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Unterricht Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe – Familienglück oder Familientragödie?

Das Thema Blutschande als literarisches Motiv für Gesellschaftskritik in Hartmann von Aues Gregorius, der gute Sünder.

Über Hartman von Aue ist nur wenig bekannt. Er gehörte dem gebildeten Stand des „Dienstadels“ an, der an Fürsten- und Königshöfen für die Verwaltung, sowie für das Militär- und Finanzwesen zuständig war. Mit großer Wahrscheinlichkeit diente v. Aue in einer solchen Position an einem französischen Fürstenhof als Schreiber. Neben seinen Aufgaben als Verwalter, dichtete er Geschichten, die sowohl zur Unterhaltung als auch zur Belehrung eines adligen Hörerkreises dienten. Dabei verwendete er oft Bestandteile von antiken Erzählungen (Ödipus-Sage) und mittelalterlichen Biographien von Heiligen („Viten“). Eine dieser Geschichten ist die Legende des Gregorius, der gute Sünder. Sie berichtet vom  Leben der fiktive Person Gregorius, der als Kind eines königlichen Geschwisterpaars in Blutschande zur Welt kam.1

Die bereitgestellten Quellenauszüge geben einen kurzen Einblick in die Zeit vor seiner unmittelbaren Geburt und thematisieren dabei folgende Aspekte: [Q-4] Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester, [Q-5] Die Schwangerschaft der Schwester und [Q-6] Die Konsequenzen für das Geschwisterpaar.

  • 1. Vgl. Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 319-323.
  • M3 - Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
    Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
  • M6 - Sicherungstabelle: Gregorius Legende
    Sicherungstabelle: Gregorius Legende
  • M6 - Sicherungstabelle: Gregorius Legende (Erwartungshorizont)
    Sicherungstabelle: Gregorius Legende (Erwartungshorizont)

[Q 4] Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester

Als nun besagte adlige Kinder zweifach verwaist waren, nahm sich der junge Herr [ihr Bruder] sofort seiner Schwester an und sorgte für sie, so gut er konnte und wie es seinen Pflichten entsprach. [...] Sie lebten in großem Glück.

Als dieses Glück und die Zufriedenheit der Feind des Menschengeschlechts erblickte, [...] verdross ihn das anständige Benehmen der beiden. [...] So kam er auf die Idee, sie ihrer Freude und ihres Ansehens zu berauben, und überlegte, wie er ihr Glück in Unglück verkehren könnte. Zu grenzloser Liebe zur eigenen Schwester forderte der Teufel [den Bruder] auf, bis seine [noch kindliche Unerfahrenheit die] vortreffliche Zuneigung in falsches Verlangen verkehrte. Nun war das arglose Mädchen freilich blind für so geartete Liebe und die unschuldige Unerfahrene wusste nichts darüber, wovor sie sich hüten sollte, und gewährte ihrem Bruder alles, was er wollte. [Bis zu jener Nacht]: Alle beide waren ausgezogen, ohne Kleider, bis auf die Bettdecke. [...] Er begann sie nun zu liebkosen [...]. Sie sagte: „Ja wie, Bruder? Was hast du vor? Lass dich nicht vom Teufel um deinen Verstand bringen! [...]“ Sie dachte bei sich: >Schweige ich still, so ergeht des Teufels Wille, und ich werde die Geliebte meines Bruders; schreie ich hingegen, dann werden wir für immer unser Ansehen verloren haben.< Diese Überlegung beschäftigte sie so sehr, bis ihr Bruder sie niederrang – denn er war stark und sie zu schwach –, sodass er gegen den Willen des braven Mädchens schließlich den Beischlaf vollzog.

[Zitiert nach Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 21-29.]

(didaktische Aufbereitung mit Worterklärung/Glossar im PDF)

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

Einstieg:

Die Lehrerkraft projiziert  den Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.) (M 3) an die Wand, so dass die Schüler_innen zunächst mit dem inzestuösen Familienverhältnissen in der Gregorius Legende konfrontiert werden. Nach einer inneren und äußeren Quellenkritik werden sie aufgefordert, ihre Eindrücke sowie Empfindungen zur dargestellten Familienkonstellation zu schildern.

