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Wolfgang als Opfer der Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51

Wolfgang als Opfer der Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51

Lauinger from Agentur Bildung on Vimeo.

Wolfgangs Doppelleben

Bochow: "Was is denn…, haben Sie den Kontakt behalten mit Josef Stein…"

Lauinger: "…gass"

Bochow: "Ja, Steingast?"

Lauinger: "Ja, des war ganz einfach! Ich war…, des war… Der Josef machte also Karriere mit seiner Firma, hat eine heute noch existierende, aber inzwischen Schweizer Firma „Jost-Werke“ in Neu-Isenburg, Kugelkränze hergestellt…, für die Aufleger von Anhänger, LKW-Anhänger…, die lagen auf einem Kugelkranz…, die Lenkung. Und diese Kugelkränze hat er hergestellt. Und so hat er ein riesen Unternehmen aufgebaut und ich war sein (äh)…, in Frankfurt (äh)…, sein Haus-Butler, wie man so schön sacht. Des heißt, ich hab seinen Wagen, seinen amerikanischen Wagen gefahr´n und gepflegt, hab sein´n Haushalt geführt…, Personal…, und hab dafür gesorgt, dass für ihn alles bereit war. Und war also einige Jahre bei ihm im, im, im Privathaushalt als Butler beschäftigt und war gleichzeitig sein Freund. Des war eine Doppelrolle gespielt. Nach außen hin war ich (äh) der Butler, der Hausdiener, der die Gäste empfangen hat und innen war ich sein Freund. Das war also eine kaschierte, damals mögliche Situation aufgrund der sexuellen Orientierung. Des wurde…, Trennung, nh? Da hab ich (äh) ihm jahrelang (äh), wie sacht mer denn, (äh) seine Inter..., geholfen und… Wir hab´n zusammen gelebt…, und dann hat er…, (äh) is er nach Amerika ausgewandert und hat seine Firma verkauft und is (äh) in Miami oder…, schon sehr früh gestorb´n."

Aufgabe 1

Wie war eine Beziehung zwischen zwei Männern nach dem Krieg möglich? Schaut Euch dazu das Video (C3.1) an. Klärt gemeinsam folgende Fragen:
Wie wird sich Wolfgang gefühlt haben, wenn er für den Mann, den er liebt, als Butler arbeitete? Welche Vor- und Nachteile hatte diese Situation für Wolfgang? Was wären die Alternativen gewesen?

Tipp: Ihr könnt Euch auch fragen, ob Ihr bereit wärt solch ein Doppelleben auf Euch zu nehmen, wenn Eure Liebe gesellschaftlich nicht akzeptiert wird.

Aufgabe 2a

In den Jahren zwischen 1945 und 1950 entwickelte sich eine aktive Schwulenszene in Frankfurt. Es gab Treffpunkte, Bars, einen schwulen Verein und sogar ein Tanzlokal, in dem Männer offiziell miteinander tanzen konnten. All dies war nicht erlaubt, wurde aber geduldet. Das änderte sich radikal 1950/51, als deutsche Polizei und Gerichte wieder anfingen Schwule zu verfolgen. Dies gipfelte in den sogenannten Frankfurter Homosexuellenprozessen, in denen 280 Männer angeklagt wurden.

Seht Euch dazu das Video (C3.2) an. Fasst zusammen: Was passiert Wolfgang 1950? Welchen Zusammenhang gab es zu seiner vorherigen Verfolgung während des Nationalsozialismus?

Aufgabe 2b

Nachdem Ihr in 2a) von der Strafverfolgung gehört habt, geht es nun um die Frage der Gesetze: Wie war es juristisch möglich, dass 1950 in Westdeutschland wieder schwule Männer verfolgt wurden? Untersucht dazu den Paragraphen §175 und seine Geschichte. Ihr findet einen Hintergrundtext dazu als Arbeitsblatt (AB_Der Paragraf 175) bei den Arbeitsmaterialien .

Tipp: Nehmt noch einmal den Zeitstrahl aus Kapitel 1 hinzu und verzeichnet die verschiedenen Phasen des Paragraphen. Wie viel Jahre musste Wolfgang unter dem Paragraphen 175 leben?

