Hidden from normal

Unterricht Leben im Harem: Gefängnis oder Machtzentrum?

In diesem Baustein soll der zweite Harems-Mythos der westlichen Dichotomie aufgegriffen und dekonstruiert werden. Zu diesem Zweck wurde als Einstieg eine Strophe aus George Byrons (1788-1824) Versepos „Ritter Harold's Pilgerfahrt“ (im Original „Childe Harold’s Pilgrimage“, Q1) gewählt.

In diesem Baustein soll der zweite Harems-Mythos der westlichen Dichotomie aufgegriffen und dekonstruiert werden. Zu diesem Zweck wurde als Einstieg eine Strophe aus George Byrons (1788-1824) Versepos „Ritter Harold's Pilgerfahrt“ (im Original „Childe Harold’s Pilgrimage“, Q1) gewählt. Darin gibt der Autor, der ein wichtiger Vertreter des Orientalismus und der Romantik ist, die westliche Auffassung von der gesellschaftlichen Stellung osmanischer Frauen wieder, indem er sie als von der Gesellschaft ausgeschlossene und streng bewachte Gefangene beschreibt („Nie hört man hier des Weibes Stimme tönen, verschleiert nur erscheint sie und bewacht“). Interessant ist die anschließende Beschreibung des ehelichen und mütterlichen Glücks, das osmanische Frauen in dieser restriktiven Lebenswelt finden können. Dies ist eine Übertragung englischer Ideale von Häuslichkeit, Ehe und Mutterschaft auf die Darstellung des osmanischen Reiches. 1

Didaktische Anmerkung:
Auf eine Analyse der Strophe durch die Schüler_innen kann als zweiter Teil des Einstiegs eine kurze Hypothesenbildung zu folgender Frage erfolgen: „Was machten Frauen, Kinder, Eunuchen, Diener_innen und der Sultan den ganzen Tag im Harem?“ Hierbei zeigt sich, ob und, wenn ja, wie stark die westliche Dichotomie (siehe Sachanalyse) im Denken der Schüler_innen verankert ist. Ob die aufgestellten Hypothesen begründet oder unbegründet sind, können sich die Schüler_innen in der anschließenden Erarbeitungsphase auf Basis verschiedener Sachtexte und Quellen selbst erschließen.

In dieser Sequenz wird mit der Methode des Experten_innen-Puzzels gearbeitet, die das Lernen sowohl selbstständig als auch in Kleingruppen ermöglicht und fördert: Die Klasse wird in Stammgruppen à fünf Lerner_innen eingeteilt und einigt sich gruppenintern auf die Übernahme der Themenbearbeitung (M 6-8/Q 4-5), so dass fünf Arbeitsbögen verteilt sind. In dieser ersten Phase werden die gewählten Arbeitsaufträge in den Stammgruppen in Einzelarbeit ausgeführt.
In einem zweiten Schritt treffen sich die jeweiligen Experten_innen in fünf Großgruppen (eine pro Thema), gleichen Ergebnisse miteinander ab und diskutieren unterschiedliche Perspektiven. Zum Abschluss treffen sich wieder die Stammgruppen, die Experten_innen präsentieren sich gegenseitig ihre Ergebnisse und besprechen auf dieser Basis, inwiefern das eingangs vorgestellte Gedicht und die dazu formulierten Hypothesen mit den erarbeiteten Informationen in Einklang zu bringen sind.

  • 1.  Sharafuddin, Mohammed: Islam and Romantic Orientalism. Literary Encounters with the Orient, London/New York 1994, S. 243-244.

Q3: George Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt (1812-1818), Zweiter Gesang, Strophe 61, übersetzt von Adolf Seubert, Projekt Gutenberg (http://gutenberg.spiegel.de/buch/6663/1)

Nie hört man hier des Weibes Stimme tönen,
Verschleiert nur erscheint sie und bewacht,
Mit Leib und Seel' muß sie nur Einem fröhnen,
Gewöhnt an's Käfig, fühlt sie nicht die Acht,
Weil glücklich sie des Herren Liebe macht,
Noch glücklicher der Mutter süße Mühen,
Die süßesten, die ihr das Sein gebracht,
Sie selber nährt des theuern Kindes Blühen,
Daß nie es theilen muß, gemeinen Sinnes Glühen.