Arbeitsauftrag:
1. Bitte schildert Eure ersten Eindrücke. Verwendet dazu Eure Überlegungen aus der Hausaufgabe.

Um das Spannungsverhältnis zwischen innerfamiliären Beziehungen und außerfamiliärer Repräsentationswirkung zu verdeutlichen, werden die Schüler_innen schriftlich dazu angehalten, mögliche Auswirkungen der inzestuösen Familienkonstellation auf die Funktion als Herrscher_innen von Aquitanien in einer Hypothese kurz darzulegen.

Arbeitsauftrag:
2. Formuliert schriftlich Hypothesen, in denen ihr mögliche Auswirkungen der familiären Konstellation auf die  Ausübung der Ämter als Herrscher_innen von Aquitanien thematisiert.

Bsp. für Hypothese: Die inzestuösen Verwandtschaftsverhältnisse werden in der Epoche des Mittelalters als Sünde betrachtet, weshalb der Herrschaftsanspruch der Königsfamilie in Gefahr ist.  

Diese erste hypothetische Perspektivenübernahme ist als Heranführung an das Thema notwendig, um im weiteren Unterrichtsverlauf die Verwobenheit von familiären Identitätskonstruktionen in ihren repräsentativen sowie interaktiven Rollenzuteilungen (gender) auf der einen Seite und in ihren strukturgebenden Geschlechteridentitäten (sex) auf der anderen Seite offenzulegen. Gleichermaßen werden diese (sex & gender) im historischen Kontext des 12. Jh. an den vorherrschenden, christlich geprägten Gesellschaftsstrukturen (religion & class) problematisiert. Anschließend schreibt die Lehrkraft die Leitfrage Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe – Familienglück oder Familientragödie? an die Tafel/das Whiteboard/Smartboard.

Erarbeitung:

Der folgende Arbeitsschritt ist in Gruppenarbeit mit der Methode des Gruppenpuzzles durchzuführen. Im Vorfeld muss die Klasse/den Kurs in zwei Stammgruppen mit einer möglichst gleichen Anzahl von Schüler_innen aufgeteilt werden. Jede Stammgruppe erhält einen Quellenabschnitt, entweder Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester (Q 4) oder Die Schwangerschaft der Schwester (Q 5), die Sicherungstabelle: Gregorius Legende (M 6)  und die gruppenübergreifenden Arbeitsaufträge. Es bietet sich bei der Erarbeitung an, die einzelnen Stammgruppen in Kleingruppen einzuteilen, so dass jeder Quellenabschnitt von mindestens zwei Kleingruppen bearbeitet wird. Dies hat den Vorteil, dass sich jede_r Schüler_in aktiv an der Quellenanalyse beteiligen kann.

Arbeitsaufträge:

  1. Lest zuerst den Quellenauszug. Beachtet dabei die Worterklärungen im Glossar!
  2. Gliedert den Inhalt der Quelle mit Teilüberschriften.
  3. Beschreibt, wie das Thema Blutschande geschildert wird.
  4. Erläutert das Verhalten des Bruders gegenüber seiner Schwester.
  5. Erläutert die Bedenken der Schwester in ihrer Situation.

Die Kleingruppenarbeit gibt allen Schüler_innen einen kurzen Überblick zu den Ursachen des Blutschandevorfalls und verdeutlicht vor diesem Hintergrund das zunehmende Verschwimmen der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen dem Geschwisterpaar. Dadurch erkennen die Schüler_innen, dass die scheinbar festen sozialen Rollenverteilungen (gender), wie Bruder und Schwester, die sich durch eindeutige interaktive und repräsentative Verhaltensweisen, wie Fürsorge, Vertrauen und Liebe auszeichnen, dekonstruiert werden und sich zugleich zu neuen verunsichernden Rollenverteilungen (gender), wie Bruder als Liebhaber der Schwester, Schwester als Geliebte des Bruders, rekonstruieren lassen.

