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Unterricht Lebten nur schöne Frauen im Harem?

In diesem Baustein wird zunächst das Vorwissen der Schüler_innen zum Thema Harem aktiviert, um anschließend den ersten Harems-Mythos zu dekonstruieren.

In diesem Baustein der Unterrichtsreihe „Der Harem der osmanischen Sultane“ wird zunächst das Vorwissen der Schüler_innen zum Thema Harem aktiviert, um anschließend den ersten Harems-Mythos zu dekonstruieren. Es wurde daher bewusst ein Bild als Einstieg gewählt, das den Harem stark sexualisiert darstellt und damit beispielhaft für die westliche Sicht auf den Mikrokosmos Harem ist. Dies ist gleichzeitig eine sehr gute Übung, um bei den Schüler_innen ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Quellen zu wecken.
Das dem Orientalismus zuzurechnende Bild „Terrasse des Serails“ wurde von Jean-Léon Gérôme (1824-1904) gemalt, einem französischer Maler des Klassizismus, der zahlreiche „historische“ Szenen künstlerisch festhielt. 1 Es zeigt junge Frauen beim Baden und Entspannen, die dabei von einem Eunuchen bewacht und vom Sultan im Hintergrund beobachtet werden. Nicht dargestellt sind Kinder und ältere Frauen. Es findet also eine Sexualisierung des Harems statt, die den familiären Charakter dieses Mikrokosmos verkennt. Dies sollen auch die Schüler_innen erkennen, wenn sie sich das Bild nach der Erarbeitungsphase ein zweites Mal ansehen.

Didaktische Anmerkung
Es könnte sein, dass die Schüler_innen auf dem Bild nicht sofort eine Haremsszene, sondern zunächst eine gewöhnliche Badeszene erkennen. Dies kann bei einer sorgfältigen Bildanalyse jedoch mit Verweis auf den Eunuchen im Vordergrund und den Sultan im Hintergrund klargestellt werden. Der Titel des Bildes gibt den Schülern einen weiteren Hinweis auf das eigentliche Motiv.

  • 1. Förschler, Silke: Bilder des Harem. Medienwandel und kultureller Austausch, Berlin 2010, S. 226-236.
  • Q2: „Terrasse des Serail“ (La Terrasse du sérail), Öl auf Leinwand, von Jean-Léon Gérôme (1824 - 1904), ca. 1886, Privatsammlung.
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The Terrace of the Seraglio, Jean-Léon Gérôme.jpg
  • M3: Lageplan des Topkapı-Palastes
    M3: Lageplan des Topkapı-Palastes http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Topkapi Palace plan.svg [Farbliche Anpassung und Beschriftung durch die Autoren]

M4 Sachtext: Der Frauen-Harem
Der Wohn- und Regierungssitz der osmanischen Sultane war der sogenannte Topkapı-Palast1, der aus insgesamt vier Höfen bestand. Wer zu diesen Höfen Zutritt hatte, war streng geregelt. In den ersten Hof durfte noch jeder, aber schon in den zweiten Hof durften nur noch politische Würdenträger und ausländische Botschafter. Der dritte Hof war der sogenannte imperiale Harem, auch innerer Palast genannt. Ihn durfte niemand betreten, der von außen kam, denn hier lebte der Sultan selbst. Dieser Hof war noch einmal aufgeteilt in den Männer-Harem und den Frauen-Harem. Nur der Sultan durfte zwischen diesen beiden Harems und den anderen Höfen frei hin und her gehen, allen anderen war es verboten. Der vierte Hof bestand fast ausschließlich aus Gärten und Parkanlagen für die Bewohner des dritten Hofes.
Ab dem 17. Jahrhundert hatte der Sultan seine eigenen Zimmer im Frauen-Harem, den außer ihm kein erwachsener Mann betreten durfte. Auch seine Ehefrauen und seine kleinen Kinder lebten dort. Jede der Ehefrauen hatte ihre eigenen Dienerinnen und wenn sie schon älter waren, hatten auch die Töchter des Sultans persönliche Dienerinnen bis sie heirateten und den Harem verließen. Auch die Dienerinnen selbst waren nicht ihr ganzes Leben im Harem; wenn sie älter wurden, suchte man für sie einen Mann und sie verließen den Harem um dessen Ehefrau zu werden. Die mächtigste Frau im Harem war die Mutter des Sultans. Sie hatte den Befehl über alle Dienerinnen des Frauen-Harems und auch die meisten der Ehefrauen und Töchter des Sultans machten, was sie sagte. Der Sultan selbst ließ sich ebenfalls von seiner Mutter beraten. Bewacht wurde der Frauen-Harem von Eunuchen2 mit schwarzer Hautfarbe, die auch für den Kontakt zur Außenwelt zuständig waren.

