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Unterricht 3. “…dieses nicht beeindruckt sein, heißt vielleicht, nicht zu zeigen, dass sie getroffen haben.”

Brandanschlag, Familienzerwürfnisse, Diskriminierung

Brandanschlag, Familienzerwürfnisse, Diskriminierung

Thomann from Agentur Bildung on Vimeo.

Brandanschlag auf Annas Haus

"Aber sonst hab ich schon immer so Freundschaften gehabt, gerade in der studentischen Zeit. Und dann hab ich ja ziemlich schnell meine erste Freundin kennengelernt, die auch damals noch studiert hat, aber da muss ich mal sagen, das war zwar so wie ich eben sagte, rauschhaft, dieses Erleben, dass es freier war, dass da mehr / dass wir uns erkannt haben überhaupt, aber leb' mal ‘ne Beziehung, in einem Umfeld, dass das nicht richtig findet, das dich am liebsten anzünden würde, das nicht, das das nicht fördert, das dich falsch findet, oder das alles falsch findet. Das ist sehr schwierig und darum, denke ich, ist diese Beziehung gescheitert. Anders als die jetzt mit Brigitte, die ja schon seit 26 Jahren besteht, ne, die ich ja danach kennengelernt habe.

Ich war ja in Köln. In Köln, das hab ich ja vorhin im Auto schon erzählt, hab ich dann auf einmal gedacht, ich hab von diesem Background-Geräusch da nun wirklich erst mal genug, das muss ich nicht immer haben, ich möchte gerne auf'm Lande leben. Eines Tages hab ich dann wieder in die Zeitung geguckt und hab gesehen, es gibt da ‘n Haus, hier in einer kleinen Stadt, etwas weiter von hier weg, und habe da geguckt und hab gesagt, ja, das geht, weil ich muss hier in Köln weiter arbeiten und da wohnen, das ging, hab ich gemacht, wollte aber auch so ein Haus haben, das ein Frauenferienhaus sein konnte, weil die Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, alle eins brauchen: Ruhe, Entspannung, zu sich selber kommen können und mal die Kinder an jemanden abgeben. Und das musste da alles möglich sein. Und das war so ein alter Bauernhof, da ging das.

Während ich aber da noch gar nicht so richtig Fuß gefasst hatte, passierte schon Folgendes: Was ich eben für kurz erwähnt habe, dass ‘ne ältere Frau kam und sagte: Hier is ja jetzt so ‘n Frauenhaus, da kann ich ja hinkommen, mein Enkel schlägt mich doch immer. Oder, dass ich da nachts im Bett war, auf einmal „- (1 Wort)“ es an der Türe, kommt ‘ne Frau, zusammengeschlagen mit ihrem kleinen Kind an, sagt: Hier is doch jetzt ‘n Frauenhaus, ich muss hierbleiben. (Zitat Ende) Ja, äh, es war eigentlich kein Frauenhaus, es sollte ‘n Haus für Ferien werden.

Ich glaube, ich weiß gar nicht, ob Brigitte da schon richtig eingezogen war. Ich glaube, wir sind, nee, so halb, ne. Und dann eines / wir waren aber zusammen, als die Nacht war. Ja, wir waren nachts zusammen. Auf einmal war das wie so’n so’n Schießen vom Maschinengewehr oder so. Richtig so knall, knall, knall. Ich sause hoch und da ballerte das in diesem hinteren Scheunenteil von diesem Haus. Und da hab ich die Tür da hinten aufmachen wollen, das ging aber nicht, weil da kam schon so ‘ne Feuerwand mir entgegen. Und dann bin ich runter, da barst diese f- Glas das Glas in der Türe, es war geriffeltes Glas, das barst da schon, weil in der Scheune das Auto explodiert war. Das ging aber nur so, peng. Und damals gab’s noch keine Handys, aber ich hatte so ein Telefon, äh ellenlangen Schnur. Bin ich auf die Straße gerannt, mit der Schnur da dran, hab ganz schnell 110 angerufen, hab gesagt: Hier brennt es, kommen Sie schnell (lacht) und dann in ich wieder in ‘n Flur gerannt, hab gesagt, Brigitte, komm sofort runter. Dann haben wir, was wir hatten, Turnschuhe oder irgendwas angezogen, sind zu unseren Nachbarn rüber gerannt, das war so ‘n ganz junges Ehepaar, die so Klavier spielten und Kindern Unterricht gaben und so. Sind wir / haben wir gebollert und: Aufmachen, aufmachen, unser Haus brennt, unser Haus brennt (lacht).

