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Unterricht
Lesbische Emanzipation oder Aufrechterhaltung einer Dichotomie

Im Rahmen dieses Bausteins werden die Emanzipationskonzepte der 20er und 70er Jahre verglichen.

In diesem Baustein sollen die Quellen in Hinblick auf Kategorien, wie Macht, Identität, Geschlecht analyisiert werden. Dabei sollen insbesondere Konzepte zur lesbischen Identiät herausgearbeitet werden in Form von Butch/Femme und Feminismus. Die Quellen sind im Rahmen der Emanzipationsbewegungen der 20er und 70er Jahre entstanden.

Die Quelle M3 stammt aus der Zeitschrift "Die Freundin", hierbei handelt es sich um eine Zeitschrift für Lesben, welche von 1923 bis 1933 in Berlin erschien. Veröffentlich wurden Artikel zu unterschiedlichen Themen, wie z.B. lesbische Identität, lesbische Geschichte oder wissenschaftliche Beiträge in Zusammenhang mit Homosexualität. Daneben wurden auch Kontaktanzeigen veröffentlicht. Die Freundin stellte die auflagenstärkste und am weitesten verbreiteten lesbische Zeitschrift dar.
An der Quelle wird deutlich wie entscheidend das Denken in dichotome Geschlechterrollen für lesbische Beziehungen in den 20er Jahren waren. Dies schlägt sich in dem Butch/Femme Konzept wiedern. In diesem übernimmt die als Butch identifizierte Frau typisch 'maskuline, männliche' Eigenschaften und die als Femme identifizierte Frau typisch 'feminine, weibliche' Eigenschaften. Das emanzipatorische Moment besteht in diesem Konzept in der Verdeutlichung der Loslösung des gender (soziales Geschlecht) von sex (biologisches Geschlecht).

Die Quellen Q4 ist eine Publikation der Homosexuellen Aktion Westberlin von 1972.  

Hinweis: Das Buch ist der „originellste und umwerfendste Ansatz, ausgehend von der individuellen lesbischen Praxis die feministische Theorie aus der Sackgasse herauszuführen. Brillant eigenwillig visionär formuliert Jill Johnston aus der selbstkritischen Analyse ihrer Biographie die große Herausforderung: ‚Alle Frauen sind Lesbierinnen außer denen, die es noch nicht wissen.‘ Dies ist nur ein Beispiel für die mutigen, ironischen, einfallsreichen und oft brisanten Provokationen, mit denen die Journalistin Jill Johnston die amerikanische Öffentlichkeit und Frauenbewegung in Wort und Tat gleichermaßen beruhigte und schockierte.“
Jill Johnston wurde in England geboren und wuchs in Amerika auf. Sie lebt jetzt als Schriftstellerin und Journalistin in Massachusetts. Jill Johnston ist Lesbierin und sie versteht sich als Feministin.

M3: Freundin, Nr 1 / 1. Jahrgang 1924

Wenn man einmal Zeuge sein darf, was für ein Urteil sich Uneingeweihte über die  homosexuelle Frau bilden, dann stellt man sich […] eine Frau niedrigster Sorte vor.  […] Und wie ganz anders ist es doch in Wirklichkeit. […] Es gibt zwei Arten von  homosexuellen Frauen. Die virile – d.i. männliche – und die feminine – d.i. weibliche  – Frau. Die Virile zeichnet sich vor allen Dingen durch ihre Selbstständigkeit, durch ihr sicheres Auftreten aus. […] Man ist oft erstaunt, was solche Frau leistet und  wieviel Verantwortung sie trägt. […] Obwohl sie sich in ihrem Beruf oft mit einem  Mann messen kann, hat sie doch meistens für den Haushalt kein Verständnis. Es  verdient noch gesagt zu werden, daß eine virile homosexuelle Frau anderen Frauen stets mit Artigkeit entgegenkommt und nicht selten die Rolle eines Beschützers übernimmt. […] Sie nimmt nicht die erste beste, die ihren Weg kreuzt, sondern sie prüft reiflich, ob die Frau, mit der sie Freundschaft zu schließen gedenkt, überhaupt für sie in Frage kommt, ob sie ihr Innenleben versteht. […] Die feminine Frau ist ganz das Gegenteil der eben geschilderten. Echt weiblich. Ihr fehlt die gewisse Selbstständigkeit. Sie ist durch und durch Frau, von zartem Wesen und anschmiegenden Charakter. Aber dafür eine gute Hausfrau mit viel Geschick und oft ausgezeichnetem Schönheitssinn. […] Und wenn sich nun eine virile Frau mit einer femininen zusammenschließt, um gemeinsam den Lebensweg zu bestreiten, ist es nicht viel mehr hochzuachten, als wenn sich eine dieser Frauen einem Mann zu eigen gibt, um mit ihm eine unglückliche Ehe zu führen […]? (35f.)

