Hidden from normal

Dieser Baustein dient der Einführung in das Thema Arbeitsmigration und verdeutlicht den Schüler_innen, dass auch Gastarbeiter_INNEN nach Deutschland kamen, um Arbeit zu suchen.

Gastarbeiter_INNEN

Das Lied „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens aus dem Jahre 1974 eignet sich gut, um das stereotypische Bild eines Gastarbeiters in dieser Zeit aufzuzeigen, nämlich das eines jungen und „südlichen“ Mannes.
Dabei wird aber ganz außer Acht gelassen, dass auch viele Arbeitsmigrantinnen ihr Land verließen, um in Zeiten des Wirtschaftswunders in Deutschland Arbeit zu suchen. Wie bei den Männern waren die Gründe unterschiedlich: es waren wirtschaftliche, politische und / oder familiäre Gründe, welche die Menschen veranlassten, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Dass auch wirklich Menschen kamen, mit Hoffnungen und Erwartungen, und keine Arbeitsmaschinen, verdeutlicht das Zitat von Max Frisch: „[Man] hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.“ 

Didaktische Anmerkung:

Die vorliegenden drei Bausteine bilden eine in sich geschlossene Unterrichtsreihe, die mit dem Thema Gastarbeiter_INNEN beginnt. Angesichts der kompetenzorientierten Unterrichtsplanung ist eine Durchführung einzelner Bausteine außerhalb der gesamten Reihe möglich. Ein Anspruch auf inhaltliche Vollständigkeit besteht jedoch nicht mehr.
Der erste Baustein führt behutsam die Begriffe class und gender ein. Die Schüler_innen lernen auch mit den Konzepten von Weiblichkeit und Männlichkeit umzugehen. Die push- und pull-Faktoren von Arbeitsmigration werden ihnen verdeutlicht. Die Sozialformen Gruppenarbeit und Unterrichtsgespräch eignen sich gut für eine erste Annäherung an das Thema. Die Schüler_innen sollen aufgefordert werden in ihren Betrachtungen und Überlegungen eventuell auch eigene Familiengeschichten heranzuziehen.

  • Bildquelle zu Q4 "Lebensweg von Nebahat Sutor"
    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/nebahat-sutor/ eingesehen am 20. 12. 2013
  • Bildquelle zu Q5 "Lebensweg von Antonio Piras"
    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/antonio-piras/ eingesehen am 20.12.2013

Q1: Liedtext Griechischer Wein

Es war schon dunkel, als ich durch Vorstadtstraßen heimwärts ging.
Da war ein Wirtshaus, aus dem das Licht noch auf den Gehsteig schien.
Ich hatte Zeit und mir war kalt, drum trat ich ein.

Da saßen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar,
und aus der Jukebox erklang Musik, die fremd und südlich war.
Als man mich sah, stand einer auf und lud mich ein.

Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde.
Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran,
daß ich immer träume von daheim; du mußt verzeih'n.
Griechischer Wein, und die altvertrauten Lieder.
Schenk' nochmal ein! Denn ich fühl' die Sehnsucht wieder;
in dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein.

Und dann erzählten sie mir von grünen Hügeln, Meer und Wind,
von alten Häusern und jungen Frauen, die alleine sind,
und von dem Kind, das seinen Vater noch nie sah.

Sie sagten sich immer wieder: Irgendwann geht es zurück.
Und das Ersparte genügt zu Hause für ein kleines Glück.
Und bald denkt keiner mehr daran, wie es hier war.

Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde.
Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran,
daß ich immer träume von daheim; du mußt verzeih'n.
Griechischer Wein, und die altvertrauten Lieder.
Schenk' nochmal ein! Denn ich fühl' die Sehnsucht wieder;
in dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein.

(Udo Jürgens, Griechischer Wein, 1974)

Erarbeitung I:

Der Liedtext des Liedes „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens (Q1) wird auf Arbeitsblättern von der Lehrkraft jedem Lernenden zur Verfügung gestellt und eventuell auch gehört. Im Unterrichtsgespräch wird der Begriff der Arbeitsmigration erarbeitet. Hierbei soll das dominante Bild des männlichen Gastarbeiters relativiert werden. Den Lernenden wird bewusst, dass auch Frauen Teil der Arbeitsmigration waren.

