Hidden from normal

In ihren_seinen Memoiren schildert Barbin eindrucksvoll ihre_seine Gemütszustände verbunden mit den körperlichen Leiden. 

Barbin lässt uns an ihrem_seinen Zustand von Glück bis zur Entblößung ihres_/seines innersten Geheimnisses teilhaben. Eindringlich schildert Barbin ihre_seine Gefühle für ihre_seine Mitmenschen: Liebe, Eifersucht, Schmerz und Verlangen.

  • Arbeitsblatt M 3 - Arbeitsaufträge zu Q3 - Q8
  • Arbeitsblatt M4 - Zeitstrahl

Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

Q4 (S. 24-25)

"Wenige Tage später trat ich als Kostschülerin in das Kloster von S ... ein. Die gute Schwester M ... hatte mich dorthin begleiten und mich selbst den Händen der Oberin dieses Hauses anvertrauen wollen.

Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ich beim Anblick dieser Frau empfing. Nie zuvor sah ich solch majestätische Größe und so ausdrucksvolle Schönheit unter der klösterlichen Tracht. Mutter Eleonore, so nannte man sie, gehörte, wie ich später erfuhr, dem höchsten Adel Schottlands an.

Ihre Haltung war stolz und flößte Achtung ein. Dennoch konnte man sich kein einnehmenderes, kein anziehenderes Gesicht denken. Sie sehen hieß sie lieben. Sie verband weitreichende Kenntnisse mit einer ungewöhnlichen Klugheit, die sie bei der Leitung der Geschäfte des Hauses unter Beweis gestellt hatte. Die unbeschränkte Anerkennung, die sie in der vornehmen Gesellschaft genoß, hatte in der Stadt eine Autorität aus ihr gemacht.

Sie verdiente diese Anerkennung in jeder Beziehung, das könnten andere als ich bestätigen. Am Tag, da ich diese Zeilen schreibe, ist sie schon nicht mehr am Leben, und ich fühle, daß ich sie immer vermissen werde. Ihr Andenken gehört noch immer zu den liebsten, die mir geblieben sind. Inmitten der unglaublichen Wirren meines Lebens habe ich mich gerne an ihr sanftes Engelslächeln erinnert und fühlte mich dann glücklicher."

Die folgenden Aufträge dienen der Kontextualisierung der gelesenen Quellenausschnitte. Durch das Benennen der Personen und gesellschaftlichen Bereiche (Auft. 1)  zu Barbins jeweiligem Lebensabschnitt erkennen die Schüler_innen die verschiedenen Einflüsse im Leben Barbins. Die Sachtexte (M 5 – M 8, Baustein 5) liefern dafür Hintergrundinformationen.

Im zweiten Schritt (Auft. 2) geht es um die Selbstwahrnehmung Barbins bezüglich ihrer_seiner Person sowie die Schilderungen Barbins, wie andere sie_ihn betrachten. Dadurch werden die Schüler_innen dafür sensibilisiert, dass Geschlecht im Fall Barbins keine feststehende Kategorie ist.

Die Schüler_innen erstellen einen Zeitstrahl, in dem sie chronologisch die Ereignisse aus dem Leben Barbins festhalten und mit den jeweiligen inneren (Barbin selbst) und äußeren (andere Personen) Wahrnehmungen.

Arbeitsaufträge (s. M 3):
Das im Zeitungsartikel des L’Écho rochelais beschriebene Ereignis bezieht sich auf die Lebensgeschichte von Herculine Barbin.

I. Lest und analysiert die folgenden Quellen (Q3-8), bei denen es sich um Ausschnitte aus Barbins Lebenserinnerungen handelt:

  • Benennt zu jeder Erinnerung Personen, mit denen sich Barbin auseinandersetzt und gesellschaftlichen Bereiche, mit denen diese Personen in Verbindung gebracht werden können.
  • Setzt die Quellen dafür in Beziehung zu den Texten zu Kirche, Kommunikationsmedien und Medizin im 19. Jahrhundert. Wendet eure Kenntnisse zu den Merkmalen von Selbstzeugnissen auf Barbins Erinnerungen an.

Arbeitet Folgendes heraus:

  • Barbins Darstellung davon, wie B. sich selbst wahrnimmt,
  • Barbins Darstellung davon, wie andere Personen B. wahrnehmen,

! Achtet besonders auf Gefühle/ Verhalten/ Bewertungen in Bezug auf Sexualität und Geschlecht!