Aufgabe 2c

Das deutsche Magazin “Der Spiegel” hat 1950 über die Prozesse berichtet. Ihr findet den Artikel auf dem Arbeitsblatt “AB_C3_Spiegel”. Lest Euch die rot umrahmten Absätze durch. Untersucht wie der verantwortliche Richter Dr. Kurt Romini in dem Artikel dargestellt wird.

Tipp: Achtet auf die Wortwahl des Artikels. Was verrät sie Euch?

Aufgabe 3

Im folgenden Video (C3.3) stellt Wolfgang politische Thesen und Forderungen auf. Schaut Euch zunächst das Video einmal komplett an. Diskutiert anschließend in der Gruppe, was Ihr darüber denkt!

Tipp: Um gemeinsam zu diskutieren, könnt Ihr Euch die unten aufgelisteten Aussagen laut vorlesen. Im Anschluss stellt Ihr Euch je nach eurer Meinung dazu auf einem Barometer auf. (Zum Beispiel so: Wenn Ihr dem Satz voll zustimmt, stellt Ihr Euch auf die Fensterseite des Raumes, wenn Ihr überhaupt nicht einverstanden seit, auf die andere Seite. Dazwischen könnt Ihr Euch natürlich auch stellen, wenn Ihr schwankt oder dem Satz nur eingeschränkt zustimmt.) Anschließend könnt Ihr, wenn Ihr möchtet, Eure Position schlaglichtartig begründen, sie gemeinsam diskutieren und aufeinander Bezug nehmen.

Wolfgangs Aussagen

  1. “Und ich kann durchaus versteh´n, dass viele junge Leute sagen, was geht es uns [an], des waren alte Zeiten, das hab´n unsere Großeltern auszubaden; damit haben wir nichts zu tun. Das is alles ganz richtig! Die haben andere Sorgen, als sich darum… Genauso wenig, wie wir uns um die Aufarbeitung vom Mittelalter kümmern. Aber es ist eine moralische Verpflichtung! Man kann diese Verbrechen nicht wieder gut machen. Aber man kann etwas dafür tun, dass sie sich nicht wieder wiederholen.”
  2. “Nicht zu verstehen ist es, dass in der Bundesrepublik Menschen, die sich heute als Demokraten bezeichnen und als freie Menschen, mit freier Entscheidungskraft, sich nicht entschließen können, endgültig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus Schluss zu machen. Des heißt, die Aufarbeitung so weit voran zu treiben, dass nichts mehr zu erledigen [ist]… Dazu gehört auch die Entschädigung der Opfer des Krieges in Griechenland und in andern Ländern, die jetzt wieder zur Debatte stehen. Das gehört einfach dazu!”
  3. “Und erst, wenn das alles erledigt is, können wir mit ruhigem Gewissen sagen, wir haben getan, was wir tun konnten. Und vorher ist alles noch offen! Und, schlimm genug, dass dazu so viele Jahre vergehen mussten.“
  4. “Deswegen geht mir es darum, diesen Rest von Verbohrtheit in diesen, hoffentlich, nicht vielen Menschen zu beseitigen, die sich immer noch festklammern an Ideologien aus der alten Nazi-Zeit. Das ist wichtig! Und das muss bis zur letzten Konsequenz durchgespielt werden!”


Mögliche unklare Begriffe (Erklärt sie Euch gegenseitig oder schlagt sie nach, falls nötig.)

  • Baracke
  • Butler
  • Dezernat
  • Hochstapler
  • Ideologie
  • Intervention
  • kaschiert
  • liquidieren
  • MP (Military Police)
  • Sittenpolizei
  • Sondergericht

Namen, die genannt werden

  • Richter Dr. Kurt Romini
  • Staatsanwalt Dr. Fritz Thiede
  • Rolf Werter (=Otto Blankenstein)
  • Joseph Steingass

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Abstract

Wolfgang als Opfer der Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51

Hintergrund

Wolfgang als Opfer der Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51

Quellen / Material
  • Lauinger from Agentur Bildung on Vimeo.

    Wolfgangs Doppelleben

    Bochow: "Was is denn…, haben Sie den Kontakt behalten mit Josef Stein…"

    Lauinger: "…gass"

    Bochow: "Ja, Steingast?"