Arbeitsaufträge:

1. Hört und lest das Lied Griechischer Wein von Udo Jürgens.
2. Im Plenum: Wen beschreibt der Sänger in seinem Lied? Warum waren diese Männer in Deutschland?
3. Brainstorming an der Tafel / auf der Folie: Was fällt euch noch zu Arbeitsmigration ein?
4. Wie hoch war eurer Meinung nach der Anteil der Frauen, die als Gastarbeiter_innen nach Deutschland gekommen sind? 

Erarbeitung II & Sicherung:

Je eine Gruppe erhält eines der Arbeitsblätter und bearbeitet es in seiner Stammgruppe.

  • Q 2 Sachtext „Von der Fremde zur Heimat“
  • Q 3 Sachtext „Unterschätzt – die Gastarbeiterin“
  • Q 4 Lebensweg von Nebahat Sutor
  • Q 5 Lebensweg von Antonio Piras

In den Expertengruppen werden dann die Ergebnisse aller Gruppen in der Tabelle gesichert. Die Schüler_innen sollen die push- und pull-Faktoren der Arbeitsmigration erkennen und nachvollziehen. Sie erarbeiten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von weiblicher und männlicher Arbeitsmigration, indem sie ein kleines Narrativ schreiben. Hierbei sprechen sie insbesondere über die Kategorien class und gender. Im Plenum werden die Ergebnisse noch einmal zusammengetragen und besprochen.

Arbeitsaufträge:

Stammgruppen:

  • Q 2 und Q 3 :

Lies dir die folgenden Fragen durch und notiere die Antworten. Bereite die Ergebnisse so vor, dass du sie später deinen Mitschüler_innen vorstellen kannst.

  1. Welche Hoffnungen hatten die Arbeitsmigrant_innen und welche Probleme gab es?
  2. Warum sind sie emigriert und was für Interesse hatte die deutsche Seite an Arbeitskräfte aus dem Ausland?

 

  • Q 4 und Q 5 :

Lies dir die folgenden Fragen durch und notiere die Antworten. Bereite die Ergebnisse so vor, dass du sie später deinen Mitschüler_innen vorstellen kannst.

  1. Welche Erwartungen hatte Nebahat Sutor / Antonio Piras und welche Probleme gab es?
  2. Warum ist sie / er emigriert und was für Interesse hatte die deutsche Seite an Arbeitskräfte aus dem Ausland?

Expertengruppen:

A) Ergänze die Tabelle und bedenke dabei folgende Faktoren:
1. wirtschaftliche Aspekte
2. politische Aspekte
3. familiäre Aspekte
4. Erwartungen und Hoffnungen
5. Probleme und Hindernisse

   push-Faktoren pull-Faktoren
 Q3    
 Q4    
 Q5    
 Q6    

B) Welches Bild eines Gastarbeiters / einer Gastarbeiterin hast du dir aus den Quellen erschlossen ? Schreibe einen kurzen Sachtext zur Konzeption von Männlichkeit und Weiblichkeit von Gastarbeiter_innen und beziehe dabei Modalverben (Bsp: müssen, wollen, können...) und Bewegungsverben (Bsp: bleiben, gehen, kommen...) mit ein.

Gastarbeiter:

Gastarbeiterinnen:

Erarbeitung III:

Das Zitat von Max Frisch wird von der Lehrkraft vorgelesen und mit Hilfe des OH-Projektors an die Wand projiziert. Die Reaktionen der Schüler_innen werden im Unterrichtsgespräch gesammelt.

Arbeitsauftrag:

Lest das Zitat von Max Frisch und überlegt, inwieweit die Kategorien class (soziale Klasse) und gender (Geschlecht) das Bild der Gastarbeiter_innen bestimmen.

