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Unterricht Emanzipationsbewegung der Schwulen und Lesben in der DDR

Bei der Betrachtung der Bemühungen und der Schwierigkeiten der Emanzipationsbewegungen in der DDR wird verdeutlicht, dass die Tabuisierung bestimmter Geschlechterbeziehungen für die Betroffenen große Einschränkungen und Diskriminierungen im Alltag bedeutet.

Dass Zuordnungen wie „heterosexuell“ und „homosexuell“ oder gar „natürliche Liebe“ und „unnatürliche Liebe“ eben keineswegs „natürlich“ oder selbstverständlich sind, sondern als Konstrukte der jeweiligen Gesellschaft angesehen werden müssen 1, kann bei der Betrachtung der Situation Homosexueller in der DDR anschaulich vermittelt werden: Die medizinischen Diskurse und die Bemühungen der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR blieben nicht ohne Wirkung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Homosexuellen und ihren Rechtsstatus. Bei der Betrachtung der Bemühungen und der Schwierigkeiten der Emanzipationsbewegungen in der DDR wird verdeutlicht, dass die Tabuisierung bestimmter Geschlechterbeziehungen für die Betroffenen große Einschränkungen und Diskriminierungen im Alltag bedeutet. 2 Dies bietet einen Anlass, mit den Schüler_innen zusammen darüber nachzudenken, in wie fern die Anerkennung der Vielheit der Geschlechter Teil einer pluralistischen Gesellschaft sein sollte. 3

  • 1. vgl. Degele Gender/Queer Studies, S. 84ff.
  • 2. vgl. Thinius, Erfahrungen schwuler Männer, S. 38-46.
  • 3.  vgl. Sillge, Un-Sichtbare Frauen, S. 99-103. und Thinius, Erfahrungen schwuler Männer, S. 46-49.

Q17:  Eduard Stapel über seine Arbeit in der Schwulenbewegung 1

Starke: Wann würdest du den Beginn der Schwulenbewegung in der DDR datieren?

Stapel: Eigentlich schon mit den ersten Versuchen des Dresdener Arztes Albert Klimmer in den 50er Jahren, von dem ich allerdings nicht viel weiß. In den 60er Jahren ist, soweit ich weiß, nichts passiert. Dann die Versuche der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin ab 1973. Und Ende der 70er Jahre mit Uschi Sillge in Berlin. Was den Beginn der institutionalisierten Bewegung betrifft: Das wäre dann 1982. Doch davor sind eben auch schon Versuche unternommen worden.

Starke: Was ist 1982 passiert?

Stapel: Die Gründung des ersten Arbeitskreises „Homosexualität“ der Evangelischen Studentengemeinde hier in Leipzig. [...]
Starke: Warum hat das die Kirche damals einfach gemacht? Ich meine, die Kirche hat ihr eigenes Verhältnis zur Homosexualität, Ich habe mich gefragt: Warum nimmt sich ausgerechnet die Kirche der Homosexuellen an?

Stapel: Es gibt eben nicht „die“ Kirche. Es gibt bei solchen Fragen eine Bandbreite von totaler Ablehnung bis Zustimmung, Es war ja auch nicht überall und nicht überall sofort möglich, solche Arbeitskreise einzurichten. Aber gerade hier in Leipzig gab es einen Studentenpfarrer, Vertreter der Studenten und eben den Kirchengemeinderat, die, nachdem wir ihnen das erklärt hatten, zustimmten und meinten, dass man genau die tun müsste, dass Kirche aufarbeiten und Defizite ausgleichen muss. So hat das schließlich vielerorts geklappt. Zum Schluss bestanden 22 solcher kirchlicher Arbeitskreise überall in der DDR. [...]

Starke: Als dann gegen Ende der 80er Jahre nichtkirchliche Arbeitkreise entstanden: Wie hast du dich zu diesen Gruppen gestellt?

Stapel: Ich fand es gut, denn da war ja unser Ziel erreicht, nämlich die Enttabuierung des Themas beim Staat. Zum anderen war es wichtig, dass auch außerhalb der Kirche das Thema in Gruppen da war. Mich hat dann eben nur gestört, dass es keine Arbeitskreise waren oder keine Arbeitsgruppen (musste ja nicht der gleiche Name sein), die alle 14 Tage ein Thema machen. Das war mein Ziel: Schwulen-Volkshochschule. Dass die Schwulen was lernen zum Thema. Die nicht kirchlichen Gruppen haben im wesentlichen Kultur gemacht. Vermutlich wollten sie das so, um Leute anzuziehen – Schwule wollen ja nicht immer nur über ein Thema arbeiten. Wahrscheinlich durften sie manches auch nicht. Diese nichtkirchlichen Gruppen haben dafür gearbeitet, dass innerhalb der engen Grenzen hier in der DDR die Schwulen besser leben können, während wir die Grenzen wesentlich erweitern wollten. [...]