Am nächsten Tag kamen dann die Leute und haben in dem Haus rum geplündert. Wir durften das eigentlich nich mehr betreten, wir durften nich mehr so bis oben hin, weil das einsturzgefährdet war. Und dann sahen wir auch wieder so Leute, irgendwelche Küchengeräte raus tragen und so, und da hab ich gesagt, das das das gehört uns, das kannste doch nich mitnehmen; und da hat die Frau von, die das da, ich kannte die ja nich, hat die sich umgedreht, hat zu mir gesagt: Mein Mann hat hier die ganz Nacht gelöscht, dann dürfen wir das doch mitnehmen jetzt! (lacht) Naja, hab ich gedacht, hier is auch fast so schön, wie in dem Dorf, aus dem ich seinerzeit mal geflüchtet bin (ironisch)."

Kirsten Plötz: Gab: "Habt ihr eigentlich Hilfe bekommen für den ganzen Wiederaufbau, das is ja eigentlich ne mittlere Katastrophe, nich."

Anna Thomann: "Natürlich is das ‘ne Katastrophe, wir hatten ja auch nichts mehr. Nee. Nein, im Gegenteil. Das war ja so was, ich sagte ja eben, da kam dann dieser, dieser Bürgermeister, der jetzt leider nich mehr lebt, ne, dieser Bürgermeister und sagte, der wollte, dass wir das wissen; er hätte auch ‘n Neffen, der wär auch schwul, das wär’ ja nich so schlimm, aber er wollte, dass wir das wissen, das wär wegen lesbischer Liebe. Und die Polizei hat das überhaupt nicht interessiert ne. Die hat, im Gegenteil, wir sind ja dann in dem hinteren Teil, das war noch so’n Stück Pferdestall in dem Haus, da waren noch so ‘n paar Sachen, die wir hatten, die die nich nich gelöscht und nich verbrannt waren, und die sind dann in einer Nacht auch noch so randalemäßig zerschlagen worden. Und da haben diese jungen Leute, bei denen wir waren in der Nacht, als das Feuer war, die Feuerwehr angerufen, äh die die Polizei angerufen und haben zur Antwort gekriegt: Ach da is Randale im Frauenhaus, und denn sind die auch nich gekommen. Das / also die Hilfe haben wa da nich gekriegt. Aber wir haben ja uns. Und wir sind ich denke stark. Weil, wenn de nicht stark bist, gehst du unter, ne. Bestimmt. […]

Das muss Brandstiftung gewesen sein. Aber es is niemals, äh, gefunden worden.

Das heißt, dieses nicht beeindruckt sein, heißt vielleicht, nicht zu zeigen, dass sie getroffen haben. Weil, sie dürfen auch nichts wissen davon, dass sie einen verletzt haben, weil dann ist das nächste Projekt nich mehr möglich. Ich hab ja immer Projekte gemacht, bis zum heutigen Tag, gerade wieder ein ganz schönes für alte Frauen. Tja.

Ich bin auch nicht, wenn sich das jetzt auch wirklich unglaubwürdig anhört, ich bin nicht sehr stark beeindruckt gewesen von diesem Feuer, mit dem das andere Haus vernichtet worden ist, ich bin beschädigt, ich bin verletzt, aber du wirst als Lesbe dauernd verletzt und beschädigt, du wirst aber auch als Frau dauernd verletzt und beschädigt, und du wirst von den anderen Frauen, die nich merken, dass sie als Frau verletzt und beschädigt werden, noch mal verletzt und beschädigt, weil, sie sehen das durch dich, d- da kommste nich raus, ne, aber ‘s hat mich nich so beeindruckt. Jetzt hab ich was gesagt, was? (lacht)"

Aufgabe 1

Seht Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY an, in dem Anna über den Brandanschlag auf ihr Haus und die Reaktionen des Dorfes danach spricht. Auf dem Arbeitsblatt (AB_C3) dazu seht Ihr alle beteiligten Akteure des Dorfes mit ihren Entscheidungsmöglichkeiten und anderen denkbaren Optionen.

Tragt selbst ein, wie sie sich verhalten haben (das bitte unterstreichen!) und wie sich sich auch hätten verhalten können.
Diskutiert in der Gruppe oder zu zweit, warum sich das Dorf so, und nicht anders verhalten hat.

