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Unterricht Reaktionen der Öffentlichkeit und des Staates auf Transvestit_innen

Schon immer gab es Menschen, die sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen.

Schon immer gab es Menschen, sie sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen. Männer bevorzugen in diesem Fall, sich wie eine Frau zu kleiden und zu verhalten, Frauen dagegen wollen als Männer wahrgenommen werden. In Deutschland wurden diese Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts undifferenziert als „Homosexuelle“, „Kriminelle“ oder „Kranke“ bezeichnet. Das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit war zwar in dieser Zeit gesetzlich nicht verboten. Transvestitinnen und Transvestiten wurden aber trotzdem verhaftet, weil sie vermeintlich „öffentliches Ärgernis“ verursachten bzw. die „öffentliche Ordnung“ störten und dies unter Strafe stand. Seit 1911 wurden daher mit Hilfe ärztlicher Gutachten und einer polizeilichen Bestätigung sogenannte „Transvestitenscheine“ ausgestellt, die das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit erlaubten. Das Herkunftsgeschlecht durfte dabei jedoch nicht erkennbar sein.

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

M1 Sachtext: Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1

Schon immer gab es Menschen, sie sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen. Männer bevorzugen in diesem Fall, sich wie eine Frau zu kleiden und zu verhalten, Frauen dagegen wollen als Männer wahrgenommen werden. In Deutschland wurden diese Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts undifferenziert als „Homosexuelle“, „Kriminelle“ oder „Kranke“ bezeichnet.

Unter anderem auf Drängen vieler Betroffener, die sich in keinem der bisherigen Bezeichnungen wiederfanden, entwarf der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld 1910 das Konzept des Transvestismus. Mit dem Begriff „Transvestiten“ bzw. „Transvestitinnen“ bezeichnet man seitdem alle Menschen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung -, die die Kleidung des „anderen“ Geschlechts bevorzugen, d.h. biologisch eher „männliche“ Personen tragen „Frauenkleidung“ und biologisch eher „weibliche“ Personen tragen „Männerkleidung“. Der Begriff Transvestismus wird bis heute verwendet.

Das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit war zwar in dieser Zeit gesetzlich nicht verboten. Transvestitinnen und Transvestiten wurden aber trotzdem verhaftet, weil sie vermeintlich „öffentliches Ärgernis“ bzw. die „öffentliche Ordnung“ störten und dies unter Strafe stand. Seit 1911 wurden daher mit Hilfe ärztlicher Gutachten und einer polizeilichen Bestätigung sogenannte „Transvestitenscheine“ ausgestellt, die das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit erlaubten. Das Herkunftsgeschlecht durfte dabei jedoch nicht erkennbar sein.

Während des Nationalsozialismus wurden vor allem homosexuelle Transvestitinnen und Transvestiten diskriminiert und „Transvestitenscheine“ nur sehr selten ausgestellt oder verlängert. Die Nationalsozialisten setzen Transvestitinnen und Transvestiten mit Homosexuellen gleich. Da Homosexuelle in der NS-Zeit kriminalisiert und verfolgt wurden, bestand auch für Transvestitinnen und Transvestiten die Gefahr, verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Fast immer waren sie daher gezwungen, wieder die Kleidung ihres Herkunftsgeschlechts zu tragen, was für viele von ihnen eine große Belastung darstellte.

Erarbeitung I

In einem ersten Arbeitsschritt erarbeiten sich die Schüler_innen  anhand des Sachtextes wichtiges historisches Wissen zum Themenfeld Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (M1).

Erarbeitung II

Eine Gruppenarbeitsphase, bei der die Schüler_innen in vier Gruppen drei verschiedene Auszüge aus dem sexualwissenschaftlichen Gutachten Josef Meißauers, erstellt von den Sexualwissenschaftlern Magnus Hirschfeld und Iwan Bloch (Q2; Q3 & Q4), sowie einer polizeilichen Anordnung (Q5), mit Hilfe der folgenden Aufgabenstellungen analysieren und interpretieren, schließt sich an.

Arbeitsaufträge:

  1. Notiere in der folgenden Tabelle die in der Quelle zum Vorschein tretenden „typisch männlichen“ und die „typisch weiblichen“ Merkmale.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich"
    Q2    
    Q3    
    Q4    
    Q5    
  2. Begründe anhand von Beispielen aus der Tabelle, welche Rolle Kleidung bei den Zuschreibungen von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ spielt.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich" Rolle der Kleidung
    Q2      
    Q3      
    Q4      
    Q5      

     

  3. Erläutere, welche Reaktionen auf die „Verkleidung“ die Öffentlichkeit und der Staat zeigten? Benenne die einzelnen Akteurinnen und Akteure und die Reaktionen.

    Quelle Reaktion(en) Akteur_innen
    Q2    
    Q3    
    Q4    
    Q5    

     

In dieser Gruppenarbeit sollen die Schüler_innen geschlechterspezifische Kleiderordnung, die kulturell festgelegt ist, erkennen und nachvollziehen, dass die Gesellschaft über „weibliche“ und „männliche“ Kleidung entscheidet. Hierfür sollen sie zunächst feststellen, wie „weiblich“ und „männlich“ in den Quellen kategorisiert werden. In den folgenden Aufgaben soll durch weiterführende Reflexionen deutlich werden, dass Kleidung das biologische Geschlecht unterstreichen sollte und entgegengesetzes Kleiden in der Gesellschaft Irritationen hervorruft.