Erarbeitung & Sicherung:
Die Schüler_innen erarbeiten sich anhand verschiedener Sachtexte und Quellen Akteure_innen und Sozialstrukturen innerhalb des Harems und diskutieren die Bedeutung dieser inhärenten Geschlechterkonzepte.

Arbeitsaufträge zu Q4:
1. Lady Montagu zählt die Personen um den Sultan in einer genauen Reihenfolge auf. Wer ist dabei? Wer von ihnen lebte im Frauen- oder Männer-Harem?
2. Den Zug beobachteten viele Menschen in der Stadt. Überlege dir mögliche Gründe des Sultans für so einen Auftritt in der Öffentlichkeit.
3. Stelle Vermutungen über die Bedeutung der Nähe beziehungsweise Distanz der einzelnen Personen zum Sultan innerhalb des Zuges an.

Arbeitsaufträge zu Q5:
1. Beschreibe die Möglichkeiten im Osmanischen Reich auch ohne einflussreiches Elternhaus Karriere zu machen.
2. Die Quelle spricht nicht davon, ob man eine Frau oder ein Mann sein muss, um im Osmanischen Reich aufzusteigen. Stelle Vermutungen an, ob dies für eine Karriere im Osmanischen Reich wirklich egal war und ob Frauen und Männer dort unterschiedliche Möglichkeiten hatten.
3. Im christlichen Europa wurden wichtige Posten oft an adlig geborene Personen vergeben. Überlege aus Sicht des Herrschers, welche Vor- und Nachteile die beiden Systeme haben könnten.

Arbeitsaufträge zu Q6:
1. Notiere die vier Stufen im Aufstieg von Roxelane in Stichpunkten.
2. Überlege dir mögliche Hintergedanken für Roxelanes Idee, den Frauenharem in den Sultanspalast zu verlegen.
3. In den Büchern über die Geschichte des Osmanischen Reiches wird die Zeit nach Roxelane oft abschätzig als „Zeit der Weiberherrschaft“ bezeichnet und als Phase des Niedergangs dargestellt. Die Geschichtsschreiber waren lange Zeit fast ausschließlich Männer. Denkst Du, dass es da einen Zusammenhang geben könnte?

Arbeitsaufträge zu M7:
1. Nenne die verschiedenen Aufgaben des Obereunuchen.
2. Überlege dir Gründen für die Bewachung des Frauenbereichs durch Eunuchen.
3. Viele zeitgenössische Berichte von europäischen Reisenden zeichnen ein sehr negatives Bild von Eunuchen: Sie seien böse, intrigant und blickten stets finster wegen der ihnen widerfahrenen Kastration. Doch in einigen Dokumenten finden sich wesentlich positivere Darstellungen, z.B. bei Leyla Saz, der Tochter eines osmanischen Arztes. Fällt dir eine Erklärung dafür ein?

Arbeitsaufträge zu M8:
1. Nenne die verschiedenen Aufstiegsmöglichkeiten, die eine Dienerin des Frauen-Harems hatte.
2. Dienerinnen des Frauen-Harems waren bei den Männern der osmanischen Oberschicht begehrte Ehefrauen. Erörtere welche Vorteile die Dienerinnen aus einer solchen Ehe hatten und welche sich für die Männer ergaben.
3. Selbst die rangniedrigste Dienerin des Frauen-Harems lernte gleich zu Beginn ihres Lebens im Harem das Lesen und Schreiben, auch wenn sie dieses Wissen für ihre Arbeit gar nicht brauchte. Überlege dir, warum das so war und was es für die Dienerinnen bedeutete.

Auswertung:
Nachdem die Schüler_innen das Expertenpuzzle durchlaufen haben, werden im Plenum die eingangs erstellten Hypothesen als Kontrastfolie zu den erarbeiteten Perspektiven abschließend diskutiert. Mögliche Impulse für diese Diskussion sind:
1. Erörtert wie starr die Grenzen des Harems waren.

  • Waren die Bewohner_innen des Harems auf diesen beschränkt?
  • Welche Möglichkeiten hatten sie, öffentlich zu handeln?

2. Diskutiert die Bedeutung von Nähe zum Sultan für eine_n Osmanen_in.

  • Welche Personen konnten dem Sultan am nächsten sein?

Hidden from mobile

Unterricht Leben im Harem: Gefängnis oder Machtzentrum?
Abstract

In diesem Baustein soll der zweite Harems-Mythos der westlichen Dichotomie aufgegriffen und dekonstruiert werden. Zu diesem Zweck wurde als Einstieg eine Strophe aus George Byrons (1788-1824) Versepos „Ritter Harold's Pilgerfahrt“ (im Original „Childe Harold’s Pilgrimage“, Q1) gewählt.