Die Lehrperson bereitet die drei Stationen vor Stationen vor.

Station 1 - Material M3: Auszug aus Freundin (Nr. 1 / 1. Jahrgang 1924):
1. Welche Arten von Frauenrollen werden in der Quelle M3 geschildert?
2. Wie ist das Verhältnis zwischen der öffentlichen Meinung über lesbische Frauen und der Darstellung lesbischer Frauen im Text?
3. Wo wird das Verhältnis der Geschlechter in der Quelle M3 gebrochen und wo wird es bedient?
4. Informiert euch über das Konzept Butch/Femme und wendet es auf die Quelle an, falls möglich.
5. *Zusatz:
Tragt in einer Tabelle zusammen, welche typischen Eigenschaften dem Mann und welche der Frau im Text zugeschrieben werden.

Station 2 - Material M4: Bericht der Frauengruppe der HAW (1972)
1. Das Material M4 ist ein Protokoll von einem Treffen der Frauengruppe der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) von 1972. Sammelt Informationen aus dem Internet über die HAW.
2. Was ist eine Subkultur?
3. Welche Folgen hat die von „Vorurteilen und Tabus gegen alle Homosexuellen“ geprägte öffentliche Meinung für die Betroffenen? Welche Aktivitäten unternimmt die HAW, um diese Folgen zu bekämpfen (Welche Ziele setzt sich die HAW?)?
4. Welche Identität wird in der Quelle M4 entworfen? Emanzipiert sich die Gruppe von den gesellschaftlichen Normen?
5. *Zusatz:
Stellt begründete Vermutungen an, warum die Frauen eine eigene Gruppe gegründet haben und keine gemeinsamen Sitzungen mit den homosexuellen Männern halten.

Station 3 - Material M5: Auszug aus Jill Johnstons „Nationalität lesbisch“
1. Welches Rollenverhältnis Mann-Frau wird in M5 beschrieben?
2. Nenne Beispiele aus dem Text, warum eine Frau gleichgeschlechtliche Liebe / Partnerschaften praktizieren sollte und erkläre, welche emanzipatorischen Ansätze es in der Argumentation gibt. Wie wird die lesbische Sexualität mit der feministischen Theorie vereint?
3. *Zusatz:
Interpretiere die Sätze: Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, ist kein kesser Vater oder Weibchen sondern eine Frau. Sie ist nicht naturgegeben ein rollenspielendes Tier. Rollenverhalten entsteht durch Unterschiedlichkeiten, wobei ein von einem anderen unterschiedlichen Tier den Unterschied in einem Gefühl von Unsicherheit und Unvollkommenheit nicht ertragen kann. Identität, erreicht durch Herrschaft und Unterwerfung.

Die SuS deuten und analysieren die Quellen im Hinblick auf die bereits bestimmten Kategorien (Identität, Macht, …). Auf diese leiten die jeweiligen Fragestellungen zu den Quellen hin. Die SuS erkennen, dass es verschiedene Konzepte zu lesbischen Identität gibt (Butch/Femme, Feminismus). Diese ergänzen sich und stehen sich auch gegenüber.