Auswertung & Sicherung

Die Arbeitsergebnisse der einzelnen Gruppen werden in neu zusammengesetzten Gruppen, mit je eine(r/m) Schüler_in aus jeder Gruppe, ausgetauscht und in einem Arbeitsbogen, den jede(r) Schüler_in zur Sicherung ausfüllt, ausgetauscht.


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Unterricht Reaktionen der Öffentlichkeit und des Staates auf Transvestit_innen
Abstract

Schon immer gab es Menschen, die sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen.

Hintergrund

Schon immer gab es Menschen, sie sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen. Männer bevorzugen in diesem Fall, sich wie eine Frau zu kleiden und zu verhalten, Frauen dagegen wollen als Männer wahrgenommen werden. In Deutschland wurden diese Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts undifferenziert als „Homosexuelle“, „Kriminelle“ oder „Kranke“ bezeichnet. Das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit war zwar in dieser Zeit gesetzlich nicht verboten. Transvestitinnen und Transvestiten wurden aber trotzdem verhaftet, weil sie vermeintlich „öffentliches Ärgernis“ verursachten bzw. die „öffentliche Ordnung“ störten und dies unter Strafe stand. Seit 1911 wurden daher mit Hilfe ärztlicher Gutachten und einer polizeilichen Bestätigung sogenannte „Transvestitenscheine“ ausgestellt, die das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit erlaubten. Das Herkunftsgeschlecht durfte dabei jedoch nicht erkennbar sein.

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

Quellen / Material
  • M1 Sachtext: Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1

    Schon immer gab es Menschen, sie sich in der Kleidung und der Rolle des „anderen“ Geschlechts wohler fühlen. Männer bevorzugen in diesem Fall, sich wie eine Frau zu kleiden und zu verhalten, Frauen dagegen wollen als Männer wahrgenommen werden. In Deutschland wurden diese Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts undifferenziert als „Homosexuelle“, „Kriminelle“ oder „Kranke“ bezeichnet.

    Unter anderem auf Drängen vieler Betroffener, die sich in keinem der bisherigen Bezeichnungen wiederfanden, entwarf der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld 1910 das Konzept des Transvestismus. Mit dem Begriff „Transvestiten“ bzw. „Transvestitinnen“ bezeichnet man seitdem alle Menschen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung -, die die Kleidung des „anderen“ Geschlechts bevorzugen, d.h. biologisch eher „männliche“ Personen tragen „Frauenkleidung“ und biologisch eher „weibliche“ Personen tragen „Männerkleidung“. Der Begriff Transvestismus wird bis heute verwendet.

    Das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit war zwar in dieser Zeit gesetzlich nicht verboten. Transvestitinnen und Transvestiten wurden aber trotzdem verhaftet, weil sie vermeintlich „öffentliches Ärgernis“ bzw. die „öffentliche Ordnung“ störten und dies unter Strafe stand. Seit 1911 wurden daher mit Hilfe ärztlicher Gutachten und einer polizeilichen Bestätigung sogenannte „Transvestitenscheine“ ausgestellt, die das Tragen der Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit erlaubten. Das Herkunftsgeschlecht durfte dabei jedoch nicht erkennbar sein.

    Während des Nationalsozialismus wurden vor allem homosexuelle Transvestitinnen und Transvestiten diskriminiert und „Transvestitenscheine“ nur sehr selten ausgestellt oder verlängert. Die Nationalsozialisten setzen Transvestitinnen und Transvestiten mit Homosexuellen gleich. Da Homosexuelle in der NS-Zeit kriminalisiert und verfolgt wurden, bestand auch für Transvestitinnen und Transvestiten die Gefahr, verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Fast immer waren sie daher gezwungen, wieder die Kleidung ihres Herkunftsgeschlechts zu tragen, was für viele von ihnen eine große Belastung darstellte.

  • Q 2: Lebensgeschichte Josef Meißauers aus Gutachten von Hirschfeld/Bloch 1912 1

    „[...] Er spielte zwar auch mit Knaben, aber viel lieber mit Mädchen, hatte auch große Freude an Puppen, die sogar noch heute besteht, und lernte auf eigenen Wunsch kochen und stricken. Schon als Knabe zog er heimlich Mädchenkleider an, so oft es ihm möglich war und, wenn seine Haare lang genug waren, flocht er sie, worüber er oft verspottet wurde. Die Geschlechtsreife trat zwischen 16 und 18 Jahren ein. Die Stimme wurde tiefer und es stellte sich eine eigenartige Empfindung an den Brustwarzen ein, die heute noch vorhanden ist. Der Geschlechtstrieb war von Anfang an sehr schwachentwickelt, auch der Bartwuchs stellte sich erst mit 25 Jahren ein und ist gering geblieben. Auch die Körperbehaarung entwickelte sich fast gar nicht. Schon damals sagte man allgemein, er mache den Eindruck eines Mädchens, und als er einmal in den zwanziger Jahren Damenkleider anzog und sich darin zeigte, erkannten ihn nicht einmal seine nächsten Verwandten und Bekannten.