Aufgabe 2

Schaut Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY an. Anna schildert darin, wie ihre Familie ihr Lesbisch-Sein immer wieder abgelehnt hat. Verfasst ein fiktives Gespräch zu der Szene im Krankenhaus: Stellt Euch vor Anna und Brigitte unterhalten sich kurz nachdem Annas Mutter ihren Schlaganfall hatte. Vor welchen Konflikten steht sie? Was kann Brigitte ihr raten?

Tipp: Ihr könnt Euch den Dialog zu zweit ausdenken und ihn der Gruppe vorstellen oder -spielen.

Aufgabe 3

Guckt Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY von Anna an. Sie sagt, es müsse sich noch “ganz, ganz viel ändern”.
Was glaubt Ihr, meint Anna konkret damit? Gibt es Dinge, die sich in der Gesellschaft ändern müssten, damit Euer Leben angenehmer wäre?

Tipp: Eure Forderungen oder Wünsche könntet Ihr ohne Euren Namen gut lesbar auf ein Kärtchen schreiben, alle mischen und dann an einer Wand aufhängen, um sie in einer abschließenden Gesprächsrunde gemeinsam zu diskutieren.

Mögliche unklare Begriffe (Erklärt sie Euch gegenseitig oder schlagt sie nach, falls nötig.)

  • Notorisch
  • Frauenhaus

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Unterricht 3. “…dieses nicht beeindruckt sein, heißt vielleicht, nicht zu zeigen, dass sie getroffen haben.”
Abstract

Brandanschlag, Familienzerwürfnisse, Diskriminierung

Hintergrund

Brandanschlag, Familienzerwürfnisse, Diskriminierung

Quellen / Material
  • Thomann from Agentur Bildung on Vimeo.

    Brandanschlag auf Annas Haus

    "Aber sonst hab ich schon immer so Freundschaften gehabt, gerade in der studentischen Zeit. Und dann hab ich ja ziemlich schnell meine erste Freundin kennengelernt, die auch damals noch studiert hat, aber da muss ich mal sagen, das war zwar so wie ich eben sagte, rauschhaft, dieses Erleben, dass es freier war, dass da mehr / dass wir uns erkannt haben überhaupt, aber leb' mal ‘ne Beziehung, in einem Umfeld, dass das nicht richtig findet, das dich am liebsten anzünden würde, das nicht, das das nicht fördert, das dich falsch findet, oder das alles falsch findet. Das ist sehr schwierig und darum, denke ich, ist diese Beziehung gescheitert. Anders als die jetzt mit Brigitte, die ja schon seit 26 Jahren besteht, ne, die ich ja danach kennengelernt habe.

    Ich war ja in Köln. In Köln, das hab ich ja vorhin im Auto schon erzählt, hab ich dann auf einmal gedacht, ich hab von diesem Background-Geräusch da nun wirklich erst mal genug, das muss ich nicht immer haben, ich möchte gerne auf'm Lande leben. Eines Tages hab ich dann wieder in die Zeitung geguckt und hab gesehen, es gibt da ‘n Haus, hier in einer kleinen Stadt, etwas weiter von hier weg, und habe da geguckt und hab gesagt, ja, das geht, weil ich muss hier in Köln weiter arbeiten und da wohnen, das ging, hab ich gemacht, wollte aber auch so ein Haus haben, das ein Frauenferienhaus sein konnte, weil die Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, alle eins brauchen: Ruhe, Entspannung, zu sich selber kommen können und mal die Kinder an jemanden abgeben. Und das musste da alles möglich sein. Und das war so ein alter Bauernhof, da ging das.

    Während ich aber da noch gar nicht so richtig Fuß gefasst hatte, passierte schon Folgendes: Was ich eben für kurz erwähnt habe, dass ‘ne ältere Frau kam und sagte: Hier is ja jetzt so ‘n Frauenhaus, da kann ich ja hinkommen, mein Enkel schlägt mich doch immer. Oder, dass ich da nachts im Bett war, auf einmal „- (1 Wort)“ es an der Türe, kommt ‘ne Frau, zusammengeschlagen mit ihrem kleinen Kind an, sagt: Hier is doch jetzt ‘n Frauenhaus, ich muss hierbleiben. (Zitat Ende) Ja, äh, es war eigentlich kein Frauenhaus, es sollte ‘n Haus für Ferien werden.

