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Unterricht Homosexualität in der DDR aus rechtlich-politischer Perspektive

Die juristischen Diskurse jener Zeit drehten sich dabei vor allem um den Paragraphen 175, in dem sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1871 unter Strafe gestellt wurden.

Dass Zuordnungen wie „heterosexuell“ und „homosexuell“ oder gar „natürliche Liebe“ und „unnatürliche Liebe“ eben keineswegs „natürlich“ oder selbstverständlich sind, sondern als Konstrukte der jeweiligen Gesellschaft angesehen werden müssen 1 , kann bei der Betrachtung der Situation Homosexueller in der DDR anschaulich vermittelt werden: Die medizinischen Diskurse und die Bemühungen der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR blieben nicht ohne Wirkung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Homosexuellen und ihren Rechtsstatus.

Die juristischen Diskurse jener Zeit drehten sich dabei vor allem um den Paragraphen 175, in dem sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1871 unter Strafe gestellt wurden. In diesen Diskursen wurde Homosexualität vollständig unterschiedlich behandelt und daher teils für eine Änderung und teils für eine Beibehaltung dieses Paragraphen plädiert. 2

  • 1. vgl. Degele (2008), 84ff.
  • 2.  vgl. M2, Q4 und Q5.

M2: Bert Thinius erläutert in „Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutsch-land Ost“ den Wandel des §175 1

§ 175 I „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ (§ 175 RstGB) Strafrechtliche Verfol-gung homosexueller Handlungen ist über Jahrhunderte das sichtbarste Zeichen ihrer Diskri-minierung. Sie hat auch in Deutschland eine lange und unrühmliche Geschichte. Der oben zitierte Paragraph wurde 1871 unter Berufung auf das Rechtsbewußtsein des Volkes, welches homosexuelle Handlungen „nicht als bloßes Laster, sondern als Verbrechen beurteile“, für das gesamte Deutsche Reich eingeführt. […]

Im Oktober 1929 wurde im 21. Reichstagsausschuß mit 15 gegen 13 Stimmen die Streichung des Paragraphen, der 'einfache Homosexualität' zwi-schen Erwachsenen unter Strafe stellte, beschlossen. Zur Realisierung des Beschlusses kam es nicht mehr. Die Nazis verschärften die Strafbestimmungen 1935 extrem und versuchten das 'Problem' Homosexualität durch 'Umerziehung', 'Umpolung' und Ausrottung der Homosexuellen zu lösen. Nach 1945 hatten die beiden deutschen Staaten zu entscheiden, wie mit diesem Erbe umzugehen sei. Die BRD übernahm die faschistischen Paragraphen 175 und 175a ins eigene Strafgesetzbuch, denn man fand, daß sie dem Grundgesetz nicht widersprechen wür-den. Weniger besser war es in der DDR. […] So hatten Schwule in beiden Teilen Deutsch-lands nicht nur Grund zum Jubeln über den Aufbruch nach 1945. Was allen drohte, ist vielen wirklich geschehen: Sie hatten den Faschismus überstanden, womöglich das KZ überlebt und wurden wieder als Verbrecher behandelt, in Gefängnisse geworfen. […]

In der DDR wurde 'einfache Homosexualität' (zwischen Erwachsenen) seit 1957 kaum noch bestraft, der entspre-chende Paragraph aber erst 1968 aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Übrig blieb §151, der den 'besonderen Schutz der Jugend' sichern sollte. Der galt, bis 1988 die strafrechtliche Sonderbe-handlung schließlich ganz aufgehoben wurde. In der BRD war die 'einfache Homosexualität' seit 1969 straffrei, homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen blie-ben noch bis 1994 strafbar. Eine Besonderheit bestand allerdings darin, daß der § 151 der DDR homosexuelle Handlungen generell erfaßte, während der entsprechende BRD-Paragraph nur die zwischen männlichen Partnern unter Strafe stellte.

  • 1.  Bert Thinius: Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutschland Ost, In: Wolfram Setz (Hrsg.): Homosexualität in der DDR. Materialien und Meinungen, Hamburg 2006, S. 237 – 278.