„[Man] hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.“ - Max Frisch


Hidden from mobile

Abstract

Dieser Baustein dient der Einführung in das Thema Arbeitsmigration und verdeutlicht den Schüler_innen, dass auch Gastarbeiter_INNEN nach Deutschland kamen, um Arbeit zu suchen.

Hintergrund

Gastarbeiter_INNEN

Das Lied „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens aus dem Jahre 1974 eignet sich gut, um das stereotypische Bild eines Gastarbeiters in dieser Zeit aufzuzeigen, nämlich das eines jungen und „südlichen“ Mannes.
Dabei wird aber ganz außer Acht gelassen, dass auch viele Arbeitsmigrantinnen ihr Land verließen, um in Zeiten des Wirtschaftswunders in Deutschland Arbeit zu suchen. Wie bei den Männern waren die Gründe unterschiedlich: es waren wirtschaftliche, politische und / oder familiäre Gründe, welche die Menschen veranlassten, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. Dass auch wirklich Menschen kamen, mit Hoffnungen und Erwartungen, und keine Arbeitsmaschinen, verdeutlicht das Zitat von Max Frisch: „[Man] hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.“ 

Didaktische Anmerkung:

Die vorliegenden drei Bausteine bilden eine in sich geschlossene Unterrichtsreihe, die mit dem Thema Gastarbeiter_INNEN beginnt. Angesichts der kompetenzorientierten Unterrichtsplanung ist eine Durchführung einzelner Bausteine außerhalb der gesamten Reihe möglich. Ein Anspruch auf inhaltliche Vollständigkeit besteht jedoch nicht mehr.
Der erste Baustein führt behutsam die Begriffe class und gender ein. Die Schüler_innen lernen auch mit den Konzepten von Weiblichkeit und Männlichkeit umzugehen. Die push- und pull-Faktoren von Arbeitsmigration werden ihnen verdeutlicht. Die Sozialformen Gruppenarbeit und Unterrichtsgespräch eignen sich gut für eine erste Annäherung an das Thema. Die Schüler_innen sollen aufgefordert werden in ihren Betrachtungen und Überlegungen eventuell auch eigene Familiengeschichten heranzuziehen.

Quellen / Material
  • Bildquelle zu Q4 "Lebensweg von Nebahat Sutor"
    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/nebahat-sutor/ eingesehen am 20. 12. 2013
  • Bildquelle zu Q5 "Lebensweg von Antonio Piras"
    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/antonio-piras/ eingesehen am 20.12.2013
  • Q1: Liedtext Griechischer Wein

    Es war schon dunkel, als ich durch Vorstadtstraßen heimwärts ging.
    Da war ein Wirtshaus, aus dem das Licht noch auf den Gehsteig schien.
    Ich hatte Zeit und mir war kalt, drum trat ich ein.

    Da saßen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar,
    und aus der Jukebox erklang Musik, die fremd und südlich war.
    Als man mich sah, stand einer auf und lud mich ein.

    Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde.
    Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran,
    daß ich immer träume von daheim; du mußt verzeih'n.
    Griechischer Wein, und die altvertrauten Lieder.
    Schenk' nochmal ein! Denn ich fühl' die Sehnsucht wieder;
    in dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein.

    Und dann erzählten sie mir von grünen Hügeln, Meer und Wind,
    von alten Häusern und jungen Frauen, die alleine sind,
    und von dem Kind, das seinen Vater noch nie sah.

    Sie sagten sich immer wieder: Irgendwann geht es zurück.
    Und das Ersparte genügt zu Hause für ein kleines Glück.
    Und bald denkt keiner mehr daran, wie es hier war.

    Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde.
    Komm', schenk dir ein und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran,
    daß ich immer träume von daheim; du mußt verzeih'n.
    Griechischer Wein, und die altvertrauten Lieder.
    Schenk' nochmal ein! Denn ich fühl' die Sehnsucht wieder;
    in dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein.

    (Udo Jürgens, Griechischer Wein, 1974)

  • Q2: Von der Fremde zur Heimat

    Es war eine leise, pragmatische Vereinbarung – mit ungeahnten und bis heute prägenden Folgen für die deutsche Gesellschaft: In einem zweiseitigen Dokument, deutlich kürzer als jeder Arbeitsvertrag, regelte das Auswärtige Amt in Bonn mit der türkischen Botschaft am 30. Oktober 1961 die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland.

