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Unterricht Die Pille und die sexuelle Revolution

Mit der Pille wurde ein sicheres, unkompliziertes Verhütungsmittel auf den Markt gebracht, das eine sexuelle Revolution auslöste.

Für die einen bedeutete die Pille die Befreiung der Frau, die nun endgültig darüber bestimmen konnte, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommt, ohne vom Mann abhängig zu sein. Für die Anderen wiederum überwog die Gefahr, dass Frauen jetzt immer und überall verfügbar sein mussten und dadurch erst recht zum Lustobjekt der Männer verkämen, die sich nun überhaupt nicht mehr um Verhütung sorgen brauchten.

  • Q15: „Stern“ Titelbild vom 06. Juni 1971: „Wir haben abgetrieben!“
    Q15: „Stern“ Titelbild vom 06. Juni 1971: „Wir haben abgetrieben!“ [http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/stern1971_web1.jpg [letzter Zugriff: 13.01.2014]]

Q16: Karl-Heinz Mehlan: Wunschkinder

Karl Heinz Mehlan, ehemaliger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Ehe und Familie“ in der DDR,  begrüßte in seiner Studie die Pille als Möglichkeit zur bestmöglichen Familienplanung.
„Wissenschaft und Technik haben die Methoden und Mittel zur praktischen Empfängnisverhütung bereitgestellt […] Wir halten die Befreiung des Menschen von allen Unbilden der Natur und damit auch von der dauernden Verkettung seiner Sexualität mit unerwünschter Fortpflanzung für menschengerecht. Die Ausweglosigkeit, in die sich zahlreiche Frauen aus Angst vor ungewollten Schwangerschaften versetzt sehen, ist für uns mit dem Streben nach Menschlichkeit nicht vereinbar. […] In der Vermittlung von Kenntnissen über die antikonzeptiven Methoden sehen wir darüber hinaus eine weitere wichtige Voraussetzung für Kinder nach Wunsch. […] Jeden Abend vor  dem Schlafengehen nehmen über 20 Millionen Frauen täglich die Wunschkind-Pille, fälschlich Anti-Baby-Pille genannt. Das Präparat befreite Millionen Frauen von der ständigen Angst vor einer unerwünschten Schwangerschaft: Sie schuf ein neues Sexualgefühl. Den Frauen wurde eine neue Freiheit verwirklicht. Zum ersten Mal tritt die Frau dem Manne als physisch gleichberechtigter Sexualpartner gegenüber. […] Alles spielt sich so ab, als würde überhaupt kein Verhütungsmittel benutzt. Sämtliche Funktionen der Frauen bleiben erhalten. Eine aber hat sich ihrem Wunsch untergeordnet: die Empfängnis.“

[Karl-Heinz Mehlan: Wunschkinder, Berlin 1969, S.78 und 110. zit. nach: Bärbel Kuhn: Anti-Baby-Pille und §218. Die „sexuelle Revolution“ und die Frauen. In: Geschichte lernen. 86/2002, S. 40-45. hier: S. 44.]

Erarbeitung 1:
Das berühmte „Stern“ Titelbild (Q15) soll als Ausgangspunkt dienen, um im Unterrichtsgespräch über die Sexualmoral in Westdeutschland zu informieren. Den Schüler_innen soll (ggf. per Lehrer_innenvortrag) deutlich werden, wie konservativ die Gesellschaft vor allem in Bezug auf das Geschlechtsleben war. Ihnen soll die Umbruchstimmung klar werden, in der die Diskussion um die Pille stattfand.
Mögliche Fragestellungen zu Q15:
Was, glauben Sie, löste diese Ausgabe für eine Debatte in der Gesellschaft aus? Inwiefern spiegelt sich die Sexualmoral in Westdeutschland wider, und was wird daran kritisiert?
Erarbeitung 21:

Die Schüler_innen bearbeiten die Quellen gemäß den Aufgabenstellungen. Die Ergebnisse sollen stichpunktartig festgehalten und anschließend im Plenum verglichen werden.
Je nach Leistungsstand kann die Quellenkritik vorher gemeinsam im Unterrichtsgespräch erarbeitet werden.
Aufgabenstellungen zu Q16-18:

