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Hören Sie hier die Geschichte einer Tänzerin des Nationalhofs.

Haupterzähler:
Station 2: Anton Sander
Anton Sander war 1926 im Alter von 23 Jahren aus Hamburg nach Berlin gekommen und arbeitete als Tänzerin im „Nationalhof“ in der Bülowstraße und als Zigarettenverkäufer in der „Internationalen Diele“. Später arbeitete er auch im „Mikado“ als Tänzerin und Stimmungsmacherin. Er wohnte mit seiner Frau Lissy und ihrem gemeinsamen Sohn in der Nähe des Halleschen Tores.

Lissy Sander bestritt durch Prostitution  den größten Teil des Familieneinkommens.

Als Anton Sander Damenschuhe, die er für sich erstanden hatte, nicht bezahlen konnte, zeigte der Schuhverkäufer ihn an, und um dem ganzen Nachdruck zu verleihen, bezichtigte er ihn auch der Zuhälterei.

Der §181a besagte, dass es rechtswidrig sei, wenn

Gericht:
„eine männliche Person, welche von einer Frauenperson, die gewerbsmäßig Unzucht betreibt, unter Ausbeutung ihres unsittlichen Erwerbes ganz oder teilweise den Lebensunterhalt bezieht.“

Haupterzähler:
Der Gesetzestext macht deutlich, dass nur Männer der Zuhälterei und nur Frauen der Prostitution bezichtigt werden konnten.

In einem Verhör gab Anton Sander zu Protokoll:

Sander:
„Ich bestreite ganz entschieden, mich der Zuhälterei schuldig und strafbar gemacht zu haben. [...] Meine Frau treibt keine Gewerbsunzucht und ist auch von mir hierzu nie veranlasst worden.“

„Ich bin homosexuell veranlagt und habe mit meiner Ehefrau wenig Geschlechtsverkehr. Es ist möglich, dass meine Ehefrau sich dafür einmal einen Mann mitnimmt, um ihre geschlechtliche Befriedigung zu finden. Dass sie aber von den Männern Geld bekommt, ist vollkommen ausgeschlossen.“

Haupterzähler:
Seine Frau sagte aus, dass ihre gelegentlichen sexuellen Kontakte zu anderen Männern, von denen sie manchmal Geld erhielt, ausschließlich dem Unvermögen ihres Mannes zuzurechnen seien.

Die Verhandlung begann. Sander berief sich darauf, dass er kein Mann sei und daher nicht nach §181 verurteilt werden könnte.

Das Gericht versuchte dagegen zu beweisen, dass Anton Sander ein Mann war:

Gericht:
„Das Gericht hat auch die Frage geprüft, ob der Angeklagte in Anbetracht seiner homosexuellen Veranlagung und seines öffentlichen Auftretens in Frauenkleidern als ‚männliche Person’ im Sinne des Gesetzes betrachtet werden kann. Seinen eigenen Angaben nach ist der Angeklagte aber dazu fähig, mit Frauen geschlechtlich zu verkehren; auch bezeichnet er sich als der Vater des in seiner Ehe geborenen Kindes. Das Gericht hat daher keinen Grund, das Vorliegen des fraglichen Tatbestandsmerkmals zu verneinen.“

Haupterzähler:
Sanders Rechtsanwalt forderte den Staatsanwalt auf:

Rechtsanwalt von Sander:
„Ich fordere das Gericht auf, meinen Mandanten durch einen sachverständigen Arzt untersuchen zu lassen. Der Angeklagte ist nicht als ‚männlich’ im Sinne des Gesetzes anzusehen; er trägt nur Frauenkleidung, tritt als Frau auf, ist als Spitzentänzerin tätig. Das ganze Wesen und die Psyche des Angeklagten beweist deutlich, dass der Angeklagte nicht nur einen femininen Einschlag hat, sondern das der Grundzug seines Wesens ein weiblicher ist.“

Haupterzähler:
Ein Arzt attestierte in seinem Gutachten lediglich ein „konträres Sexualempfinden“ bei Anton Sander.

Gericht:
„Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Angeklagte Zuhälter seiner Ehefrau gewesen ist. Der Angeklagte ist trotz seiner gleichgeschlechtlichen Veranlagung eine männliche Person im Sinne des Gesetzes; er ist äußerlich wie ein Mann gebildet, hat normale männliche Geschlechtsorgane und ist zur Ausübung des Beischlafs mit Frauen imstande gewesen. Er selbst bezeichnet sich als Erzeuger des von seiner Frau geborenen Sohnes.“

Haupterzähler:
Sander wurde nach 2 Revisionsverfahren zu einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt.

Die Informationen dieser Station entstammen den Arbeiten von Stefan Wünsch. Gehen Sie nun zur nächsten Station an der Bülow-/Ecke Frobenstrasse.