II.  Die Quellenausschnitte (Q3-10) sind in chronologischer Reihenfolge aus Barbins Lebensgeschichte entnommen.

  • Erstellt nach folgender Struktur einen Zeitstrahl (s. M 4), auf welchem ihr Barbins Erinnerungen auflistet.                                               

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Abstract

In ihren_seinen Memoiren schildert Barbin eindrucksvoll ihre_seine Gemütszustände verbunden mit den körperlichen Leiden. 

Hintergrund

Barbin lässt uns an ihrem_seinen Zustand von Glück bis zur Entblößung ihres_/seines innersten Geheimnisses teilhaben. Eindringlich schildert Barbin ihre_seine Gefühle für ihre_seine Mitmenschen: Liebe, Eifersucht, Schmerz und Verlangen.

Quellen / Material
  • Arbeitsblatt M 3 - Arbeitsaufträge zu Q3 - Q8
  • Arbeitsblatt M4 - Zeitstrahl
  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

    Q4 (S. 24-25)

    "Wenige Tage später trat ich als Kostschülerin in das Kloster von S ... ein. Die gute Schwester M ... hatte mich dorthin begleiten und mich selbst den Händen der Oberin dieses Hauses anvertrauen wollen.

    Nie werde ich den Eindruck vergessen, den ich beim Anblick dieser Frau empfing. Nie zuvor sah ich solch majestätische Größe und so ausdrucksvolle Schönheit unter der klösterlichen Tracht. Mutter Eleonore, so nannte man sie, gehörte, wie ich später erfuhr, dem höchsten Adel Schottlands an.

    Ihre Haltung war stolz und flößte Achtung ein. Dennoch konnte man sich kein einnehmenderes, kein anziehenderes Gesicht denken. Sie sehen hieß sie lieben. Sie verband weitreichende Kenntnisse mit einer ungewöhnlichen Klugheit, die sie bei der Leitung der Geschäfte des Hauses unter Beweis gestellt hatte. Die unbeschränkte Anerkennung, die sie in der vornehmen Gesellschaft genoß, hatte in der Stadt eine Autorität aus ihr gemacht.

    Sie verdiente diese Anerkennung in jeder Beziehung, das könnten andere als ich bestätigen. Am Tag, da ich diese Zeilen schreibe, ist sie schon nicht mehr am Leben, und ich fühle, daß ich sie immer vermissen werde. Ihr Andenken gehört noch immer zu den liebsten, die mir geblieben sind. Inmitten der unglaublichen Wirren meines Lebens habe ich mich gerne an ihr sanftes Engelslächeln erinnert und fühlte mich dann glücklicher."

  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

    Q5 (S. 63)

    "War endlich das Gebet gesprochen und lagen die Schüler im Bett, plauderten meine Freundin und ich oft noch viele Stunden. Ich besuchte sie an ihrem Bett und war glücklich, ihr wie eine Mutter ihrem Kind kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen. Nach und nach wurde es mir zur Gewohnheit, sie auszuziehen. Löste sie eine Nadel ohne mich, war ich darauf beinahe eifersüchtig! Diese Einzelheiten werden belanglos erscheinen, sind aber wichtig."

     

  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

    Q6 (S. 66-67)

    "Ich war traurig und verlegen... Ein tröstendes Lächeln meiner Freundin ließ mich manchmal die schrecklichen Qualen meiner Seele vergessen! ...

    Heftige körperliche Schmerzen waren dann zu dem inneren Übel hinzugekommen. Es waren solche Schmerzen, daß ich mehr als einmal mein Ende gekommen fühlte.

    Es waren namenlose, unerträgliche Qualen, die, wie ich später erfahren habe, wirklich gefährlich waren. Ein unerhörtes Wunder befreite mich davon! Ich hatte es Sara gestanden; sie drängte mich heftig, einen Arzt aufzusuchen, und drohte, es ihrer Mutter zu sagen; ich aber lehnte hartnäckig ab.

    Diese Schmerzen traten vor allem nachts auf und machten es mir unmöglich, auch nur den leisesten Schrei auszustoßen. Man stelle sich meine Angst vor! Ich hätte sterben können, ohne einen Laut von mir gegeben zu haben!!

