Hidden from normal

Unterricht Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“

Der autobiographische Bericht des Ökonomen Joseph verdeutlicht sinnfällig, inwiefern der diskriminierende Umgang mit Homosexualität in der DDR die Betroffenen hinsichtlich ihrer Psyche und ihrem Verhalten und damit bei ihrer Identitätsbildung beeinflussen konnte.

Die Auseinandersetzung mit Selbstzeugnissen Homosexueller ermöglicht es, ihre konkreten Lebenswirklichkeiten und Gestaltungsspielräume zu erarbeiten und Mechanismen von Identitätskonstruktionen zu erkennen. Der autobiographische Bericht des Ökonomen Joseph verdeutlicht sinnfällig, inwiefern der diskriminierende Umgang mit Homosexualität in der DDR die Betroffenen hinsichtlich ihrer Psyche und ihrem Verhalten und damit bei ihrer Identitätsbildung beeinflussen konnte. Joseph schildert eindrucksvoll, wie er die Ansicht seiner Mitbürger_innen, dass Homosexualität eine abartige Krankheit sei, adaptierte und sein gesamtes Leben daran ausrichtete. Gleichzeitig kann diese Erzählung sehr gut verwendet werden, um die Ideale von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in der Gesellschaft der DDR vorherrschten, zu erarbeiten.

Q19: Die Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“ 1

 

  • 1.  S. 134-151 aus: Jürgen Lemke (Hrsg.): Ganz normal anders. Auskünfte schwuler Männer aus der DDR (Mit einer Vorbemerkung von Irene Runge). Frankfurt am Main 1989.

Die Schüler_innen interpretieren das Selbstzeugnis des Ökonomen „Joseph“ mithilfe des Rasters. Das Raster hilft den Schüer_innen bei der formalen Einordnung der Quelle und auch bei der inneren Kritik, dem Annähern an die sexuelle Identität des Erzählenden.
In einem zweiten Schritt können die Schüler_innen die Quelle einordnen, indem sie sie in den gesellschaftlichen Kontext einordnen. Die Besprechung der Aufgaben im Plenum ermöglicht, Verständnisschwierigkeiten gemeinsam zu klären, und die Ergebnisse aus den Interpretationen der Schüler_innen zu ergnzen und zusammenzufassen.

Aufgaben zu Q19:

  1. Analysiere und interpretiere die Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“!
    Hinweis: Nimm dafür dieses Analyseraster zu Hilfe:

Analyseraster zur Interpretation einer Quelle

I. Formale Aspekte

  • Quellenart
  • Tradition oder Überrest, Primär- oder Sekundärquelle
  • Zeit, Entstehungsort

II. Inhaltserschließung

  • W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?
  • Wort- und Begriffsklärungen, Erzählstruktur
  • historischer Kontext

III.  Interpretation
Mögliche Fragen an die Quellen:

  1. Welche Formen der Diskriminierung und Stigmatisierung Homosexueller können konkret ausgemacht werden? An welchen Orten der sozialen Lebenswelt (Familie, Schule, Arbeitsplatz, u. a.) kamen diese besonders zum Tragen?
  2. Welche Merkmale und Attribute wurden Homosexuellen von außen (z. B. durch Me-diziner und Psychologen) zugeschrieben? Welche Selbstzuschreibungen lassen sich im Selbstzeugnis ausmachen?
  3. Welche Vorstellungen von „Normalität“ im Hinblick auf Männlich- und Weiblichkeit sowie Sexualität lagen der negativen Bewertung der Homosexualität  zugrunde?
  4. Welcher Praktiken und Verhaltensweisen bedienten sich die historischen Ak-teur_innen in der selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Iden-tität (Selbstinszenierung, öffentliches Auftreten, Kleidung, Modellierung des Körpers, Anbahnung sexueller Kontakte  u. a.)? Was sind die Motive hierfür?

Hinweis (Nur wenn die Bausteine 3-6 auch bearbeitet wurden): Bezieht in die Quellenanalyse und –interpretation Eure Kenntnisse über (a) die politisch-rechtliche Lage Homosexueller in der DDR (Modul 1), (b) die zeitgenössische medizinisch-psychiatrische Lehrmeinung (Modul 2) und (c) ethische Positionen zur Homosexualität (Modul 3) sowie (d) die Emanzipationsbewegung (Modul 4) mit ein!