Sind die Schüler_innnen mit der Erarbeitung in ihren Kleingruppen fertig, tauschen zunächst die Kleingruppen einer Stammgruppe untereinander ihre Ergebnisse aus. Dieser Austausch ermöglicht allen Kleingruppen auch als "Korrekturgruppe" zu fungieren, wodurch das Ergebnis der gesamten Stammgruppe qualitativ zunimmt. Ist die Sicherung in den Stammgruppen abgeschlossen, werden die Kleingruppen aus beiden Stammgruppen gemischt, so dass je zwei Kleingruppen eine Expertengruppe bilden, in der die Ergebnisse zu beiden Quellenabschnitten (Q 4 & Q 5) im Dialog ausgetauscht und auf dem Sicherungsbogen M 6 ergänzt werden. Dieser Vergleich hilft den Schüler_innen die Geschlechteridentitäten (sex) als flexible und wandelbare Konstrukte zu verstehen, denen kein strukturgebendes sexuelles Verlangen zu zuordnen ist. Gleichermaßen erkennen die Schüler_innen, dass diese Geschlechteridentitäten (sex) ebenso auf die Rollenverteilung (gender) Einfluss nehmen, indem sie die vormals eindeutig erscheinenden Rollenverteilungen in „Bruder“ und  „Schwester“ weiter destabilisieren und die neue Rollenverteilungen „des Liebhabers“ und „der Liebhaberin“ zusätzlich fördern.

Im Plenum werden die Ergebnisse von allen Schüler_innen präsentiert, gegebenenfalls von der Lehrkraft korrigiert und gesichert.

Auswertung:

Im Anschluss diskutiert die Klasse/der Kurs vor dem Hintergrund der erarbeiteten Ergebnisse den Ausgang der Legende für das Geschwisterpaar. Die Schüler_innen nehmen zu ihren eingangs formulierten Hypothesen Stellung, indem sie den Quellenabschnitt Die Konsequenzen für das Geschwisterpaar (Q 6) in Partner_innenarbeit (diese sollte je ein_e Schüler_in aus beiden Stammgruppe enthalten) analysieren, kurz besprechen und auf dem M 6 sichern. Entsprechend der Leitfrage Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe –  Familienglück oder Familientragödie? werden die Ergebnisse bewertet.

Arbeitsaufträge:

  1. Erläutert, welchen Ausweg dem Geschwisterpaar aus ihrer misslichen Lage aufgezeigt wird.
  2. Beurteilt vor dem Hintergrund eurer eingangs formulierten Hypothese die Situation des Geschwisterpaares, gemäß der Leitfrage Familienglück oder Familientragödie?

Die Schüler_innen reflektieren, dass sowohl die alte als auch die neue familiäre Identitätskonstruktion mit den gesellschaftlichen Strukturen des 12. Jh. verwoben sind. Konkret bedeutet dies, dass einerseits der christliche Glaube (religion) und andererseits die sozial-politische Stellung der Geschwister als Herrscher_innen von Aquitanien (class) Abhängigkeiten zum Ausdruck bringen, die sowohl Handlungszwänge verdeutlichen (Buße tun auf Kreuzzug und Buße tun als gerechte Herrscherin), als auch historisch bedingte Konventionen im Bereich von Familie und Geschlecht (Geschwister dürfe keine Familie gründen/bilden) aufzeigen. Die fehlenden familiären Strukturen und Rollenverteilungen werden durch gesellschaftliche Strukturen ersetzt, wodurch das Band zwischen dem Geschwisterpaar aufgelöst und an die Stelle der Familie, die Verantwortung vor dem Volk, vor der Gemeinschaft gesetzt wird.  

Sicherung:

Abschließend verfassen die Schüler_innen ein mögliches Schicksal für den jungen Gregorius, in dem sie ihr gelerntes Wissen anwenden und dadurch ein historisches Bewusstsein über die Flexibilität familiären Identitätskonstruktionen erwerben.

Hausaufgabe:
Stellt euch vor, Gregorius ist geboren. Formuliert ein mögliches Schicksal für das Kind. Verwendet dazu eure Ergebnisse aus der Unterrichtsstunde.


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Unterricht Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe – Familienglück oder Familientragödie?
Abstract

Das Thema Blutschande als literarisches Motiv für Gesellschaftskritik in Hartmann von Aues Gregorius, der gute Sünder.