    Ich war glücklich über den nur allzu wahren Vorwand, unter dem ich eines Abends meine Freundin bat, mein Bett zu teilen. Sie willigte gerne ein. Unmöglich, das Glück zu beschreiben, das ich über ihre Anwesenheit an meiner Seite empfand Ich war verrückt vor Freude! Wir plauderten lange, bevor wir einschliefen; ich hatte beide Arme um ihre Taille gelegt, ihr Gesicht ruhte dicht an meinem! Mein Gott! Habe ich mich schuldig gemacht? Und muß ich mich hier deshalb eines Verbrechens beschuldigen? Nein, nein! ... Es war nicht meine Schuld, sondern die eines beispiellosen Verhängnisses, dem ich mich nicht widersetzen konnte!!! Sara gehörte von nun an mir!! ... Sie war mein!!! ... Das, was uns nach der natürlichen Ordnung der Dinge in der Welt trennen mußte, hatte uns vereint!!! Man stelle sich, wenn das überhaupt möglich ist, unser beider Lage vor!

    Da es uns bestimmt war, in der ständigen Intimität zweier Schwestern zu leben, mußten wir das überwältigende Geheimnis, das uns aneinander band, jetzt vor allen verheimlichen!!! Ein solches Leben kann man sich unmöglich vorstellen! Genossen wir nicht ein Glück, das durch einen unvorhergesehenen Umstand ans Licht kommen und uns mit öffentlicher Mißbilligung brandmarken konnte! Arme Sara! Welche schrecklichen Ängste hat sie durch mich ausgestanden!"

  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

    Q7 (S. 82-83)

    "Der Arzt stand vor meinem Bett und betrachtete mich mit interessierter Aufmerksamkeit. Leise Ausrufe wie etwa: » Mein Gott! wäre das möglich!« entfuhren ihm.
    Ich entnahm seinen Gesten, daß er seine Untersuchung gerne bei hellem Licht fortgesetzt hätte!!! ...

    Meine Decke wurde zurückgeschlagen. Meine in Unordnung geratenen Kleider ließen meinen Oberkörper sehen! Die Hand des Arztes wanderte unentschlossen, zitternd bis zum Unterleib, dem Sitz meines Leidens. Bei dem vielen Abtasten muß sie darauf gedrückt haben, denn ich schrie gellend auf und stieß sie zugleich energisch zurück. Da setzte er sich an meine Seite und bat mich sanft, wieder Mut zu fassen; auch er selbst hatte das zweifellos nötig. Sein verzerrtes Gesicht verriet eine außerordentliche Unruhe. »Ich bitte Sie«, sagte ich zu ihm, »lassen Sie mich. Sie töten mich!« - »Mademoiselle, ich bitte Sie nur noch um eine Minute Geduld, dann werde ich fertig sein.« Schon glitt seine Hand wieder unter mein Laken und hielt an der empfindlichen Stelle inne. Sie drückte mehrmals, wie um dort die Lösung eines schwierigen Problems zu finden. Aber sie blieb nicht dort!!! Er hatte die Erklärung gefunden, die er suchte! Aber es war leicht zu erkennen, daß sie alle seine Erwartungen übertraf!

    Den armen Mann erfaßte eine schreckliche Erregung! Abgerissen drangen die Sätze aus seinem Mund, als hätte er Angst, sie auszusprechen. Ich hätte ihn hundert Fuß tief unter die Erde gewünscht!!!

    Madame P ... verstand überhaupt nichts. Aus Mitleid mit mir wollte sie der Szene ein Ende machen und zog den Arzt mit sich fort.
    »Leben Sie wohl, Mademoiselle«, sagte dieser mit leisem Lächeln zu mir; »wir sehen uns wieder!!!" 

  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin

    Q8 (S. 91-92)

    "Es mißfiel mir, wie er ungebeten in meine teuersten Geheimnisse vordrang, und ich antwortete ihm nicht sehr gewählt auf einige seiner Bemerkungen, die ich als Verletzung auffaßte.

