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Unterricht Anna Thomann “Ich glaube immer, dass jede Lesbe eine Feministin ist; dann bin ich immer ganz erschrocken, wenn das nicht der Fall ist…”
Abstract

Frau Thomann wurde 1950 in einem sauerländischen Bergdorf geboren. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Großmutter. Auf dem Weg zum Friedhof nahm die 15 Jahre ältere Lisl sie in den Arm und Frau Thomann fühlte sich „sauwohl“ und hat sich „kolossal verliebt“. Während ihrer Kindheit und Jugend war die Stimmung im Dorf durch die Kriegserfahrungen der Älteren geprägt: gedrückt, ängstlich und traumatisiert. Frau Thomann fühlte sich nicht als selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft, denn ihr aus Rumänien stammender Vater musste Diskriminierung und ihre Mutter wegen jener Ehe gesellschaftliche Ablehnung erfahren.

Sachanalyse

Teaser

Thomann from Agentur Bildung on Vimeo.

"[…] einmal war ein fürchterliches Gewitter, ne, und wir waren in diesem Trakt. Es waren hier zwei Mädchen (zeigt nach links unten),Waschraum (zeigt mittig), hier zwei Mädchen (zeigt rechts davon), also immer zwei, die kleineren waren immer zu zweit in einem Zimmer, und da, als dieses fürchterliche Gewitter war, haben die zwei Mädchen hier (zeigt links), die Ülle und die Roswita, sich zusammen in ein Bett gelegt, weil sie Angst hatten vor dem Gewitter. Und dann ist die Schwester gekommen und dann hat sie die Bettdecke hochgerannt, äh, hochgehoben, und dann hat sie, ich hab das wieder gemacht (reflektiert, dass sie gerade die Arme hochgenommen hat) und dann hat sie angefangen, fürchterlich rumzubrüllen, äh, das wär, warte mal, was hat sie gesagt? Die kriechen zusammen, das sind Lesbische, und das Wort hatte ich bis dahin auch noch nicht gehört, und hat also da fürchterlich Schweine zu denen gesagt, Schweine hat sie zu denen gesagt, und das fand ich alles sehr interessant, weil die größeren Mädchen haben schon gesagt, was die jetzt meinte, hat gesagt, die sind alle lesbisch, die ganzen Nonnen, die sollen immer nachts gucken, was die da im Reflektorium machen. Ja, so war das. Dadurch hab ich das dann erfahren, was sie meinte, warum sie immer die Bettdecke wegziehen musste."

Biographische Zusammenfassung

Frau Thomann wurde 1950 in einem sauerländischen Bergdorf geboren. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Großmutter. Auf dem Weg zum Friedhof nahm die 15 Jahre ältere Lisl sie in den Arm und Frau Thomann fühlte sich „sauwohl“ und hat sich „kolossal verliebt“. Während ihrer Kindheit und Jugend war die Stimmung im Dorf durch die Kriegserfahrungen der Älteren geprägt: gedrückt, ängstlich und traumatisiert. Frau Thomann fühlte sich nicht als selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft, denn ihr aus Rumänien stammender Vater musste Diskriminierung und ihre Mutter wegen jener Ehe gesellschaftliche Ablehnung erfahren.

1956 kam Frau Thomann in die Schule. Der Krieg war weiterhin allgegenwärtig und Lerninhalte spielten im Unterricht keine Rolle. Jungen und Mädchen standen in der Schule unterschiedliche Freizeitmöglichkeiten offen, z. B. durften die Jungen im Winter Skifahren, und die Mädchen mussten Handarbeiten machen, wozu Frau Thomann keine Lust hatte. Nach den ersten vier Schuljahren kam sie auf ein Internat in einer sauerländischen Kleinstadt, das von Nonnen geführt wurde. Weil Frau Thoman aus einem religionsfernen Elternhaus kam, fühlte sie sich etwas fremd in dieser Welt, und hatte den Eindruck, dass die Nonnen einen merkwürdigen, mit Angst verbundenen Sexualbegriff vermittelten. Nachts ging eine der Nonnen durch die Zimmer, um zu kontrollieren, ob jedes Mädchen in ihrem Bett lag. Wegen eines Gewitters verkrochen sich zwei Mädchen in einem Bett und die Nonne beschimpfte sie als Schweine und lesbisch.