    Ich glaube, ich weiß gar nicht, ob Brigitte da schon richtig eingezogen war. Ich glaube, wir sind, nee, so halb, ne. Und dann eines / wir waren aber zusammen, als die Nacht war. Ja, wir waren nachts zusammen. Auf einmal war das wie so’n so’n Schießen vom Maschinengewehr oder so. Richtig so knall, knall, knall. Ich sause hoch und da ballerte das in diesem hinteren Scheunenteil von diesem Haus. Und da hab ich die Tür da hinten aufmachen wollen, das ging aber nicht, weil da kam schon so ‘ne Feuerwand mir entgegen. Und dann bin ich runter, da barst diese f- Glas das Glas in der Türe, es war geriffeltes Glas, das barst da schon, weil in der Scheune das Auto explodiert war. Das ging aber nur so, peng. Und damals gab’s noch keine Handys, aber ich hatte so ein Telefon, äh ellenlangen Schnur. Bin ich auf die Straße gerannt, mit der Schnur da dran, hab ganz schnell 110 angerufen, hab gesagt: Hier brennt es, kommen Sie schnell (lacht) und dann in ich wieder in ‘n Flur gerannt, hab gesagt, Brigitte, komm sofort runter. Dann haben wir, was wir hatten, Turnschuhe oder irgendwas angezogen, sind zu unseren Nachbarn rüber gerannt, das war so ‘n ganz junges Ehepaar, die so Klavier spielten und Kindern Unterricht gaben und so. Sind wir / haben wir gebollert und: Aufmachen, aufmachen, unser Haus brennt, unser Haus brennt (lacht).

    Am nächsten Tag kamen dann die Leute und haben in dem Haus rum geplündert. Wir durften das eigentlich nich mehr betreten, wir durften nich mehr so bis oben hin, weil das einsturzgefährdet war. Und dann sahen wir auch wieder so Leute, irgendwelche Küchengeräte raus tragen und so, und da hab ich gesagt, das das das gehört uns, das kannste doch nich mitnehmen; und da hat die Frau von, die das da, ich kannte die ja nich, hat die sich umgedreht, hat zu mir gesagt: Mein Mann hat hier die ganz Nacht gelöscht, dann dürfen wir das doch mitnehmen jetzt! (lacht) Naja, hab ich gedacht, hier is auch fast so schön, wie in dem Dorf, aus dem ich seinerzeit mal geflüchtet bin (ironisch)."

    Kirsten Plötz: Gab: "Habt ihr eigentlich Hilfe bekommen für den ganzen Wiederaufbau, das is ja eigentlich ne mittlere Katastrophe, nich."

    Anna Thomann: "Natürlich is das ‘ne Katastrophe, wir hatten ja auch nichts mehr. Nee. Nein, im Gegenteil. Das war ja so was, ich sagte ja eben, da kam dann dieser, dieser Bürgermeister, der jetzt leider nich mehr lebt, ne, dieser Bürgermeister und sagte, der wollte, dass wir das wissen; er hätte auch ‘n Neffen, der wär auch schwul, das wär’ ja nich so schlimm, aber er wollte, dass wir das wissen, das wär wegen lesbischer Liebe. Und die Polizei hat das überhaupt nicht interessiert ne. Die hat, im Gegenteil, wir sind ja dann in dem hinteren Teil, das war noch so’n Stück Pferdestall in dem Haus, da waren noch so ‘n paar Sachen, die wir hatten, die die nich nich gelöscht und nich verbrannt waren, und die sind dann in einer Nacht auch noch so randalemäßig zerschlagen worden. Und da haben diese jungen Leute, bei denen wir waren in der Nacht, als das Feuer war, die Feuerwehr angerufen, äh die die Polizei angerufen und haben zur Antwort gekriegt: Ach da is Randale im Frauenhaus, und denn sind die auch nich gekommen. Das / also die Hilfe haben wa da nich gekriegt. Aber wir haben ja uns. Und wir sind ich denke stark. Weil, wenn de nicht stark bist, gehst du unter, ne. Bestimmt. […]

    Das muss Brandstiftung gewesen sein. Aber es is niemals, äh, gefunden worden.

    Das heißt, dieses nicht beeindruckt sein, heißt vielleicht, nicht zu zeigen, dass sie getroffen haben. Weil, sie dürfen auch nichts wissen davon, dass sie einen verletzt haben, weil dann ist das nächste Projekt nich mehr möglich. Ich hab ja immer Projekte gemacht, bis zum heutigen Tag, gerade wieder ein ganz schönes für alte Frauen. Tja.