Hintergrund

Über Hartman von Aue ist nur wenig bekannt. Er gehörte dem gebildeten Stand des „Dienstadels“ an, der an Fürsten- und Königshöfen für die Verwaltung, sowie für das Militär- und Finanzwesen zuständig war. Mit großer Wahrscheinlichkeit diente v. Aue in einer solchen Position an einem französischen Fürstenhof als Schreiber. Neben seinen Aufgaben als Verwalter, dichtete er Geschichten, die sowohl zur Unterhaltung als auch zur Belehrung eines adligen Hörerkreises dienten. Dabei verwendete er oft Bestandteile von antiken Erzählungen (Ödipus-Sage) und mittelalterlichen Biographien von Heiligen („Viten“). Eine dieser Geschichten ist die Legende des Gregorius, der gute Sünder. Sie berichtet vom  Leben der fiktive Person Gregorius, der als Kind eines königlichen Geschwisterpaars in Blutschande zur Welt kam.1

Die bereitgestellten Quellenauszüge geben einen kurzen Einblick in die Zeit vor seiner unmittelbaren Geburt und thematisieren dabei folgende Aspekte: [Q-4] Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester, [Q-5] Die Schwangerschaft der Schwester und [Q-6] Die Konsequenzen für das Geschwisterpaar.

  • 1. Vgl. Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 319-323.
Quellen / Material
  • M3 - Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
    Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
  • M6 - Sicherungstabelle: Gregorius Legende
    Sicherungstabelle: Gregorius Legende
  • M6 - Sicherungstabelle: Gregorius Legende (Erwartungshorizont)
    Sicherungstabelle: Gregorius Legende (Erwartungshorizont)
  • [Q 4] Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester

    Als nun besagte adlige Kinder zweifach verwaist waren, nahm sich der junge Herr [ihr Bruder] sofort seiner Schwester an und sorgte für sie, so gut er konnte und wie es seinen Pflichten entsprach. [...] Sie lebten in großem Glück.

    Als dieses Glück und die Zufriedenheit der Feind des Menschengeschlechts erblickte, [...] verdross ihn das anständige Benehmen der beiden. [...] So kam er auf die Idee, sie ihrer Freude und ihres Ansehens zu berauben, und überlegte, wie er ihr Glück in Unglück verkehren könnte. Zu grenzloser Liebe zur eigenen Schwester forderte der Teufel [den Bruder] auf, bis seine [noch kindliche Unerfahrenheit die] vortreffliche Zuneigung in falsches Verlangen verkehrte. Nun war das arglose Mädchen freilich blind für so geartete Liebe und die unschuldige Unerfahrene wusste nichts darüber, wovor sie sich hüten sollte, und gewährte ihrem Bruder alles, was er wollte. [Bis zu jener Nacht]: Alle beide waren ausgezogen, ohne Kleider, bis auf die Bettdecke. [...] Er begann sie nun zu liebkosen [...]. Sie sagte: „Ja wie, Bruder? Was hast du vor? Lass dich nicht vom Teufel um deinen Verstand bringen! [...]“ Sie dachte bei sich: >Schweige ich still, so ergeht des Teufels Wille, und ich werde die Geliebte meines Bruders; schreie ich hingegen, dann werden wir für immer unser Ansehen verloren haben.< Diese Überlegung beschäftigte sie so sehr, bis ihr Bruder sie niederrang – denn er war stark und sie zu schwach –, sodass er gegen den Willen des braven Mädchens schließlich den Beischlaf vollzog.

    [Zitiert nach Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 21-29.]