    Lauinger: "Ja, des war ganz einfach! Ich war…, des war… Der Josef machte also Karriere mit seiner Firma, hat eine heute noch existierende, aber inzwischen Schweizer Firma „Jost-Werke“ in Neu-Isenburg, Kugelkränze hergestellt…, für die Aufleger von Anhänger, LKW-Anhänger…, die lagen auf einem Kugelkranz…, die Lenkung. Und diese Kugelkränze hat er hergestellt. Und so hat er ein riesen Unternehmen aufgebaut und ich war sein (äh)…, in Frankfurt (äh)…, sein Haus-Butler, wie man so schön sacht. Des heißt, ich hab seinen Wagen, seinen amerikanischen Wagen gefahr´n und gepflegt, hab sein´n Haushalt geführt…, Personal…, und hab dafür gesorgt, dass für ihn alles bereit war. Und war also einige Jahre bei ihm im, im, im Privathaushalt als Butler beschäftigt und war gleichzeitig sein Freund. Des war eine Doppelrolle gespielt. Nach außen hin war ich (äh) der Butler, der Hausdiener, der die Gäste empfangen hat und innen war ich sein Freund. Das war also eine kaschierte, damals mögliche Situation aufgrund der sexuellen Orientierung. Des wurde…, Trennung, nh? Da hab ich (äh) ihm jahrelang (äh), wie sacht mer denn, (äh) seine Inter..., geholfen und… Wir hab´n zusammen gelebt…, und dann hat er…, (äh) is er nach Amerika ausgewandert und hat seine Firma verkauft und is (äh) in Miami oder…, schon sehr früh gestorb´n."

  • Die Frankfurter Homosexuellenprozesse

    "Eines Tages…, August…, August…, im Herbst (äh) ´50 erschien bei mir ein Militärfahrzeug vor der Tür. Vom Flughafen…, die mit dem MP. Was nicht ungewöhnlich war, weil ich oft abgeholt wurde, wenn bsonders Fälle war´n, und der Fahrer sachte, Herr Lauinger, Sie werd´n am Flughafen gebraucht. Kommst du bitte mit. Ich zog mich an, kam zum Flughafen, in die Baracke der Militärpolizei. Und da sachte mir der zuständige Beamte, Herr Lauinger, (hustet) Sie müssen hier warten, Sie werden von der deutschen Kriminalpolizei (äh) gewünscht.

    […] Ich komm nach Frankfurt, zur Sittenpolizei, Polizeipräsidium, August ´50. Anklage: homosexuelle (äh)… (sucht Wort) Tätigkeit, oder wie man ´s nennt…, (äh) Na, hab ich gesacht, mit wem? Ja, ein (äh) Herr Rolf Blankenstein hat Sie angezeigt. (Pause) Hab ich gesagt, wer is Blankenstein? Er heißt auch Werter (?). Ahhhh, sacht ich, der Rolf, mein Besucher und langer Freund. Ja was hat er? Er hat Sie angezeigt wegen sexuellen Belästigungen, oder was weiß ich. Und da hab ich gesagt, der spinnt wohl! Ich will eine Gegenüberstellung! Daraufhin sachte der (Pause) Polizeifritze da, von dem zuständigen Dezernat: (äh) das steht alles schon fest, Herr Blankenstein is schon (äh) seit langer Zeit bei uns in Haft und er hat (äh) Anzeige erstattet unter anderem auch gegen Sie wegen homosexuellen… Hab ich gesagt, ja, und? Dann soll er… Ja, aber Sie müssen…, auf Anordnung des Staatsanwalts müssen Sie in Haft genommen werden. Und daraufhin hab ich gesacht, Moment amal, so einfach is es ja nicht! (Pause) Und dann stellte sich raus, dass der Staatsanwalt Thiede von der Frankfurter Justiz beauftragt wurde, die Homosexuellen in Frankfurt endlich zu liquidieren, nh? Und das Erforderliche dafür zu tun. Daraufhin hat er ein eigenes Dezernat im Präsidium eingerichtet und hat in Frankfurt über 100 Homosexuelle verhaften lassen. Und als Zeuge hat er jenen Blankenstein benutzt, indem sie ihn ins Auto gesetzt hab´n und hab´n ihn, mit ihm in Stadtrundfahrten die Wohnungen gezeigt, wo er mit seinen Freiern geschlafen hat. Des war´n die Belastungen. Der wurde restlos eingewickelt von der Frankfurter Polizei mit seinen…, Versprechungen, die man ihm gemacht hat. Er war ´n bisschen Hochstapler-Typ. Und, so hat er…, kam´s zu dieser Verfolgung. Ich saß aber im Gefängnis.