    Auf der Basis dieses Abkommens bewarben sich zwischen 1961 und 1973 mehr als zweieinhalb Millionen Menschen aus der Türkei um eine Arbeitserlaubnis in Deutschland; jeder Vierte wurde genommen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Türkei sollten ein, zwei Jahre in Deutschland bleiben. Später wurde die Aufenthaltsdauer verlängert als die deutschen Fabriken feststellten, dass sie es sich nicht leisten konnten, ständig neue Kräfte anzulernen.

    Der beidseitige Nutzen dieser Vereinbarung lag auf der Hand: Die Wirtschaft in der Bundesrepublik boomte, aber es gab nicht genügend Arbeitskräfte. In der Türkei hingegen waren viele junge Menschen arbeitslos. Also schickte man sie nach Deutschland, und sie gingen bereitwillig. Ähnliche Abkommen waren zuvor mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) geschlossen worden. Weitere Beschlüsse mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien sollten folgen.
    (…)
    Die Motive, nach Deutschland zu gehen, waren vielfältig. Viele sahen darin eine Chance, der Arbeitslosigkeit in ihrem Land zu entfliehen. Manche nutzten die Gelegenheit, um ein unabhängigeres Leben zu führen, die Fesseln traditioneller Familienstrukturen abzustreifen, mehr von der Welt zu sehen. Oder sie gingen mit der Hoffnung, in Europa studieren zu können. Für andere war es eine Flucht – vor Armut oder Repressionen und Verfolgung.
    (…)
    Die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei kamen in eine deutsche Gesellschaft, die noch unter dem Schock des Zweiten Weltkriegs stand. (…) Der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre waren Balsam für die wunde deutsche Seele – und die helfenden Kräfte aus der Türkei hieß man dankend willkommen.

    (In Deutschland nannte man die Arbeitskräfte aus der Türkei und anderen südeuropäischen Ländern "Gastarbeiter". Im Türkischen wurde das Wort "Gurbet" (die Fremde, das ferne Land) zum Synonym für Deutschland – jenem fernen Land, in dem seit Beginn der Arbeitsmigration nach Europa fast jeder in der Türkei mindestens ein Familienmitglied wusste. Aus dieser Fremde berichteten die Fortgegangenen von Wohlstand und Freiheit, aber auch von Heimweh, Sehnsucht und Einsamkeit, harter Arbeit, von Rassismus und Diskriminierung. Ihre Erzählungen prägen bis heute das Bild, das sich die Menschen in der Türkei von Deutschland machen. Ebenso wie die angeworbenen Arbeiter über die Jahrzehnte hinweg das Türkei-Bild der Deutschen prägten.)

    Quelle: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43161/v...
    eingesehen am 30.12.2013

  • Q3: Unterschätzt: die Gastarbeiterinnen

    Der Arbeitskräftebedarf Ende der 50er Jahre [führt] zu einem starkem Zuzug von Arbeiterinnen und Arbeiter aus dem Ausland. 

Die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Nahrungs- und Genussmittelindustrie, die metallverarbeitende und die Elektroindustrie waren klein- wie großindustrielle Branchen, die grundsätzlich auf kostengünstige Frauenarbeit ausgelegt waren, und im wirtschaftlichen Erfolg dringend nach weiblichen Arbeitskräften suchten. 

    Folgt man beispielsweise dem Erfahrungsbericht des Landesarbeitsamtes Nordbayern 1967 spielten familienpolitische Erwägungen keine wesentliche Rolle. Die beschäftigten Gastarbeiterinnen würden sich „in weit größerem Maße als deutsche Frauen bereit erklären, Schichtarbeiten anzunehmen und auch vor Arbeitsplätzen mit schmutziger Arbeit nicht zurückschrecken. 
Außerdem stellen sie sich fast ausschließlich für Ganztagsbeschäftigungen zur Verfügung und machen kaum häusliche Bindungen geltend.“ 

(...)

