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Wer darf wen heiraten? Und ist die Ehe etwas, um das man kämpfen sollte?

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickst Du jetzt die Marienkirche. Ein schöner Ort zum Heiraten, nicht wahr? Auch wenn Ehen heute formal auf dem Standesamt geschlossen werden, sind Kirchen traditionell Orte, an denen viele christliche Menschen sich das “Ja-Wort” geben.
Was jedoch kann uns dieser Ort übers Queer-sein erzählen?

Der Begriff Queer ist, wie Du bereits weißt, noch relativ neu. Karl-Heinrich Ulrichs hätte seinerzeit nichts damit anzufangen gewusst, als er vor 150 Jahren folgende Sätze sprach:

Zitat:
„Wir treten in das Leben ein und in die menschliche Gesellschaft mit demselben Recht wie ihr. Ihr findet eine sanctionirende Form für die geschlechtliche Liebe vor ohne euer Zuthun. Für uns ist keine da: wohlan, so fordern wir, daß man für uns eine solche schaffe[...]Es muß […] dahin kommen, daß wir uns förmlich verheirathen können“.

Karl-Heinrich Ulrichs war Jurist und ein Vorkämpfer der Homosexuellen-Befreiung. Er forschte und publizierte über gleichgeschlechtliche Liebe und propagierte die Möglichkeit der Eheschließung zwischen zwei Männern.

Auf dem deutschen Juristentag 1867 forderte Ulrichs in einer Rede erstmals öffentlich die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen. Denn diese beruhen, wie er in der Rede argumentierte, auf einer natürlichen Veranlagung. Daraufhin kam es zu einem großen Tumult unter den Zuhörern und Ulrichs war gezwungen, seine Rede abzubrechen. Ulrichs bekannte sich öffentlich und selbstbewusst zu seiner sexuellen Präferenz, was zu seiner Zeit ein unerhörter Vorgang und wegen drohender Strafverfolgung nicht ungefährlich war.

Seit fast 150 Jahren ist also die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland ein Thema.

Denk selbst einmal kurz über die Heirat nach. Was für Bilder erscheinen vor deinem inneren Auge? Vielleicht stellst Du es dir ganz traditionell vor? Die Frau im wunderschönen, weißen Kleid, die langsam zu ihrem zukünftigen Mann läuft. Man hört sanfte Musik im Hintergrund und überall sind Blumen.

Aber was, wenn das Bild mal etwas anders aussieht?

Wie läuft das, wenn man den traditionellen Bildern von Mann und Frau nicht entspricht, aber trotzdem eine Person liebt und sie gerne heiraten möchte?

Solche Paare können sich auf einem Standesamt offiziell als sogenannte „eingetragene Lebenspartnerschaft“ registrieren. Umgangssprachlich nennt man dies „Homo-Ehe“.

Gesetzlich hat die „Homo-Ehe“ in Deutschland eine relativ kurze Geschichte. Am 19. August 1992 protestierten 250 lesbische und schwule Paare bundesweit mit der „Aktion Standesamt“ für ein Lebenspartnerschaftsgesetz. Nach hitzigen Debatten trat im Jahr 2001, fast zehn Jahre nach den Protesten, das „Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften“ in Kraft. Es regelt die Rechte schwuler und lesbischer Paare im Sinne der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Diese ist der Ehe jedoch nicht vollkommen gleichgestellt.

Tatsächlich betont das Gesetz hierbei geltende Unterschiede, so zum Beispiel beim Adoptionsrecht. Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft haben bisher nicht das Recht, zusammen ein Kind zu adoptieren. Während das Bild eines gleichgeschlechtlichen Paares in der Öffentlichkeit kaum noch Aufsehen erregt, ist die Vorstellung einer homosexuellen Partnerschaft mit Kindern für viele heute noch undenkbar.

Deshalb setzt sich der deutsche Lesben- und Schwulenverband für die vollständige Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein. Dies ist Teil des Kampfes um die Menschenrechte für die queere Community, das Recht auf Ehe für alle. Der Verband glaubt, Deutschland dürfte bald die Ehe für alle öffnen.

Aber beseitigt die Öffnung der Ehe gleich Homophobie? Kann man damit den Kampf um die Rechte sexueller Minderheiten für gewonnen und erledigt erklären? Auch in der queeren Community gibt es eine anti-Ehe Bewegung. Ihre Vertreter meinen, in dieser Debatte ginge es allein um den Begriff der „Ehe“. Ein Kampf um ein Wort sei aber letztlich bloß ein symbolischer Kampf – ohne dass sich hierdurch die Gesellschaft wirklich verändere. Wichtig sei nicht der Begriff „Ehe“, sondern die Rechte, die damit verbunden sind: Steuerrechte, Adoptionsrechte, Erbrechte – aber sollte man dann nicht lieber direkt für diese Rechte kämpfen, statt alles auf den Begriff „Ehe“ zu legen?

Widerspricht das Konzept der Ehe nicht gerade den Vorstellungen des queer- oder andersseins? Bedeutet „Heiraten“ nicht, sich einer Lebensweise anzupassen, die man eigentlich kritisiert? Wenn man so lange gegen die Vorurteile und den Hass der Mehrheit gekämpft hat, warum soll man jetzt der Mehrheit gleichen?

Geht man davon aus, dass „queer“-sein bedeutet, beklemmende Machtverhältnisse, Gesellschaftsstrukturen und Geschlechteridentitäten zu hinterfragen, wird offensichtlich, warum ein großer Teil der Queers die Ehe ablehnt. Der Journalist Mads Ananda Lodahl schreibt deshalb:

Zitat:
„Die Homo-Ehe ist kein Weg für Queers, die heterosexuelle Weltordnung zu verändern, sondern ein Instrument der heterosexuellen Weltordnung, uns zu verändern“.

Für ihn ist es ganz klar, dass Fortschritte in der Homo-Ehe in Deutschland nichts ändern werden für die Leute, die noch weiter draußen am Rand stehen, zum Beispiel

Zitat:
„Transsexuelle, queere Asylbewerber und Asylbewerberinnen und Queers mit Migrationshintergrund“. ... „Denn die Homo-Ehe ist nicht die letzte Bastion im Kampf um die Gleichstellung. Wer das glaubt, ignoriert die tieferen Fragen von Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Die Homo-Ehe bietet den eh schon Privilegierten nur noch mehr Privilegien.“

Diese Probleme werden auch in der Europäischen Union debattiert. Deine nächste Station ist das Europahaus Unter den Linden. Bitte steige jetzt in die Buslinie 100 oder TXL und fahre bis zur Station S- und U-Bahnhof Brandenburger Tor. Steige dort aus und laufe in Fahrtrichtung bis zur Straßenecke Unter den Linden / Wilhelmsstraße.