Starke: Wie ging das dann weiter? Du bist ja nicht in Leipzig geblieben.

Stapel: Das war Zufall. Ich bin nach Magdeburg gegangen, dort ging meine Ausbildung weiter. Das eigentliche Ereignis für unsere schnelle Ausbreitung ist das Lutherjahr 1983 mit sieben Kirchentagen gewesen. Der Staat hat immer einen zentralen nicht gewollt, da wurden im Lutherjahr eben sieben gemacht, von Rostock bis Dresden. Auf den Kirchentagen gab es Märkte der Möglichkeiten, und da haben wir versucht, für unsere Arbeit zu werben. Es hat nicht immer geklappt, und es war auch nicht problemlos, aber wir konnten uns schließlich auf fünf Kirchentagen produzieren. Das war der entscheidende Punkt für die schnelle Ausbreitung der Arbeitskreise „Homosexualität“. Das andere ist, dass ich durch die Gegend gefahren bin und die Leute zusammengesucht habe. Ich bin auf die Klappen in Dresden, Erfurt oder Halle gegangen und habe gesagt: Wollt ihr ewig hier rumstehen? Kommt, wir machen so eine Gruppe.

Starke: Tatsächlich?

Stapel: Ja. So haben wir übrigens hier in Leipzig auch angefangen. Ich habe an der Klappe am Rathaus gestanden und die Leute angesprochen. Manche haben gesagt, du hast wohl einen Vogel. Ein paar haben sich aber auch locken lassen, aus welchen Gründen auch immer. Ich kannte bis dahin ja auch fast niemanden. Aber wenn man erst – das ist wie so’n Schneeball – den einen kennt, dann kennt man bald die Freundeskreise dahinter. Und aus dieser Masse von Schwulen fand man dann eben (jedenfalls zu dieser Zeit) genug Leute, die mehr wünschten als nur Kaffeerunden und Feten und sich statt dessen auch mal über die Sache an sich unterhalten, was lernen wollte - Bücher gab es es ja zu der Zeit auch nicht, jedenfalls nicht genug - und eben auch politisch was erreichen wollten. [...]

Starke: Die Arbeitskreise hießen „Homosexualität“. Schloss das Schwule und Lesben ein?

Stapel: Zunächst ja. Aber die Frauen haben bald gemerkt, dass Schwule auch Männer sind und sie dominieren und dass ihre Themen deshalb, und weil sie auch nur wenige waren, nicht zum Zuge kamen. Sie haben die Arbeit verlassen, je Ort jeweils anders. In manchen Städten sind Schwule und Lesben auch zusammengeblieben, aber in ganz wenigen nur.

  • 1. Eduard Stapel: Vom Arbeitskreis „Homosexualität“ der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig zum Schwulenverband in Deutschland, in: Berth Thinius, Kurt Starke und Eduard Stapel (Hg.): Schwuler Osten. Homosexuelle Männer in der DDR, Berlin 1994, S. 91-110. 

Die Schüler_innen erarbeiten sich den Umgang mit Homosexualität in der DDR aus zwei bis vier verschiedenen Perspektiven. Dafür werden die Schüler_innen in Gruppen aufgeteilt und die Gruppen den verschiedenen Perspektiven zugeteilt. Bei der Betrachtung der einzelnen Perspektiven können die Schüler_innen der Frage nachgehen, inwiefern die Kategorie „Geschlecht“ eine Gesellschaft bestimmt. Bei der Analyse der Quellen zu den Emanzipationsbewegungen sollen die Schüler_innen vor allem darauf achten, wie die Homosexuellen in der DDR durch bestimmte Normen ausgegrenzt wurden und zu welchen Strategien sich die kirchlichen und weltlichen emanzipatorischen Gruppen jeweils gezwungen sahen.

leichzeitig können die Schüler_innen durch das Interpretieren und Vergleichen der einzelnen Quellen feststellen, dass auch diese gesellschaftlichen Normen Konstrukte darstellten, denen Annahmen zu Grunde lagen, die keineswegs zwangsläufig oder unveränderlich waren. Die Schüler_innen halten die Ergebnisse auf Plakaten fest, um ihre jeweilige Perspektive den anderen Gruppen vorstellen zu können. Die Präsentation der Plakate geschieht dabei nicht im Plenum, sondern in einem Rundgang in Kleingruppen, um möglichst alle Schüler_innen zu aktivieren und zur Auseinandersetzung mit den Plakaten zu veranlassen.