Die Schüler_innen erarbeiten sich den Umgang mit Homosexualität in der DDR aus zwei bis vier verschiedenen Perspektiven. Dafür werden die Schülerinnen und Schüler in Gruppen aufgeteilt und die Gruppen den verschiedenen Perspektiven zugeteilt. Bei der Betrachtung der einzelnen Perspektiven können die Schüler_innen der Frage nachgehen, inwiefern die Kategorie „Geschlecht“ eine Gesellschaft bestimmt. Anhand der Quellen zur juristischen Perspektive können sich die Schüler_innen gut erarbeiten, was im Hinblick auf den Umgang mit Sexualität und Geschlecht als „normal“ angesehen wurde und was nicht und wie sich die gesetzlichen Bestimmungen veränderten. Die Schüler_innen halten die Ergebnisse auf Plakaten fest, um ihre jeweilige Perspektive den anderen Gruppen vorstellen zu können. Die Präsentation der Plakate geschieht dabei nicht im Plenum, sondern in einem Rundgang in Kleingruppen, um möglichst alle Schüler_innen zu aktivieren und zur Auseinandersetzung mit den Plakaten zu veranlassen.

Im sich anschließenden Stuhlkreis sollen die Schüler_innen ihre Argumente vorstellen und gemeinsam überlegen, wie sich die verschiedenen Perspektiven, Diskurse und Aktivitäten beeinflusst haben.

Aufgaben zu Q2 – Q5 und M2

  1. Untersuchet die vorliegenden Quellenausschnitte und das Material M2 unter der Leitfrage, welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten hinsichtlich der juristischen Beurteilung festzustellen sind. Bezieht hierbei auch ältere Gesetzestexte und ihren Einfluss auf die Gesetzgebung der DDR/BRD mit ein. Die folgenden Fragen und Teilaufgaben dienen dabei der Orientierung:

    a) Wie wurden Homosexualität und Homosexuelle in juristischen Diskursen bewertet? Lässt sich eine Entwicklungslinie erkennen? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen leitete man aus dieser Beurteilung ab?
    b) Stellet Vermutungen darüber an, aufgrund welcher Einflüsse die Gesetzestexte in den unterschiedlichen Gebieten / zu den unterschiedlichen Zeiten variierten und arbeitet Unterschiede heraus.
    c) Welche kulturellen Vorstellungen und Leitbilder von „normaler“ Sexualität und Geschlecht liegen der juristischen Deutung der Homosexualität zugrunde?

     

  2. Haltet Eure Ergebnisse auf einem Plakat fest! Falls sich eine eindeutige Entwicklungsli-nie ausmachen lässt, versucht diese grafisch wiederzugeben!  
     
  3. Präsentiert euer Plakat den übrigen Gruppen!
     
  4. Heftet eure Plakate an die Tafel! Bei der Präsentation der Plakate habt ihr sicherlich ge-merkt, dass ihr in euren Gruppen den Umgang mit Homosexualität aus je einer anderen Perspektive erarbeitet habt. Bildet jetzt einen Stuhlkreis und diskutiert gemeinsam, inwiefern sich diese vier Auffassungen/ Diskurse beeinflusst haben!

    Hinweis: Beantwortet dafür zum Beispiel folgende Fragen:
    1) In wie fern stimmen die Entwicklung des medizinisch-ethischen Diskurses und die Entwicklung des Strafrechts überein?
    2) Welchen Einfluss hatten die Aktivitäten der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung in der DDR auf den dortigen Umgang mit Homosexualität?


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Unterricht Homosexualität in der DDR aus rechtlich-politischer Perspektive
Abstract

Die juristischen Diskurse jener Zeit drehten sich dabei vor allem um den Paragraphen 175, in dem sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1871 unter Strafe gestellt wurden.