    Die veramtlichte Anwerbung in Spanien und Griechenland durch das Abkommen von 1960 brachte allerdings nur begrenzten Erfolg. Die Arbeitsmigration der nachgefragten jungen, bevorzugt ledigen Frauen stieß schnell auf gesellschaftliche, familienpolitische Grenzen, zumal der zu erwartende Lohn nicht die Attraktivität des Gehalts für männliche Arbeitskräfte besaß. Im Oktober 1961 war die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften noch nicht einmal zur Hälfte gedeckt. (…)

    Noch Ende 1964 mussten Unternehmen Wartezeiten von sechs bis neun Monaten bei der Vermittlung von weiblichen Arbeitskräften in Kauf nehmen. Doch der Anreiz war hoch: Die ausländischen Arbeitnehmerinnen galten als „geschickter, billiger und williger.“ Wegen der stockenden Vermittlung von weiblichen 
Arbeitskräften hatte ein Hauptnachfrager, der Großkonzern Siemens, überlegt, in den „Leichtlohngruppen“ auf schneller anzuwerbende männliche Arbeitskräfte umzustellen. Das Ergebnis der Kalkulation 
ließ auch Siemens wieder zu den Geduldigen in der Warteschlange zurückkehren – die Siemens-Buchhalter hatten einen jährlichen Lohnmehraufwand von 17 Millionen Deutsche Mark errechnet. 



    Nach der Rezession 1966/67 kam der eigentliche Boom der Gastarbeiterinnen. In der zweiten Phase der Anwerbung von 1967 bis 1973 waren 26 % aller offiziell vermittelten Arbeitnehmer weiblich, die meisten wurden aus Griechenland (145.000 Personen) und der Türkei (138.000 Personen) vermittelt, der höchste Frauenanteil kam aus Griechenland (44,4 %). Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hatte sich bei den ausländischen Arbeitnehmerinnen 
von 15,5 % im Jahr 1960 auf 31,1 % im Jahr 1974 verdoppelt.

    Quelle: http://www.freiburg-migration.de/73248.html#top
    eingesehen am 30. 12. 2013

  • Q4: Lebensweg von Nebahat Sutor

    Istanbul zu Beginn der 1960er Jahre. Trotz schwieriger Familienverhältnisse setzte sich Nebahat Sutor durch und begann nach dem Schulabschluss ein Chemiestudium. Kurz vor dem Abschluss des Studiums jedoch konnte sie ihre beiden noch ausstehenden Prüfungen nicht absolvieren. Aufgrund der politischen Unruhen in Istanbul war die Universität geschlossen. Eine Alternative musste gefunden werden, die sich sehr bald im Rahmen des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens auftat.

    Zielsicher recherchierte Nebahat Sutor ihre Möglichkeiten, wo sie in Deutschland zumindest für eine kurze Zeit Arbeit fände.

    « Also in die Türkei war das vom Arbeitsamt aus groß ausgeschrieben, dass man in Deutschland, in die Schweiz, in Holland, in Belgien als Gastarbeiter gehen kannst. Und da gab es auch die Möglichkeiten zu suchen nach Beruf. Wenn ich ein Textilarbeiterin bin und in dem Bereich leichter arbeiten kommen konnte. Und ich war Student, wollte ich auch als Student weiterhin in Deutschland oder in die Schweiz. Ich bin als Student-Gastarbeiter angekommen. Wie ich meine Papiere fertig hatte, mein Vater hat mir nicht erlaubt, hat meinen Pass genommen und zerrissen und fortgeschmissen. Und da hat wir halt Konflikt mit meinem Vater und da hab ich gesagt: so, was du kannst, kann ich schon lange. Und da bin ich noch Mal zum Arbeitsamt und hab gesagt ist mir egal wo, was, ich will Ausland. » [sic.]