Im sich anschließenden Stuhlkreis sollen die Schüler_innen ihre Argumente vorstellen und gemeinsam überlegen, wie sich die verschiedenen Perspektiven, Diskurse und Aktivitäten beeinflusst haben.

Aufgaben zu Q17-Q18:

  1. Untersucht die vorliegenden Quellenausschnitte unter der Leitfrage, wie die Machtverhältnisse in der DDR die Schwulen- und Lesbenbewegung von den 1970er Jahren an bis zum Ende der DDR geprägt haben. Die folgenden Fragen und Teilaufgaben dienen dir dabei als Orientierung:

    a) Wie sah das öffentliche Leben von Schwulen und Lesben in der DDR aus? Welche staatlichen Gegebenheiten haben die Gründung von Schwulen- und Lesbenbewe-gungen erschwert oder verhindert? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen entstanden daraus für das Leben von Lesben und Schwulen?
    b) Welche Strategien haben Lesben und Schwule entwickelt, um sich politisch und kulturell zu engagieren und schwule oder lesbische Begegnungen zu ermöglichen? Worin unterscheiden bzw. gleichen sich die kirchlichen und weltlichen Gruppen der Homosexuellen?

     

  2. Haltet Eure Ergebnisse auf einem Plakat fest!
  3. Präsentiert euer Plakat den übrigen Gruppen!
  4. Heftet eure Plakate an die Tafel! Bei der Präsentation der Plakate habt ihr sicherlich gemerkt, dass ihr in euren Gruppen den Umgang mit Homosexualität aus je einer anderen Perspektive erarbeitet habt. Bildet jetzt einen Stuhlkreis und diskutiert gemeinsam, in wie fern sich diese vier Auffassungen/ Diskurse beeinflusst haben!

    Hinweis: Beantwortet dafür zum Beispiel folgende Fragen:
    1) Inwiefern stimmen die Entwicklung des medizinisch-ethischen Diskurses und die Entwicklung des Strafrechts überein?
    2) Welchen Einfluss hatten die Aktivitäten der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung in der DDR auf den dortigen Umgang mit Homosexualität?


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Unterricht Emanzipationsbewegung der Schwulen und Lesben in der DDR
Abstract

Bei der Betrachtung der Bemühungen und der Schwierigkeiten der Emanzipationsbewegungen in der DDR wird verdeutlicht, dass die Tabuisierung bestimmter Geschlechterbeziehungen für die Betroffenen große Einschränkungen und Diskriminierungen im Alltag bedeutet.

Hintergrund

Dass Zuordnungen wie „heterosexuell“ und „homosexuell“ oder gar „natürliche Liebe“ und „unnatürliche Liebe“ eben keineswegs „natürlich“ oder selbstverständlich sind, sondern als Konstrukte der jeweiligen Gesellschaft angesehen werden müssen 1, kann bei der Betrachtung der Situation Homosexueller in der DDR anschaulich vermittelt werden: Die medizinischen Diskurse und die Bemühungen der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR blieben nicht ohne Wirkung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Homosexuellen und ihren Rechtsstatus. Bei der Betrachtung der Bemühungen und der Schwierigkeiten der Emanzipationsbewegungen in der DDR wird verdeutlicht, dass die Tabuisierung bestimmter Geschlechterbeziehungen für die Betroffenen große Einschränkungen und Diskriminierungen im Alltag bedeutet. 2 Dies bietet einen Anlass, mit den Schüler_innen zusammen darüber nachzudenken, in wie fern die Anerkennung der Vielheit der Geschlechter Teil einer pluralistischen Gesellschaft sein sollte. 3

  • 1. vgl. Degele Gender/Queer Studies, S. 84ff.
  • 2. vgl. Thinius, Erfahrungen schwuler Männer, S. 38-46.
  • 3.  vgl. Sillge, Un-Sichtbare Frauen, S. 99-103. und Thinius, Erfahrungen schwuler Männer, S. 46-49.
Quellen / Material
  • Q17:  Eduard Stapel über seine Arbeit in der Schwulenbewegung 1

    Starke: Wann würdest du den Beginn der Schwulenbewegung in der DDR datieren?