Hintergrund

In diesem Baustein soll der zweite Harems-Mythos der westlichen Dichotomie aufgegriffen und dekonstruiert werden. Zu diesem Zweck wurde als Einstieg eine Strophe aus George Byrons (1788-1824) Versepos „Ritter Harold's Pilgerfahrt“ (im Original „Childe Harold’s Pilgrimage“, Q1) gewählt. Darin gibt der Autor, der ein wichtiger Vertreter des Orientalismus und der Romantik ist, die westliche Auffassung von der gesellschaftlichen Stellung osmanischer Frauen wieder, indem er sie als von der Gesellschaft ausgeschlossene und streng bewachte Gefangene beschreibt („Nie hört man hier des Weibes Stimme tönen, verschleiert nur erscheint sie und bewacht“). Interessant ist die anschließende Beschreibung des ehelichen und mütterlichen Glücks, das osmanische Frauen in dieser restriktiven Lebenswelt finden können. Dies ist eine Übertragung englischer Ideale von Häuslichkeit, Ehe und Mutterschaft auf die Darstellung des osmanischen Reiches. 1

Didaktische Anmerkung:
Auf eine Analyse der Strophe durch die Schüler_innen kann als zweiter Teil des Einstiegs eine kurze Hypothesenbildung zu folgender Frage erfolgen: „Was machten Frauen, Kinder, Eunuchen, Diener_innen und der Sultan den ganzen Tag im Harem?“ Hierbei zeigt sich, ob und, wenn ja, wie stark die westliche Dichotomie (siehe Sachanalyse) im Denken der Schüler_innen verankert ist. Ob die aufgestellten Hypothesen begründet oder unbegründet sind, können sich die Schüler_innen in der anschließenden Erarbeitungsphase auf Basis verschiedener Sachtexte und Quellen selbst erschließen.

In dieser Sequenz wird mit der Methode des Experten_innen-Puzzels gearbeitet, die das Lernen sowohl selbstständig als auch in Kleingruppen ermöglicht und fördert: Die Klasse wird in Stammgruppen à fünf Lerner_innen eingeteilt und einigt sich gruppenintern auf die Übernahme der Themenbearbeitung (M 6-8/Q 4-5), so dass fünf Arbeitsbögen verteilt sind. In dieser ersten Phase werden die gewählten Arbeitsaufträge in den Stammgruppen in Einzelarbeit ausgeführt.
In einem zweiten Schritt treffen sich die jeweiligen Experten_innen in fünf Großgruppen (eine pro Thema), gleichen Ergebnisse miteinander ab und diskutieren unterschiedliche Perspektiven. Zum Abschluss treffen sich wieder die Stammgruppen, die Experten_innen präsentieren sich gegenseitig ihre Ergebnisse und besprechen auf dieser Basis, inwiefern das eingangs vorgestellte Gedicht und die dazu formulierten Hypothesen mit den erarbeiteten Informationen in Einklang zu bringen sind.

  • 1.  Sharafuddin, Mohammed: Islam and Romantic Orientalism. Literary Encounters with the Orient, London/New York 1994, S. 243-244.
Quellen / Material
  • Q3: George Byron: Ritter Harold's Pilgerfahrt (1812-1818), Zweiter Gesang, Strophe 61, übersetzt von Adolf Seubert, Projekt Gutenberg (http://gutenberg.spiegel.de/buch/6663/1)

    Nie hört man hier des Weibes Stimme tönen,
    Verschleiert nur erscheint sie und bewacht,
    Mit Leib und Seel' muß sie nur Einem fröhnen,
    Gewöhnt an's Käfig, fühlt sie nicht die Acht,
    Weil glücklich sie des Herren Liebe macht,
    Noch glücklicher der Mutter süße Mühen,
    Die süßesten, die ihr das Sein gebracht,
    Sie selber nährt des theuern Kindes Blühen,
    Daß nie es theilen muß, gemeinen Sinnes Glühen.