    (didaktische Aufbereitung mit Worterklärung/Glossar im PDF)

  • [Q 5] Die Schwangerschaft der Schwester

     „Liebste Schwester, sag mir – du bist so bedrückt –, was belastet dich? Mir ist an dir aufgefallen, dass du ziemlich traurig aussiehst, das bin ich von dir gar nicht gewohnt.“ [...] Sie sagte: „Das ist unbestritten: mir bleibt die Pein des Trauerns nicht erspart. Bruder, ich bin zweifach tot, an der Seele und am Leib. [...] Denn wegen dir habe ich Gottes und der Menschen Wohlwollen verloren. Der Frevel, den wir bis jetzt vor der Welt geheim gehalten haben, der kann nun nicht länger verborgen bleiben. Ich passe zwar gut auf, dass ich ihn nicht verrate, aber das Kind, das ich unterm Herzen trage, wird ihn aller Welt kundgeben.“    [... ]

    Der Bruder begann heftig zu weinen und stützte den Kopf in seine Hand, so voller Traurigkeit wie jemand, der Sorgen hat. Seine ganze Ehre stand auf dem Spiel; dennoch beklagte er mehr die Mühsal  seiner Schwester als sein eigenes Leid. Die Schwester sah ihren Bruder an und sagte: „Benimm dich wie ein Mann, hör auf zu weinen wie eine Frau, denn das kann uns leider auch nicht helfen und lass uns lieber eine Lösung finden, damit [...] wenigstens unser Kindchen nicht auch noch mit uns gemeinsam verloren sei, und dass nicht drei Menschen ins Verderben stürzen. Außerdem  hat man uns früher oft gesagt, dass ein Kind niemals die Schuld seines Vaters auf sich nehmen müsse. Fürwahr, es möge Gottes Gnade nicht dadurch verloren haben, dass wir beide für die Hölle bestimmt sind, denn es hat an unserer Verfehlung keinerlei Schuld.

    [Zitiert nach Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 31-33]

    (didaktische Aufbereitung mit Worterklärung/Glossar im PDF)

  • [Q 6] Die Konsequenzen für das Geschwisterpaar

    Der Bruder wägte in seinem Herzen mancherlei Überlegungen hin und her. [...] Schließlich sagte er: „Schwester, fasse wieder Mut! Ich habe eine Lösung für uns gefunden, die uns in die Lage versetzt, unsere Schande zu verbergen: Ich habe hier im Land einen sehr erfahrenen Lehnsmann, der uns bestimmt helfen kann, einen, den mir überdiese mein Vater nannte und mich an seine Beratung verwies [...]. Den wollen wir zu unserer Hilfe nehmen [...] und seinem Rat folgen, dann bleibt unser Ansehen erhalten.“ [...] Da wurde der Lehnsmann rasch herbeigeholt, der Bote brachte ihn sogleich. Der junge Mann [der Bruder] sagte: „[...] Da Gott dich so ausgezeichnet hat – er verlieh dir Aufrichtigkeit und ein hohes Maß an ratgeberischer Fähigkeit –, lass uns daraus Nutzen ziehen. Wir wollen dir ein Geheimnis eröffnen, bei dem unerfreulicherweise unser gesamtes Ansehen auf dem Spiel steht [...].“ Daraufhin setzen sie ihn von ihrer Lage in Kenntnis. [...] Der [Lehnsmann sagte zum Bruder]: „ Dann rate ich Euch dies: Diejenigen, die in Eurem Land herrschen, die Jungen wie die Alten, sollt Ihr an Euren Hof bestellen [...]. Ihr sollt ihnen eröffnen, dass Ihr umgehend im Dienste Gottes zum Heiligen Grab ziehen wollt. [Dort büßt Eure Sünde.] Bringt uns dann durch Eure Bitte dazu, dass wir unserer jungen Herrin den Lehnseid leisten [...]. Bleibt Eure Schwester nämlich im Lande als Herrin, kann sie ihre Sünde und Schande umso besser büßen. [...] Übergebt sie dann in meine Obhut vor allen anwesenden Herren. Das wird ihnen recht sein, denn ich bin der Älteste von ihnen und auch der Höchstgestellte.  

    [Zitiert nach Hartmann von Aue: Gregorius. Hrsg. v. Friedrich Neumann, übers. aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche von Waltraud Fritsch-Rößler, S. 35-41.]

    (didaktische Aufbereitung mit Worterklärung/Glossar im PDF)

Arbeitsaufträge

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

Einstieg:

Die Lehrerkraft projiziert  den Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.) (M 3) an die Wand, so dass die Schüler_innen zunächst mit dem inzestuösen Familienverhältnissen in der Gregorius Legende konfrontiert werden. Nach einer inneren und äußeren Quellenkritik werden sie aufgefordert, ihre Eindrücke sowie Empfindungen zur dargestellten Familienkonstellation zu schildern.