[nach: Peirce, Leslie P.: The Imperial Harem. Women and Sovereignty
in the Ottoman Empire, New York & Oxford, 1993.]

1 der Topkapı-Palast: wurde im 15. Jahrhundert von Sultan Mehmet II. erbaut und steht in Istanbul (damals offiziell Konstantinopel).
der Eunuch, die -n: Mann mit medizinisch entfernten primären Geschlechtsorganen

Erarbeitung & Sicherung:
Nachdem das Vorwissen und die Vorausurteile der Schüler_innen in der Bildanalyse sichtbar wurden, erhält in dieser Unterrichtsphase jede_r Schüler_in jeweils einen von zwei kurzen Sachtexten zusammen mit einem Lageplan des Topkapı-Palastes, der zur Veranschaulichung dient. Einer der Texte behandelt den Männer-Harem, der andere den Frauen-Harem. Zu diesen Texten machen sie sich Stichpunkte, um ihrem_r Partner_in den jeweils anderen Text vorzutragen. Anschließend präsentieren ausgewählte Schüler_innen ihre Ergebnisse der Klasse (think-pair-share-Methode).
 

Arbeitsauftrag (Sachtext M4):
1. Erarbeite und notiere dir anhand des Sachtextes M4, welche Personen im Frauen-Harem lebten.
2. Stelle deinem_r Nachbarn_in mit Hilfe deiner Notizen die im Frauen-Harem lebenden Personen vor.
3. Beschreibe auf Basis des Vortrags deines_r Nachbarn_in die Personen, die im Männer-Harem lebten und halte dies schriftlich fest.
4. Erörtere mit deinem_r Sitznachbarn_in, welche der Personen im Harem als „Frau“ und welche als „Mann“ galten. Woran wurde das festgemacht?

Arbeitsauftrag (Sachtext M5):
1. Erarbeite und notiere dir anhand des Sachtextes M5, welche Personen im Männer-Harem lebten.
2. Stelle deinem_r Nachbarn_in mit Hilfe deiner Notizen die im Männer-Harem lebenden Personen vor.
3. Beschreibe auf Basis des Vortrags deines_r Nachbarn_in die Personen, die im Frauen-Harem lebten und halte dies schriftlich fest.
4. Erörtere mit deinem_r Sitznachbarn_in, welche der Personen im Harem als „Frau“ und welche als „Mann“ galten. Woran wurde das festgemacht?

Auswertung:
Nachdem alle Schüler_innen gemeinsam die Sachtexte erschlossen haben, können sie auf dieser Basis einen zweiten Blick auf das Bild von Jean-Léon Gérôme werfen und es kritisch analysieren. Zentral ist dabei die Frage danach, welche Personen dargestellt sind (Sultan, Eunuch, Ehefrauen, Konkubinen) und welche nicht dargestellt sind (ältere Frauen (Mutter des Sultans), Dienerinnen, Kinder). Abschließend erörtern die Schüler_innen, inwieweit die fehlende Darstellung familiärer Strukturen eine bewusste Sexualisierung der Lebenswelt Harem ist.


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Unterricht Lebten nur schöne Frauen im Harem?
Abstract

In diesem Baustein wird zunächst das Vorwissen der Schüler_innen zum Thema Harem aktiviert, um anschließend den ersten Harems-Mythos zu dekonstruieren.

Hintergrund

In diesem Baustein der Unterrichtsreihe „Der Harem der osmanischen Sultane“ wird zunächst das Vorwissen der Schüler_innen zum Thema Harem aktiviert, um anschließend den ersten Harems-Mythos zu dekonstruieren. Es wurde daher bewusst ein Bild als Einstieg gewählt, das den Harem stark sexualisiert darstellt und damit beispielhaft für die westliche Sicht auf den Mikrokosmos Harem ist. Dies ist gleichzeitig eine sehr gute Übung, um bei den Schüler_innen ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Quellen zu wecken.
Das dem Orientalismus zuzurechnende Bild „Terrasse des Serails“ wurde von Jean-Léon Gérôme (1824-1904) gemalt, einem französischer Maler des Klassizismus, der zahlreiche „historische“ Szenen künstlerisch festhielt. 1 Es zeigt junge Frauen beim Baden und Entspannen, die dabei von einem Eunuchen bewacht und vom Sultan im Hintergrund beobachtet werden. Nicht dargestellt sind Kinder und ältere Frauen. Es findet also eine Sexualisierung des Harems statt, die den familiären Charakter dieses Mikrokosmos verkennt. Dies sollen auch die Schüler_innen erkennen, wenn sie sich das Bild nach der Erarbeitungsphase ein zweites Mal ansehen.