Die Lehrperson wirft folgende Frage mit einem OH-Projektor an die Wand:
Welche Kontinuitäten und Differenzen gibt es in der lesbischen Selbstbestimmung?
Anhand dieser Frage folgt ein geleitetes Unterrichtsgespräch. Anhand der Diskussion soll deutlich werden, dass Identitätsbildung auch immer von den kulturellen Gegebenheiten abhängig ist und dadurch auch die Identitäten lesbischer Frauen historisch wandelbar ist.


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Unterricht
Lesbische Emanzipation oder Aufrechterhaltung einer Dichotomie
Abstract

Im Rahmen dieses Bausteins werden die Emanzipationskonzepte der 20er und 70er Jahre verglichen.

Hintergrund

In diesem Baustein sollen die Quellen in Hinblick auf Kategorien, wie Macht, Identität, Geschlecht analyisiert werden. Dabei sollen insbesondere Konzepte zur lesbischen Identiät herausgearbeitet werden in Form von Butch/Femme und Feminismus. Die Quellen sind im Rahmen der Emanzipationsbewegungen der 20er und 70er Jahre entstanden.

Die Quelle M3 stammt aus der Zeitschrift "Die Freundin", hierbei handelt es sich um eine Zeitschrift für Lesben, welche von 1923 bis 1933 in Berlin erschien. Veröffentlich wurden Artikel zu unterschiedlichen Themen, wie z.B. lesbische Identität, lesbische Geschichte oder wissenschaftliche Beiträge in Zusammenhang mit Homosexualität. Daneben wurden auch Kontaktanzeigen veröffentlicht. Die Freundin stellte die auflagenstärkste und am weitesten verbreiteten lesbische Zeitschrift dar.
An der Quelle wird deutlich wie entscheidend das Denken in dichotome Geschlechterrollen für lesbische Beziehungen in den 20er Jahren waren. Dies schlägt sich in dem Butch/Femme Konzept wiedern. In diesem übernimmt die als Butch identifizierte Frau typisch 'maskuline, männliche' Eigenschaften und die als Femme identifizierte Frau typisch 'feminine, weibliche' Eigenschaften. Das emanzipatorische Moment besteht in diesem Konzept in der Verdeutlichung der Loslösung des gender (soziales Geschlecht) von sex (biologisches Geschlecht).

Die Quellen Q4 ist eine Publikation der Homosexuellen Aktion Westberlin von 1972.  

Hinweis: Das Buch ist der „originellste und umwerfendste Ansatz, ausgehend von der individuellen lesbischen Praxis die feministische Theorie aus der Sackgasse herauszuführen. Brillant eigenwillig visionär formuliert Jill Johnston aus der selbstkritischen Analyse ihrer Biographie die große Herausforderung: ‚Alle Frauen sind Lesbierinnen außer denen, die es noch nicht wissen.‘ Dies ist nur ein Beispiel für die mutigen, ironischen, einfallsreichen und oft brisanten Provokationen, mit denen die Journalistin Jill Johnston die amerikanische Öffentlichkeit und Frauenbewegung in Wort und Tat gleichermaßen beruhigte und schockierte.“
Jill Johnston wurde in England geboren und wuchs in Amerika auf. Sie lebt jetzt als Schriftstellerin und Journalistin in Massachusetts. Jill Johnston ist Lesbierin und sie versteht sich als Feministin.

