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Unterricht Geschlecht im 19. Jahrhundert - Barbins Memoiren

Barbin eröffnet ihre_seine Memoiren mit einer Charakterisierung der eigenen Person als junges Mädchen. 

Die ersten Sätze Barbins können als zusammenfassende Einführung in die Memoiren gelesen werden. Der Leser oder die Leserin erfährt einiges über die Gefühlslagen Barbins und bekommt schon eine Vorahnung, dass die hier erzählte Geschichte wohl ein tragisches Ende nehmen wird.

  • Arbeitsblatt M 2 - Tabelle zur Quellenarbeit

Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin 1

Q3 (S. 21-22)

"Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und obwohl ich noch jung bin, nähere ich mich zweifellos dem verhängnisvollen Ende meiner Existenz.
Ich habe viel gelitten, und habe allein gelitten, allein, von allen verlassen. Mir war kein Platz bestimmt in dieser Welt, die mich floh, die mich verdammt hatte. Kein lebendes Wesen musste diesen unendlichen Schmerz teilen, der mich am Ende meiner Kindheit überkam, in dem Alter, in dem alles schön ist, weil alles unbeschwert und verheißungsvoll ist.
[...]

Bekümmert!  und [...] Kühl war ich, ängstlich, und gewissermaßen unempfänglich für all die lärmenden und unbefangenen Freuden, die ein kindliches Gesicht strahlen lassen.
Ich liebte die Einsamkeit [...] Ruhte aber einmal ein wohlwollendes Lächeln auf mir, war ich darüber glücklich wie über eine unverhoffte Gunst.

Wie meine Kindheit, so verstrich ein großer Teil meiner Jugend in der angenehmeren Ruhe klösterlicher Häuser. [...] Die schlichten Tugenden [...] haben nicht wenig dazu beigetragen, daß ich die wahre Religion verstehen und lieben lernte, die Religion der Aufopferung und der Entsagung. Später, inmitten der Stürme und Widrigkeiten meines Lebens, schienen mir diese Erinnerungen geradeso wie himmlische Visionen, und ihr Anblick war mir Trost und Linderung.

Die einzigen Zerstreuungen während dieser Zeit bereiteten mir die wenigen Tage, die ich jedes Jahr bei einer adeligen Familie verbrachte, in der man meine Mutter eher als Freundin denn als Gouvernante behandelte."

  • 1. Die Quellen Q2-8 stammen aus: Michel Foucault, Über Hermaphrodismus, Der Fall Barbin, Frankfurt/Main (Suhrkamp)1998. Die kursiv gesetzten Ausdrücke verweisen auf Unterstreichungen im Originaltext. Meist heben sie Genus-Formen im Französischen hervor, die das Geschlecht Herculine/Abel Barbins markieren und im Deutschen nicht adäquat wiedergegeben werden können. Der Sexualpathologe Ambroise Tradieu, der Meine Erinnerungen zuerst herausgab, notierte dazu: »Die hier kursiv gedruckten Wörter sind im Manuskript unterstrichen, da der Autor sichtlich gewisse Umstände machte, um von sich einmal in männlicher Form, einmal in weiblicher Form zu sprechen« (Question medico-legale de I'identite, Paris 1874, S.63; siehe auch in diesem Band S.175f. [Anm.d.Hg. von Über Hermaphrodismus]).

Mit Hilfe dieses Arbeitsblatts lernen die Schüler_innen eine neue Quellengattung, das Selbstzeugnis, kennen. Nachdem die Schüler_innen den Inhalt der Memoiren mündlich nacherzählt haben und dadurch Verständnisfragen mit dem Partner oder der Partnerin geklärt wurden, bearbeiten die Schüler_innen die Tabelle in Partner_innenarbeit.

(s. M 2)

Als Historiker_in beschäftigt man sich in der Regel mit verschiedenen Quellenarten. Einige davon hast du im Geschichtsunterricht schon kennengelernt (z.B. Textquellen: Reden, Zeitungsanzeigen oder -berichte etc.; Bildquellen: zeitgenössische Fotografien etc.). Jede Quellengattung zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus, die sie von anderen Quellen unterscheidet.

Arbeitsaufträge:

  • Lies den ersten Teil der Memoiren (Erinnerungen) von Herculine Barbin (Q3).
  • Fasse den Inhalt der Quelle zusammen und besprich ihn mit deinem Sitznachbarn / deiner Sitznachbarin.
  • Vervollständigt gemeinsam die Tabelle mit den Informationen zu den Quellen aus der vorigen Stunde und M 1.