    Und ich habe am ersten Tag, bei der ersten Haftprüfung, erfahren müssen, dass jener Staatsanwalt Thiede bereits Staatsanwalt im Hitlerreich war, und besonders beauftragt war, mit Verfolgung von Homosexuellen, die 1935 durch die Verschärfung des Paragrafen zu einem Verbrechen umfunktioniert wurden. Und meine Entgegnung, wieso behauptet man, ich sei homosexuell? Ich habe nie eine Anklage in diesem Punkt… Ja, da hab´n mer die Akten…, da hab´n ´s die Akten der Gestapo! Dieselben Akten, die in demselben Gebäude im selben Raum fünf Jahr vorher von denselben Beamten in Ermittlungszusammenarbeit mit der Gestapo in der Lindenstraße gemacht wurden. Und da bin ich natürlich aus dem Ruder gelaufen!

    Dann hab ich mich mit… wahrscheinlich wüsten Beschimpfungen mit dem Herrn Staatsanwalt angelegt. Daraufhin wurde ich wieder in Haft genommen und hab über fünf, sechs Monate gesessen. Ohne eine Vernehmung, ohne eine Belastung, ohne eine Anklageschrift. Einfach geschmoren lassen! Ein Racheakt des Herrn Staatsanwalt Thiede.

    […] Und ich wurde (äh) im…, ja, im Februar ´51 (äh) aus der Zelle geholt vom Anwalt. Und der sachte mir, Herr Lauinger, wir hab´n endlich die Kla…, die Anklageschrift, und… Aber wir können nicht verhandeln, wir haben eine Schutzfrist zwischen Anklageschrift und Verhandlung von ein, oder zwei Monaten. Und da hab ich gesacht, ich brauch keine Schutzfrist, Sie können bei mir morgen verhandeln! Daraufhin hat er gesagt, er versucht es… Inzwischen, was ich aber auch später erfahr´n habe…, sacht er mir am Tag vor der Verhandlung: Herr Lauinger, wir hab´n schlechte Aussichten. Der Staatsanwalt Romini, der Richter Romini, auch ein Nazi-Anwalt, hat alle Verfahren bisher verurteilt, hat sich auf nichts eingelassen, auf keine Gutachten von Wissenschaftlern über den… Zustand des Zeugen. Des hat er alles ignoriert. Er verurteilt. Ich komm…, wieder rüber geführt, ins Gerichtsgebäude, am Tag der Verhandlung…, und wurde in eine/n/ provisorische/n/ Raum geführt…, bis zur Verhandlung scheinbar, vor Gerichten…, wo die Angeklagten sitzen. Und ich dachte mir, irgendwann muss ja auch der Zeuge da sein. Ich hab also versucht, durch Rufe mit dem Rolf Verbindung aufzunehmen. Was mir auch gelungen is, der saß im Nebenraum. Da sacht ich: Rolf, du hast…, bitte sag die Wahrheit! Ich konnt ja nix sachen (äh) wegen Beeinflussung. Ich hab es also so formuliert, dass er wusste, wie man…, meine Position is. Und, ich hab dann (äh)… `ne Stunde später wurde ich in ´n Verhandlungssaal gerufen, und da war plötzlich kein Richter Romini, sondern ein Landgerichtsdirektor, der Vorsitzende…, die Sonderkammer wurde kurz vorher aufgelöst, aufgrund der Intervention der Presse, dass es keine Sondergerichte gibt, nach deutschem Recht. Und, nachdem festgestellt wurde, dass dieser Anwalt ja bereits einschlägig in der Nazi-Zeit tätig war, wurde ein neues Gericht (eingeführt?). Und der /die/ Anklageschrift wurde verlesen, der Zeuge Blankenstein wurde reingerufen, als einziger Belastungszeuge, und er sachte: ich verweigere die Aussage.

    […] Da sacht der Richter: nein, nein, das…, hier kommt ja nichts bei raus, und dann zieht sich das Gericht, da war der (äh)…, der Rechtsanwalt, der hat kurz gesprochen…, zurück, und die war´n noch nicht draußen, war´n ´se schon wieder drin und hab´n gesagt: Herr Lauinger is freizusprechen. Damit war der Fall erledigt. Und der Herr Blankenstein wurde später zu eineinhalb Jahr oder zwei Jahr Gefängnis verurteilt (äh) wegen dieser [alt…, hundert anderen…?]. Und so war ich dann plötzlich freigesprochen…, wurde von diesem…, von diesem Versuch, die alten Nazi-Gesetze wieder in Gang zu bringen."