Didaktische Anmerkung
Es könnte sein, dass die Schüler_innen auf dem Bild nicht sofort eine Haremsszene, sondern zunächst eine gewöhnliche Badeszene erkennen. Dies kann bei einer sorgfältigen Bildanalyse jedoch mit Verweis auf den Eunuchen im Vordergrund und den Sultan im Hintergrund klargestellt werden. Der Titel des Bildes gibt den Schülern einen weiteren Hinweis auf das eigentliche Motiv.

  • 1. Förschler, Silke: Bilder des Harem. Medienwandel und kultureller Austausch, Berlin 2010, S. 226-236.
Quellen / Material
  • Q2: „Terrasse des Serail“ (La Terrasse du sérail), Öl auf Leinwand, von Jean-Léon Gérôme (1824 - 1904), ca. 1886, Privatsammlung.
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:The Terrace of the Seraglio, Jean-Léon Gérôme.jpg
  • M3: Lageplan des Topkapı-Palastes
    M3: Lageplan des Topkapı-Palastes http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Topkapi Palace plan.svg [Farbliche Anpassung und Beschriftung durch die Autoren]
  • M4 Sachtext: Der Frauen-Harem
    Der Wohn- und Regierungssitz der osmanischen Sultane war der sogenannte Topkapı-Palast1, der aus insgesamt vier Höfen bestand. Wer zu diesen Höfen Zutritt hatte, war streng geregelt. In den ersten Hof durfte noch jeder, aber schon in den zweiten Hof durften nur noch politische Würdenträger und ausländische Botschafter. Der dritte Hof war der sogenannte imperiale Harem, auch innerer Palast genannt. Ihn durfte niemand betreten, der von außen kam, denn hier lebte der Sultan selbst. Dieser Hof war noch einmal aufgeteilt in den Männer-Harem und den Frauen-Harem. Nur der Sultan durfte zwischen diesen beiden Harems und den anderen Höfen frei hin und her gehen, allen anderen war es verboten. Der vierte Hof bestand fast ausschließlich aus Gärten und Parkanlagen für die Bewohner des dritten Hofes.
    Ab dem 17. Jahrhundert hatte der Sultan seine eigenen Zimmer im Frauen-Harem, den außer ihm kein erwachsener Mann betreten durfte. Auch seine Ehefrauen und seine kleinen Kinder lebten dort. Jede der Ehefrauen hatte ihre eigenen Dienerinnen und wenn sie schon älter waren, hatten auch die Töchter des Sultans persönliche Dienerinnen bis sie heirateten und den Harem verließen. Auch die Dienerinnen selbst waren nicht ihr ganzes Leben im Harem; wenn sie älter wurden, suchte man für sie einen Mann und sie verließen den Harem um dessen Ehefrau zu werden. Die mächtigste Frau im Harem war die Mutter des Sultans. Sie hatte den Befehl über alle Dienerinnen des Frauen-Harems und auch die meisten der Ehefrauen und Töchter des Sultans machten, was sie sagte. Der Sultan selbst ließ sich ebenfalls von seiner Mutter beraten. Bewacht wurde der Frauen-Harem von Eunuchen2 mit schwarzer Hautfarbe, die auch für den Kontakt zur Außenwelt zuständig waren.

    [nach: Peirce, Leslie P.: The Imperial Harem. Women and Sovereignty
    in the Ottoman Empire, New York & Oxford, 1993.]

    1 der Topkapı-Palast: wurde im 15. Jahrhundert von Sultan Mehmet II. erbaut und steht in Istanbul (damals offiziell Konstantinopel).
    der Eunuch, die -n: Mann mit medizinisch entfernten primären Geschlechtsorganen

