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Haupterzähler:
Station 5: Prostitution
Die Prostitution von Männern für Männer sorgte in der Weimarer Republik unter Homosexuellen für zahlreiche Diskussionen.

Auf Grund des offiziellen Verbots sahen sich viele Anbieter Repressionen ausgesetzt, galt die männliche Prostitution doch als Bedrohung des bürgerlichen Ideals der Ehe zwischen Mann und Frau.

Auch die homosexuelle Bewegung war sich uneins in der Bewertung männlicher Prostitution. So waren linke Sexualwissenschaftler wie Richard Linsert bestrebt die Kriminalisierung mit Verweis auf ökonomische Zwänge abzuschaffen, andere hingegen wie der Verleger Friedrich Radszuweit beschreiben sie als „eine der widerwärtigen Blüten der sogenannten Großstadtkultur“. Prostitution war für Radszuweit ein großes Hindernis im Kampf gegen den Paragraphen 175. Dem von Radszuweit 1923 gegründeten „Bund für Menschenrechte“ galt ein anständiges Benehmen „als vorzüglichstes Aufklärungsmittel“, als dessen Gegenüber der verruchte und erpresserische männliche Prostituierte konstruiert wurde.

Im vorliegenden Fall führte der Freitod des Bahnschaffners Otto Zöhn im Oktober 1926 zu einem Strafprozess gegen Alois Dämon. Ihm wurde  Erpressung und Prostitution vorgeworfen.

Gerichtssprecher:
Zur Verhandlung kommt der Fall der Magistrat der Stadt Berlin gegen Alois Dämon: Erpressung und Prostitution.

Bis der Zöhn den Dämon kennenlernte, war er ein anständiger Mensch, „ein sehr guter Beamter, der sich im Dienste nie etwas zu schulden kommen ließ. Auch außerdienstlich führte sich Zöhn sehr gut, er führte ein geordnetes Eheleben, war stets mit seiner Ehefrau zusammen, trank nicht und spielte nicht, zumal da er an der einen Hand eine Kriegsverletzung hatte, wegen derer er keine Karten halten konnte. Zöhn hatte auch niemals Schulden gemacht, sondern vielmehr von seinem etwa 100 Mark betragenden Monatsgehalt Beträge erspart.“

„Erst seit seiner Bekanntschaft mit dem Angeklagten gab Zöhn seine Ersparnisse weg […]“

Haupterzähler:
Alois Dämon wurde am 22. Dezember 1926 zunächst zu zwei Jahren Haft und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt.
Im Januar 1927 legte die Staatsanwaltschaft Berufung gegen das Urteil ein.

Staatsanwalt:
„Wenn auch die rechtliche Würdigung der Tat durch das Gericht zu Bedenken keinen Anlass gibt, so erscheint doch die erkannte Strafe nicht als ausreichend. Der Angeklagte Dämon hat durch seine Erpressungen einen Familienvater in den Tod getrieben und hat mit einer so großen Kaltblütigkeit und Rücksichtslosigkeit sein Opfer einzuschüchtern versucht, dass nur eine empfindliche Zuchthausstrafe als eine gerechte Sühne betrachtet werden kann. Mildernde Umstände hat der Angeklagte nicht verdient.“

Haupterzähler
Die Behörden beschäftigten sich nicht nur mit dem Vorwurf der Erpressung gegen Dämon, sondern versuchten vielmehr auch ein Charakterbild des Angeklagten zu zeichnen.

Gerichtssprecher:
„Dämon hält sich seit Wochen wohnungs- und arbeitslos in Berlin auf. Er ist des Öfteren in homosexuellen Kreisen getroffen worden und es besteht der dringende Verdacht, dass er sich als männlicher Prostituierter betätigt und seinen Lebensunterhalt aus dem Unzuchtsverdienst bestritten hat. Am siebten Januar 1925 nachmittags gegen halb vier machte er in der Bedürfnisanstalt am Kaiserhof die Bekanntschaft eines Homosexuellen. Ob es zu unsittlichen Berührungen in der Anstalt gekommen ist, steht dahin. Jedenfalls verlangte Dämon anschließend Geld, das er in Raten von 2, 10 und 10 Mark erhielt. Er war aber hiermit nicht zufrieden, sondern verfolgte den Erpressten, so dass dieser schließlich, um Dämon loszuwerden, in eine Droschke sprang und davon fahren wollte. Dämon lief aber auch der Droschke nach, schlug Lärm und forderte wieder unter Drohungen Geld. Hierauf folgte seine Festnahme.“