  • Q4: Der Hof zieht mit dem Sultan
    Ausritt des Sultans und seines Hofstaats zur Moschee

    Quelle: Lady Mary Montagu (1689-1762), Frau des englischen Gesandten in Konstantinopel zu Beginn des 18. Jh., Briefe

    Quellentext:
    „Ich ging gestern mit der französischen Botschafterin hin, um den Großsultan auf dem Wege nach der Moschee zu sehen. Eine zahlreiche Wache von Janitscharen [osmanische Elitetruppe] zog voran, alle mit großen weißen Federn auf den Köpfen; diesen folgten die Spahis und Bostandschis (Reiterei und Fußvolk) und die kaiserlichen Gärtner, die ein beträchtliches Korps ausmachen, mannigfaltig in schöne, lebhafte Farben gekleidet, so dass sie aus der Entfernung einem Blumenbeet von Tulpen ähnlich sehen.
    Nach ihnen kam der Janitscharen Aga [militärischer Befehlshaber]  in einem purpurfarbenen samtenen Kaftan, mit gewebtem Silber gefüttert, sein Pferd führten zwei reichgekleidete Sklaven. Nach ihm der Kislar Aga (Sie wissen, dass dies der oberste Aufseher der Weiberburg1, des Serail2 ist), in einem dunkelgelben Gewand, mit Zobel gefüttert, das seinem schwarzen Gesicht sehr wohl stand. Zuletzt kam seine Hoheit selbst [Sultan Ahmet III. (1703-1730)]. Sein grünes Kleid war mit schwarzem, moskowitischem Fuchs gefüttert, der auf tausend Pfund Sterling geschätzt wird. Er saß auf einem schönen Pferd, dessen Geschirr mit Juwelen besetzt war. Sechs andere Pferde mit reichem Geschirr wurden ihm nachgeführt, und zwei seiner vornehmsten Höflinge trugen, der eine seinen goldenen, der andere seinen silbernen Kaffeetopf auf einem Stab, ein dritter auf dem Kopf einen silbernen Sessel.“
    [zitiert nach: Lady Mary Montagu: Briefe aus dem Orient, bearbeitet von Irma Bühler nach der Ausgabe von 1784 in der Übersetzung von Prof. Eckert. Frankfurt a.M. 1991, S. 109.]

    1 die Weiberburg, -en: abfälliges Wort für den Harem
    2 das Serail, die -s: anderes Wort für den Palast des Sultans

  • Q5 Durch Leistung zur Nähe
    Quelle: Ogier Ghiselin de Busbecq (1522-1592), Gesandter Ferdinands von Habsburg
    (1556-1564) in Istanbul, aus seinen Briefen („Legationis Turcicae Epistolae“)

    Quellentext:
    „Geburt unterscheidet hier keinen von den andern, Ehre wird jedem nach dem Maße seines Standes und Amtes erwiesen; da gibt es keinen Rangstreit, die Stelle, die man versieht, gibt jedem seinen Rang. Ämter aber und Stellen verteilt der Sultan selbst. Dabei achtet er nicht auf Reichtum, nicht auf den nebelhaften Adel, nicht auf jemandes Ansehen oder auf das Urteil der Menge: sondern die Verdienste zieht er in Betracht, Sitten, Begabung und Eignung sieht er an; nach seiner Tugend wird jeder ausgezeichnet.“

    [zitiert nach: de Busbecq, Ogier Ghiselin: Vier Briefe aus der Türkei, aus dem Lateinischen übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von W. von den Steinen. Erlangen 1926, S. 64.]

  • M6 Die Macht einer Sultansfrau und -mutter
    Roxelane Hurrem Sultan: Gemahlin Sultan Süleymans I. (ca. 1500/1506-1558, Regierungszeit: ca. 1533-1558)

    Biografie
    Roxelane wurde wahrscheinlich in Gebieten des heutigen Russlands geboren, kam als Sklavin in das Osmanische Reich und gelangte als Geschenk in den Harem Sultan Süleymans I.
    Süleyman  wählte sie zu einer seiner Lieblingskonkubinen (Konkubinen waren Sklavinnen, die mit dem Sultan auch Sex hatten). Roxelane überredete den Sultan, sie zu einer freien Frau zu erklären. Die beiden heirateten und Roxelane wurde zu seiner einflussreichsten Beraterin.
    Im Jahr 1541 brannten die Gebäude des Frauenharems nieder, der zu diesem Zeitpunkt noch in einiger Entfernung zum Sultanspalast gelegen war. Auf den Vorschlag Roxelanes hin wurde der Frauenharem in den Komplex des Sultanpalastes integriert, so wie ihr es auf der Karte in der letzten Unterrichtseinheit gesehen habt. Von nun an hatte Roxelane noch mehr Einfluss.
    Über Briefe und Mittelsleute konnte sie leicht Kontakte zu Bündnispartner_innen außerhalb des Harems pflegen. Im Kampf um Macht und Einfluss schreckte Roxelane auch nicht davor zurück, einflussreiche Gegner und andere Anwärter auf den Sultansthron ermorden zu lassen. Schließlich wurde einer ihrer Söhne Sultan, wodurch sie in die mächtige Stellung der Sultansmutter aufrückte und gemeinsam mit ihm herrschte.