    Steinle: "Sind Sie…, haben Sie denn Haftentschädigung bekommen? (Wiederholt) Haben Sie Haftentschädigung bekommen?"

    Lauinger (flüstert fast): "Nein…, nein. (normale Stimmlage) Ich habe dann…, ich habe dann…, wenn Sie das noch…, die Weiterentwicklung. Ich habe dann nichts gemacht, weil ich meine Ruhe haben wollte. Ich…, war mir zum Kotzen, diese ganze Affäre noch amal zu wiederholen."

  • Wolfgangs politische Forderungen

    "Und ich kann durchaus versteh´n, dass viele junge Leute sagen, was geht es uns…, des waren alte Zeiten…, das hab´n unsere Großeltern auszubaden…, damit hab´n wir nix zu tun. Das is alles ganz richtig! Die hab´n andere Sorgen, als sich darum… Genauso wenig, wie wir uns um die Aufarbeitung vom Mittelalter kümmern. Aber es ist eine moralische Verpflichtung! Wenn man überhaupt…, man kann diese Verbrechen nicht wieder gut machen. Aber man kann etwas dafür tun, dass sie sich nicht wieder wiederholen.

    […] nicht zu verstehen is´ es, dass in der Bundesrepublik, Menschen, die sich heute als Demokraten bezeichnen und als freie Menschen, mit freier Entscheidungskraft, sich nicht entschließen können, endgültig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus Schluss zu machen. Des heißt, die Aufarbeitung so weit voran zu treiben, dass nichts mehr zu erledigen… Dazu gehört auch die Entschädigung der Opfer des Krieges in Griechenland und in…, in andern Ländern, die jetzt wieder zur Debatte steh´n. Das g´hört einfach dazu!

    […] Und erst, wenn das alles erledigt is, könn´n wir mit ruhigem Gewissen sagen, wir hab´n getan, was wir tun konnten. Und vorher ist alles noch offen! Und, schlimm genug, dass dazu so viele Jahre vergeh´n mussten. (Pause)

    […] Deswegen geht mir ´s darum, diesen Rest von Verbohrtheit in diesen, hoffentlich, nicht vielen Menschen zu beseitigen, die sich immer noch festklammern an Ideologien aus der alten Nazi-Zeit. Das ist wichtig! Und das muss bis zur letzten Konsequenz durchgespielt werden. (Pause)"

Arbeitsaufträge

Aufgabe 1

Wie war eine Beziehung zwischen zwei Männern nach dem Krieg möglich? Schaut Euch dazu das Video (C3.1) an. Klärt gemeinsam folgende Fragen:
Wie wird sich Wolfgang gefühlt haben, wenn er für den Mann, den er liebt, als Butler arbeitete? Welche Vor- und Nachteile hatte diese Situation für Wolfgang? Was wären die Alternativen gewesen?

Tipp: Ihr könnt Euch auch fragen, ob Ihr bereit wärt solch ein Doppelleben auf Euch zu nehmen, wenn Eure Liebe gesellschaftlich nicht akzeptiert wird.

Aufgabe 2a

In den Jahren zwischen 1945 und 1950 entwickelte sich eine aktive Schwulenszene in Frankfurt. Es gab Treffpunkte, Bars, einen schwulen Verein und sogar ein Tanzlokal, in dem Männer offiziell miteinander tanzen konnten. All dies war nicht erlaubt, wurde aber geduldet. Das änderte sich radikal 1950/51, als deutsche Polizei und Gerichte wieder anfingen Schwule zu verfolgen. Dies gipfelte in den sogenannten Frankfurter Homosexuellenprozessen, in denen 280 Männer angeklagt wurden.

Seht Euch dazu das Video (C3.2) an. Fasst zusammen: Was passiert Wolfgang 1950? Welchen Zusammenhang gab es zu seiner vorherigen Verfolgung während des Nationalsozialismus?

