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Unterricht Der Paragraf 218 in der deutschen Geschichte

„Mein Bauch gehört mir!“ Mit dieser provozierenden Parole war die Frauenbewegung Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik angetreten, um die ersatzlose Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch zu erreichen.

Die Reform des Abtreibungsparagrafen polarisierte die Gesellschaft nicht erst seit den siebziger Jahren. Dieser Baustein beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch. Die Paragraphen 218 (Q2) und 218a (Q3) eignen sich besonders gut, um in einem Längsschnitt behandelt zu werden. Die Kontinuitäten und die Diskussionen mit den sich daraus ergebenden Änderungen bzw. der Beibehaltung des ursprünglichen Gesetzestextes zeigen an dem Beispiel, wie sich Recht konstituiert und welche Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Die Verwendung von Gesetzestexten in diesem Baustein konfrontiert die Schüler_innen mit juristischer Fachsprache. Auf Verständnisfragen hinsichtlich juristischer Formulierungen muss eingegangen werden, um den Zugang zu den ausgewählten Quellen sicher zu stellen.
Eine Anwendung dieses Unterrichtsbausteins außerhalb der gesamten Reihe ist möglich, da dieser Baustein in sich geschlossen ist und als Grundlage für die Unterrichtsreihe konzipiert wurde.

  • § 218
    Q1: Paragraf 218 [aus: Soden, Kristine: Die Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik 1919- 1933, Berlin 1988.]

Q2: aktueller § 218 des Strafgesetzbuchs

§ 218
Schwangerschaftsabbruch

(1) Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
Handlungen, deren Wirkung vor Abschluss der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.

(2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1. gegen den Willen der Schwangeren handelt
oder
2. leichtfertig die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung der Schwangeren verursacht.

(3) Begeht die Schwangere die Tat, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.

(4) Der Versuch ist strafbar. Die Schwangere wird nicht wegen Versuchs bestraft.

Erarbeitung:
Die Doppelstunde wird mit einem Bildimpuls (Q1) eingeleitet. Die Schüler_innen sollen ihre Assoziationen nennen, woraufhin diese an der Tafel gesammelt werden. Die wertneutrale Bezeichnung „Schwangerschaftsabbruch“ wird in diesem Schritt als für diese Unterrichtsreihe geltender Ausdruck eingeführt.

Die Paragrafen 218 (Q2) und 218a (Q3) in den aktuell gültigen Fassungen werden am Anfang der Stunde von allen Schüler_innen mit Hilfestellungen der Lehrkraft bearbeitet. In diesem Zusammenhang können unklare Begriffe geklärt werden, die sich bei der Arbeit mit einem juristischen Fachtext ergeben.

Orientierungsfragen:

  1. Welche Voraussetzungen werden für einen Abbruch genannt?
  2. Welches Strafmaß für den Abbruch einer Schwangerschaft wird benannt?
  3. Nennt die Bedingungen, die für einen Abbruch genannt werden. Wann sind Ausnahmen erlaubt und bleiben straffrei?

Danach wird die offene Frage an die Schüler_innen gestellt, wie sie sich diesen Paragraphen zu einer anderen Zeit vorstellen. Nach dieser Überleitung werden die Schüler_innen in fünf Gruppen aufgeteilt. Die einzelnen Gruppen erhalten ein Arbeitsblatt von der Lehrkraft mit dem Paragraphen 218 und den in diesem Zusammenhang wichtigen Paragrafen und Verordnungen aus folgenden Jahren:

  • 1872 (Q4)
  • 1926 (Q5)
  • 1933- 1945 (Q6)
  • 1976 (Q7)
  • Deutsche Demokratische Republik (Q8)

Die Schüler_innen erarbeiten in Einzelarbeit den Inhalt der jeweiligen Fassung und versuchen zunächst selbstständig, Unterschiede oder Parallelen zu der aktuell gültigen Fassung herauszuarbeiten.
 

Arbeitsaufträge zu Q4:
1. Lesen Sie das Gesetz durch.
2. Arbeiten Sie heraus, welches Strafmaß auf den Abbruch von Schwangerschaft eingeführt wurde.
3. Was besagt der Paragraph 220? Fassen Sie den Inhalt kurz zusammen.
4. Markieren Sie, welche Unterschiede zu der heute gültigen Fassung bestehen.

Arbeitsaufträge zu Q5:
1. Lesen Sie das Gesetz durch.
2. Welche Neuerungen wurden eingeführt? Fassen Sie den Inhalt zusammen.
3. Markieren Sie, welche Unterschiede zu der heute gültigen Fassung bestehen.

Arbeitsaufträge zu Q6:
1. Arbeiten Sie den Text durch.
2. Welche Entwicklungen vollziehen sich während der nationalsozialistischen Herrschaft in der Strafgesetzgebung?
3. Grenzen Sie die Unterschiede zur heutigen Rechtsprechung ab.

Arbeitsaufträge zu Q7:
1. Lesen Sie den Text durch.
2. Fassen Sie den Inhalt zusammen.
3. Fallen Ihnen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zu der heutigen Fassung des § 218 auf?

Arbeitsaufträge zu Q8:
1. Lesen Sie die Zusammenfassung des Gesetzes durch.
2. Welches Strafmaß für den Schwangerschaftsabbruch wird festgeschrieben?
3. Welche Ausnahmen gibt es?
4. Markieren Sie, welche Unterschiede zu der heute gültigen Fassung bestehen.

Auswertung:
Anhand der Ausarbeitungen der Schüler_innen erfolgt die Auswertung im Plenum und mit Hilfe der Lehrkraft. Die erarbeiteten Unterschiede oder Parallelen werden an der Tafel festgehalten. Hierbei werden Annahmen und Vorstellungen, die die Schüler_innen im Vorfeld geäußert haben, überprüft und gegebenenfalls berichtigt. Die Schüler_innen können erste Vermutungen über die jeweilige Sexualmoral anstellen, die in den nächsten Bausteinen wieder aufgegriffen werden. Die Schüler_innen sollen erkennen, dass Rechtsprechung trotz gesellschaftlicher und politischer Umbrüche meist achtsam vorgenommen wird. Dieser Kontinuitäten zum Trotz entwickeln sich zu jeder Zeit alternative Lebensformen und die Rollenbilder werden hinterfragt und weiter entwickelt.

Die Schüler_innen übernehmen abschließend das Tafelbild. Die Übersicht über die Paragraphen 218 kann als Grundlage für die weiteren Bausteine herangezogen werden.