Quellen / Material
  • M3: Freundin, Nr 1 / 1. Jahrgang 1924

    Wenn man einmal Zeuge sein darf, was für ein Urteil sich Uneingeweihte über die  homosexuelle Frau bilden, dann stellt man sich […] eine Frau niedrigster Sorte vor.  […] Und wie ganz anders ist es doch in Wirklichkeit. […] Es gibt zwei Arten von  homosexuellen Frauen. Die virile – d.i. männliche – und die feminine – d.i. weibliche  – Frau. Die Virile zeichnet sich vor allen Dingen durch ihre Selbstständigkeit, durch ihr sicheres Auftreten aus. […] Man ist oft erstaunt, was solche Frau leistet und  wieviel Verantwortung sie trägt. […] Obwohl sie sich in ihrem Beruf oft mit einem  Mann messen kann, hat sie doch meistens für den Haushalt kein Verständnis. Es  verdient noch gesagt zu werden, daß eine virile homosexuelle Frau anderen Frauen stets mit Artigkeit entgegenkommt und nicht selten die Rolle eines Beschützers übernimmt. […] Sie nimmt nicht die erste beste, die ihren Weg kreuzt, sondern sie prüft reiflich, ob die Frau, mit der sie Freundschaft zu schließen gedenkt, überhaupt für sie in Frage kommt, ob sie ihr Innenleben versteht. […] Die feminine Frau ist ganz das Gegenteil der eben geschilderten. Echt weiblich. Ihr fehlt die gewisse Selbstständigkeit. Sie ist durch und durch Frau, von zartem Wesen und anschmiegenden Charakter. Aber dafür eine gute Hausfrau mit viel Geschick und oft ausgezeichnetem Schönheitssinn. […] Und wenn sich nun eine virile Frau mit einer femininen zusammenschließt, um gemeinsam den Lebensweg zu bestreiten, ist es nicht viel mehr hochzuachten, als wenn sich eine dieser Frauen einem Mann zu eigen gibt, um mit ihm eine unglückliche Ehe zu führen […]? (35f.)

  • M4: Bericht der Frauengruppe der HAW

    Bericht der Frauengruppe.
    Treffen: Mittwochs, Dennewitzstraße
    Kontakt: Monika Augele, 1-33, Lassenstraße 8

