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Das Eldorado an der Ecke Motz-/Kalckreuthstraße zählte zu den bekanntesten Adressen des Berliner Nachtlebens.

Haupterzähler:
Station 7: Eldorado

Hier befand sich von 1928-1932 eine Zweitniederlassung des berühmten „Eldorados“ in der Martin-Luther-Straße. Moreck und Roellig beschreiben das „Eldorado“ in ihren Reiseführern:

Curt Moreck:
„Ein Tanzsaal größeren Stils mit einem äußerst eleganten Publikum. Smokings und Fräcke und große Abendroben – so präsentiert sich die Normalität, die zum Schauen hierher kommt. Die Akteurs sind in großer Zahl vorhanden. Grelle Plakate locken schon am Eingang, und Malereien, in denen die Perversität ihrer selbst spottet, schmücken den Gang. An der Garderobe setzt der Nepp ein. ‚Hier ist´s richtig!‘ heißt es auf den Affichen. Eine geheimnisvolle Devise, unter der man sich allerhand vorstellen kann. Alles ist Kulisse, und nur der ganz Weltfremde glaubt an ihre Echtheit. Selbst die echten Transvestiten, die ihre Abart in den Dienst des Geschäftes stellen, werden hier Komödianten. Zwischen den Tänzen, bei denen auch der Normale sich den pikanten Genuss leisten kann, mit einem effeminierten Manne in Frauenkleidern zu tanzen, gibt es Brettldarbietungen. Eine männliche Chanteuse singt mit ihrem schrillen Sopran zweideutige Pariser Chansons. Ein ganz mädchenhafter Revuestar tanzt unter dem Scheinwerferlicht weiblich graziöse Pirouetten. Er ist nackt bis auf die Brustschilde und einen Schamgurt, und selbst diese Nacktheit ist noch täuschend, sie macht den Zuschauern noch Kopfzerbrechen, sie läßt noch Zweifel, ob Mann ob Frau. Eine der entzückendsten und elegantesten Frauen, die im ganzen Saale anwesend sind, ist oft der zierliche Bob, und es gibt Männer genug, die in der Tiefe ihres Herzens bedauern, daß er kein Mädchen ist, daß die Natur sie durch einen Irrtum um eine deliziöse Geliebte betrogen hat.“

Ruth Roellig:
Aus ihrem fremdartigen Hintergrunde tauchte sie auf wie ein Traum, der sich aus einem nebelhaften Dunst löste, die leuchtende Stätte der Lust, die sich „Eldorado“ nennt. In der vornehmen Lutherstraße locken ihre bleichen Monde am Eingang die Schaulustigen, und ein großes Schild behauptet: „Hier ist es richtig!“. Hier ist man völlig international. Das Orchester singt mit verführerischer, aufreizender und geheimnisvoller Stimme, die Atmosphäre ist erfüllt von schwülen Parfüms und dem entnervenden Duft fast nackter weiblicher oder weiblich sein wollender Körper – und manche dieser Frauen gleichen Prinzessinnen in ihrer blassen Schönheit. Man staunt und bestaunt sie – und blickt interessiert auf andere, die den Gegensatz bilden zu ihnen, die stark vermännlichten Typen, Smoking und Monokel, die dreist ihre oft gar nicht dezenten Witze anbringen. Drüben an der Bar haust der dicke Barmann, wiegt sich in den Hüften, wirft Kußhände, lächelt und kokettiert – und man rätselt, ob es ein Mann ist oder eine Frau. Tänzer und Tänzerinnen mehren sich, Propfen knallen und elegante Paare drehen sich im Tanz. Da kommen – so um die Mitternachtsstunde – auch sie, die „Girls“, die jungen Berufstänzerinnen, und geben ihre Kunst dem Publikum, winden das schlanke Gezweig ihrer blassen, gepuderten Glieder in wilden Verzückungen, als wollten sie ein Verschlingen schaffen von Tod und Seeligkeit.

Und manche der Besucher und Besucherinnen sind gefangen und sitzen lose Hand in Hand und Blick in Blick, und ihre Gedanken sind schwer von Lüsten.

Haupterzähler:
Moreck und Roellig sind intime Beobachter_innen der Szene. Roellig beweist Gespür für die soziale und kulturelle Vielfalt der verschiedenen Lokale. Bei Moreck findet man bisweilen voyeuristische Elemente in seinen Beiträgen zur Sichtbarmachung schwul-lesbischer Subkultur. Beiden – Moreck mehr als Roellig – merkt man noch eine gewisse Irritiertheit über unklare Geschlechterzuschreibungen an.

Das „Eldorado“ war das bekannteste schwul-lesbische Lokal, über das auch die Berliner Presse berichtete. Auch bekannte Künstler, wie Erich Kästner zum Beispiel, die von sich selbst behaupteten nicht homosexuell zu sein, verkehrten dort. Aus seinem Gedicht wird sowohl die Schaulust als auch die Abneigung deutlich. Kästner hat seine Sicht auf die, wie er es nennt, „sexualpathologischen Tanzlokale“ 1930 veröffentlicht:

Erich Kästner:
Ragout fin de siècle

Hier können kaum die Kenner
In Herz und Nieren schauen.
Hier sind die Frauen Männer.
Hier sind die Männer Frauen.

Hier tanzen die Jünglinge selbstbewußt
Im Abendkleid und mit Gummibrust
Und sprechen höchsten Diskant.
Hier haben die Frauen Smokings an
Und reden tief wie der Weihnachtsmann
Und stecken Zigarren in Brand.

Hier stehen die Männer vorm Spiegel stramm
Und schminken sich selig die Haut.
Hier hat man als Frau keinen Bräutigam.
Hier hat jede Frau eine Braut.

Hier wurden vor lauter Perversion
Vereinzelte wieder normal.
Und käme Dante in eigner Person -
Er fräße vor Schreck Veronal.

Hier findet sich kein Schwein zurecht.
Die Echten sind falsch, die Falschen sind echt,
Und alles mischt sich im Topf,
Und Schmerz macht Spaß, und Lust zeugt Zorn.
Und oben ist unten, und hinten ist vorn.
Man greift sich an den Kopf.

Von mir aus, schlaft euch selber bei!
Und schlaft mit Drossel, Fink und Star
Und Brehms gesamter Vögelschar!
Mir ist es einerlei.

Nur, schreit nicht dauernd wie am Spieß,
Was ihr für tolle Kerle wärt!
Bloß weil ihr hintenrum verkehrt,
Seid ihr noch nicht Genies.

Na ja, das wäre dies.

Haupterzähler:
Gehen Sie nun ein paar Schritte zur Motzstraße 30 und hören Sie dort einen kurzen Beitrag über einige der ehemaligen Bewohner des Hauses.