IV.  Aussagenwert der Quelle
Selbstzeugnisse sind grundsätzlich von hohem Wert für die Rekonstruktion vergangenen Geschehens!
Allerdings sollten bei einer sorgfältigen Quellenkritik folgende Gesichtspunkte stets mit bedacht werden:

  • häufig zeitlich große Distanz zum Geschehen
  • hierdurch „Glättung“ von Erlebnissen durch später gewonnene Einsichten und Erfahrungen
  • Selektivität und Wertung der Erfahrungen und Erinnerungen
  • Ausblendung bestimmter Gegenstände oder Verknüpfung einzelner Erinnerungsfragmente in einen übergeordneten, subjektiv gefärbten und damit ten-denziell ahistorischen Sinnzusammenhang (Gefahr des Authentizitätsverlusts)

           2.) Bereite dich darauf vor, folgende Fragen mit deiner Klasse zu diskutieren (vgl. Analyseraster III. Interpretation):

  • Wie sah der Alltag Homosexueller in der DDR aus? (Schule, Arbeitsplatz, Familie; erste Liebe, u. a.)
  • Auf welche Erfahrungen blicken Homosexuelle zurück?
  • Wie haben sie Diskriminierung erfahren und wie reagierten sie hierauf?
  • Welche Eigenschaften schrieb man Homosexuellen von außen zu? Wie haben sie sich selbst wahrgenommen (krank-gesund, kriminell-nicht kriminell, u. s. w.)?
  • Welche Leitbilder und Vorstellungen im Hinblick auf Sexualität und Geschlecht liegen diesen Selbst- und Fremdzuschreibungen zugrunde?
  • Sofern auch die Bausteine 3 – 6 behandelt wurden: Welche Beziehungen lassen sich zwischen den Erfahrungen der historischen Akteure und der rechtlichen Situation (Baustein 3), den medizinisch-psychiatrischen Diskursen (Baustein 4), den ethischen Forderungen (Baustein 5) und/oder den Aktivitäten und Zielen der Emanzipationsbewegung (Baustein 6) herstellen?

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Unterricht Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“
Abstract

Der autobiographische Bericht des Ökonomen Joseph verdeutlicht sinnfällig, inwiefern der diskriminierende Umgang mit Homosexualität in der DDR die Betroffenen hinsichtlich ihrer Psyche und ihrem Verhalten und damit bei ihrer Identitätsbildung beeinflussen konnte.

Hintergrund

Die Auseinandersetzung mit Selbstzeugnissen Homosexueller ermöglicht es, ihre konkreten Lebenswirklichkeiten und Gestaltungsspielräume zu erarbeiten und Mechanismen von Identitätskonstruktionen zu erkennen. Der autobiographische Bericht des Ökonomen Joseph verdeutlicht sinnfällig, inwiefern der diskriminierende Umgang mit Homosexualität in der DDR die Betroffenen hinsichtlich ihrer Psyche und ihrem Verhalten und damit bei ihrer Identitätsbildung beeinflussen konnte. Joseph schildert eindrucksvoll, wie er die Ansicht seiner Mitbürger_innen, dass Homosexualität eine abartige Krankheit sei, adaptierte und sein gesamtes Leben daran ausrichtete. Gleichzeitig kann diese Erzählung sehr gut verwendet werden, um die Ideale von Männlichkeit und Weiblichkeit, die in der Gesellschaft der DDR vorherrschten, zu erarbeiten.

Quellen / Material
  • Q19: Die Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“ 1

     

    • 1.  S. 134-151 aus: Jürgen Lemke (Hrsg.): Ganz normal anders. Auskünfte schwuler Männer aus der DDR (Mit einer Vorbemerkung von Irene Runge). Frankfurt am Main 1989.
Arbeitsaufträge

Die Schüler_innen interpretieren das Selbstzeugnis des Ökonomen „Joseph“ mithilfe des Rasters. Das Raster hilft den Schüer_innen bei der formalen Einordnung der Quelle und auch bei der inneren Kritik, dem Annähern an die sexuelle Identität des Erzählenden.
In einem zweiten Schritt können die Schüler_innen die Quelle einordnen, indem sie sie in den gesellschaftlichen Kontext einordnen. Die Besprechung der Aufgaben im Plenum ermöglicht, Verständnisschwierigkeiten gemeinsam zu klären, und die Ergebnisse aus den Interpretationen der Schüler_innen zu ergnzen und zusammenzufassen.