Bis zum 10. Lebensjahr gab es für Frau Thomann kein positives weibliches Vorbild. Die national gesinnte Mutterrolle galt als Beispiel für heranwachsende Mädchen. Mit etwa 15 Jahren traf Frau Thomann bei ihren Eltern Lisl wieder. Einen Kuss von Lisl empfand sie umwerfend.

Als junge Frau traf Frau Thomann auf Frauen, die ihr Lesbischsein ebenso selbstverständlich empfanden wie sie. Die Zeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre erlebte sie wie im Rausch. Es war eine Zeit der Befreiung, und sie fühlte sich kraft- und machtvoll. Sie lebte in Köln, machte eine Ausbildung und arbeitete nebenbei in einer psychosozialen Beratungsstelle in Leverkusen. Die Arbeitsatmosphäre war dort von Antipathie geprägt, ihre Vorschläge zur Mädchenarbeit und zur Sprachförderung von polnischen Aussiedlerinnen wurden abgelehnt. Ihre Kollegen gingen davon aus, dass sie nur fürs Kaffeekochen zuständig war.

Frau Thomann engagierte sich stark in der Frauenbewegung, die vor allem den Abtreibungsparagrafen (StGB §218) abschaffen wollte und meint, dass sich Lesben deshalb dagegen engagiert hatten, weil sie das Abtreibungsverbot als Ausdruck der Frauenunterdrückung begriffen.

Als lesbische Frau merkte sie, dass sie nicht in einer Festanstellung bleiben könnte, weil ihr Engagement für Frauen immer unterschwellig mit ihrem sexuellen Interesse abgetan wurde. Sie machte sich deswegen mit einem eigenen Verein selbstständig, dessen Ziel es war, Frauen durch Wissen und Bildung dazu zu befähigen, eigenständige Entscheidungen treffen zu können. Sogar in ihrem eigenen Verein musste sie sich vor Gericht gegen eine Mitarbeiterin zur Wehr setzen, die nicht bei einer „notorischen Lesbierin“ hatte arbeiten wollen.

Anfang der 1980er Jahre lernte sie ihre Partnerin kennen, mit der sie seit 26 Jahren zusammen ist. Die beiden zogen von Köln nach Oderberg . Ihr dortiges Haus nutzten sie auch als Frauenferienhaus. 1987 brannte das Haus, aus homophoben Motiven angesteckt, nieder, weil die durch die Nachbarinnen gerufene Polizei nicht kommen wollte. Die einzigen verbliebenen Möbel nach dem Brand wurden kurz darauf von Unbekannten zerstört und Küchengeräte geplündert. Frau Thomann und ihre Partnerin konnten nur das retten, was sie am Leib trugen. Beide Frauen suchten ein neues Haus, fanden es 1990 und leben dort bis heute.

Glossar

Für die häufigsten Begriffe zum Thema dieses Moduls bitten wir auf das “Glossar zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Kontext von Antidiskriminierung und Pädagogik” der Bildungsinitiative Queerformat zurückzugreifen.

Erklärung zu geschlechtersensibler Sprache

In den letzten Jahren hat sich der deutsche Sprachgebrauch dahingehend verändert, dass versucht wird immer männliche und weibliche Formen zu benutzen, zum Beispiel “Schülerinnen und Schüler” oder “ihre und seine”. So werden auch Frauen angesprochen, statt bei der männlichen Form immer nur mitgemeint zu sein.

Wir verwenden in den Bildungsmodulen außerdem einen Unterstrich ("_"), um zu zeigen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, die in einem entweder (männlich) oder (weiblich) keinen Platz hätten. (Beispiele dafür: “Schüler_innen” oder “ihre_seine”.) Für diese zugegebenermaßen irritierende Form haben wir uns nicht trotz, sondern gerade wegen eines möglichen "Stolperns" beim Lesen entschieden: Dieser Moment kann – so hoffen wir – dazu dienen, sich Gedanken zu machen, welche Geschlechter sonst beim Lesen und Schreiben nicht mitgedacht werden.