Hintergrund

Dass Zuordnungen wie „heterosexuell“ und „homosexuell“ oder gar „natürliche Liebe“ und „unnatürliche Liebe“ eben keineswegs „natürlich“ oder selbstverständlich sind, sondern als Konstrukte der jeweiligen Gesellschaft angesehen werden müssen 1 , kann bei der Betrachtung der Situation Homosexueller in der DDR anschaulich vermittelt werden: Die medizinischen Diskurse und die Bemühungen der Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR blieben nicht ohne Wirkung auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Homosexuellen und ihren Rechtsstatus.

Die juristischen Diskurse jener Zeit drehten sich dabei vor allem um den Paragraphen 175, in dem sexuelle Handlungen zwischen Männern seit 1871 unter Strafe gestellt wurden. In diesen Diskursen wurde Homosexualität vollständig unterschiedlich behandelt und daher teils für eine Änderung und teils für eine Beibehaltung dieses Paragraphen plädiert. 2

  • 1. vgl. Degele (2008), 84ff.
  • 2.  vgl. M2, Q4 und Q5.
Quellen / Material
  • M2: Bert Thinius erläutert in „Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutsch-land Ost“ den Wandel des §175 1

    § 175 I „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ (§ 175 RstGB) Strafrechtliche Verfol-gung homosexueller Handlungen ist über Jahrhunderte das sichtbarste Zeichen ihrer Diskri-minierung. Sie hat auch in Deutschland eine lange und unrühmliche Geschichte. Der oben zitierte Paragraph wurde 1871 unter Berufung auf das Rechtsbewußtsein des Volkes, welches homosexuelle Handlungen „nicht als bloßes Laster, sondern als Verbrechen beurteile“, für das gesamte Deutsche Reich eingeführt. […]

    Im Oktober 1929 wurde im 21. Reichstagsausschuß mit 15 gegen 13 Stimmen die Streichung des Paragraphen, der 'einfache Homosexualität' zwi-schen Erwachsenen unter Strafe stellte, beschlossen. Zur Realisierung des Beschlusses kam es nicht mehr. Die Nazis verschärften die Strafbestimmungen 1935 extrem und versuchten das 'Problem' Homosexualität durch 'Umerziehung', 'Umpolung' und Ausrottung der Homosexuellen zu lösen. Nach 1945 hatten die beiden deutschen Staaten zu entscheiden, wie mit diesem Erbe umzugehen sei. Die BRD übernahm die faschistischen Paragraphen 175 und 175a ins eigene Strafgesetzbuch, denn man fand, daß sie dem Grundgesetz nicht widersprechen wür-den. Weniger besser war es in der DDR. […] So hatten Schwule in beiden Teilen Deutsch-lands nicht nur Grund zum Jubeln über den Aufbruch nach 1945. Was allen drohte, ist vielen wirklich geschehen: Sie hatten den Faschismus überstanden, womöglich das KZ überlebt und wurden wieder als Verbrecher behandelt, in Gefängnisse geworfen. […]

    In der DDR wurde 'einfache Homosexualität' (zwischen Erwachsenen) seit 1957 kaum noch bestraft, der entspre-chende Paragraph aber erst 1968 aus dem Strafgesetzbuch getilgt. Übrig blieb §151, der den 'besonderen Schutz der Jugend' sichern sollte. Der galt, bis 1988 die strafrechtliche Sonderbe-handlung schließlich ganz aufgehoben wurde. In der BRD war die 'einfache Homosexualität' seit 1969 straffrei, homosexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen blie-ben noch bis 1994 strafbar. Eine Besonderheit bestand allerdings darin, daß der § 151 der DDR homosexuelle Handlungen generell erfaßte, während der entsprechende BRD-Paragraph nur die zwischen männlichen Partnern unter Strafe stellte.