Haupterzähler:
Am zwölften Januar 1925 gab der Bankangestellte Max Schmidt zu Protokoll:

Max Schmidt:
„Am zwölften Januar vormittags gegen halb acht, als ich mich auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle befand, betrat ich die Bedürfnisanstalt am Ziethenplatz, um ein Bedürfnis zu verrichten. In der Anstalt befand sich ein junger Mann, später als Dämon festgestellt, der mich scharf beobachtete und mit mir zusammen die Bedürfnisanstalt verließ. Auf dem Wege zur Deutschen Bank durch die Mauerstraße sprach Dämon wiederholt auf mich ein. Er sprach von „Liebhaben und unsittlichem Verkehr“. Ich wollte mit dem aufdringlichen und unheimlichen Menschen nichts zu tun haben. Trotzdem ich schneller ging, ließ Dämon nicht von mir ab, sondern verfolgte mich sogar in das Gebäude der Deutschen Bank, als ich dies betrat.“

Alois Dämon:
„Ich bestreite, mich am 12. Januar 1925 vormittags gegen sieben Uhr dreißig der versuchten Erpressung schuldig gemacht zu haben. Schmidt ist mir vollständig unbekannt. In der Bedürfnisanstalt am Ziethenplatz lachten Schmidt und ich uns an und ich begleitete Schmidt durch die Mauerstrasse. Ich sprach allerdings von Sympathie und hätte auch, falls Schmidt Neigung dazu gehabt hätte, mit ihm Unsittlichkeiten verübt. Schmidt sagte aber, er hätte keine Zeit und betrat ein Haus. Ich ging hinter her und wurde gleich darauf festgehalten. Irgendwelche unsittlichen Handlungen sind zwischen mir und Schmidt nicht vorgekommen und ich habe keinerlei finanzielle Forderungen an Schmidt gestellt.“

Haupterzähler:
Das Landgericht Berlin  hielt zur abschließenden Verurteilung von Alois Dämon fest:

Gericht:
„Aus den angeführten Briefen geht zweifellos hervor, dass der Angeklagte irgendetwas von Zöhn wusste, an dessen Geheimhaltung dieser ein Interesse hatte. Da der Angeklagte ein männlicher Prostituierter ist und sich an fremde Männer, wie es der Zeuge Schmidt bekundete, aufdringlich heranmachte, so besteht die Vermutung, dass auch das Geheimnis von Zöhn auf homosexuellem Gebiete zu suchen ist. Eine Feststellung hierüber erschien jedoch nicht erforderlich. [...] Dem Angeklagten ist seine Tat auch zuzutrauen. Nicht nur, dass er ein männlicher Prostituierter ist, hat er nach Bekunden des Zeugen Jaap auch schon früher einmal einen ‚höheren Beamten’ zu erpressen versucht.“

Unter Verweis auf den Tatbestand, dass Dämon noch nicht vorbestraft ist und in Anbetracht seiner Jugend, bleibt das Berliner Landgericht bei der zweijährigen Gefängnisstrafe. Der Angeklagte hat den Tod eines ordentlichen Familienvaters verschuldet und einer Familie den Ernährer entrissen.

Haupterzähler:
Die Kriminalisierung der Homosexualität und Prostitution führte häufig dazu, dass der Prostituierte als durch und durch verkommene Persönlichkeit dargestellt wurde, der die Freier erpresst und sie ins Unglück stürzt. Im Falle Alois Dämons wurde eine Trennung der beiden Straftatbestände vor Gericht praktisch nicht vorgenommen. Die Homosexualität Dämons und dessen Armut wurden als Anklagepunkte herangezogen.

Gehen Sie nun die Winterfeldtstraße entlang bis zur Ecke Eisenacher Straße zur 6. Station, an die Gedenktafel für Hilde Radusch.