Hidden from normal

Unterricht Anna Thomann “Ich glaube immer, dass jede Lesbe eine Feministin ist; dann bin ich immer ganz erschrocken, wenn das nicht der Fall ist…”
Fieldset:

Frau Thomann wurde 1950 in einem sauerländischen Bergdorf geboren. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Großmutter. Auf dem Weg zum Friedhof nahm die 15 Jahre ältere Lisl sie in den Arm und Frau Thomann fühlte sich „sauwohl“ und hat sich „kolossal verliebt“. Während ihrer Kindheit und Jugend war die Stimmung im Dorf durch die Kriegserfahrungen der Älteren geprägt: gedrückt, ängstlich und traumatisiert. Frau Thomann fühlte sich nicht als selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft, denn ihr aus Rumänien stammender Vater musste Diskriminierung und ihre Mutter wegen jener Ehe gesellschaftliche Ablehnung erfahren.

Teaser

Thomann from Agentur Bildung on Vimeo.

"[…] einmal war ein fürchterliches Gewitter, ne, und wir waren in diesem Trakt. Es waren hier zwei Mädchen (zeigt nach links unten),Waschraum (zeigt mittig), hier zwei Mädchen (zeigt rechts davon), also immer zwei, die kleineren waren immer zu zweit in einem Zimmer, und da, als dieses fürchterliche Gewitter war, haben die zwei Mädchen hier (zeigt links), die Ülle und die Roswita, sich zusammen in ein Bett gelegt, weil sie Angst hatten vor dem Gewitter. Und dann ist die Schwester gekommen und dann hat sie die Bettdecke hochgerannt, äh, hochgehoben, und dann hat sie, ich hab das wieder gemacht (reflektiert, dass sie gerade die Arme hochgenommen hat) und dann hat sie angefangen, fürchterlich rumzubrüllen, äh, das wär, warte mal, was hat sie gesagt? Die kriechen zusammen, das sind Lesbische, und das Wort hatte ich bis dahin auch noch nicht gehört, und hat also da fürchterlich Schweine zu denen gesagt, Schweine hat sie zu denen gesagt, und das fand ich alles sehr interessant, weil die größeren Mädchen haben schon gesagt, was die jetzt meinte, hat gesagt, die sind alle lesbisch, die ganzen Nonnen, die sollen immer nachts gucken, was die da im Reflektorium machen. Ja, so war das. Dadurch hab ich das dann erfahren, was sie meinte, warum sie immer die Bettdecke wegziehen musste."

Biographische Zusammenfassung

Frau Thomann wurde 1950 in einem sauerländischen Bergdorf geboren. Als sie vier Jahre alt war, starb ihre Großmutter. Auf dem Weg zum Friedhof nahm die 15 Jahre ältere Lisl sie in den Arm und Frau Thomann fühlte sich „sauwohl“ und hat sich „kolossal verliebt“. Während ihrer Kindheit und Jugend war die Stimmung im Dorf durch die Kriegserfahrungen der Älteren geprägt: gedrückt, ängstlich und traumatisiert. Frau Thomann fühlte sich nicht als selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft, denn ihr aus Rumänien stammender Vater musste Diskriminierung und ihre Mutter wegen jener Ehe gesellschaftliche Ablehnung erfahren.

1956 kam Frau Thomann in die Schule. Der Krieg war weiterhin allgegenwärtig und Lerninhalte spielten im Unterricht keine Rolle. Jungen und Mädchen standen in der Schule unterschiedliche Freizeitmöglichkeiten offen, z. B. durften die Jungen im Winter Skifahren, und die Mädchen mussten Handarbeiten machen, wozu Frau Thomann keine Lust hatte. Nach den ersten vier Schuljahren kam sie auf ein Internat in einer sauerländischen Kleinstadt, das von Nonnen geführt wurde. Weil Frau Thoman aus einem religionsfernen Elternhaus kam, fühlte sie sich etwas fremd in dieser Welt, und hatte den Eindruck, dass die Nonnen einen merkwürdigen, mit Angst verbundenen Sexualbegriff vermittelten. Nachts ging eine der Nonnen durch die Zimmer, um zu kontrollieren, ob jedes Mädchen in ihrem Bett lag. Wegen eines Gewitters verkrochen sich zwei Mädchen in einem Bett und die Nonne beschimpfte sie als Schweine und lesbisch.

