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Angebote Station 7: Die Medizin und die Entscheidung über das Geschlecht

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Angebote Station 7: Die Medizin und die Entscheidung über das Geschlecht
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Eine Station über die Bestimmung des biologischen Geschlechts.

Wenn Du in Laufrichtung die Wilhelmstraße entlang blickst, wird Dir ein großes, braunes Gebäude mit dem Schriftzug „Charité“ auffallen. Die Charité ist ein Krankenhaus und Ausbildungsort für junge Ärzte und Ärztinnen.

Wenn in Deutschland ein Kind auf die Welt gekommen ist, musste dem Standesamt bis vor kurzem noch binnen einer Woche dessen Geschlecht mitgeteilt werden. Nun könnte man hier schon einhaken und fragen: Wo ist das Problem? Ein Kind kommt doch entweder mit einem Penis – also als Junge – oder mit einer Vagina – also als Mädchen – auf die Welt. Doch so eindeutig ist Geschlecht nicht. Bei einigen Neugeborenen werden Geschlechtsmerkmale festgestellt, die für die Medizin nicht eindeutig einem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen sind. Sie werden von der Medizin als „intersexuell“ bezeichnet. Dr. Jörg Woweries erklärte im Bundestag dazu:

Zitat:
"Wir reden über einen Menschen auf 2000 Geburten. Das entspricht etwa der Zahl von jugendlichen Diabetikern. Über die weiß jeder Arzt Bescheid, da weiß jeder Arzt, was er zu tun hat. Aber über intersexuelle Menschen - ich habe mit Kollegen gesprochen in Praxen - die wissen nichts."

In Deutschland sind 95% dieser Menschen von „Genitaloperationen und verschiedenen medizinischen Eingriffen nach der Geburt betroffen, die ihre grundlegenden individuellen Geschlechtsmerkmale verändern“. Wie Du aber bereits weißt, gibt es viele unterschiedliche biologische und gesellschaftliche Umstände, die das Geschlecht bestimmen. Aber was kann uns dieser Ort, die Charité Berlin, darüber erzählen?

Die Charité Berlin gibt es als Krankenhaus schon seit mehr als 300 Jahren. Für unser Thema springen wir zurück in das Jahr 1801. Die 22-jährige Maria Dorothea Derrier, die sich später auch Carl Durrgé nannte, betritt die Charité zur Behandlung einer Hautkrankheit. Ihr Arzt stellte bei der Untersuchung fest, dass sie sowohl „weibliche“ als auch „männliche“ Geschlechtsorgane hatte und nannte sie deshalb einen „weiblichen Hermaphroditen“.

„Hermaphroditismus“ ist der historisch älteste Begriff für ein uneindeutiges Geschlecht. Er stammt von den Göttergestalten Hermes und Aphrodite aus der griechischen Mythologie und bedeutet, dass ein Mensch zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht steht oder Merkmale beider Geschlechter trägt. Manche dieser Menschen bezeichnen sich selbst als „Zwitter“. Da dieser Begriff für viele aber sehr abwertend klingt, bezeichnen sie sich meist als „intergeschlechtliche Menschen“.

War Maria Derrier nun eine Frau oder ein Mann? Die Ärzte konnten darauf keine eindeutige Antwort finden. Der Körper und das Geschlecht Derriers wurden so durch unzählige Untersuchungen zu einem sensationellen Problemfall gemacht. Wie wird es Derrier dabei ergangen sein? Inwiefern ging es dabei überhaupt noch um ihre Bedürfnisse? Sie selbst war ursprünglich wegen einer Hautkrankheit in die Charité gekommen – nicht wegen ihres Geschlechts…

In den folgenden 150 Jahren entwickelte sich die medizinische Technik weiter. Seit den 1950er Jahren wurden deshalb immer mehr intergeschlechtliche Neugeborene operiert und mit Hormonen behandelt. Sie sollten so aussehen, wie sich die Gesellschaft eine Frau oder einen Mann vorstellte. Eltern wurden dabei selten gefragt und fast nie ausreichend über solche Operationen informiert. Intergeschlechtliche Kinder mussten oft mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Vielfach litten sie an körperlichen Schmerzen und Beeinträchtigungen, aber auch seelischen Problemen. Manchen Menschen wurde zudem jahrzehntelang verschwiegen, was mit ihnen gemacht worden war.

Wie ist die Situation heute? In Deutschland müssen Eltern ihre Einverständniserklärung abgeben, wenn ein neugeborenes Kind wegen seines Geschlechts operiert werden soll. Sie sollten außerdem von Ärzten und Ärztinnen über die Risiken solcher Operationen informiert werden. Allerdings können die Kinder natürlich nach wie vor nicht selbst gefragt werden. Und der medizinische Blick auf Intergeschlechtlichkeit als Störung oder Krankheit ist ähnlich geblieben. Die Charité Berlin bietet noch heute sogenannte „Feminisierungs- oder Maskulinisierungsoperationen“ an, also dass intersexuelle Menschen entweder zum Mann oder zur Frau operiert werden.

Warum wird so etwas in der Charité heute noch angeboten? Aus welchen Gründen entscheiden sich wohl viele Eltern für solche Operationen? Und wie müssten gesellschaftliche Verhältnisse aussehen, damit sich Menschen jeglichen Geschlechts frei entwickeln können? Für Lucie Veith, die Vorsitzende des Vereins Intersexuelle Menschen e.V., ist zumindest der erste Schritt in diese Richtung klar:

Zitat:
"Ich denke, dass es unheimlich notwendig ist, dass wir kosmetische Operationen an den Genitalien in Deutschland verbieten. Und zwar so lange, bis ein Mensch es selbst entscheiden kann, es auch absehen kann, welche Funktion so ein Genital hat, eine eigene Sexualität entwickelt hat, die man dann leben möchte oder nicht leben möchte."

Biege jetzt nach links in die Dorotheenstraße ab und laufe bis zur nächsten Straßenkreuzung. Zu deiner Rechten erblickst Du dort den Reichstag. Höre Dir hier die nächste Station an.