    Weil viele homosexuelle Frauen mit ihrer Lage in der heutigen Gesellschaft unzufrieden sind und ebenso in ihrem Verhältnis zueinander, hat sich im Februar 1972 innerhalb er HAW eine Frauengruppe gegründet.
    Wie sich in zahlreichen Diskussionen gezeigt hat, besteht bei den meisten homosexuellen Frauen ein Bedürfnis, ihre Lage zu verändern. Dies können wir aber nur erreichen, wenn wir uns aus der bestehenden Isolation befreien, uns gemeinsam der tatsächlichen Situation bewußt werden und uns solidarisieren. Bisher haben auch wir uns nur in den einschlägigen Lokalen getroffen. Aber wir wissen alle, daß dort im Grunde jeder allein bleibt. Viele verhalten sich abweisend gegen jeden, den sie nicht kennen. Pärchen sind oft so stark aufeinander fixiert, daß sie jede Kontaktaufnahme ängstlich vermeiden. Diesen Zustand der Angst, Isoliertheit und des Konkurrenzdenkens, wollen wir beenden. Im Kontaktzentrum in der Dennesitzstraße [sic!] wollen wir versuchen, durch Begegnungen, Gespräche und Geselligkeit die Vereinsamung aufzugeben. WIR LASSEN UNS NICHT VON DER UMWELT, DIE VON VORURTEILEN UND TABUS GGEN ALLE HOMOSEXUELLEN GEPRÄGT IST, IN DIE SUBKULTUR DRÄNGEN. VORURTEILE KÖNNEN NUR DURCH GEGENSEITIGES KENNENLERNEN ABGEBAUT WERDEN, DESHALB IST DAS ZENTRUM FÜR JEDEN – HOMOSEXUELLE UND HETEROSEXUELLE – OFFEN.
    Wir arbeiten mit den männlichen Homosexuellen zusammen, denn unsere Probleme sind die gleichen.
    Die Männer haben die HAW als festeOrganisation [sic!] aufgezogen mit Mitgliedschaft und Beiträgen. Die Frauengruppe ist noch nicht organisiert, wir haben weder Vorstand noch eine feste Mitgliedschaft. Durch eine gewählte Delegierte [sic!] sind wir im Delegiertenrat der Männer vertreten.
    Wir nehmen am Plenum der Männer teil.
    Unsere Gruppe trifft sich wöchentlich 1x, und zwar jeden Mittwoch ab 20.00 Uhr im HAW-Zentrum.
    An diesen Abenden bereiten wir gemeinsame Aktivitäten vor oder wir sprechen über persönliche Probleme. Wir haben z.B. 2 Arbeitsgruppen gegründet. Die 1. Gruppe, die z.Zt. aus 6 Teilnehmern besteht, befaßt sich theoretisch mit dem Thema: „Die homosexuelle Frau, soziale u. psychische Probleme“. Zuerst soll hier die zur Verfügung stehende Literatur kritisch gesichtet und eine Alternative ausgearbeitet werden. Die 2. Gruppe ist eine Selbsterfahrungsgruppe. In ihr sollten vor allem persönliche Probleme und Erfahrungen ausgetauscht werden. Eine 3,, [sic!] noch zu gründende Gruppe, wird sich mit dem Thema „Die Emanzipation der Frau in der heutigen Gesellschaft“ auseinandersetzen. Alle Gruppen haben noch nicht sehr oft getagt und können noch Teilnehmer aufnehmen. Eine Gruppe für Kontakt und Öffentlichkeitsarbeit hat Kontakte zu anderen Gruppen homosexueller Frauen in Deutschland und im Ausland aufgenommen. In der in NewYork [sic!] erscheinenden Zeitung „Gay activist“ wird eine Zeitschrift von uns veröffentlicht. – Zusammen mit den Männern haben wir am 10.3. im SF-Beat ein Interview über die HAW senden lassen. Aufgrund dieses Interviews sind viele Frauen zu uns gekommen. In unserem Lokalen haben wir mehrfach Flugblätter verteilt und auf das neue HAW-Zentrum aufmerksam gemacht.
    Zu Pfingsten organisieren wir gemeinsam mit den Männern ein großes Pfingstreffen, zu dem wir alle uns bekannten westdeutschen Gruppen und Einzelpersonen eingeladen haben.
    Diese Aufzählung mag Euch einen Einblick in unsere Arbeit gegeben haben. Außer [?] ist das Zentrum auch noch jeden [?], Donnerstag und Sonnabend ab 20.00 Uhr für geselliges Beisammensein geöffnet. An unseren Mittwoch-Sitzungen führen wir immer eine Sammlung durch, um die Unkosten zu bestreiten.
    Zum Schluß wollen wir Euch noch mit unserem Arbeitsprogramm bekanntmachen, das wir in der Formulierung von der HSM Münster übernommen haben und mit dem wir uns identifizieren:
    Arbeitsprogramm
    Wir sind eine gesellschaftliche Organisation, die erreichen will, daß homosexuelles Verhalten in der Öffentlichkeit als gleichberechtigte Variante menschlichen Sexualverhaltens betrachtet wird. Erreichen wir dieses Ziel, werden homosexuelle Subkulturen überflüssig.
    Durch Begegnungen, Gespräche und Geselligkeit wollen wir die Vereinsamung des Homosexuellen aufheben, durch Abbau von Schuldkomplexen sein Selbstbewußtsein stärken und ihm durch solidarisches Verhalten die Angst und Unsicherheit nehmen. Ziel ist die Emanzipation jedes Einzelnen.
    Wir wollen dem Homosexuellen bewußt machen, daß seine Minderheitenstellung bei der derzeitigen Struktur der Gesellschaft und der derzeitigen Haltung großer Bevölkerungsteile nicht aufgehoben werden kann.
    Wir fordern gesellschaftliche Änderungen, die ihrerseits eine positive Annahme der Homosexualität möglich machen.
    Ausschließlich mit Information und Aufklärung werden wir die emotionale Abneigung gegenüber Homosexuellen nicht ändern. Eine wirkliche Verbesserung kann nur eintreten, wenn wir unsere eigene Umwelt mit den homosexuellen Äußerungen konfrontieren, wie wir sie als Homosexuelle täglich mit umgekehrten Vorzeichen von Heterosexuellen erfahren (z.B. Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit).
    Massives Auftreten von Homosexuellen in der Öffentlichkeit lehnen wir ab, wenn es sich dabei ausschließlich um Propagierung von homosexuellen Verhaltensweisen handelt.
    Durch derartige Propagierung eines gesellschaftspolitisch nicht vorhandenen Gegensatzes zwischen Homo- und Heterosexuellen verfestigen wir alte Gegensätze und schaffen neue Fronten.