    Ich bin auch nicht, wenn sich das jetzt auch wirklich unglaubwürdig anhört, ich bin nicht sehr stark beeindruckt gewesen von diesem Feuer, mit dem das andere Haus vernichtet worden ist, ich bin beschädigt, ich bin verletzt, aber du wirst als Lesbe dauernd verletzt und beschädigt, du wirst aber auch als Frau dauernd verletzt und beschädigt, und du wirst von den anderen Frauen, die nich merken, dass sie als Frau verletzt und beschädigt werden, noch mal verletzt und beschädigt, weil, sie sehen das durch dich, d- da kommste nich raus, ne, aber ‘s hat mich nich so beeindruckt. Jetzt hab ich was gesagt, was? (lacht)"

  • Ablehnung durch die eigene Familie

    Dann war es ja so, dass meine Eltern, meine Mutter das gemerkt hat, ganz deutlich, und dass ‘se dann irgendwann ja auch gesagt haben, mein Bruder da alles erbt und so, das war ja noch so ‘ne Geschichte, ich war mal da, kamen sie an, mein Bruder, mein Vater, hübsch angezogen, schön schwarze Anzüge: So, waren wir beim Notar, haben wir alles in Ordnung gebracht (sagte der Vater). Da studierte ich schon oder war gerade im ersten Projekt, ich weiß es gar nicht mehr, und mit „Alles in Ordnung gebracht“, ja was meinst'n / was meint er'n damit?

    Ja, ich hab jetzt erst mal alles überschrieben, dass der Junge alles kricht, dir haben wir ja das Studium bezahlt (sagte der Vater). Oh, hab ich gedacht, wie schön, „ - (ein Wort)“

    Und da hab ich dann gesagt: Das stimmt doch gar nicht, ich, ihr habt das doch nich finanziert. Da ham' sie dann zu mir gesagt, ich hätte ja schon genug Schande über sie gebracht und das wär' damit dann mal erledigt, da hab ich mir gedacht, na gut, und dann bin ich aber auch nich mehr hingegangen, wa, da war's dann, war's noch gut.

    Bis meine Mutter im Jahr 2002 an einem Schlaganfall erlitt, ich mit meiner liebsten Lebensfrau Brigitte auf der Landstraße gen Kassel fuhr, an diesem Abzweig zu eben jenem Dorf zu Brigitte sage: Ach weißt du, und wenn es meiner Mutter mal schlecht geht, dann kann mein Bruder sich auch um die kümmern, da hab ich dann auch nichts mit zu tun. Da klingelt zu jener Zeit das Autotelefon, das gab's ja noch; meine Nachbarin sagt: Reg dich nich auf, deine Mutter is im Krankenhaus, “ – (zwei Worte?)“ hat n Schlaganfall (sagt die Nachbarin). Was passiert?! Ich konnte ja noch Auto fahren, weil ich ‘n Lenker festhalten konnte, drehe um, fahre ins Krankenhaus, höre, meine Mutter sagt zur Nachbarin: Warum habta denen denn Bescheid gesagt?! (sagte die Mutter) Das letzte, was ich von ihr hörte, danach konnt' ‘se nich mehr sprechen, und danach haben Brigitte und ich uns zehn Jahre, oder wie lange? bis ‘12, ja?, um sie gekümmert."

  • Lesbisches Leben im Wandel?

    "Als Brigitte und ich uns kennenlernten, Brigitte ja Mutter von drei Kindern is, und dann das Gericht, was ja diese Ehe scheiden sollte, von Brigitte, gesagt hat, mit mir dürfen aber diese Kinder nicht wegfahren, weil ähm, weil das nicht geht, ne, mit notorischen Lesbierinnen; also ich habe das schon erlebt, aber da stand ‘n anderes Wort, nur in dem Gericht hat die gesagt “Diese Frau ist eine notorische Lesbierin”, was, da hab ich das zweite Mal dieses Wort ausgesprochen gehört; das erste Mal mit Pickeljunge damals, das zweite Mal jetzt, fand ich sehr interessant dieses Wort. Na gut. Notorische Lesbierin. So. Wenn es das is, gerne." […]