    Stapel: Eigentlich schon mit den ersten Versuchen des Dresdener Arztes Albert Klimmer in den 50er Jahren, von dem ich allerdings nicht viel weiß. In den 60er Jahren ist, soweit ich weiß, nichts passiert. Dann die Versuche der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin ab 1973. Und Ende der 70er Jahre mit Uschi Sillge in Berlin. Was den Beginn der institutionalisierten Bewegung betrifft: Das wäre dann 1982. Doch davor sind eben auch schon Versuche unternommen worden.

    Starke: Was ist 1982 passiert?

    Stapel: Die Gründung des ersten Arbeitskreises „Homosexualität“ der Evangelischen Studentengemeinde hier in Leipzig. [...]
    Starke: Warum hat das die Kirche damals einfach gemacht? Ich meine, die Kirche hat ihr eigenes Verhältnis zur Homosexualität, Ich habe mich gefragt: Warum nimmt sich ausgerechnet die Kirche der Homosexuellen an?

    Stapel: Es gibt eben nicht „die“ Kirche. Es gibt bei solchen Fragen eine Bandbreite von totaler Ablehnung bis Zustimmung, Es war ja auch nicht überall und nicht überall sofort möglich, solche Arbeitskreise einzurichten. Aber gerade hier in Leipzig gab es einen Studentenpfarrer, Vertreter der Studenten und eben den Kirchengemeinderat, die, nachdem wir ihnen das erklärt hatten, zustimmten und meinten, dass man genau die tun müsste, dass Kirche aufarbeiten und Defizite ausgleichen muss. So hat das schließlich vielerorts geklappt. Zum Schluss bestanden 22 solcher kirchlicher Arbeitskreise überall in der DDR. [...]

    Starke: Als dann gegen Ende der 80er Jahre nichtkirchliche Arbeitkreise entstanden: Wie hast du dich zu diesen Gruppen gestellt?

    Stapel: Ich fand es gut, denn da war ja unser Ziel erreicht, nämlich die Enttabuierung des Themas beim Staat. Zum anderen war es wichtig, dass auch außerhalb der Kirche das Thema in Gruppen da war. Mich hat dann eben nur gestört, dass es keine Arbeitskreise waren oder keine Arbeitsgruppen (musste ja nicht der gleiche Name sein), die alle 14 Tage ein Thema machen. Das war mein Ziel: Schwulen-Volkshochschule. Dass die Schwulen was lernen zum Thema. Die nicht kirchlichen Gruppen haben im wesentlichen Kultur gemacht. Vermutlich wollten sie das so, um Leute anzuziehen – Schwule wollen ja nicht immer nur über ein Thema arbeiten. Wahrscheinlich durften sie manches auch nicht. Diese nichtkirchlichen Gruppen haben dafür gearbeitet, dass innerhalb der engen Grenzen hier in der DDR die Schwulen besser leben können, während wir die Grenzen wesentlich erweitern wollten. [...]

    Starke: Wie ging das dann weiter? Du bist ja nicht in Leipzig geblieben.

    Stapel: Das war Zufall. Ich bin nach Magdeburg gegangen, dort ging meine Ausbildung weiter. Das eigentliche Ereignis für unsere schnelle Ausbreitung ist das Lutherjahr 1983 mit sieben Kirchentagen gewesen. Der Staat hat immer einen zentralen nicht gewollt, da wurden im Lutherjahr eben sieben gemacht, von Rostock bis Dresden. Auf den Kirchentagen gab es Märkte der Möglichkeiten, und da haben wir versucht, für unsere Arbeit zu werben. Es hat nicht immer geklappt, und es war auch nicht problemlos, aber wir konnten uns schließlich auf fünf Kirchentagen produzieren. Das war der entscheidende Punkt für die schnelle Ausbreitung der Arbeitskreise „Homosexualität“. Das andere ist, dass ich durch die Gegend gefahren bin und die Leute zusammengesucht habe. Ich bin auf die Klappen in Dresden, Erfurt oder Halle gegangen und habe gesagt: Wollt ihr ewig hier rumstehen? Kommt, wir machen so eine Gruppe.

    Starke: Tatsächlich?