    Beiträge für die nächste info bitte an:
    Peter Hedenström
    1-62, Kaiser Wilhelm Platz 1
    Tel.: 7818722
    ÜBRIGENS: ES INTERESSIERT A L L E  A L L E S ! ! ! ! !

    Vereint sind wir stark

  • M5: Auszug aus Jill Johnstons "Nationalität lesbisch"1

    […] Die Frau erlebte in der Beziehung zum Mann historisch immer Niederlagen. Jede Frau, die in sexueller Beziehung zum Mann bleibt, erlebt eine Niederlage jedes Mal, daß sie mit dem Mann zusammen ist, weil für jede Frau jede Einzelerfahrung eine Wiederholung der ursprünglichen ist […] und darum ist jede Frau eine widerwillige und ängstliche Gefährtin seit jeher […].
    Das Rollenverhalten des Mannes, das ihm ein Anrecht auf Macht und Prestige gibt, ist Ausdruck eines ursprünglich biologischen Vorteils, der ihm durch irgendeinen vor Urzeiten errungenen Sieg zufiel und mit dem Besitz roher Kraft zum Überleben in einer gefährlichen Umwelt bezeichnet werden kann. Die Frau wurde zum eigentlich ersten Prüfstein dieser Kraft. Die Frau wurde zu einer besonderen Gattung, unterdrückt und klassifiziert wie alle übrigens Tiere im Konkurrenzkampf ums Überleben. Die Frau ist eine besondere Gattung. Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, ist nicht naturgegeben ein rollenspielendes Tier. Die Frau, die sich auf den Mann bezieht, ist nur halb Frau und dabei eine benachteiligte Hälfte. Der Mann, der sich auf die Frau bezieht, ist die Hälfte eines Mannes und zwar die bevorzugte. Die wesentliche Aussage der Theorie vom erlernten Verhalten ist die, daß eine Frau die Erfüllung in der Vereinigung mit ihrem Gegenteil finde, aber in Wahrheit verliert sie sich selbst im Dienst einer fremden Gattung. Du selbst bist, mit der du schläfst. […]
    Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, wird vom Fluch der heterosexuellen Institution verfolgt mit seiner Heuchelei von Besitzanspruch und romantischer Liebe und Rollenverhalten, oder dem Schuld-Nachtragen-Syndrom, Rückversicherungs-Zuverlässigkeits-Zusammengehörigkeitsprinzip, Furcht-Verlangen-Verlust-Entzugs-Fluchtmechanismus, was alles zusammen dann der Ehe fürs Leben gleichkommt. Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, steht am Beginn eines langen Kampfes, sich von all dieser manngemachten Scheiße zu befreien. Der von vielen Feministinnen auf die Lesbierin projizierte Vorwurf des Sexismus und Chauvinismus und der Unterdrückung ist deren eigene Erwartung, die all dem zugrunde liegt, was sie in Beziehung zum Mann kennen. Die Lesbierin selbst geht über diese Rolle hinaus bei Entwicklung einer neuen Identifikation mit ihrem Frau-Sein. Der Typus des kessen Vater oder der männlichen Lesbe verschwindet zusehends. Der kesse Vater oder die männlich identifizierte Lesbe imitiert stilistisch den Mann, dessen Strukturen sie zu Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf sich selbst übertragen zu müssen glaubte. Gleich wie auch das Weibchen. Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, ist kein kesser Vater oder Weibchen sondern eine Frau. Sie ist nicht naturgegeben ein rollenspielendes Tier. Rollenverhalten entsteht durch Unterschiedlichkeiten, wobei ein von einem anderen unterschiedlichen Tier den Unterschied in einem Gefühl von Unsicherheit und Unvollkommenheit nicht ertragen kann. Identität, erreicht durch Herrschaft und Unterwerfung. […] Nun konstatieren die Feministinnen die Möglichkeit oder Alternative von Sex mit einer anderen Frau unter Bedingungen, die sich von genau der männlichen Machtstruktur ableiten, von der sie angeblich unterdrückt werden.

