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In der ruhigen Schwerinstraße befand sich einst der Topp-Keller. Hören Sie an dieser Station einige Impressionen.

Haupterzähler:
Station 4: Der „Topp-Keller“

Moreck:
Es gehört schon etwas Orientierungssinn dazu, den „Topp-Keller“ im Straßengewirr um den Bülowbogen ausfindig zu machen. In tiefer Dunkelheit liegt meist die Schwerinstraße….

Haupterzähler:
So beschrieb der Schriftsteller Curt Moreck in seinem 1931 erschienen „Führer durch das lasterhafte Berlin“, den „Topp-Keller“.

Zitat:
Neu! Neu!
Schwerinstraße 13
Mont-Martre im
Topp-Keller
Täglich außer Montags
Tanz
Der große Betrieb
Kein Eintritt
Solide Preise

Ruth Roellig:
Der Topp ist ein Frauenlokal, in dem auch Herren als Zechemacher und Zuschauer nicht nur geduldet, sondern auch ganz gern gesehen werden. Zuweilen werden einzeln dahinwandelnden Herren kleine Kärtchen in die Hand gedrückt, auf denen zu lesen steht:

Zitat:
„Wo ist Hochbetrieb? Wo geht es lustig zu? Wo trifft man die schönsten Frauen? Nur im Toppkeller, Schwerinstraße 13. Heute Prämierung der schönsten Damenwaden! Auch Herren sind eingeladen.“

Ruth Roellig:
Der Saal ist von leidlicher Größe, alt hässlich, verschwenderisch mit bunten billigen Papiergirlanden geschmückt, die künstlich seine ärmliche Fadenscheinigkeit verdecken sollen, hat eine große Anzahl ungedeckter Tische und macht einen durchaus spießigen Eindruck. Wenn es anschwirrt zu vorgerückter Stunde, verliert sich die Ungemütlichkeit durch die drangvoll fürchterliche Enge, in der man sich dann an den Tischen herumquetscht.

Moreck:
Der „Topp-Keller“ ist ein sogenanntes Schaulokal und Börse – man weiß, dass es dort hübsche und durchaus nicht spröde Frauen gibt, die gefällig sind zu ihresgleichen – und so manches Auto entlädt zu später Nachtstunde einen vornehmen Gast, Schauspielerinnen erster Bühnen, Sängerinnen, bekannte Tänzerinnen, einzeln oder in Gesellschaft kommen sie und wissen, dass sie zweifellos finden werden, was sie suchen.

Eine recht hübsche, üppige Blondine, ist die Seele des Ganzen; sie kennt ihre Besucherinnen, die sie zumeist duzt, sie weiß, was nötig ist zur Unterhaltung der Gäste und

Zitat:
„Stimmung, Stimmung, Kinder“

Ruth Roellig:
ist ihre ständige Mahnung, die sie in den Saal ruft. Zuweilen gibt sie auch mit bereits etwas ausgesungener Stimme einen Schlager zum Besten, der stets bejubelt wird.

Zitat:
„Bei mir kann sich jeder nach seiner Fason amüsieren“

Ruth Roellig:
erklärt sie lachend und meint damit, dass der Vergnügungslust keine Schranken gesetzt sind. Wer einmal die Preiskrönung der schönsten Damenwaden miterlebt hat, wird diesen Abend schwerlich sobald vergessen. Es ist Ehrensache, dass bei der Abstimmung gestritten wird, so heiß und leidenschaftlich, als handele es sich um eine Präsidentenwahl – bis einer der beliebten Witze Lottchens dazwischenfährt:

Zitat:
„Die Wand mit den Löchern bleibt stehn bis zum nächsten Mal – da ist Prämierung der – schönsten Damenbusen!“

Ruth Roellig:
Ein schallendes Gelächter, ein Tusch der Musik – und von neuem dreht sich alles flott im Kreise – bis die Polizeistunde schlägt.

Haupterzähler:
Zum Stammpublikum im „Topp-Keller“ gehörte die Berliner Chansonsängerin Claire Waldoff, die sich erinnert:

Claire Waldoff:
Entree 30 Pfenning, vier Musiker mit Blasinstrumenten spielten die verbotenen Vereinslieder.

Ein Saal mit Girlanden geschmückt, bevölkert von Malerinnen und Modellen. Von der Seine sah man bekannte Maler; schöne elegante Frauen, die auch mal die Kehrseite von Berlin, das verruchte Berlin kennenlernen wollten; und verliebte kleine Angestellte.

Zwischendurch erschienen mit großem Hallo begrüßt die Koryphäen der damaligen Zeit: die hinreißende Tänzerin Anita Berber und Celly de Rheydt und die schöne SuSu Wannowsky und ihre Korona. Jeden Montag stieg diese ‚Pyramide‘ in der Schwerinstraße um neun Uhr abends ab; es war das typische Berliner Nachtleben mit seiner Sünde und Buntheit.
                       
Haupterzähler:
Anita Berber war Tänzerin und Schauspielerin. Der Maler Otto Dix verewigte sie mit rotem Kleid, schrägem Mund und deutlich gezeichnet vom Berliner Nachtleben im „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von 1925. Nur drei Jahre später verstarb sie im Alter von 28 Jahren.

Gehen Sie nun zum Winterfeldplatz und hören Sie dort das nächste Stück.