    Nebahat Sutor verließ ihr Land, um zu arbeiten, zu lernen, ihrem Vater die Stirn zu bieten, aber auch aus der damaligen politischen Situation heraus, mit der sie nicht konform ging. Mit wenigen Habseligkeiten startete sie im Februar 1964 ihre Reise nach Deutschland.
    Die lange Fahrt in der Ruß speienden Dampflokomotive hinterließ bei allen Reisenden sichtbare Spuren: Mit schwarzen Gesichtern, sich selbst kaum wiedererkennend, erreichten sie München. Von dort aus wurden die Ankömmlinge auf ihre Bestimmungsorte vereilt, »Wie eine Herde« erinnert sich Sutor. Ihr weiterer Weg führte von München in das kleine Dorf in der Nähe von Frankfurt. Dort sollte sie – entgegen ihren Vorstellungen eines »Studenten-Gastarbeiters«, als vollwertige Kraft in einer Pension mitarbeiten. Es hieß, »bevor du studierst, musst du erst einmal arbeiten und die Sprache lernen«.

    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/nebahat-sutor/
    eingesehen am 20. 12. 2013

  • Q5: Lebensweg von Antonio Piras


    In seinem Heimatort Sassari war Antonio Piras lange Zeit in der Landwirtschaft tätig. Dies änderte sich, als er im Jahr 1956 eine Gaststättenlizenz erhielt und begann, in der Gastronomie zu arbeiten. Da die Arbeit jedoch unterbezahlt war, entschied sich Herr Piras im Jahr 1961, für einige Zeit nach Deutschland zu gehen, wo er 2,70 DM pro Stunde, anstatt wie in Italien 4 DM für 14 Stunden Arbeit verdienen konnte. Seine Frau, mit der er seit 1959 verheiratet war und seinen Sohn ließ er zunächst zurück. Sie folgten ihm ein Jahr später. 1963 kam der zweite Sohn In Deutschland zur Welt. 


    Um nach Deutschland einreisen und dort arbeiten zu können, musste Antonio Piras zunächst nach Verona reisen und sich einer Gesundheitsprüfung unterziehen. Dies war ein schwieriges Unterfangen, da alle italienischen BewerberInnen gleichzeitig zur Gesundheitsprüfung bestellt worden waren und somit 4 Tage verstrichen, bis er an die Reihe kam. Zudem war er genau zu diesem Zeitpunkt an einer Rippenfellentzündung erkrankt, weshalb er befürchtete, nicht für die Arbeit in Deutschland zugelassen zu werden. Bereits bevor er seine Reise in den Westerwald antrat, wusste Herr Piras, dass er in Höhr-Grenzhausen in der Keramikindustrie tätig sein würde. Sonstige Vorbereitungen, wie z.B. einen Sprachkurs, gab es damals nicht. Von Sardinien aus begab sich Herr Piras gemeinsam mit einem anderen Italiener auf eine 13-stündige Reise, zuerst mit dem Schiff und dann mit dem Zug. In seinem Koffer befanden sich Kleider, die jedoch nicht winterfest waren und ein 1,5 Kilo schwerer Schinken als Reiseproviant. Sein zukünftiger Arbeitgeber holte ihn schließlich am Bahnhof ab und brachte ihn zu seiner Unterkunft.


    
Antonio Piras begann seine Berufstätigkeit in der Firma Steuler, wo er, obwohl sein Vertrag zunächst auf ein Jahr befristet war, letzten Endes 32 Jahre blieb. Heute ist er in Rente, engagiert sich aber weiterhin in der Gewerkschaft. Die Arbeit in der Fabrik war sehr hart, nach seinem Empfinden härter als die Arbeit, die die deutschen KollegInnen erledigen mussten. Herr Piras musste beispielsweise regelmäßig 1,5 Tonnen schwere Paletten mit Hilfe eines Wagenhebers bewegen, was ihm wegen seiner geringen Körpergröße sehr schwer fiel.

    Quelle: http://lebenswege.rlp.de/lebenswege/antonio-piras/
    eingesehen am 20.12.2013

Arbeitsaufträge

Erarbeitung I:

Der Liedtext des Liedes „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens (Q1) wird auf Arbeitsblättern von der Lehrkraft jedem Lernenden zur Verfügung gestellt und eventuell auch gehört. Im Unterrichtsgespräch wird der Begriff der Arbeitsmigration erarbeitet. Hierbei soll das dominante Bild des männlichen Gastarbeiters relativiert werden. Den Lernenden wird bewusst, dass auch Frauen Teil der Arbeitsmigration waren.