Arbeitsauftrag:
1. Bitte schildert Eure ersten Eindrücke. Verwendet dazu Eure Überlegungen aus der Hausaufgabe.

Um das Spannungsverhältnis zwischen innerfamiliären Beziehungen und außerfamiliärer Repräsentationswirkung zu verdeutlichen, werden die Schüler_innen schriftlich dazu angehalten, mögliche Auswirkungen der inzestuösen Familienkonstellation auf die Funktion als Herrscher_innen von Aquitanien in einer Hypothese kurz darzulegen.

Arbeitsauftrag:
2. Formuliert schriftlich Hypothesen, in denen ihr mögliche Auswirkungen der familiären Konstellation auf die  Ausübung der Ämter als Herrscher_innen von Aquitanien thematisiert.

Bsp. für Hypothese: Die inzestuösen Verwandtschaftsverhältnisse werden in der Epoche des Mittelalters als Sünde betrachtet, weshalb der Herrschaftsanspruch der Königsfamilie in Gefahr ist.  

Diese erste hypothetische Perspektivenübernahme ist als Heranführung an das Thema notwendig, um im weiteren Unterrichtsverlauf die Verwobenheit von familiären Identitätskonstruktionen in ihren repräsentativen sowie interaktiven Rollenzuteilungen (gender) auf der einen Seite und in ihren strukturgebenden Geschlechteridentitäten (sex) auf der anderen Seite offenzulegen. Gleichermaßen werden diese (sex & gender) im historischen Kontext des 12. Jh. an den vorherrschenden, christlich geprägten Gesellschaftsstrukturen (religion & class) problematisiert. Anschließend schreibt die Lehrkraft die Leitfrage Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe – Familienglück oder Familientragödie? an die Tafel/das Whiteboard/Smartboard.

Erarbeitung:

Der folgende Arbeitsschritt ist in Gruppenarbeit mit der Methode des Gruppenpuzzles durchzuführen. Im Vorfeld muss die Klasse/den Kurs in zwei Stammgruppen mit einer möglichst gleichen Anzahl von Schüler_innen aufgeteilt werden. Jede Stammgruppe erhält einen Quellenabschnitt, entweder Der Inzestfall zwischen Bruder und Schwester (Q 4) oder Die Schwangerschaft der Schwester (Q 5), die Sicherungstabelle: Gregorius Legende (M 6)  und die gruppenübergreifenden Arbeitsaufträge. Es bietet sich bei der Erarbeitung an, die einzelnen Stammgruppen in Kleingruppen einzuteilen, so dass jeder Quellenabschnitt von mindestens zwei Kleingruppen bearbeitet wird. Dies hat den Vorteil, dass sich jede_r Schüler_in aktiv an der Quellenanalyse beteiligen kann.

Arbeitsaufträge:

  1. Lest zuerst den Quellenauszug. Beachtet dabei die Worterklärungen im Glossar!
  2. Gliedert den Inhalt der Quelle mit Teilüberschriften.
  3. Beschreibt, wie das Thema Blutschande geschildert wird.
  4. Erläutert das Verhalten des Bruders gegenüber seiner Schwester.
  5. Erläutert die Bedenken der Schwester in ihrer Situation.

Die Kleingruppenarbeit gibt allen Schüler_innen einen kurzen Überblick zu den Ursachen des Blutschandevorfalls und verdeutlicht vor diesem Hintergrund das zunehmende Verschwimmen der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen dem Geschwisterpaar. Dadurch erkennen die Schüler_innen, dass die scheinbar festen sozialen Rollenverteilungen (gender), wie Bruder und Schwester, die sich durch eindeutige interaktive und repräsentative Verhaltensweisen, wie Fürsorge, Vertrauen und Liebe auszeichnen, dekonstruiert werden und sich zugleich zu neuen verunsichernden Rollenverteilungen (gender), wie Bruder als Liebhaber der Schwester, Schwester als Geliebte des Bruders, rekonstruieren lassen.

