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Angebote Station 4: Der Paragraph §175 (Reichstag)

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Angebote Station 4: Der Paragraph §175 (Reichstag)
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Der Paragraph §175 trat am 1. Januar 1872 in Kraft und galt bis zum Jahr 1994, wenn auch in abgeschwächter Form.

Im Januar 1898 forderte August Bebel als erster Parlamentarier im deutschen Reichstag öffentlich die Streichung des Paragraphen 175 und ein Ende der Kriminalisierung von Homosexualität. Der Paragraph war am 01. Januar 1872 in Deutschland in Kraft getreten. Dort hieß es:

Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

Was war unter widernatürlicher Unzucht zu verstehen? Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu Debatten um die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Liebe. Kann sich ein Mensch schuldig machen, der niemandem Schaden zugefügt hat? Der Paragraph 175 gibt eine eindeutige Antwort. Gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr unter Männern wurde gleichgestellt mit sexuellen Handlungen mit Tieren. Beide Akte wurden als „sittengefährdende Tendenzen” gesehen und als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft.

Bis 1870 wurden homosexuelle Männer und Frauen gleichermaßen kriminalisiert. Dies änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Frauen wurden zunehmend als passive Empfängerinnen im Sexualakt dargestellt. Ihnen wurde die Fähigkeit abgesprochen, Lust zu empfinden oder eine aktive Rolle im Sexakt einzunehmen. Die Existenz weiblicher Sexualität wurde ausgeblendet.

Einer der Höhepunkte der Verfolgungen männlicher Homosexueller findet sich in der Weimarer Republik. Vielfältigen kulturellen Angeboten für homosexuelle Männer und Frauen standen die Verhaftungen von mehr als 1200 Männern allein im Jahr 1925 gegenüber.

Im Nationalsozialismus wurde Homosexualität dann allgemein zu einer Krankheit stigmatisiert. Dies mündete in einer Verschärfung des Paragraphen 175., durch die eine bis zu 10 Jahre lange Gefängnisstrafe möglich wurde. Es kam zur Verfolgung und Ermordung Homosexueller, welche in den Konzentrationslagern mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet wurden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Paragraph zunächst sowohl für die Bundesrepublik Deutschland als auch die Deutsche Demokratische Republik unverändert übernommen. Erst zum Ende der 1960er Jahre wurden einvernehmliche gleichgeschlechtliche Liebesakte zwischen erwachsenen Männern in beiden Staaten straffrei. Bis zu seiner endgültigen Abschaffung im Jahr 1994 sollte der Artikel noch im Strafgesetzbuch verankert bleiben. Die letzte dokumentierte Verurteilung von 96 Personen fand 1990 in der Bundesrepublik Deutschland statt. Davon mussten 10 Männer noch eine Gefängnisstrafe antreten.

Bis heute bleibt „Homosexualität“ für Teile der Bevölkerung ein negativ konnotierter Begriff. Bei den in Deutschland gerade aktuellen Debatten um Blutspende oder Adoptionsrecht wird deutlich, wie stark die Wirkung historisch geprägter Vorstellungen von „Familie“ und „Gesundheit“ bis heute bleibt.