    [nach: Gost, Roswitha: Der Harem, Köln 1994, S. 95-104.]

  • M7 Eunuchen: Wächter und „Manager“ des Harems
    Eigentlich ist die Kastration, die Entfernung des Hodensacks und in manchen Fällen auch die des Penis, nach islamischem Recht verboten. Im Zuge der Sesshaftwerdung arabischer Nomaden wurde es üblich, in größeren Palästen den Frauenbereich von Eunuchen bewachen zu lassen. Die Kastration wurde in der Regel von Nicht-Moslems durchgeführt. Die Osmanischen Herrscher übernahmen diese Praxis.
    Während der Männerharem von weißen Eunuchen bewacht wurde, übernahmen für den Frauenharem schwarze Eunuchen diese Aufgabe. Den Obereunuchen nannte man „Kızlar Ağası“. Er organisierte nicht nur die Bewachung der Frauenräume, sondern gehörte auch dem Staatsrat, dem höchsten politischen Gremium, an. Als Mittler zwischen dem Harem und der Außenwelt bekam er sehr viele Informationen von allen Seiten und konnte so bei den wichtigsten Entscheidungen mitwirken. Darüber hinaus verwaltete er viel Geld, das er im Namen des Sultans für wohltätige und religiöse Zwecke verwenden sollte. Außerdem beaufsichtigte er die Erziehung der Haremssklavinnen und Sultanskinder.
    Wenn Obereunuchen aus ihrem Dienst entlassen wurden, erhielten sie eine Freilassungsurkunde und umfangreiche Mittel, um einen Ruhestand in Reichtum zu führen. Nach ihrem Tod fiel ihr gesamtes Erbe an den Sultan zurück.

    [nach: Gost, Roswitha: Der Harem, Köln, S. 124-135.]

  • M8: Aufstiegsmöglichkeiten der Dienerinnen im Frauen-Harem
    Im Frauen-Harem lebten hunderte Dienerinnen, die für den Sultan, seine Mutter, seine Schwestern und Frauen sowie seine Kinder arbeiteten. Sie hatten eine strenge Rangordnung, die ganz genau bestimmte, wem sie gehorchen mussten und was sie zu tun hatten. In dieser Rangordnung konnten die Dienerinnen hoch aufsteigen, wenn sie Erfahrung sammelten und talentiert waren. Die ranghöchste Dienerin war die kâhya kadın, die Oberaufseherin des Harems. Sie war direkt der Mutter des Sultans unterstellt und wurde selbst von den Ehefrauen des Sultans respektiert.
    Aber nicht nur innerhalb des Harems konnten die Dienerinnen aufsteigen: Die meisten von ihnen verbrachten nicht ihr ganzes Leben im Harem, sondern verließen ihn irgendwann, um einen Mann zu heiraten. Da sie als Dienerinnen der Sultansfamilie hoch angesehen waren, waren die für sie ausgewählten Ehemänner fast immer sehr wohlhabend und hatten wichtige politische und militärische Ämter inne. Oft handelte es sich dabei um ehemalige Pagen des Männer-Harems, denn auch diese verließen den Harem, wenn sie älter wurden, und erhielten dann die begehrtesten und einflussreichsten Posten im Osmanischen Reich.
    Da ehemalige Dienerinnen des Harems weiterhin den Harem betreten und verlassen durften, waren sie außerdem wichtige Mittelsleute zwischen dem Harem und der Außenwelt. So hatten sie die Möglichkeit, ihre einflussreichen Beziehungen mit den Bewohner_innen des Harems aufrechtzuerhalten und auszubauen.

    [nach: Davis, Fanny: The Ottoman Lady. A Social History from 1718 to 1918, New York & Westport, Connecticut & London 1986, S. 1-9. & Peirce, Leslie P.: The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, New York & Oxford, 1993, S. 11-12.]