Arbeitsaufträge:

1. Hört und lest das Lied Griechischer Wein von Udo Jürgens.
2. Im Plenum: Wen beschreibt der Sänger in seinem Lied? Warum waren diese Männer in Deutschland?
3. Brainstorming an der Tafel / auf der Folie: Was fällt euch noch zu Arbeitsmigration ein?
4. Wie hoch war eurer Meinung nach der Anteil der Frauen, die als Gastarbeiter_innen nach Deutschland gekommen sind? 

Erarbeitung II & Sicherung:

Je eine Gruppe erhält eines der Arbeitsblätter und bearbeitet es in seiner Stammgruppe.

  • Q 2 Sachtext „Von der Fremde zur Heimat“
  • Q 3 Sachtext „Unterschätzt – die Gastarbeiterin“
  • Q 4 Lebensweg von Nebahat Sutor
  • Q 5 Lebensweg von Antonio Piras

In den Expertengruppen werden dann die Ergebnisse aller Gruppen in der Tabelle gesichert. Die Schüler_innen sollen die push- und pull-Faktoren der Arbeitsmigration erkennen und nachvollziehen. Sie erarbeiten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von weiblicher und männlicher Arbeitsmigration, indem sie ein kleines Narrativ schreiben. Hierbei sprechen sie insbesondere über die Kategorien class und gender. Im Plenum werden die Ergebnisse noch einmal zusammengetragen und besprochen.

Arbeitsaufträge:

Stammgruppen:

  • Q 2 und Q 3 :

Lies dir die folgenden Fragen durch und notiere die Antworten. Bereite die Ergebnisse so vor, dass du sie später deinen Mitschüler_innen vorstellen kannst.

  1. Welche Hoffnungen hatten die Arbeitsmigrant_innen und welche Probleme gab es?
  2. Warum sind sie emigriert und was für Interesse hatte die deutsche Seite an Arbeitskräfte aus dem Ausland?

 

  • Q 4 und Q 5 :

Lies dir die folgenden Fragen durch und notiere die Antworten. Bereite die Ergebnisse so vor, dass du sie später deinen Mitschüler_innen vorstellen kannst.

  1. Welche Erwartungen hatte Nebahat Sutor / Antonio Piras und welche Probleme gab es?
  2. Warum ist sie / er emigriert und was für Interesse hatte die deutsche Seite an Arbeitskräfte aus dem Ausland?

Expertengruppen:

A) Ergänze die Tabelle und bedenke dabei folgende Faktoren:
1. wirtschaftliche Aspekte
2. politische Aspekte
3. familiäre Aspekte
4. Erwartungen und Hoffnungen
5. Probleme und Hindernisse

   push-Faktoren pull-Faktoren
 Q3    
 Q4    
 Q5    
 Q6    

B) Welches Bild eines Gastarbeiters / einer Gastarbeiterin hast du dir aus den Quellen erschlossen ? Schreibe einen kurzen Sachtext zur Konzeption von Männlichkeit und Weiblichkeit von Gastarbeiter_innen und beziehe dabei Modalverben (Bsp: müssen, wollen, können...) und Bewegungsverben (Bsp: bleiben, gehen, kommen...) mit ein.

Gastarbeiter:

Gastarbeiterinnen:

Erarbeitung III:

Das Zitat von Max Frisch wird von der Lehrkraft vorgelesen und mit Hilfe des OH-Projektors an die Wand projiziert. Die Reaktionen der Schüler_innen werden im Unterrichtsgespräch gesammelt.

Arbeitsauftrag:

Lest das Zitat von Max Frisch und überlegt, inwieweit die Kategorien class (soziale Klasse) und gender (Geschlecht) das Bild der Gastarbeiter_innen bestimmen.

„[Man] hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.“ - Max Frisch