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Unterricht „Das Geschlechtsleben bestimmen wir!“- Sexualmoral im Dritten Reich

In diesem Baustein setzten sich die Schüler_innen mit dem nationalsozialistischen Rollenbild von Mann und Frau auseinander und erarbeiten das Nebeneinander von unterschiedlichen moralischen Vorstellungen.

Das Aufgreifen des Themas im Kontext der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933- 1945 in die Unterrichtsreihe begründet sich in erster Linie auf die Janusköpfigkeit des NS- Staats, wenn es um das Thema Geburtenkontrolle geht. Die pronatalistische Ausrichtung des Staats steht in diametralem Gegensatz zu der Vernichtungspolitik gegenüber Leben, was durch Gesetzgebungen als „unwert“ klassifiziert wurde. Diese Punkte bestimmen die Erinnerung an die Sexualmoral und Sexualpolitik des Dritten Reichs. Dass alternative Lebensentwürfe Abseits von der Trias Mann- Frau- Ehe möglich waren, sollen die Schüler_innen im Laufe der Unterrichtsstunde erkennen und reflektieren. Die Veränderlichkeit der nationalsozialistischen Sexualmoral soll herausgestellt werden.

M5: Sachtext

Sexualität und Geburtenkontrolle

Im Nationalsozialismus (1933- 1945) fand ein einzigartiger Angriff auf die Intimsphäre der Menschen im Deutschen Reich statt. Die Kontrolle der Sexualität erfolgte aus rassenpolitischen Gründen. Die Phrase Adolf Hitlers „Das Geschlechtsleben bestimmen wir!“ kann in zweierlei Weise ausgelegt werden. Zum einen sind hier die pronatalistischen Maßnahmen des nationalsozialistischen Staates zu erkennen. Das sind Maßnahmen, die die Geburtenzahlen heben sollen. Die Anregungen zur Steigerung der Geburten galten nur für diejenigen, die den Kriterien der nationalsozialistischen Rassenlehre als gesund und arisch galten. Neben finanziellen Anreizen wie Kindergeld, Ehestandsdarlehen und Steuererleichterungen betrieben die Nationalsozialisten massiv Werbung für ihr Familienbild beispielsweise mit dem Mutterkreuz als Auszeichnung für besonders kinderreiche Frauen. Für unehelich gezeugte Kinder und deren Mütter rief Heinrich Himmler die sogenannten Lebensborn-Heime ins Leben. Hier fanden die Frauen vor, während und nach der Geburt Unterstützung. Unter den Nationalsozialisten wurde die Anerkennung von unehelichen Kindern vorangetrieben, aber die Stigmatisierung durch eine uneheliche Verbindung der Eltern konnte nicht aufgehoben werden. Trotz der Bemühungen, die Menschen zu mehr Kindern zu bewegen, stiegen die Geburtenzahlen nicht kontinuierlich an. In den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft wurden mehr Kinder geboren, aber diese Entwicklung ist vermutlich ein Nachhol-Effekt aus den vorangegangenen, wirtschaftlich schwierigen Jahren. Verhütungsmittel waren frei zugänglich und der Verkauf wurde erst 1941 unter Strafe gestellt. Auch die in der NS-Zeit eingeführten höheren Strafen für Abtreibung hatten keinen sichtbaren Effekt auf die Geburtenzahlen. Die Sexualberatungsstellen, die in der Weimarer Zeit aufblühten, wurden von den Nationalsozialisten geschlossen. Dieses Vakuum füllte das Regime nicht und die Sexualerziehung der Heranwachsenden steht im großen Widerspruch zu der sonstigen Effizienz der umfassenden nationalsozialistischen Volksbildung.

Auf der anderen Seite steht die Unterbindung der Fortpflanzung jener Bevölkerungsgruppen, die nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 als unerwünscht klassifiziert wurden. Zur Anwendung kamen hier Zwangssterilisationen, Abtreibung und Mord, um die Bevölkerungszahl der nicht willkommenen Bewohner zu reduzieren. Die Repressionen der Nationalsozialisten erwiesen sich als vielschichtig. Die Eingriffe in die Intimsphäre und somit in die private Sexualität waren massiv.
Der Nationalsozialismus wollte zweifelsohne die rassisch erwünschte Partnerkonstellation und die Zeugung vieler gesunder Kinder und war bereit, die liberalisierenden Tendenzen aus der Weimarer Republik teilweise zu tolerieren, um ihr Ziel zu erreichen.

