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Diese biographische Skizze bringt Ihnen Hilde Radusch, eine zeitgenössische Aktivsitin, näher.

Haupterzähler:
Station 6: Hilde Radusch

Der Gedenkort für Hilde Radusch wurde vom Netzwerk zur Spurensuche von Frauengeschichte, den Miss Marples Schwestern im Juni 2012 errichtet. Es ist das erste Denkmal für eine im Nationalsozialismus verfolgte Lesbe. 

Hilde Radusch:
Wir gehen den Weg
in den Nebel
der Welt
und haben den Mut
zum Entschluss.
Und haben die Stirn
zu unterscheiden.
Niemand kann helfen
Kann raten, weisen.
Selbst, vorsichtig und sicher
Langsam und verantwortlich
Ohne Hilfe
Allein
Du-selbst, Ich-selbst.

Haupterzähler:
Dieses Gedicht stammt von der lesbischen Aktivistin Hilde Radusch, die 1921 im Alter von 18 Jahren nach Berlin zog und ihr konservatives Elternhaus hinter sich ließ. Sie wohnte im Schöneberger Kiez und aus einem Interview wissen wir, dass sie begeisterte Besucherin des „Topp-Keller“ war und auch gelegentlich in den „Club Monbijou“ ging. In Berlin absolvierte sie eine Ausbildung zur Erzieherin und engagierte sich im Jugendverband der KPD, ab 1925 auch im Roten Frauen- und Mädchenbund. Sie trat der KPD bei, arbeitete bei der Post, weil sie keine Anstellung als Erzieherin bekam, und wurde Betriebsrätin. 1929 wurde sie für drei Jahre Stadtverordnete der KPD, was die Post als Anlass nahm sie zu entlassen. Gleich zu Beginn der mörderischen Herrschaft der Nationalsozialisten wurde sie, wie viele Kommunist_innen, Sozialdemokrat_innen und Gewerkschafter_innen verhaftet und stand unter der Beobachtung der Gestapo. Sie musste sich zwar mit politischen Äußerungen zurückhalten, konnte aber doch kleine Zeichen des Widerstandes setzen. 1944 erfuhr sie von der bevorstehenden Verhaftung und KZ-Einlieferung aller noch in Freiheit befindlichen ehemaligen Abgeordneten der Arbeiterparteien. Sie versteckte sich mit ihrer Freundin Eddy außerhalb Berlins bis zum Ende des Krieges.

Nach dem Krieg geriet sie als langjähriges KPD-Mitglied mit der russischen und vor allem der deutschen Praxis des Kommunismus in Konflikt.

Hilde Radusch:
„Kann man das Ziel des Sozialismus auf einem schlechten, totalitären Weg erreichen? Heiligt wirklich der Zweck die Mittel?“

Haupterzähler:
Sie entschloss sich, aus der KPD auszutreten, weil sie mit deren Politik nicht mehr einverstanden war. Die Parteileitung schloss ihrerseits Hilde Radusch im Januar 1946 aus – und machte dafür ihre Frauenbeziehung verantwortlich. Wegen kriegsbedingten Gelenkrheumas konnte sie bald nicht mehr arbeiten und bekam eine äußerst kleine Rente. Eddy machte einen Trödelladen auf und brachte sie beide durch, bis sie 1960 an Krebs starb. Den Verlust der Freundin konnte Hilde Radusch kaum verwinden; Krankheiten machten ihr zudem das Leben schwer. Die in den 1970er Jahren entstandene Neue Frauenbewegung begrüßte sie schließlich als eine Möglichkeit für viele Frauen, sich in die Politik einzumischen und die eigenen Interessen zu vertreten. Sie beteiligte sich an der Gründung der „L74“, einer West-Berliner Gruppe älterer lesbischer Frauen, und anderen feministischen Aktionen. Ihr Lebensresümee lautete:

Hilde Radusch:
"Ich habe mich nie als 'Opfer' betrachtet, sondern immer als 'Kämpferin'".

Haupterzähler:
Die Informationen über Hilde Radusch entstammen dem Buch, „Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im ‚Dritten Reich’" von Claudia Schoppmann.

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