    • 1.  Bert Thinius: Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutschland Ost, In: Wolfram Setz (Hrsg.): Homosexualität in der DDR. Materialien und Meinungen, Hamburg 2006, S. 237 – 278.
  • Q2: Gesetzesänderungen des § 175 im Deutschen Reich während der NS-Zeit 1

    § 175 (Fassung von 1935) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.
    Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht 21 Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.
    § 175 a (1935 neu ins StGB eingefügt)
    Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei mildernden Umständen mit Gefängnis nicht unter drei Monaten wird bestraft:

    1. ein Mann, der einen anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Ge-fahr für Leib und Seele oder Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;
    2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Mißbrauch einer durch ein Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;
    3. ein Mann über einundzwanzig Jahre, der eine männliche Person unter einundzwanzig Jah-ren verführt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;
    4. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern sich zur Un-zucht mißbrauchen läßt oder sich dazu anbietet
    • 1.  Günter Grau (Hrsg.): Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminie-rung und Verfolgung, Frankfurt am Main 1993, S. 95f.
  • Q3: „Der Ältere galt als der ‚Verführer‘ “ – Jugendschutz und die Begründung des § 1

    [Hierbei] stoßen wir bereits auf eine der Hauptschwierigkeiten der verantwortungsbewußten Abhandlung der Thematik „sexuelle Verführbarkeit“: Das Entdecken, Wachsen und Sich-Bestätigen sexueller Neigungen und Objektbindungen hält sich keineswegs an chronologisch eingrenzbare „Phasen“ oder nach Jahren genau festzumachende Lebensabschnitte. […] Unter dem Aspekt der strafrechtlichen Verantwortlichkeit ist das Jugendalter juristisch, insbesonde-re strafrechtlich, exakt festgelegt, wenn auch jeder Sachkundige sich darüber im Klaren ist, daß die Limitierung des Jugendalters auf 14 bis noch nicht 18 Jahre zwar juristisch erforderlich ist, jedoch der Problematik der fließenden Übergänge zwischen dem 13./14. und 17./18./19. Lebensjahr psychologisch-medizinisch nicht voll gerecht wird. […]

    Die Schutzfunktion des Strafrechts für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre ist erforderlich und wird auch von niemandem in Zweifel gezogen werden. […] [Jedoch haben viele Homosexuelle] ein ausgesprochen frühes, andere ein spätes Coming out. Lassen wir einen 17 jährigen Homosexuellen selbst zu Wort kommen, der durch seine Mutter inmitten sexueller Beziehungen mit einem 22 jährigen Mann entdeckt wurde […]

    [:] „Ich war in der Disco, hatte mich amüsiert und suchte einen Spanner. Alle bekannten Schwulen waren nicht da. […] In der Ecke saß einer ganz allein. Auf Anhieb ging mir der Typ ein. Den muß ich heute haben, dachte ich. […] Ich streichelte ihn über den Oberschenkel. Er wurde ganz rot und guckte rundrum, als ob er prüfen wollte, ob einer zugeguckt hatte. Er ging aber ganz von allein mit, als ich aufstand. Wir gingen in seine Wohnung [.] […] Es dauerte eine ganze Weile bis er ansprang. Die Hose zog er dann selbst aus und wir waren richtig zusammen. […] Am nächsten Morgen war er ganz anders. Er rückte an mich und nahm mich in den Arm. Er fragte mich nach dem Alter und erschrak, als er hörte, daß ich noch keine 18 bin. Und dann gestand er mir, noch nie was mit einem Jungen gehabt zu haben; auch mit Mädchen nicht. Seit der Freundschaft mit Jörg bin ich auch ganz anders. Er übt einen guten Einfluß auf mich aus, auch wenn er weg ist. Er macht Schularbeiten mit mir. […] Als er von der Armee entlassen war, sahen wir uns öfter […] [, bis meine Mutter] mit dem ABV 2 eines Tages vor seiner Wohnungstür stand.“

    Ähnliche Beispiele ließen sich häufen: Vom Jüngeren ging die Initiative aus, wurde das sexuelle Wechselspiel eingeleitet. Der Ältere galt als der „Verführer“, erwies sich psychologisch je-doch als das Objekt sexueller Aktivierung durch den Jüngeren.