Aufgaben zu Q19:

  1. Analysiere und interpretiere die Lebensbeschreibung des Ökonomen „Joseph“!
    Hinweis: Nimm dafür dieses Analyseraster zu Hilfe:

Analyseraster zur Interpretation einer Quelle

I. Formale Aspekte

  • Quellenart
  • Tradition oder Überrest, Primär- oder Sekundärquelle
  • Zeit, Entstehungsort

II. Inhaltserschließung

  • W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?
  • Wort- und Begriffsklärungen, Erzählstruktur
  • historischer Kontext

III.  Interpretation
Mögliche Fragen an die Quellen:

  1. Welche Formen der Diskriminierung und Stigmatisierung Homosexueller können konkret ausgemacht werden? An welchen Orten der sozialen Lebenswelt (Familie, Schule, Arbeitsplatz, u. a.) kamen diese besonders zum Tragen?
  2. Welche Merkmale und Attribute wurden Homosexuellen von außen (z. B. durch Me-diziner und Psychologen) zugeschrieben? Welche Selbstzuschreibungen lassen sich im Selbstzeugnis ausmachen?
  3. Welche Vorstellungen von „Normalität“ im Hinblick auf Männlich- und Weiblichkeit sowie Sexualität lagen der negativen Bewertung der Homosexualität  zugrunde?
  4. Welcher Praktiken und Verhaltensweisen bedienten sich die historischen Ak-teur_innen in der selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Iden-tität (Selbstinszenierung, öffentliches Auftreten, Kleidung, Modellierung des Körpers, Anbahnung sexueller Kontakte  u. a.)? Was sind die Motive hierfür?

Hinweis (Nur wenn die Bausteine 3-6 auch bearbeitet wurden): Bezieht in die Quellenanalyse und –interpretation Eure Kenntnisse über (a) die politisch-rechtliche Lage Homosexueller in der DDR (Modul 1), (b) die zeitgenössische medizinisch-psychiatrische Lehrmeinung (Modul 2) und (c) ethische Positionen zur Homosexualität (Modul 3) sowie (d) die Emanzipationsbewegung (Modul 4) mit ein!

IV.  Aussagenwert der Quelle
Selbstzeugnisse sind grundsätzlich von hohem Wert für die Rekonstruktion vergangenen Geschehens!
Allerdings sollten bei einer sorgfältigen Quellenkritik folgende Gesichtspunkte stets mit bedacht werden:

  • häufig zeitlich große Distanz zum Geschehen
  • hierdurch „Glättung“ von Erlebnissen durch später gewonnene Einsichten und Erfahrungen
  • Selektivität und Wertung der Erfahrungen und Erinnerungen
  • Ausblendung bestimmter Gegenstände oder Verknüpfung einzelner Erinnerungsfragmente in einen übergeordneten, subjektiv gefärbten und damit ten-denziell ahistorischen Sinnzusammenhang (Gefahr des Authentizitätsverlusts)

           2.) Bereite dich darauf vor, folgende Fragen mit deiner Klasse zu diskutieren (vgl. Analyseraster III. Interpretation):

  • Wie sah der Alltag Homosexueller in der DDR aus? (Schule, Arbeitsplatz, Familie; erste Liebe, u. a.)
  • Auf welche Erfahrungen blicken Homosexuelle zurück?
  • Wie haben sie Diskriminierung erfahren und wie reagierten sie hierauf?
  • Welche Eigenschaften schrieb man Homosexuellen von außen zu? Wie haben sie sich selbst wahrgenommen (krank-gesund, kriminell-nicht kriminell, u. s. w.)?
  • Welche Leitbilder und Vorstellungen im Hinblick auf Sexualität und Geschlecht liegen diesen Selbst- und Fremdzuschreibungen zugrunde?
  • Sofern auch die Bausteine 3 – 6 behandelt wurden: Welche Beziehungen lassen sich zwischen den Erfahrungen der historischen Akteure und der rechtlichen Situation (Baustein 3), den medizinisch-psychiatrischen Diskursen (Baustein 4), den ethischen Forderungen (Baustein 5) und/oder den Aktivitäten und Zielen der Emanzipationsbewegung (Baustein 6) herstellen?