    "Seit ich mit Brigitte lebe, ich glaub seitdem lebe ich erst richtig. Früher war das mehr so'n, die ist je weg jetzt ne? (Brigitte saß im Nebenraum – sie fragt, ob sie dort jetzt nicht mehr sitzt), früher war das mehr so'n so'n überleben und jetzt, jo, jetzt genieß ich auch sehr oft; also jetzt, in den letzten, das is ja schon fast, wie viel von meinem Leben?, ‘n Drittel oder was?, also diese ganze Zeit genieß ich immer auch sehr sehr viel, was vorher wohl nich so war, also nich so bewusst." […]

    "Ja, ich denke, alles was verdrängt wird, was aus Gesellschaft also weggedacht, wege- wegeguckt wird, alles, was eigentlich nich da sein soll, es gab mal dieses Wort ausgemerzt dafür, um Gottes Willen, äh, is ja auch geschehen dann, ne. Es sind ja auch Lesben und Schwule in KZ’s gewandert, dass dieses Nich-da-sein-dürfen, Nich-gesehen-werden, dass das nicht mehr da ist, äh, heißt auch, dass dieser tödliche Nicht-Blick, es gibt das auch Tausendmal in in in der Mythologie, dieses Nicht-hingucken, dass dieses, dass das nicht mehr da ist, das ist mehr als Toleranz. Weil, Toleranz is ja auch nicht genuch, ne. Ich tolerier‘s, ich toleriere, dass Sie mich jetzt fragen, das kann ich mal tolerieren (abschätzig, abfällig). Was heißt das denn, tolerieren (abschätzig, abfällig). Es stört mich ja eigentlich, aber ... , ne. […]

    "Und das andere is eben, dass es ganz wichtig is, auch zu gucken, was hat sich geändert? Es is gut, was sich geändert hat, aber ich glaub, es muss sich noch ganz, ganz viel ändern, dass ich überhaupt, ja, dass so ein Leben nich noch mal so schwer sein muss oder so, ne. Obwohl, ich würd das Leben noch mal leben, muss ich ehrlich sagen. Da fällt mir noch was ganz Wichtiges ein: Ich würd das wirklich noch mal leben, weil ich weiß noch, als ich ein Kind war, wirklich, noch nich in der Schule, da hab ich gedacht: So ein Mist! Es is alles schon erfunden, ne, was ich / die haben mir ja viel erzählt, ne, mein mein Opa und Oma und so. Es is alles schon erfunden. Und auch, ich kann auch kein Robin Hood mehr sein und nichts und alles is da und gemacht. Was werde ich in meinem Leben mal machen? Und dann, dann hab ich die Frauenbewegung gefunden. So. (lacht)"

Arbeitsaufträge

Aufgabe 1

Seht Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY an, in dem Anna über den Brandanschlag auf ihr Haus und die Reaktionen des Dorfes danach spricht. Auf dem Arbeitsblatt (AB_C3) dazu seht Ihr alle beteiligten Akteure des Dorfes mit ihren Entscheidungsmöglichkeiten und anderen denkbaren Optionen.

Tragt selbst ein, wie sie sich verhalten haben (das bitte unterstreichen!) und wie sich sich auch hätten verhalten können.
Diskutiert in der Gruppe oder zu zweit, warum sich das Dorf so, und nicht anders verhalten hat.

Aufgabe 2

Schaut Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY an. Anna schildert darin, wie ihre Familie ihr Lesbisch-Sein immer wieder abgelehnt hat. Verfasst ein fiktives Gespräch zu der Szene im Krankenhaus: Stellt Euch vor Anna und Brigitte unterhalten sich kurz nachdem Annas Mutter ihren Schlaganfall hatte. Vor welchen Konflikten steht sie? Was kann Brigitte ihr raten?

Tipp: Ihr könnt Euch den Dialog zu zweit ausdenken und ihn der Gruppe vorstellen oder -spielen.

Aufgabe 3

Guckt Euch das Video zwischen Minute XXX und Minute YYY von Anna an. Sie sagt, es müsse sich noch “ganz, ganz viel ändern”.
Was glaubt Ihr, meint Anna konkret damit? Gibt es Dinge, die sich in der Gesellschaft ändern müssten, damit Euer Leben angenehmer wäre?

Tipp: Eure Forderungen oder Wünsche könntet Ihr ohne Euren Namen gut lesbar auf ein Kärtchen schreiben, alle mischen und dann an einer Wand aufhängen, um sie in einer abschließenden Gesprächsrunde gemeinsam zu diskutieren.

Mögliche unklare Begriffe (Erklärt sie Euch gegenseitig oder schlagt sie nach, falls nötig.)

  • Notorisch
  • Frauenhaus