    • 1.  Reiner Werner: Homosexualität. Herausforderungen an Wissen und Toleranz, Berlin 1987, S.
    • 2. ABV: Abschnittsbevollmächtigter (Polizist der Volkspolizei)
  • Q4: Die Verfolgung Homosexueller nach der Redemokratisierung Deutschlands 1

    Die Redemokratisierung Deutschlands nach 1945 beinhaltete auch eine Entscheidung über den § 175 StGB. Die juristische Fachdiskussion über den § 175 StGB befaßte sich in dieser Zeit zunächst mit der Frage, in wieweit dessen Verschärfung im Jahre 1935 nationalsozialistischem Gedankengut entsprang. In Thüringen wurde bereits im November 1945 ein Gesetz erlassen, durch welches der § 175 StGB im wesentlichen wieder die Fassung von vor 1935 erhielt. Gleichzeitig gab es Ansätze einer öffentlichen Diskussion, in der die Strafbarkeit (ein-facher) männlicher Homosexualität überhaupt problematisiert wurde. […]

    Stellungsnahmen für eine Beibehaltung der Strafbarkeit einfacher (männlicher) Homosexualität hingegen sind der Verfasserin aus dem hier betrachteten Zeitraum nicht bekannt. Eine dezidierte Position der SED gab es in dieser Frage allerdings nicht, deren Haltung lässt sich vielmehr als „unsicher“ bezeichnen. So erhielt [der Dresdner Nervenarzt] Klimmer im Juni 1947 für einen Artikel zum § 175 StGB eine von der Redaktion der „Sächsischen Zeitung“ im Einvernehmen mit dem SED-Landesvorstand getroffene Ablehnung, in der es hieß: "(...) daß es nicht für ange-bracht gehalten wurde im Augenblick eine Diskussion zu dieser Frage zu eröffnen, auch wenn wir Ihren Standpunkt restlos teilen". […] 1949 erschien in der Juristenzeitschrift "Neue Ju-stiz" […] ein Kommentar des Chefredakteurs Weiß. Dieser befürwortete zwar prinzipiell die Straflosigkeit der einfachen Homosexualität, trat jedoch nicht für die sofortige Streichung des § 175 StGB ein, da er die Wahrung der Rechtseinheit Deutschlands für relevanter hielt. […] Im Dezember 1957 wurde ein Strafrechtsergänzungsgesetz erlassen, demzufolge im Falle geringer Gesellschaftsgefährlichkeit gerichtliche Verfahren eingestellt oder die Angeklagten freigesprochen werden konnten.

    • 1.  Gudrun Kowalski: Homosexualität in der DDR, ein historischer Abriß,  Marburg 1987, S..
  • Q5: Jugendschutz und die Begründung des § 175 (2. Teil) 1

    In der […] juristischen Literatur setzte sich auch in den 60er Jahren die Tendenz einer Entkriminalisierung der „einfachen Homosexualität“ fort. Diese Entkriminalisierung sollte „nicht etwa eine staatliche Toleranz des Verhaltens bedeuten, sondern lediglich die Verantwortlichkeit für die Reaktion auf derartige Taten von juristischen in ärztliche Hände übergeben.“ [...] 1968 erfolgte in der DDR eine Reform des gesamten Strafrechts und damit die Streichung des § 175 StGB. Da die Homosexualität aber weiterhin als negative Erscheinung gewertet wurde und viele Wissenschaftler von einer Verführbarkeit Jugendlicher zur Homosexualität ausgingen, blieb ein besonderer Jugend“schutz“ bestehen. Dieser wurde im § 151 des neuen Strafgesetzbuches folgendermaßen fixiert: „Ein Erwachsener, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts sexuelle Handlungen vornimmt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Verurteilung auf Bewährung bestraft."

    Dieses Sondergesetz, das nun auch Frauen erfaßte, wurde im "Lehrkommentar zum Strafgesetzbuch" im Rahmen des Kapitels "Straftaten gegen Jugend und Familie" damit begründet, daß "gleichgeschlechtliche Handlungen (...) stets geeignet (sind), die Herausbildung sexualethischer Normen und Wertvorstellungen zu vereiteln, die normale sexuelle Entwicklung junger Menschen zu beeinträchtigen und die Aufnahme echter - auf Zuneigung oder Liebe basierender - Partnerbeziehungen zu erschweren oder zu verhindern (...) die Gefahr einer Fehlentwicklung liegt für Jugendliche beiderlei Geschlechts darin begründet, daß anormale sexuelle Verhaltensweisen (homosexuelle Handlungen) bestimmend für das spätere Sexualverhalten sein können, so daß die Entwicklung normaler Partnerbeziehungen gefährdet werden kann.“