Erarbeitung:
Zunächst wird die offene Frage an die Klasse gestellt, wie die Schüler_innen sich die Sexualmoral und das Geschlechterverhältnis im Nationalsozialismus vorstellen. Auch die Frage nach Empfängnisverhütung und die Verbreitung von Verhütungsmitteln werden in das Plenum gegeben. Die Schüler_innen-Äußerungen werden an der Tafel gesammelt.
Der Sachtext (M5) über die pronatalistischen Bestrebungen im Dritten Reich und die damit verbundenen strengen, von rassischen Kriterien geleiteten Einschränkungsbemühungen soll die Schüler_innen unter anderem befähigen, die folgenden Teilaufgaben der Unterrichtseinheit sachlich zu bearbeiten.
Die Aufgabe, eine Heiratsanzeige aus der Sicht eines Mannes oder einer Frau zur Zeit des Nationalsozialismus zu schreiben, soll den Schüler_innen die Möglichkeit geben, die Perspektive zu wechseln und somit einen ersten Schritt zur Erarbeitung des Rollenbildes und der Geschlechterverhältnisse zu leisten. Die Schüler_innen sollen erkennen, dass die Ideale der Frau und Mutter sowie des Soldaten und Erzeugers eng an die rassische Klassifikation gebunden sind. Die hier beschriebenen Rollenbilder ermöglichen den Schüler_innen, genaue Zuschreibungen vorzunehmen.
Der Abgleich mit zwei Heiratsannoncen von 1934 (Q13) soll die Annahmen der Schüler_innen zunächst bestätigen. Die nachfolgende Aufgabe erweitert die Sexualmoral im Dritten Reich um einen Aspekt, der den Schüler_innen bisher unbekannt ist. Die Zitate von Rabenalt und Klemperer (Q14) verdeutlichen eine Sexualmoral, die sich unter anderem durch vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr sowie uneheliche Kinder auszeichnet. Allerdings muss die Einschränkung durch die Lehrkraft erfolgen, dass, wie bei Rabenalt auch benannt, die rassische Zugehörigkeit entscheidend für die liberale Auffassung von Sexualität war. Die pronatalistische Ausrichtung des Staats steht im diametralen Gegensatz zu der Vernichtungspolitik gegenüber Leben, was durch die Gesetzgebung als „unwert“ klassifiziert wurde.

Orientierungsfragen zu Q14:
1. Wie wird die Sexualmoral in der NS- Zeit hier beschrieben?
2. Zieht das bisher erarbeitet Bild über die Sexualmoral und das Rollenbild in eure Überlegungen mit ein und notiert euch eure Überlegungen.

Auswertung:
Die Schüler_innen stellen ihre Ausarbeitungen vor. An der Tafel werden dabei die Punkte notiert, die das Bild einer gespaltenen Sexualmoral deutlich machen und in klarer Abgrenzung zu den zuerst herausgearbeiteten Punkten stehen. Die abschließende Aussage soll polarisieren und zur Reflexion der in der Unterrichtsstunde heraus gearbeiteten Unterscheidungsmerkmale hinsichtlich der Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen moralischen Vorstellungen anregen.


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Unterricht „Das Geschlechtsleben bestimmen wir!“- Sexualmoral im Dritten Reich
Abstract

In diesem Baustein setzten sich die Schüler_innen mit dem nationalsozialistischen Rollenbild von Mann und Frau auseinander und erarbeiten das Nebeneinander von unterschiedlichen moralischen Vorstellungen.