 


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Unterricht Geschlecht im 19. Jahrhundert - Barbins Memoiren
Abstract

Barbin eröffnet ihre_seine Memoiren mit einer Charakterisierung der eigenen Person als junges Mädchen. 

Hintergrund

Die ersten Sätze Barbins können als zusammenfassende Einführung in die Memoiren gelesen werden. Der Leser oder die Leserin erfährt einiges über die Gefühlslagen Barbins und bekommt schon eine Vorahnung, dass die hier erzählte Geschichte wohl ein tragisches Ende nehmen wird.

Quellen / Material
  • Arbeitsblatt M 2 - Tabelle zur Quellenarbeit
  • Quellenausschnitte aus Meine Erinnerungen von Herculine Barbin 1

    Q3 (S. 21-22)

    "Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und obwohl ich noch jung bin, nähere ich mich zweifellos dem verhängnisvollen Ende meiner Existenz.
    Ich habe viel gelitten, und habe allein gelitten, allein, von allen verlassen. Mir war kein Platz bestimmt in dieser Welt, die mich floh, die mich verdammt hatte. Kein lebendes Wesen musste diesen unendlichen Schmerz teilen, der mich am Ende meiner Kindheit überkam, in dem Alter, in dem alles schön ist, weil alles unbeschwert und verheißungsvoll ist.
    [...]

    Bekümmert!  und [...] Kühl war ich, ängstlich, und gewissermaßen unempfänglich für all die lärmenden und unbefangenen Freuden, die ein kindliches Gesicht strahlen lassen.
    Ich liebte die Einsamkeit [...] Ruhte aber einmal ein wohlwollendes Lächeln auf mir, war ich darüber glücklich wie über eine unverhoffte Gunst.

    Wie meine Kindheit, so verstrich ein großer Teil meiner Jugend in der angenehmeren Ruhe klösterlicher Häuser. [...] Die schlichten Tugenden [...] haben nicht wenig dazu beigetragen, daß ich die wahre Religion verstehen und lieben lernte, die Religion der Aufopferung und der Entsagung. Später, inmitten der Stürme und Widrigkeiten meines Lebens, schienen mir diese Erinnerungen geradeso wie himmlische Visionen, und ihr Anblick war mir Trost und Linderung.

    Die einzigen Zerstreuungen während dieser Zeit bereiteten mir die wenigen Tage, die ich jedes Jahr bei einer adeligen Familie verbrachte, in der man meine Mutter eher als Freundin denn als Gouvernante behandelte."

    • 1. Die Quellen Q2-8 stammen aus: Michel Foucault, Über Hermaphrodismus, Der Fall Barbin, Frankfurt/Main (Suhrkamp)1998. Die kursiv gesetzten Ausdrücke verweisen auf Unterstreichungen im Originaltext. Meist heben sie Genus-Formen im Französischen hervor, die das Geschlecht Herculine/Abel Barbins markieren und im Deutschen nicht adäquat wiedergegeben werden können. Der Sexualpathologe Ambroise Tradieu, der Meine Erinnerungen zuerst herausgab, notierte dazu: »Die hier kursiv gedruckten Wörter sind im Manuskript unterstrichen, da der Autor sichtlich gewisse Umstände machte, um von sich einmal in männlicher Form, einmal in weiblicher Form zu sprechen« (Question medico-legale de I'identite, Paris 1874, S.63; siehe auch in diesem Band S.175f. [Anm.d.Hg. von Über Hermaphrodismus]).
Arbeitsaufträge

Mit Hilfe dieses Arbeitsblatts lernen die Schüler_innen eine neue Quellengattung, das Selbstzeugnis, kennen. Nachdem die Schüler_innen den Inhalt der Memoiren mündlich nacherzählt haben und dadurch Verständnisfragen mit dem Partner oder der Partnerin geklärt wurden, bearbeiten die Schüler_innen die Tabelle in Partner_innenarbeit.

(s. M 2)

Als Historiker_in beschäftigt man sich in der Regel mit verschiedenen Quellenarten. Einige davon hast du im Geschichtsunterricht schon kennengelernt (z.B. Textquellen: Reden, Zeitungsanzeigen oder -berichte etc.; Bildquellen: zeitgenössische Fotografien etc.). Jede Quellengattung zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus, die sie von anderen Quellen unterscheidet.

Arbeitsaufträge:

  • Lies den ersten Teil der Memoiren (Erinnerungen) von Herculine Barbin (Q3).
  • Fasse den Inhalt der Quelle zusammen und besprich ihn mit deinem Sitznachbarn / deiner Sitznachbarin.
  • Vervollständigt gemeinsam die Tabelle mit den Informationen zu den Quellen aus der vorigen Stunde und M 1.