Sind die Schüler_innnen mit der Erarbeitung in ihren Kleingruppen fertig, tauschen zunächst die Kleingruppen einer Stammgruppe untereinander ihre Ergebnisse aus. Dieser Austausch ermöglicht allen Kleingruppen auch als "Korrekturgruppe" zu fungieren, wodurch das Ergebnis der gesamten Stammgruppe qualitativ zunimmt. Ist die Sicherung in den Stammgruppen abgeschlossen, werden die Kleingruppen aus beiden Stammgruppen gemischt, so dass je zwei Kleingruppen eine Expertengruppe bilden, in der die Ergebnisse zu beiden Quellenabschnitten (Q 4 & Q 5) im Dialog ausgetauscht und auf dem Sicherungsbogen M 6 ergänzt werden. Dieser Vergleich hilft den Schüler_innen die Geschlechteridentitäten (sex) als flexible und wandelbare Konstrukte zu verstehen, denen kein strukturgebendes sexuelles Verlangen zu zuordnen ist. Gleichermaßen erkennen die Schüler_innen, dass diese Geschlechteridentitäten (sex) ebenso auf die Rollenverteilung (gender) Einfluss nehmen, indem sie die vormals eindeutig erscheinenden Rollenverteilungen in „Bruder“ und  „Schwester“ weiter destabilisieren und die neue Rollenverteilungen „des Liebhabers“ und „der Liebhaberin“ zusätzlich fördern.

Im Plenum werden die Ergebnisse von allen Schüler_innen präsentiert, gegebenenfalls von der Lehrkraft korrigiert und gesichert.

Auswertung:

Im Anschluss diskutiert die Klasse/der Kurs vor dem Hintergrund der erarbeiteten Ergebnisse den Ausgang der Legende für das Geschwisterpaar. Die Schüler_innen nehmen zu ihren eingangs formulierten Hypothesen Stellung, indem sie den Quellenabschnitt Die Konsequenzen für das Geschwisterpaar (Q 6) in Partner_innenarbeit (diese sollte je ein_e Schüler_in aus beiden Stammgruppe enthalten) analysieren, kurz besprechen und auf dem M 6 sichern. Entsprechend der Leitfrage Hartmann von Aue über die Geschwisterliebe –  Familienglück oder Familientragödie? werden die Ergebnisse bewertet.

Arbeitsaufträge:

  1. Erläutert, welchen Ausweg dem Geschwisterpaar aus ihrer misslichen Lage aufgezeigt wird.
  2. Beurteilt vor dem Hintergrund eurer eingangs formulierten Hypothese die Situation des Geschwisterpaares, gemäß der Leitfrage Familienglück oder Familientragödie?

Die Schüler_innen reflektieren, dass sowohl die alte als auch die neue familiäre Identitätskonstruktion mit den gesellschaftlichen Strukturen des 12. Jh. verwoben sind. Konkret bedeutet dies, dass einerseits der christliche Glaube (religion) und andererseits die sozial-politische Stellung der Geschwister als Herrscher_innen von Aquitanien (class) Abhängigkeiten zum Ausdruck bringen, die sowohl Handlungszwänge verdeutlichen (Buße tun auf Kreuzzug und Buße tun als gerechte Herrscherin), als auch historisch bedingte Konventionen im Bereich von Familie und Geschlecht (Geschwister dürfe keine Familie gründen/bilden) aufzeigen. Die fehlenden familiären Strukturen und Rollenverteilungen werden durch gesellschaftliche Strukturen ersetzt, wodurch das Band zwischen dem Geschwisterpaar aufgelöst und an die Stelle der Familie, die Verantwortung vor dem Volk, vor der Gemeinschaft gesetzt wird.  

Sicherung:

Abschließend verfassen die Schüler_innen ein mögliches Schicksal für den jungen Gregorius, in dem sie ihr gelerntes Wissen anwenden und dadurch ein historisches Bewusstsein über die Flexibilität familiären Identitätskonstruktionen erwerben.

Hausaufgabe:
Stellt euch vor, Gregorius ist geboren. Formuliert ein mögliches Schicksal für das Kind. Verwendet dazu eure Ergebnisse aus der Unterrichtsstunde.