    • 1.  Reiner Werner: Homosexualität. Herausforderungen an Wissen und Toleranz, Berlin 1987, S..
Arbeitsaufträge

Die Schüler_innen erarbeiten sich den Umgang mit Homosexualität in der DDR aus zwei bis vier verschiedenen Perspektiven. Dafür werden die Schülerinnen und Schüler in Gruppen aufgeteilt und die Gruppen den verschiedenen Perspektiven zugeteilt. Bei der Betrachtung der einzelnen Perspektiven können die Schüler_innen der Frage nachgehen, inwiefern die Kategorie „Geschlecht“ eine Gesellschaft bestimmt. Anhand der Quellen zur juristischen Perspektive können sich die Schüler_innen gut erarbeiten, was im Hinblick auf den Umgang mit Sexualität und Geschlecht als „normal“ angesehen wurde und was nicht und wie sich die gesetzlichen Bestimmungen veränderten. Die Schüler_innen halten die Ergebnisse auf Plakaten fest, um ihre jeweilige Perspektive den anderen Gruppen vorstellen zu können. Die Präsentation der Plakate geschieht dabei nicht im Plenum, sondern in einem Rundgang in Kleingruppen, um möglichst alle Schüler_innen zu aktivieren und zur Auseinandersetzung mit den Plakaten zu veranlassen.

Im sich anschließenden Stuhlkreis sollen die Schüler_innen ihre Argumente vorstellen und gemeinsam überlegen, wie sich die verschiedenen Perspektiven, Diskurse und Aktivitäten beeinflusst haben.

Aufgaben zu Q2 – Q5 und M2

  1. Untersuchet die vorliegenden Quellenausschnitte und das Material M2 unter der Leitfrage, welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten hinsichtlich der juristischen Beurteilung festzustellen sind. Bezieht hierbei auch ältere Gesetzestexte und ihren Einfluss auf die Gesetzgebung der DDR/BRD mit ein. Die folgenden Fragen und Teilaufgaben dienen dabei der Orientierung:

    a) Wie wurden Homosexualität und Homosexuelle in juristischen Diskursen bewertet? Lässt sich eine Entwicklungslinie erkennen? Welche gesellschaftlichen Konsequenzen leitete man aus dieser Beurteilung ab?
    b) Stellet Vermutungen darüber an, aufgrund welcher Einflüsse die Gesetzestexte in den unterschiedlichen Gebieten / zu den unterschiedlichen Zeiten variierten und arbeitet Unterschiede heraus.
    c) Welche kulturellen Vorstellungen und Leitbilder von „normaler“ Sexualität und Geschlecht liegen der juristischen Deutung der Homosexualität zugrunde?

     

  2. Haltet Eure Ergebnisse auf einem Plakat fest! Falls sich eine eindeutige Entwicklungsli-nie ausmachen lässt, versucht diese grafisch wiederzugeben!  
     
  3. Präsentiert euer Plakat den übrigen Gruppen!
     
  4. Heftet eure Plakate an die Tafel! Bei der Präsentation der Plakate habt ihr sicherlich ge-merkt, dass ihr in euren Gruppen den Umgang mit Homosexualität aus je einer anderen Perspektive erarbeitet habt. Bildet jetzt einen Stuhlkreis und diskutiert gemeinsam, inwiefern sich diese vier Auffassungen/ Diskurse beeinflusst haben!

    Hinweis: Beantwortet dafür zum Beispiel folgende Fragen:
    1) In wie fern stimmen die Entwicklung des medizinisch-ethischen Diskurses und die Entwicklung des Strafrechts überein?
    2) Welchen Einfluss hatten die Aktivitäten der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung in der DDR auf den dortigen Umgang mit Homosexualität?