    Stapel: Ja. So haben wir übrigens hier in Leipzig auch angefangen. Ich habe an der Klappe am Rathaus gestanden und die Leute angesprochen. Manche haben gesagt, du hast wohl einen Vogel. Ein paar haben sich aber auch locken lassen, aus welchen Gründen auch immer. Ich kannte bis dahin ja auch fast niemanden. Aber wenn man erst – das ist wie so’n Schneeball – den einen kennt, dann kennt man bald die Freundeskreise dahinter. Und aus dieser Masse von Schwulen fand man dann eben (jedenfalls zu dieser Zeit) genug Leute, die mehr wünschten als nur Kaffeerunden und Feten und sich statt dessen auch mal über die Sache an sich unterhalten, was lernen wollte - Bücher gab es es ja zu der Zeit auch nicht, jedenfalls nicht genug - und eben auch politisch was erreichen wollten. [...]

    Starke: Die Arbeitskreise hießen „Homosexualität“. Schloss das Schwule und Lesben ein?

    Stapel: Zunächst ja. Aber die Frauen haben bald gemerkt, dass Schwule auch Männer sind und sie dominieren und dass ihre Themen deshalb, und weil sie auch nur wenige waren, nicht zum Zuge kamen. Sie haben die Arbeit verlassen, je Ort jeweils anders. In manchen Städten sind Schwule und Lesben auch zusammengeblieben, aber in ganz wenigen nur.

    • 1. Eduard Stapel: Vom Arbeitskreis „Homosexualität“ der Evangelischen Studentengemeinde in Leipzig zum Schwulenverband in Deutschland, in: Berth Thinius, Kurt Starke und Eduard Stapel (Hg.): Schwuler Osten. Homosexuelle Männer in der DDR, Berlin 1994, S. 91-110. 
  • Q18:  Die Situation Homosexueller in der DDR 1

    Homosexuelles Verhalten galt als Abweichung von der sozialistischen Moral. Deshalb waren bis 1989 keine Anzeigen zur homosexuellen PartnerInnensuche in Zeitungen und Zeitschriften möglich. Es konnten keine Organisationen von und für Lesben und Schwule gegründet, keine entsprechenden Publikationen herausgegeben und keine Anlaufstellen geschaffen werden. Raum für Lesben und Schwule war politisch nicht vorgesehen. [...] Insofern waren Lesben und Schwule, die sich nicht wegduckten, sondern engagierten, Teil der widerständigen Bewegung der DDR. [...]

    Es fanden sich MitstreiterInnen und daraus entwickelte sich der Sonntags-Club. Für uns war nur der Sonntagnachmittag frei, sowohl in der Veteranenstraße, als auch später in den Klub-Gaststätten. Deshalb haben wir diesen Namen gewählt. Die Lesben des Kirchenkreises in Berlin, die da formulierten: „Wir sind gegen das System“, waren klar als politische Opposition erkennbar und verstanden sich wohl selbst als solche.

    Im Sonntags-Club (SC) wurde das so nicht thematisiert, trotzdem war er der Partei (der SED) suspekt. Alles, was sich der Kontrolle entzog, war verdächtig. Und alles Verdächtige wurde von den Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit überwacht. Dies war ein Teil der politischen Repressionen. [...]

    Für die Eintragung als Verein musste sich zum Beispiel laut Vereinigungsordnung ein Fachministerium finden und den Antrag positiv beurteilen. Es fühlte sich keines zuständig. Niemand wollte Ärger haben und die Aversionen blühten. Zwischen Unverständnis, Behinderung und Homophobie waren und sind die Übergänge fließend. Auch gab es die Einflussnahme bei Publikationen und die Druckergenehmigung sowie über die Papierzuteilung (Menge und Qualität). Ich habe damals zunächst mehrfach Leute, die in ihrem Betrieb Zugang zu einem Kopiergerät hatten, mit Kaffee beschenkt, damit sie das Programm des Sonntags-Clubs vervielfältigten. Einmal, im Friedrichstadtpalast, haben wir den Vermerk der Druckgenehmigung „nachempfunden“. Danach haben wir Druckgenehmigung beantragt. Das war ein mühsames Unterfangen und mehrfach mit Streichungen verbunden. Die ersten Informationen über Aids und die mögliche Prävention haben wir trotz Verbot gedruckt. [...] Mehrfach wurde ich aufgefordert, den Sonntags-Club in einen Kirchenkreis umzuwandeln. Das wollte ich nicht. [...]

