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Ein Klischee, welches bis heute seine Gültigkeit hat, ist der „schwule Nazi“. Große Teile der Linken benutzten die Vorurteile gegenüber Homosexuellen, wenn sie sie nicht sogar selbst besaßen, um die Nazis zu desavouieren.

Haupterzähler:
Station 9: „Schwule Nazis“

Ein Klischee, welches bis heute seine Gültigkeit hat, ist der „schwule Nazi“. Bekanntes Beispiel ist Ernst Röhm, der auch im „Eldorado“ in der Martin-Luther-Straße verkehrte.

Große Teile der Linken benutzten die Vorurteile gegenüber Homosexuellen, wenn sie sie nicht sogar selbst besaßen, um die Nazis zu desavouieren.

Schon im April 1929 berichtete die Parteizeitung der KPD, die Rote Fahne, über die angebliche Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Homosexualität:

Zitat:
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die hakenkreuzlerisch angehauchte Wandervogelbewegung ein Hort verkommener Individuen geworden ist, die die ideologische Verworrenheit der kleinbürgerlichen Jugend für Ihre Zwecke missbrauchen.

Haupterzähler:
Ende Dezember 1934 verkündete die sozialdemokratische Exilzeitung Deutsche Freiheit:

Zitat:
"Alle Organisationen der NSDAP von oben bis unten, einschließlich der Jugendorganisationen sind Brutnester der Homosexualität, wie sie nie vorher in der deutschen Geschichte sich entwickelt hatte".

Haupterzähler:
Andere Linke wie Kurt Tucholsky waren da differenzierter. Er kritisierte 1932 die linke Stimmungsmache gegen homosexuelle Nazis in der Zeitschrift „Weltbühne“.

Kurt Tucholsky:
Durch die radikale Links-Presse gehen seit einiger Zeit Anschuldigungen, Witze, Hiebe auf den Hauptmann Röhm, einen Angestellten der Hitler-Bewegung. Man sollte niemals die lächerlichen Titel gebrauchen, die Hitler seinen Leuten verleiht; so wie man nicht die von den Nazis gegebenen Kategorien annehmen soll; ein großer Teil der Deutschen unterliegt solchen albernen Suggestionen und geht an diese Dinge heran wie an Schulaufgaben, die Hitler ihnen aufgibt. Wir sind nicht in der Schule, und Titel, Auszeichnungen, Lob und Tadel dieses Anstreichers sind uns gleichgültig.

Röhm ist also homosexuell.

Das Treiben gegen ihn nimmt seinen Ausgang von Veröffentlichungen der ›Münchner Post‹, die diese Tatsache enthüllte.

Ich halte diese Angriffe gegen den Mann nicht für sauber.

Gegen Hitler und seine Leute ist jedes Mittel gut genug. Wer so schonungslos mit andern umgeht, hat keinen Anspruch auf Schonung – immer gib ihm! Ich schreckte in diesem Fall auch nicht vor dem Privatleben der Beteiligten zurück – immer feste! Aber das da geht zu weit – es geht unsretwegen zu weit.

Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett aufsuchen.

Das einzige, was erlaubt wäre, ist: auf jene Auslassungen der Nazis hinzuweisen, in denen sie sich mit den »orientalischen Lastern« der Nachkriegszeit befassen, als seien Homosexualität, Tribadie und ähnliches von den Russen erfunden worden, die es in das edle, unverdorbene, reine deutsche Volk eingeschleppt haben. Sagt ein Nazi so etwas, dann, aber nur dann, darf man sagen: Ihr habt in eurer Bewegung Homosexuelle, die sich zu ihrer Veranlagung bekennen, sie sind sogar noch stolz darauf – also haltet den Mund.

Doch wollen mir die Witze über Röhm nicht gut schmecken. Seine Veranlagung widerlegt den Mann gar nicht. Wir bekämpfen den schändlichen Paragraphen Hundertundfünfundsiebzig, wo wir nur können; also dürfen wir auch nicht in den Chor jener mit einstimmen, die einen Mann deshalb ächten wollen, weil er homosexuell ist. Hat Röhm öffentliches Ärgernis erregt? Nein. Hat er sich an kleinen Jungen vergriffen? Nein. Hat er bewußt Geschlechtskrankheiten übertragen? Nein. Das und nur das unterliegt der öffentlichen Kritik – alles andre ist seine Sache. 

Haupterzähler:
Biegen Sie in die Fuggerstraße ein, gehen bis zur Ecke Kalckreuthstraße und hören Sie dort die nächste Station.