  • M5 Sachtext: Der Männer-Harem
    Der Wohn- und Regierungssitz der osmanischen Sultane war der sogenannte Topkapı-Palast1, der aus insgesamt vier Höfen bestand. Wer zu diesen Höfen Zutritt hatte, war streng geregelt. In den ersten Hof durfte noch jeder, aber schon in den zweiten Hof durften nur noch politische Würdenträger und ausländische Botschafter. Der dritte Hof war der sogenannte imperiale Harem, auch innerer Palast genannt. Ihn durfte niemand betreten, der von außen kam, denn hier lebte der Sultan selbst. Dieser Hof war noch einmal aufgeteilt in den Männer-Harem und den Frauen-Harem. Nur der Sultan durfte zwischen diesen beiden Harems und den anderen Höfen frei hin und her gehen, allen anderen war es verboten. Der vierte Hof bestand fast ausschließlich aus Gärten und Parkanlagen für die Bewohner des dritten Hofes.
    Bis ins 16. Jahrhundert hatte der Sultan seine eigenen Zimmer im Männer-Harem. Hier lebte er zusammen mit Jungen und jugendlichen Männern, die für ihn als Diener arbeiteten und dabei gleichzeitig für den Staatsdienst ausgebildet wurden. Außer dem Sultan durfte kein erwachsener Mann im Männer-Harem leben. Wenn die Diener älter wurden, suchte man daher eine Ehefrau für sie und sie verließen den Männer-Harem, um eine politische oder militärische Laufbahn zu beginnen. Auch die Söhne des Sultans lebten im Männer-Harem, sobald sie nicht mehr als Kinder galten. Genau wie die Diener verließen sie ihn erst wieder, wenn sie heirateten. Bewacht wurde der Männer-Harem von Eunuchen2 mit weißer Hautfarbe, die auch für den Kontakt zur Außenwelt zuständig waren.

    [nach: Peirce, Leslie P.: The Imperial Harem. Women and Sovereignty
    in the Ottoman Empire, New York & Oxford, 1993.]

    1 der Topkapı-Palast: wurde im 15. Jahrhundert von Sultan Mehmet II. erbaut und steht in Istanbul (damals offiziell Konstantinopel).
    2 der Eunuch, die -n: Mann mit medizinisch entfernten primären Geschlechtsorganen

Arbeitsaufträge

Erarbeitung & Sicherung:
Nachdem das Vorwissen und die Vorausurteile der Schüler_innen in der Bildanalyse sichtbar wurden, erhält in dieser Unterrichtsphase jede_r Schüler_in jeweils einen von zwei kurzen Sachtexten zusammen mit einem Lageplan des Topkapı-Palastes, der zur Veranschaulichung dient. Einer der Texte behandelt den Männer-Harem, der andere den Frauen-Harem. Zu diesen Texten machen sie sich Stichpunkte, um ihrem_r Partner_in den jeweils anderen Text vorzutragen. Anschließend präsentieren ausgewählte Schüler_innen ihre Ergebnisse der Klasse (think-pair-share-Methode).
 

Arbeitsauftrag (Sachtext M4):
1. Erarbeite und notiere dir anhand des Sachtextes M4, welche Personen im Frauen-Harem lebten.
2. Stelle deinem_r Nachbarn_in mit Hilfe deiner Notizen die im Frauen-Harem lebenden Personen vor.
3. Beschreibe auf Basis des Vortrags deines_r Nachbarn_in die Personen, die im Männer-Harem lebten und halte dies schriftlich fest.
4. Erörtere mit deinem_r Sitznachbarn_in, welche der Personen im Harem als „Frau“ und welche als „Mann“ galten. Woran wurde das festgemacht?

Arbeitsauftrag (Sachtext M5):
1. Erarbeite und notiere dir anhand des Sachtextes M5, welche Personen im Männer-Harem lebten.
2. Stelle deinem_r Nachbarn_in mit Hilfe deiner Notizen die im Männer-Harem lebenden Personen vor.
3. Beschreibe auf Basis des Vortrags deines_r Nachbarn_in die Personen, die im Frauen-Harem lebten und halte dies schriftlich fest.
4. Erörtere mit deinem_r Sitznachbarn_in, welche der Personen im Harem als „Frau“ und welche als „Mann“ galten. Woran wurde das festgemacht?

Auswertung:
Nachdem alle Schüler_innen gemeinsam die Sachtexte erschlossen haben, können sie auf dieser Basis einen zweiten Blick auf das Bild von Jean-Léon Gérôme werfen und es kritisch analysieren. Zentral ist dabei die Frage danach, welche Personen dargestellt sind (Sultan, Eunuch, Ehefrauen, Konkubinen) und welche nicht dargestellt sind (ältere Frauen (Mutter des Sultans), Dienerinnen, Kinder). Abschließend erörtern die Schüler_innen, inwieweit die fehlende Darstellung familiärer Strukturen eine bewusste Sexualisierung der Lebenswelt Harem ist.