    »Sie müssen«, sagte er da zu mir, »in mir jetzt nicht nur einen Arzt, sondern auch einen Beichtvater sehen. Ich muß alles sehen, also muß ich auch alles wissen. Der Augenblick ist schwer für Sie, vielleicht mehr als Sie denken. Ich muß für Sie guten Gewissens bürgen können [...] ohne Zweifel auch gegenüber dem Gesetz, das mich als Zeugen anrufen wird.« Ich erspare es mir, hier auf jede Einzelheit dieser Untersuchung einzugehen, nach der die Wissenschaft sich zufrieden gab.

    Es war nun seine Aufgabe, einen Irrtum, der jenseits aller gewöhnlichen Regeln begangen worden war, berichtigen zu lassen. Dafür mußte ein Urteil zur Richtigstellung meines Personenstandes angestrengt werden.

    »Offengestanden«, sagte der gute Arzt zu mir, »hatte Ihre Mutter eine gute Hand, als sie Sie Camille nannte. Geben Sie mir die Hand, Mademoiselle; in Kürze werden wir Sie anders anreden. Ich verlasse Sie nun, um mich in die bischöfliche Residenz zu begeben. Ich weiß nicht, welche Entscheidung Monseigneur treffen wird, aber ich zweifle daran, daß er Ihnen erlauben wird, nach L. " zurückzukehren. Diesbezüglich ist Ihre Stellung verloren; sie kann nicht geduldet werden. Was mich erstaunt, ist, daß mein Kollege in L ... sich so kompromittiert hat, indem er Sie so lange Zeit dort bleiben ließ, obwohl er wußte, was Sie sind. Was Madame P ... betrifft, so ist ihre Einfalt unerklärlich.« Er richtete darauf einige ermutigende Worte an meine arme Mutter, deren Bestürzung grenzenlos war. »Es ist wahr, Sie haben Ihre Tochter verloren«, sagte er zu ihr, »aber dafür bekommen Sie einen Sohn, den Sie nicht erwartet haben."

Arbeitsaufträge

Die folgenden Aufträge dienen der Kontextualisierung der gelesenen Quellenausschnitte. Durch das Benennen der Personen und gesellschaftlichen Bereiche (Auft. 1)  zu Barbins jeweiligem Lebensabschnitt erkennen die Schüler_innen die verschiedenen Einflüsse im Leben Barbins. Die Sachtexte (M 5 – M 8, Baustein 5) liefern dafür Hintergrundinformationen.

Im zweiten Schritt (Auft. 2) geht es um die Selbstwahrnehmung Barbins bezüglich ihrer_seiner Person sowie die Schilderungen Barbins, wie andere sie_ihn betrachten. Dadurch werden die Schüler_innen dafür sensibilisiert, dass Geschlecht im Fall Barbins keine feststehende Kategorie ist.

Die Schüler_innen erstellen einen Zeitstrahl, in dem sie chronologisch die Ereignisse aus dem Leben Barbins festhalten und mit den jeweiligen inneren (Barbin selbst) und äußeren (andere Personen) Wahrnehmungen.

Arbeitsaufträge (s. M 3):
Das im Zeitungsartikel des L’Écho rochelais beschriebene Ereignis bezieht sich auf die Lebensgeschichte von Herculine Barbin.

I. Lest und analysiert die folgenden Quellen (Q3-8), bei denen es sich um Ausschnitte aus Barbins Lebenserinnerungen handelt:

  • Benennt zu jeder Erinnerung Personen, mit denen sich Barbin auseinandersetzt und gesellschaftlichen Bereiche, mit denen diese Personen in Verbindung gebracht werden können.
  • Setzt die Quellen dafür in Beziehung zu den Texten zu Kirche, Kommunikationsmedien und Medizin im 19. Jahrhundert. Wendet eure Kenntnisse zu den Merkmalen von Selbstzeugnissen auf Barbins Erinnerungen an.

Arbeitet Folgendes heraus:

  • Barbins Darstellung davon, wie B. sich selbst wahrnimmt,
  • Barbins Darstellung davon, wie andere Personen B. wahrnehmen,

! Achtet besonders auf Gefühle/ Verhalten/ Bewertungen in Bezug auf Sexualität und Geschlecht!

II.  Die Quellenausschnitte (Q3-10) sind in chronologischer Reihenfolge aus Barbins Lebensgeschichte entnommen.

  • Erstellt nach folgender Struktur einen Zeitstrahl (s. M 4), auf welchem ihr Barbins Erinnerungen auflistet.