Bis zum 10. Lebensjahr gab es für Frau Thomann kein positives weibliches Vorbild. Die national gesinnte Mutterrolle galt als Beispiel für heranwachsende Mädchen. Mit etwa 15 Jahren traf Frau Thomann bei ihren Eltern Lisl wieder. Einen Kuss von Lisl empfand sie umwerfend.

Als junge Frau traf Frau Thomann auf Frauen, die ihr Lesbischsein ebenso selbstverständlich empfanden wie sie. Die Zeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre erlebte sie wie im Rausch. Es war eine Zeit der Befreiung, und sie fühlte sich kraft- und machtvoll. Sie lebte in Köln, machte eine Ausbildung und arbeitete nebenbei in einer psychosozialen Beratungsstelle in Leverkusen. Die Arbeitsatmosphäre war dort von Antipathie geprägt, ihre Vorschläge zur Mädchenarbeit und zur Sprachförderung von polnischen Aussiedlerinnen wurden abgelehnt. Ihre Kollegen gingen davon aus, dass sie nur fürs Kaffeekochen zuständig war.

Frau Thomann engagierte sich stark in der Frauenbewegung, die vor allem den Abtreibungsparagrafen (StGB §218) abschaffen wollte und meint, dass sich Lesben deshalb dagegen engagiert hatten, weil sie das Abtreibungsverbot als Ausdruck der Frauenunterdrückung begriffen.

Als lesbische Frau merkte sie, dass sie nicht in einer Festanstellung bleiben könnte, weil ihr Engagement für Frauen immer unterschwellig mit ihrem sexuellen Interesse abgetan wurde. Sie machte sich deswegen mit einem eigenen Verein selbstständig, dessen Ziel es war, Frauen durch Wissen und Bildung dazu zu befähigen, eigenständige Entscheidungen treffen zu können. Sogar in ihrem eigenen Verein musste sie sich vor Gericht gegen eine Mitarbeiterin zur Wehr setzen, die nicht bei einer „notorischen Lesbierin“ hatte arbeiten wollen.

Anfang der 1980er Jahre lernte sie ihre Partnerin kennen, mit der sie seit 26 Jahren zusammen ist. Die beiden zogen von Köln nach Oderberg . Ihr dortiges Haus nutzten sie auch als Frauenferienhaus. 1987 brannte das Haus, aus homophoben Motiven angesteckt, nieder, weil die durch die Nachbarinnen gerufene Polizei nicht kommen wollte. Die einzigen verbliebenen Möbel nach dem Brand wurden kurz darauf von Unbekannten zerstört und Küchengeräte geplündert. Frau Thomann und ihre Partnerin konnten nur das retten, was sie am Leib trugen. Beide Frauen suchten ein neues Haus, fanden es 1990 und leben dort bis heute.

Glossar

Für die häufigsten Begriffe zum Thema dieses Moduls bitten wir auf das “Glossar zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Kontext von Antidiskriminierung und Pädagogik” der Bildungsinitiative Queerformat zurückzugreifen.

Erklärung zu geschlechtersensibler Sprache

In den letzten Jahren hat sich der deutsche Sprachgebrauch dahingehend verändert, dass versucht wird immer männliche und weibliche Formen zu benutzen, zum Beispiel “Schülerinnen und Schüler” oder “ihre und seine”. So werden auch Frauen angesprochen, statt bei der männlichen Form immer nur mitgemeint zu sein.

Wir verwenden in den Bildungsmodulen außerdem einen Unterstrich ("_"), um zu zeigen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, die in einem entweder (männlich) oder (weiblich) keinen Platz hätten. (Beispiele dafür: “Schüler_innen” oder “ihre_seine”.) Für diese zugegebenermaßen irritierende Form haben wir uns nicht trotz, sondern gerade wegen eines möglichen "Stolperns" beim Lesen entschieden: Dieser Moment kann – so hoffen wir – dazu dienen, sich Gedanken zu machen, welche Geschlechter sonst beim Lesen und Schreiben nicht mitgedacht werden.