Aufgabe 2b

Nachdem Ihr in 2a) von der Strafverfolgung gehört habt, geht es nun um die Frage der Gesetze: Wie war es juristisch möglich, dass 1950 in Westdeutschland wieder schwule Männer verfolgt wurden? Untersucht dazu den Paragraphen §175 und seine Geschichte. Ihr findet einen Hintergrundtext dazu als Arbeitsblatt (AB_Der Paragraf 175) bei den Arbeitsmaterialien .

Tipp: Nehmt noch einmal den Zeitstrahl aus Kapitel 1 hinzu und verzeichnet die verschiedenen Phasen des Paragraphen. Wie viel Jahre musste Wolfgang unter dem Paragraphen 175 leben?

Aufgabe 2c

Das deutsche Magazin “Der Spiegel” hat 1950 über die Prozesse berichtet. Ihr findet den Artikel auf dem Arbeitsblatt “AB_C3_Spiegel”. Lest Euch die rot umrahmten Absätze durch. Untersucht wie der verantwortliche Richter Dr. Kurt Romini in dem Artikel dargestellt wird.

Tipp: Achtet auf die Wortwahl des Artikels. Was verrät sie Euch?

Aufgabe 3

Im folgenden Video (C3.3) stellt Wolfgang politische Thesen und Forderungen auf. Schaut Euch zunächst das Video einmal komplett an. Diskutiert anschließend in der Gruppe, was Ihr darüber denkt!

Tipp: Um gemeinsam zu diskutieren, könnt Ihr Euch die unten aufgelisteten Aussagen laut vorlesen. Im Anschluss stellt Ihr Euch je nach eurer Meinung dazu auf einem Barometer auf. (Zum Beispiel so: Wenn Ihr dem Satz voll zustimmt, stellt Ihr Euch auf die Fensterseite des Raumes, wenn Ihr überhaupt nicht einverstanden seit, auf die andere Seite. Dazwischen könnt Ihr Euch natürlich auch stellen, wenn Ihr schwankt oder dem Satz nur eingeschränkt zustimmt.) Anschließend könnt Ihr, wenn Ihr möchtet, Eure Position schlaglichtartig begründen, sie gemeinsam diskutieren und aufeinander Bezug nehmen.

Wolfgangs Aussagen

  1. “Und ich kann durchaus versteh´n, dass viele junge Leute sagen, was geht es uns [an], des waren alte Zeiten, das hab´n unsere Großeltern auszubaden; damit haben wir nichts zu tun. Das is alles ganz richtig! Die haben andere Sorgen, als sich darum… Genauso wenig, wie wir uns um die Aufarbeitung vom Mittelalter kümmern. Aber es ist eine moralische Verpflichtung! Man kann diese Verbrechen nicht wieder gut machen. Aber man kann etwas dafür tun, dass sie sich nicht wieder wiederholen.”
  2. “Nicht zu verstehen ist es, dass in der Bundesrepublik Menschen, die sich heute als Demokraten bezeichnen und als freie Menschen, mit freier Entscheidungskraft, sich nicht entschließen können, endgültig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus Schluss zu machen. Des heißt, die Aufarbeitung so weit voran zu treiben, dass nichts mehr zu erledigen [ist]… Dazu gehört auch die Entschädigung der Opfer des Krieges in Griechenland und in andern Ländern, die jetzt wieder zur Debatte stehen. Das gehört einfach dazu!”
  3. “Und erst, wenn das alles erledigt is, können wir mit ruhigem Gewissen sagen, wir haben getan, was wir tun konnten. Und vorher ist alles noch offen! Und, schlimm genug, dass dazu so viele Jahre vergehen mussten.“
  4. “Deswegen geht mir es darum, diesen Rest von Verbohrtheit in diesen, hoffentlich, nicht vielen Menschen zu beseitigen, die sich immer noch festklammern an Ideologien aus der alten Nazi-Zeit. Das ist wichtig! Und das muss bis zur letzten Konsequenz durchgespielt werden!”


Mögliche unklare Begriffe (Erklärt sie Euch gegenseitig oder schlagt sie nach, falls nötig.)

  • Baracke
  • Butler
  • Dezernat
  • Hochstapler
  • Ideologie
  • Intervention
  • kaschiert
  • liquidieren
  • MP (Military Police)
  • Sittenpolizei
  • Sondergericht

Namen, die genannt werden

  • Richter Dr. Kurt Romini
  • Staatsanwalt Dr. Fritz Thiede
  • Rolf Werter (=Otto Blankenstein)
  • Joseph Steingass