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Im Haus Kleiststraße 15 befand sich von 1921 bis 1933 das „Kleist-Kasino“.

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Station 11: Kleist-Kasino

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Haus Kleiststraße 15 befand sich von 1921 bis 1933 das „Kleist-Kasino“. Das „Kleist-Kasino“ wurde 1933 durch die Nationalsozialisten geschlossen und 1950 wiedereröffnet. Es galt als eine der ältesten Schwulenbars Europas. 2002 wurde der Betrieb endgültig eingestellt.

Gründer und Inhaber des ersten „Kleist-Kasinos“ war der 1870 geborene Robert Dozy. Ihm gelang es, das „Kleist-Kasino“ zu einer festen Adresse in der Berliner Schwulenszene zu machen. 1924 lernte er hier auch den 1907 geborenen Gerhard Voigt kennen, der bis zu Dozys Tod dessen Lebenspartner blieb.

Ein zeitgenössischer Besucher, der französische Publizist Francois Got, beschrieb das „Kleist-Kasino“ in seinen Notizen:

Francois Got
Geführt von einem sicheren Führer entdecke ich das Kleist-Kasino in der Straße gleichen Namens, unweit vom Kurfürstendamm, der Straße der Multimillionäre. Keine Leuchtreklame, keine grellen Schilder, erregen die Beachtung durch Passanten.

Es ist ein gewöhnliches Lokal, auf das man kaum achtet und das von draußen kaum zu unterscheiden ist, von Clubs mit Frauen oder Likörstuben, Bars, wie es viel in der Nachbarschaft gibt.

Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht. Wir treten ein: Der schmale lange Raum ist durch ein offenes geformtes Holzgebälk in drei Abteile geteilt; drei Nischen ausgestattet mit rundförmigen Ledersofas. Abgedeckte Leuchter verbreiten ein sanftes, entspannendes rosa Licht im Raum.

… wir haben Schwierigkeiten einen Platz zu finden, das Kasino ist voll, aber nicht mit einer Ansammlung von Aristokraten; all diese dekadenten Leute, diese ‚Rückwärts`- Helden arbeiten in Banken und Firmen oder sind Ladenbesitzer auf einer Pause von Ihren Verkaufsschaltern.

Haupterzähler:
Zu den Stammgästen im Kleist-Casino gehörten auch die Schauspieler Willy Trenk-Trebitsch und Adolf Wohlbrück.

Trebitsch gab den Mackie Messer in der Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper.

In den folgenden Jahren spielte Trenk-Trebitsch in Berlin unter Max Reinhardt und gehörte bis 1933 zum Ensemble der Berliner Volksbühne. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten ging Trebitsch nach Wien, floh 1938 nach Paris und emigrierte schließlich 1940 in die USA. 1952 kehrte er nach Deutschland zurück, um dort hauptsächlich Theater zu spielen.

Adolf Wohlbrück begann Anfang der 1920er Jahre gelegentlich in Stummfilmen mitzuspielen, doch erst mit dem Tonfilm trat er regelmäßig auf. In seinen Rollen verkörperte er oftmals den eleganten, weltmännischen Gentleman.

Wohlbrück war ein entschiedener Gegner des nationalsozialistischen Regimes, emigrierte 1936 zunächst nach Frankreich und in die USA und schließlich nach England. Dort war er unter dem Namen Anton Walbrook bekannt.

In dieser Zeit setzte er sich aktiv für jüdische Schauspieler und „nichtarische“ Angehörige deutscher Schauspieler ein, finanziell oder indem er ihnen bei der Flucht half. 1947 nahm Wohlbrück die britische Staatsbürgerschaft an.

Er verstarb am 9. August 1967 an den Folgen eines Herzinfarkts, nachdem er Ende März desselben Jahres desselben Jahres während einer Vorstellung in München auf der Bühne zusammengebrochen war.

Gehen Sie nun zur Kleiststraße 36, unserer letzten Hörstation.