Hintergrund

Das Aufgreifen des Themas im Kontext der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933- 1945 in die Unterrichtsreihe begründet sich in erster Linie auf die Janusköpfigkeit des NS- Staats, wenn es um das Thema Geburtenkontrolle geht. Die pronatalistische Ausrichtung des Staats steht in diametralem Gegensatz zu der Vernichtungspolitik gegenüber Leben, was durch Gesetzgebungen als „unwert“ klassifiziert wurde. Diese Punkte bestimmen die Erinnerung an die Sexualmoral und Sexualpolitik des Dritten Reichs. Dass alternative Lebensentwürfe Abseits von der Trias Mann- Frau- Ehe möglich waren, sollen die Schüler_innen im Laufe der Unterrichtsstunde erkennen und reflektieren. Die Veränderlichkeit der nationalsozialistischen Sexualmoral soll herausgestellt werden.

Quellen / Material
  • M5: Sachtext

    Sexualität und Geburtenkontrolle

    Im Nationalsozialismus (1933- 1945) fand ein einzigartiger Angriff auf die Intimsphäre der Menschen im Deutschen Reich statt. Die Kontrolle der Sexualität erfolgte aus rassenpolitischen Gründen. Die Phrase Adolf Hitlers „Das Geschlechtsleben bestimmen wir!“ kann in zweierlei Weise ausgelegt werden. Zum einen sind hier die pronatalistischen Maßnahmen des nationalsozialistischen Staates zu erkennen. Das sind Maßnahmen, die die Geburtenzahlen heben sollen. Die Anregungen zur Steigerung der Geburten galten nur für diejenigen, die den Kriterien der nationalsozialistischen Rassenlehre als gesund und arisch galten. Neben finanziellen Anreizen wie Kindergeld, Ehestandsdarlehen und Steuererleichterungen betrieben die Nationalsozialisten massiv Werbung für ihr Familienbild beispielsweise mit dem Mutterkreuz als Auszeichnung für besonders kinderreiche Frauen. Für unehelich gezeugte Kinder und deren Mütter rief Heinrich Himmler die sogenannten Lebensborn-Heime ins Leben. Hier fanden die Frauen vor, während und nach der Geburt Unterstützung. Unter den Nationalsozialisten wurde die Anerkennung von unehelichen Kindern vorangetrieben, aber die Stigmatisierung durch eine uneheliche Verbindung der Eltern konnte nicht aufgehoben werden. Trotz der Bemühungen, die Menschen zu mehr Kindern zu bewegen, stiegen die Geburtenzahlen nicht kontinuierlich an. In den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft wurden mehr Kinder geboren, aber diese Entwicklung ist vermutlich ein Nachhol-Effekt aus den vorangegangenen, wirtschaftlich schwierigen Jahren. Verhütungsmittel waren frei zugänglich und der Verkauf wurde erst 1941 unter Strafe gestellt. Auch die in der NS-Zeit eingeführten höheren Strafen für Abtreibung hatten keinen sichtbaren Effekt auf die Geburtenzahlen. Die Sexualberatungsstellen, die in der Weimarer Zeit aufblühten, wurden von den Nationalsozialisten geschlossen. Dieses Vakuum füllte das Regime nicht und die Sexualerziehung der Heranwachsenden steht im großen Widerspruch zu der sonstigen Effizienz der umfassenden nationalsozialistischen Volksbildung.

    Auf der anderen Seite steht die Unterbindung der Fortpflanzung jener Bevölkerungsgruppen, die nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 als unerwünscht klassifiziert wurden. Zur Anwendung kamen hier Zwangssterilisationen, Abtreibung und Mord, um die Bevölkerungszahl der nicht willkommenen Bewohner zu reduzieren. Die Repressionen der Nationalsozialisten erwiesen sich als vielschichtig. Die Eingriffe in die Intimsphäre und somit in die private Sexualität waren massiv.
    Der Nationalsozialismus wollte zweifelsohne die rassisch erwünschte Partnerkonstellation und die Zeugung vieler gesunder Kinder und war bereit, die liberalisierenden Tendenzen aus der Weimarer Republik teilweise zu tolerieren, um ihr Ziel zu erreichen.