Arbeitsaufträge

Erarbeitung & Sicherung:
Die Schüler_innen erarbeiten sich anhand verschiedener Sachtexte und Quellen Akteure_innen und Sozialstrukturen innerhalb des Harems und diskutieren die Bedeutung dieser inhärenten Geschlechterkonzepte.

Arbeitsaufträge zu Q4:
1. Lady Montagu zählt die Personen um den Sultan in einer genauen Reihenfolge auf. Wer ist dabei? Wer von ihnen lebte im Frauen- oder Männer-Harem?
2. Den Zug beobachteten viele Menschen in der Stadt. Überlege dir mögliche Gründe des Sultans für so einen Auftritt in der Öffentlichkeit.
3. Stelle Vermutungen über die Bedeutung der Nähe beziehungsweise Distanz der einzelnen Personen zum Sultan innerhalb des Zuges an.

Arbeitsaufträge zu Q5:
1. Beschreibe die Möglichkeiten im Osmanischen Reich auch ohne einflussreiches Elternhaus Karriere zu machen.
2. Die Quelle spricht nicht davon, ob man eine Frau oder ein Mann sein muss, um im Osmanischen Reich aufzusteigen. Stelle Vermutungen an, ob dies für eine Karriere im Osmanischen Reich wirklich egal war und ob Frauen und Männer dort unterschiedliche Möglichkeiten hatten.
3. Im christlichen Europa wurden wichtige Posten oft an adlig geborene Personen vergeben. Überlege aus Sicht des Herrschers, welche Vor- und Nachteile die beiden Systeme haben könnten.

Arbeitsaufträge zu Q6:
1. Notiere die vier Stufen im Aufstieg von Roxelane in Stichpunkten.
2. Überlege dir mögliche Hintergedanken für Roxelanes Idee, den Frauenharem in den Sultanspalast zu verlegen.
3. In den Büchern über die Geschichte des Osmanischen Reiches wird die Zeit nach Roxelane oft abschätzig als „Zeit der Weiberherrschaft“ bezeichnet und als Phase des Niedergangs dargestellt. Die Geschichtsschreiber waren lange Zeit fast ausschließlich Männer. Denkst Du, dass es da einen Zusammenhang geben könnte?

Arbeitsaufträge zu M7:
1. Nenne die verschiedenen Aufgaben des Obereunuchen.
2. Überlege dir Gründen für die Bewachung des Frauenbereichs durch Eunuchen.
3. Viele zeitgenössische Berichte von europäischen Reisenden zeichnen ein sehr negatives Bild von Eunuchen: Sie seien böse, intrigant und blickten stets finster wegen der ihnen widerfahrenen Kastration. Doch in einigen Dokumenten finden sich wesentlich positivere Darstellungen, z.B. bei Leyla Saz, der Tochter eines osmanischen Arztes. Fällt dir eine Erklärung dafür ein?

Arbeitsaufträge zu M8:
1. Nenne die verschiedenen Aufstiegsmöglichkeiten, die eine Dienerin des Frauen-Harems hatte.
2. Dienerinnen des Frauen-Harems waren bei den Männern der osmanischen Oberschicht begehrte Ehefrauen. Erörtere welche Vorteile die Dienerinnen aus einer solchen Ehe hatten und welche sich für die Männer ergaben.
3. Selbst die rangniedrigste Dienerin des Frauen-Harems lernte gleich zu Beginn ihres Lebens im Harem das Lesen und Schreiben, auch wenn sie dieses Wissen für ihre Arbeit gar nicht brauchte. Überlege dir, warum das so war und was es für die Dienerinnen bedeutete.

Auswertung:
Nachdem die Schüler_innen das Expertenpuzzle durchlaufen haben, werden im Plenum die eingangs erstellten Hypothesen als Kontrastfolie zu den erarbeiteten Perspektiven abschließend diskutiert. Mögliche Impulse für diese Diskussion sind:
1. Erörtert wie starr die Grenzen des Harems waren.

  • Waren die Bewohner_innen des Harems auf diesen beschränkt?
  • Welche Möglichkeiten hatten sie, öffentlich zu handeln?

2. Diskutiert die Bedeutung von Nähe zum Sultan für eine_n Osmanen_in.

  • Welche Personen konnten dem Sultan am nächsten sein?