wir dürfen gespannt sein, wie lange das Denkmal hier bleibt. Das erste Hakenkreuz wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.”

Und tatsächlich: Schon im ersten Jahr nach der Einweihung wurde die Scheibe im Denkmal dreimal eingeschlagen oder zerkratzt. Es gibt sie also immer noch: Menschen, die andere ablehnen, weil sie nicht dem Ideal einer heterosexuellen Gesellschaft entsprechen wollen.

Dieser Audiowalk zur Queer History durch Berlin Mitte entstand im Rahmen des Public History Masters der FU Berlin. Wir danken allen Förderern und hoffen, es hat Dir gefallen.