    Die Reduzierung der Lesben- und Schwulenbewegung auf den Bereich der Kirche wäre eine langfristige Ausgrenzung gewesen. Kirche war in der DDR „das Andere“. Religion war in der DDR der wichtigste ideologische Gegenpol zum propagierten ML (Marxismus/Leninismus) und zog so Personen und Gruppen an, die nicht mit der Partei konform gingen. So bot die Evangelische Kirche widerständigen Gruppen eine Heimstatt, auch Lesben und Schwulen. Diese Ausnahmestellung war der politischen Konstellation geschult, denn die Kirche ist eigentlich nicht die Institution, die für die Emanzipation der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen vorangeht, nicht die evangelische und schon gar nicht die katholische. Die Partei glaubte, mit Hilfe ihrer IMs in der Kirche alles unter Kontrolle zu haben. […]

    • 1.  Ursula Sillge: Damals war’s. Ein Rückblick auf Bedingungen und Strukturen der lesbisch-schwulen Bewegung in der DDR, in: Gabriele Dennert et al. (Hg): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 2007, S. 105-109.
Arbeitsaufträge

Die Schüler_innen erarbeiten sich den Umgang mit Homosexualität in der DDR aus zwei bis vier verschiedenen Perspektiven. Dafür werden die Schüler_innen in Gruppen aufgeteilt und die Gruppen den verschiedenen Perspektiven zugeteilt. Bei der Betrachtung der einzelnen Perspektiven können die Schüler_innen der Frage nachgehen, inwiefern die Kategorie „Geschlecht“ eine Gesellschaft bestimmt. Bei der Analyse der Quellen zu den Emanzipationsbewegungen sollen die Schüler_innen vor allem darauf achten, wie die Homosexuellen in der DDR durch bestimmte Normen ausgegrenzt wurden und zu welchen Strategien sich die kirchlichen und weltlichen emanzipatorischen Gruppen jeweils gezwungen sahen.

leichzeitig können die Schüler_innen durch das Interpretieren und Vergleichen der einzelnen Quellen feststellen, dass auch diese gesellschaftlichen Normen Konstrukte darstellten, denen Annahmen zu Grunde lagen, die keineswegs zwangsläufig oder unveränderlich waren. Die Schüler_innen halten die Ergebnisse auf Plakaten fest, um ihre jeweilige Perspektive den anderen Gruppen vorstellen zu können. Die Präsentation der Plakate geschieht dabei nicht im Plenum, sondern in einem Rundgang in Kleingruppen, um möglichst alle Schüler_innen zu aktivieren und zur Auseinandersetzung mit den Plakaten zu veranlassen.

Im sich anschließenden Stuhlkreis sollen die Schüler_innen ihre Argumente vorstellen und gemeinsam überlegen, wie sich die verschiedenen Perspektiven, Diskurse und Aktivitäten beeinflusst haben.

Aufgaben zu Q17-Q18:

  1. Untersucht die vorliegenden Quellenausschnitte unter der Leitfrage, wie die Machtverhältnisse in der DDR die Schwulen- und Lesbenbewegung von den 1970er Jahren an bis zum Ende der DDR geprägt haben. Die folgenden Fragen und Teilaufgaben dienen dir dabei als Orientierung:

    a) Wie sah das öffentliche Leben von Schwulen und Lesben in der DDR aus? Welche staatlichen Gegebenheiten haben die Gründung von Schwulen- und Lesbenbewe-gungen erschwert oder verhindert? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen entstanden daraus für das Leben von Lesben und Schwulen?
    b) Welche Strategien haben Lesben und Schwule entwickelt, um sich politisch und kulturell zu engagieren und schwule oder lesbische Begegnungen zu ermöglichen? Worin unterscheiden bzw. gleichen sich die kirchlichen und weltlichen Gruppen der Homosexuellen?

     

  2. Haltet Eure Ergebnisse auf einem Plakat fest!
  3. Präsentiert euer Plakat den übrigen Gruppen!
  4. Heftet eure Plakate an die Tafel! Bei der Präsentation der Plakate habt ihr sicherlich gemerkt, dass ihr in euren Gruppen den Umgang mit Homosexualität aus je einer anderen Perspektive erarbeitet habt. Bildet jetzt einen Stuhlkreis und diskutiert gemeinsam, in wie fern sich diese vier Auffassungen/ Diskurse beeinflusst haben!

    Hinweis: Beantwortet dafür zum Beispiel folgende Fragen:
    1) Inwiefern stimmen die Entwicklung des medizinisch-ethischen Diskurses und die Entwicklung des Strafrechts überein?
    2) Welchen Einfluss hatten die Aktivitäten der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung in der DDR auf den dortigen Umgang mit Homosexualität?