  • Q13: Heiratsannoncen

    Heiratsannoncen
    „SA- Scharführer, Anfang 30, Blutordensträger, blonder Vollgermane, kernig und erbgesund, sucht auf diesem Wege die Mutter seiner kommenden Kinder, du Wahrerin seines Hortes. Selbe muss Garantin rassischer Vollwertigkeit sein. Stattliche Blondine bevorzugt, nachgedunkelte Schrumpf- Germanin unerwünscht. Eigenes Heim vorhanden. Vermögen Nebensache.“

    „Deutsche Minne, blondes BDM-Mädel, gottgläubig, aus bäuerlicher Sippe, artbewusst, kinderlieb, mit starken Hüften, möchte einem deutschen Jungmann Verwalterin seines Stammes sein. (Niedere Absätze - kein Lippenstift) Nur Neigungsehe mit zackigem Uniformträger.“

    (Völkischer Beobachter, 12. August 1934)

  • Q14: Zitate

    „Dem Erotischen - blieb es im Rahmen der Rassegesetze und entsprach es dem sogenannten Volksempfinden - war keine Grenze gezogen.“ 
    Arthur Maria Rabenalt

    „Annemarie Köhler erzählt verzweifelt, die Krankenhäuser seien übervoll, nicht nur von schwangeren, sondern auch von tripperkranken fünfzehnjährigen Mädchen.“
    Victor Klemperer

     

Arbeitsaufträge

Erarbeitung:
Zunächst wird die offene Frage an die Klasse gestellt, wie die Schüler_innen sich die Sexualmoral und das Geschlechterverhältnis im Nationalsozialismus vorstellen. Auch die Frage nach Empfängnisverhütung und die Verbreitung von Verhütungsmitteln werden in das Plenum gegeben. Die Schüler_innen-Äußerungen werden an der Tafel gesammelt.
Der Sachtext (M5) über die pronatalistischen Bestrebungen im Dritten Reich und die damit verbundenen strengen, von rassischen Kriterien geleiteten Einschränkungsbemühungen soll die Schüler_innen unter anderem befähigen, die folgenden Teilaufgaben der Unterrichtseinheit sachlich zu bearbeiten.
Die Aufgabe, eine Heiratsanzeige aus der Sicht eines Mannes oder einer Frau zur Zeit des Nationalsozialismus zu schreiben, soll den Schüler_innen die Möglichkeit geben, die Perspektive zu wechseln und somit einen ersten Schritt zur Erarbeitung des Rollenbildes und der Geschlechterverhältnisse zu leisten. Die Schüler_innen sollen erkennen, dass die Ideale der Frau und Mutter sowie des Soldaten und Erzeugers eng an die rassische Klassifikation gebunden sind. Die hier beschriebenen Rollenbilder ermöglichen den Schüler_innen, genaue Zuschreibungen vorzunehmen.
Der Abgleich mit zwei Heiratsannoncen von 1934 (Q13) soll die Annahmen der Schüler_innen zunächst bestätigen. Die nachfolgende Aufgabe erweitert die Sexualmoral im Dritten Reich um einen Aspekt, der den Schüler_innen bisher unbekannt ist. Die Zitate von Rabenalt und Klemperer (Q14) verdeutlichen eine Sexualmoral, die sich unter anderem durch vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr sowie uneheliche Kinder auszeichnet. Allerdings muss die Einschränkung durch die Lehrkraft erfolgen, dass, wie bei Rabenalt auch benannt, die rassische Zugehörigkeit entscheidend für die liberale Auffassung von Sexualität war. Die pronatalistische Ausrichtung des Staats steht im diametralen Gegensatz zu der Vernichtungspolitik gegenüber Leben, was durch die Gesetzgebung als „unwert“ klassifiziert wurde.

Orientierungsfragen zu Q14:
1. Wie wird die Sexualmoral in der NS- Zeit hier beschrieben?
2. Zieht das bisher erarbeitet Bild über die Sexualmoral und das Rollenbild in eure Überlegungen mit ein und notiert euch eure Überlegungen.

Auswertung:
Die Schüler_innen stellen ihre Ausarbeitungen vor. An der Tafel werden dabei die Punkte notiert, die das Bild einer gespaltenen Sexualmoral deutlich machen und in klarer Abgrenzung zu den zuerst herausgearbeiteten Punkten stehen. Die abschließende Aussage soll polarisieren und zur Reflexion der in der Unterrichtsstunde heraus gearbeiteten Unterscheidungsmerkmale hinsichtlich der Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen moralischen Vorstellungen anregen.