    • 1. Jill Johnston: Nationalität lesbisch. Die feministische Lösung, 1976, S. 142 – 144.
Arbeitsaufträge

Die Lehrperson bereitet die drei Stationen vor Stationen vor.

Station 1 - Material M3: Auszug aus Freundin (Nr. 1 / 1. Jahrgang 1924):
1. Welche Arten von Frauenrollen werden in der Quelle M3 geschildert?
2. Wie ist das Verhältnis zwischen der öffentlichen Meinung über lesbische Frauen und der Darstellung lesbischer Frauen im Text?
3. Wo wird das Verhältnis der Geschlechter in der Quelle M3 gebrochen und wo wird es bedient?
4. Informiert euch über das Konzept Butch/Femme und wendet es auf die Quelle an, falls möglich.
5. *Zusatz:
Tragt in einer Tabelle zusammen, welche typischen Eigenschaften dem Mann und welche der Frau im Text zugeschrieben werden.

Station 2 - Material M4: Bericht der Frauengruppe der HAW (1972)
1. Das Material M4 ist ein Protokoll von einem Treffen der Frauengruppe der HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) von 1972. Sammelt Informationen aus dem Internet über die HAW.
2. Was ist eine Subkultur?
3. Welche Folgen hat die von „Vorurteilen und Tabus gegen alle Homosexuellen“ geprägte öffentliche Meinung für die Betroffenen? Welche Aktivitäten unternimmt die HAW, um diese Folgen zu bekämpfen (Welche Ziele setzt sich die HAW?)?
4. Welche Identität wird in der Quelle M4 entworfen? Emanzipiert sich die Gruppe von den gesellschaftlichen Normen?
5. *Zusatz:
Stellt begründete Vermutungen an, warum die Frauen eine eigene Gruppe gegründet haben und keine gemeinsamen Sitzungen mit den homosexuellen Männern halten.

Station 3 - Material M5: Auszug aus Jill Johnstons „Nationalität lesbisch“
1. Welches Rollenverhältnis Mann-Frau wird in M5 beschrieben?
2. Nenne Beispiele aus dem Text, warum eine Frau gleichgeschlechtliche Liebe / Partnerschaften praktizieren sollte und erkläre, welche emanzipatorischen Ansätze es in der Argumentation gibt. Wie wird die lesbische Sexualität mit der feministischen Theorie vereint?
3. *Zusatz:
Interpretiere die Sätze: Die Frau, die sich auf sich selbst bezieht, ist kein kesser Vater oder Weibchen sondern eine Frau. Sie ist nicht naturgegeben ein rollenspielendes Tier. Rollenverhalten entsteht durch Unterschiedlichkeiten, wobei ein von einem anderen unterschiedlichen Tier den Unterschied in einem Gefühl von Unsicherheit und Unvollkommenheit nicht ertragen kann. Identität, erreicht durch Herrschaft und Unterwerfung.

Die SuS deuten und analysieren die Quellen im Hinblick auf die bereits bestimmten Kategorien (Identität, Macht, …). Auf diese leiten die jeweiligen Fragestellungen zu den Quellen hin. Die SuS erkennen, dass es verschiedene Konzepte zu lesbischen Identität gibt (Butch/Femme, Feminismus). Diese ergänzen sich und stehen sich auch gegenüber.

Die Lehrperson wirft folgende Frage mit einem OH-Projektor an die Wand:
Welche Kontinuitäten und Differenzen gibt es in der lesbischen Selbstbestimmung?
Anhand dieser Frage folgt ein geleitetes Unterrichtsgespräch. Anhand der Diskussion soll deutlich werden, dass Identitätsbildung auch immer von den kulturellen Gegebenheiten abhängig ist und dadurch auch die Identitäten lesbischer Frauen historisch wandelbar ist.