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Der Christopher-Street-Day wird queer...

Schrille Kostüme, bunte Festwagen, laute Samba-Rhythmen und Techno-Beats – einmal im Jahr ziehen Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle in ausgelassener Stimmung durch die vor Dir liegende Straße. Dann heißt es wieder: Heute ist Christopher Street Day! Oder kurz: CSD.

In beinahe jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es heutzutage einen CSD, wobei die Route in Berlin die längste ist. Nach einer großen Abschlusskundgebung hier am Brandenburger Tor feiern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch weiter bis in die frühen Morgenstunden. Aber worum geht es beim CSD und was hat der CSD mit Queer zu tun? 

Der Christopher Street Day erinnert an den 28. Juni 1969: Damals wehrten sich Homosexuelle in der New Yorker Christopher Street erstmals gegen Übergriffe der Polizei. In jenen Jahren waren Razzien in einschlägigen Lokalen Amerikas an der Tagesordnung. Allein die Anwesenheit genügte, um öffentlich beschimpft zu werden. Sexuelle Minderheiten mussten sich lange unsichtbar machen. Doch die Besucher und Besucherinnen der Bar „Stonewall Inn“ wehrten sich schließlich gegen diese Unterdrückung: Sie gingen gemeinsam auf die Straße und kämpften sichtbar in der Öffentlichkeit für die Rechte der Schwulen und Lesben. „Gay Power! Gay Power!“, riefen sie selbstbewusst. Ihr Widerstand war der Start für eine Emanzipationsbewegung gegen sexuelle Diskriminierung, welche seither die New Yorker Ereignisse und sich selbst feiert. 

Zehn Jahre später startete die Tradition des Gedenkens auch in West-Berlin. Rund 400 Teilnehmer kamen anfangs. Viele davon zeigten sich noch vermummt – aus Angst um ihre bürgerliche Existenz. Dennoch riefen auch sie: 

Zitat:
„Schwule, raus aus euren Löchern, alleine werdet ihr verknöchern! Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch!“ 

Ihre erste Forderung war, den Paragraphen 175 abzuschaffen. Der stellte gleichgeschlechtliche Liebe damals noch unter Strafe. Ihr Motto lautete deshalb: Mach deine Homosexualität öffentlich! Vor 30 Jahren war das in der Bundesrepublik noch ein großes Tabu. 

Später gingen immer mehr Menschen zum Christopher Street Day auf die Straße – vor allem nach der Wiedervereinigung Berlins. Mittlerweile sind es mehr als eine halbe Million. Der Berliner CSD ist damit eine der größten Queer-Veranstaltungen in Europa. Der Tag lockt aber auch Heterosexuelle in die Mitte der Hauptstadt. Es gibt keine Berührungsängste mehr. Es heißt: Mittanzen, Mitfeiern, Mitdemonstrieren – Solidarität zeigen. 

Der Christopher Street Day steht nämlich vor allem für Selbstbewusstsein: Es geht um queeren Stolz. Stolz darauf zu sein, sich damals gewehrt zu haben und sich heute so zu zeigen, wie es einem gefällt. Dazu zählt das öffentliche Feiern. Gleichzeitig wird auf bestehende Diskriminierungen im Alltag aufmerksam gemacht. Die Party ist nicht Selbstzweck, sondern eine Ausdrucksform. Es geht um Symbolik. Eng verbunden mit der Geschichte des CSD ist deshalb auch die Regenbogenfahne – das internationale Zeichen der queeren Bewegung. In Berlin hisste sie der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erstmals 2001 am Roten Rathaus und vielleicht ist Dir aufgefallen, dass sie auch an der Besenkammer-Bar zu Beginn des Stadtrundgangs zu sehen war.

Gerade für jüngere ist der CSD wichtig, um erste Gehversuche in einer Öffentlichkeit zu machen - sich nicht zu verstecken, sondern bewusst zu zeigen. Für die Veranstalter geht es um die Überwindung zwangsheterosexueller Denkstrukturen und die Anerkennung auch anderer Geschlechtsidentitäten. Anfangs wurden Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen konnten oder wollten, nämlich von der Homosexuellen-Bewegung fast vergessen. Das soll laut CSD-Programmen nun umso stärker nachgeholt werden: 

Zitat:
„Wir fordern die uneingeschränkte Akzeptanz und die Teilhabe von transgender, transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen an allen gesellschaftlichen und politischen Prozessen!“

Diese Ziele sollen zum einen durch klare Forderungen an eine heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft, zum anderen durch das gemeinsame Feiern mit Heterosexuellen erreicht werden.

Heute gilt Berlin als eine der tolerantesten Städte in Deutschland. Vieles hat sich in den letzten 30 Jahren verbessert. Gleichgeschlechtliche Paare, die sich öffentlich küssen und Händchen halten, gehören längst zum Stadtbild. Die jährliche Party-Parade mit hunderttausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern habe viel dazu beigetragen, sagen einige Aktivisten und Aktivistinnen. Dem Berliner CSD wird aber auch immer wieder vorgeworfen, er sei mittlerweile zu kommerziell, zu unpolitisch. Firmen und Prominente lassen sich gern sehen, um „gesehen zu werden“. Ein Unterhaltungsevent drohe, äußern kritische Stimmen. Vor 15 Jahren hat sich deshalb der „transgeniale CSD“ als Alternative gegründet, der durch Friedrichshain-Kreuzberg zieht – kleiner, aber politischer, wie die Veranstalter und Veranstalterinnen sagen.

Der „große“ CSD ist zweifellos ein knalliges Fest – aber auch hier geht es um mehr als nur Party. Weil die vollständige Gleichstellung der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen immer noch nicht erreicht ist, bleibt der Christopher Street Day eine politische Veranstaltung – nur nicht mehr so provokant, sagen viele Teilnehmende, die zu beiden gehen: zum „kleinen“ und „großen“ CSD. Auch in Zukunft heißt es deshalb auf dieser Straße für sie: erinnern, feiern und demonstrieren! Vielleicht bist Du ja dann auch mit dabei?

Mit dem Brandenburger Tor im Rücken blickst Du auf die Straße des 17. Juni. Schräg links davon siehst Du einen Weg, der in den Tiergarten führt. Bitte überquere die Straße und begebe Dich auf diesen Weg, genannt Ahornsteig.