  1. Lesen Sie die Quellen! Halten Sie jeweils die Argumente für und gegen die Einnahme der Anti-Baby-Pille fest!
  2. Üben Sie Quellenkritik. Wer hat wann, wie, wo, warum die Texte veröffentlicht?
  3. Vergleichen Sie die Texte! Wie werden Schwangerschaft, Mutterschaft und Sexualität bewertet? Charakterisieren Sie vergleichend das Frauen- und Männerbild, das hinter den Texten steckt.
  • 1.  Aufgaben und Quellen sind tlw. aus: Bärbel Kuhn: Anti-Baby-Pille und §218. Die „sexuelle Revolution“ und die Frauen. In: Geschichte lernen. 86/2002 S.40 – 45.

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Unterricht Die Pille und die sexuelle Revolution
Abstract

Mit der Pille wurde ein sicheres, unkompliziertes Verhütungsmittel auf den Markt gebracht, das eine sexuelle Revolution auslöste.

Hintergrund

Für die einen bedeutete die Pille die Befreiung der Frau, die nun endgültig darüber bestimmen konnte, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommt, ohne vom Mann abhängig zu sein. Für die Anderen wiederum überwog die Gefahr, dass Frauen jetzt immer und überall verfügbar sein mussten und dadurch erst recht zum Lustobjekt der Männer verkämen, die sich nun überhaupt nicht mehr um Verhütung sorgen brauchten.

Quellen / Material
  • Q15: „Stern“ Titelbild vom 06. Juni 1971: „Wir haben abgetrieben!“
    Q15: „Stern“ Titelbild vom 06. Juni 1971: „Wir haben abgetrieben!“ [http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/stern1971_web1.jpg [letzter Zugriff: 13.01.2014]]
  • Q16: Karl-Heinz Mehlan: Wunschkinder

    Karl Heinz Mehlan, ehemaliger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Ehe und Familie“ in der DDR,  begrüßte in seiner Studie die Pille als Möglichkeit zur bestmöglichen Familienplanung.
    „Wissenschaft und Technik haben die Methoden und Mittel zur praktischen Empfängnisverhütung bereitgestellt […] Wir halten die Befreiung des Menschen von allen Unbilden der Natur und damit auch von der dauernden Verkettung seiner Sexualität mit unerwünschter Fortpflanzung für menschengerecht. Die Ausweglosigkeit, in die sich zahlreiche Frauen aus Angst vor ungewollten Schwangerschaften versetzt sehen, ist für uns mit dem Streben nach Menschlichkeit nicht vereinbar. […] In der Vermittlung von Kenntnissen über die antikonzeptiven Methoden sehen wir darüber hinaus eine weitere wichtige Voraussetzung für Kinder nach Wunsch. […] Jeden Abend vor  dem Schlafengehen nehmen über 20 Millionen Frauen täglich die Wunschkind-Pille, fälschlich Anti-Baby-Pille genannt. Das Präparat befreite Millionen Frauen von der ständigen Angst vor einer unerwünschten Schwangerschaft: Sie schuf ein neues Sexualgefühl. Den Frauen wurde eine neue Freiheit verwirklicht. Zum ersten Mal tritt die Frau dem Manne als physisch gleichberechtigter Sexualpartner gegenüber. […] Alles spielt sich so ab, als würde überhaupt kein Verhütungsmittel benutzt. Sämtliche Funktionen der Frauen bleiben erhalten. Eine aber hat sich ihrem Wunsch untergeordnet: die Empfängnis.“

    [Karl-Heinz Mehlan: Wunschkinder, Berlin 1969, S.78 und 110. zit. nach: Bärbel Kuhn: Anti-Baby-Pille und §218. Die „sexuelle Revolution“ und die Frauen. In: Geschichte lernen. 86/2002, S. 40-45. hier: S. 44.]

  • Q17: Alice Schwarzer in „Emma“ April 1977

    Alice Schwarzer in der Frauenzeitschrift „Emma“
    „Wenn es um Vermeidung ungewollter Schwangerschaften geht, ist immer von Verhütung die Rede. Verhütung dank Pille und Pessar, dank Kondom, Sterilisation und Ich-weiß-nicht-was-noch-alles. Von unserem armen Körper wollen wir gar nicht reden. Kein Preis ist uns zu hoch für die Gewissheit, nicht ungewollt für die nächsten zwanzig Jahre Mütter sein zu müssen. Kein Verhütungsmittel ist ideal. Alle gehen auf Kosten der Frauen. Das sicherste Mittel, die Pille, bleibt uns heute – nach dem ersten Enthusiasmus – förmlich im Halse stecken! Gründe gibt es genug: Sie schadet unserer Gesundheit und belastet unsere Psyche durch die selbstverständliche Erwartung vieler Männer, dass wir sie schlucken. Resultat: Wir haben sexuell verfügbarer zu sein denn je zuvor.“

    [Alice Schwarzer: Penetration, In: Emma, April 1977, zit. nach: Bärbel Kuhn: Anti-Baby-Pille und §218. Die „sexuelle Revolution“ und die Frauen. In: Geschichte lernen. 86/2002, S.40-45. hier: S. 43.]

  • Q18: Ute Kätzel: „68erinnen“

    Die Autorin Ute Kätzel führte zwischen 1998 und 2000 Interviews mit Protagonistinnen der Studenten- und der Neuen Frauenbewegung. Sie kommt zu folgendem Urteil:
    „Eine `Befreiung´ hatte insofern tatsächlich stattgefunden, als sich nun auch Frauen anders verhalten konnten, als es von ihren Müttern verlangt worden war. Dazu gehörte der Umgang mit der eigenen sexuellen Lust und die Möglichkeit, Erfahrungen mit mehr als einem Sexualpartner zu sammeln. Die sexuelle Revolution bot allerdings keinen Freiraum für Frauen, die den Käfig traditioneller Geschlechterbeziehungen verlassen wollten. […]
    Die sogenannte sexuelle Befreiung bedeutete für viele Frauen eine neue Form der Bevormundung, die in scheinbar gesellschaftskritischen Sprüchen ihren Ausdruck findet: `Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.´“

    [Kätzel, Ute: Vorwort. In: Dies.: 68erinnen, S.9-18 hier S.17. Zit. nach: Silies, Eva-Maria: Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationenerfahrung in der Bundesrepublik 1960 – 1980.(=Veröffentlichungen des DFG-Graduiertenkollegs „Generationengeschichte“, Bd. 4), Göttingen 2010, S. 361.]

Arbeitsaufträge

Erarbeitung 1:
Das berühmte „Stern“ Titelbild (Q15) soll als Ausgangspunkt dienen, um im Unterrichtsgespräch über die Sexualmoral in Westdeutschland zu informieren. Den Schüler_innen soll (ggf. per Lehrer_innenvortrag) deutlich werden, wie konservativ die Gesellschaft vor allem in Bezug auf das Geschlechtsleben war. Ihnen soll die Umbruchstimmung klar werden, in der die Diskussion um die Pille stattfand.
Mögliche Fragestellungen zu Q15:
Was, glauben Sie, löste diese Ausgabe für eine Debatte in der Gesellschaft aus? Inwiefern spiegelt sich die Sexualmoral in Westdeutschland wider, und was wird daran kritisiert?
Erarbeitung 21:

Die Schüler_innen bearbeiten die Quellen gemäß den Aufgabenstellungen. Die Ergebnisse sollen stichpunktartig festgehalten und anschließend im Plenum verglichen werden.
Je nach Leistungsstand kann die Quellenkritik vorher gemeinsam im Unterrichtsgespräch erarbeitet werden.
Aufgabenstellungen zu Q16-18:

  1. Lesen Sie die Quellen! Halten Sie jeweils die Argumente für und gegen die Einnahme der Anti-Baby-Pille fest!
  2. Üben Sie Quellenkritik. Wer hat wann, wie, wo, warum die Texte veröffentlicht?
  3. Vergleichen Sie die Texte! Wie werden Schwangerschaft, Mutterschaft und Sexualität bewertet? Charakterisieren Sie vergleichend das Frauen- und Männerbild, das hinter den Texten steckt.
  • 1.  Aufgaben und Quellen sind tlw. aus: Bärbel Kuhn: Anti-Baby-Pille und §218. Die „sexuelle Revolution“ und die Frauen. In: Geschichte lernen. 86/2002 S.40 – 45.