    Bis heute hat der Patient einen geschlechtlichen Verkehr nicht gehabt, da er niemals einen besonderen Drang dazu verspürte, überhaupt vor geschlechtlicher Berührung, z. B. Anfassen seiner Genitalien beim Urinieren, einen Ekel hat.[...] Jedoch war sein geschlechtliches Empfinden auch niemals auf das männliche Geschlecht gerichtet. Von Kindheit an besteht dieser leidenschaftliche Hang bei ihm, sich als Frau zu kleiden. Er hat immer wieder versucht, diesen Hang zu bekämpfen -namentlich nach den weiter unten zu erwähnenden unangenehmen Erlebnissen und Konflikten-, aber es war vergeblich. Die Folge einer längeren Enthaltsamkeit von der Frauentracht war stets eine schwere geistige Depression. [...] Für die Befriedigung dieser Neigung würde er, wie er sagt, sich entmannen lassen, ja selbst ins Gefängnis gehen, wenn sie anders nicht möglich wäre. Die weibliche Kleidung bot ihm von jeher Ersatz für alles andere.

    [...] Nachdem ihn sein unverschuldeter Zustand schon sehr viel Geld gekostet und viel Kummer und Verdruß bereitet, und nachdem er aus Dr. Hirschfelds Buch „Die Transvestiten“ die wahre Natur seines Zustandes erfahren hatte, hat er uns gegenüber den Wunsch ausgesprochen, durch ein von uns erstattetes Gutachten auch vor der zuständigen Behörde den Beweis führen zu können, daß seiner Natur mehr die Frauenkleidung entspricht als die Männertracht, und demgemäß die offizielle Erlaubnis zu erhalten, erstere dauernd zu tragen.“

    • 1. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts - Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Gutachten von Hirschfeld und Bloch, um Legitimation des Tragens von Frauenkleidung für Joseph Meißauer. Gießen 2005, S. 80.
  • Q 3: Reaktionen der Öffentlichkeit und des Staates auf Josef Meißauer aus Gutachten von Hirschfeld/Bloch 1912 1

    „Der Patient ist fromm katholisch erzogen, ist sehr religiös und bekleidete 7 Jahre die Stelle des Messners. [...] Er ließ sich dann, um seine unwiderstehliche Neigung zum Anlegen von weiblichen Kleidern wenigstens in Gestalt eines Surrogats zu befriedigen, vor 8 Jahren einen dunklen Mantel, eine Art Talar machen, um die ihm vor allem so widerwärtigen und lästigen männlichen Beinkleider nicht anziehen zu müssen. Darauf wurde er angeklagt, sich Priester- bzw. Ordenstracht angemaßt zu haben, aber schließlich freigesprochen. Er ließ sich dann einen farbigen Mantel anfertigen, so daß er nicht mehr mit einem Priester oder Ordensmann verwechselt werden konnte. Wenn er aber in diesem Rocke ausging, erregte er allgemeines Aufsehen und wurde öffentlich verspottet. Eine neue Anklage hatte wieder Freisprechung zur Folge. In der Urteilsbegründung wies der betreffende Richter darauf hin, daß ein Gesetzparagraph betreffs der Art der Kleidung nicht existiere. Nur dürfe man nicht die einem bestimmten Stand kennzeichnende Tracht, z. B. eine Uniform, anlegen. Auf dieses Urteil hin kleidete sich M. ganz als Dame, weil er dies nun für erlaubt hielt und dann auch gehört hatte, daß in Schliersee, Bezirksamt Miesbach, Oberbayern, eine Dame, namens Rosina Danner, ohne jede Erlaubnis als Mann gekleidet gegangen sei. Es wurde ihm auch 1910 vom Bezirksamt Miesbach bestätigt, daß die vor zwei Jahren gestorbene Rosina Danner 30 Jahre lang in Männerkleidung gegangen sei. Als daraufhin M. Frauentracht angelegt hatte, wurde er 1910 wieder angeklagt, in erster und zweiter lnstanz verurteilt, jedoch am 24. Dezember 1910 vom Kgl. Oberlandesgericht München freigesprochen.

    Nachdem ihn sein unverschuldeter Zustand schon sehr viel Geld gekostet und viel Kummer und Verdruß bereitet, und nachdem er aus Dr. Hirschfelds Buch „Die Transvestiten“ die wahre Natur seines Zustandes erfahren hatte, hat er uns gegenüber den Wunsch ausgesprochen, durch ein von uns erstattetes Gutachten auch vor der zuständigen Behörde den Beweis führen zu können, daß seiner Natur mehr die Frauenkleidung entspricht als die Männertracht, und demgemäß die offizielle Erlaubnis zu erhalten, erstere dauernd zu tragen.“

    • 1. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts - Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Gutachten von Hirschfeld und Bloch, um Legitimation des Tragens von Frauenkleidung für Joseph Meißauer. Gießen 2005, S. 81.
  • Q 4: Untersuchung und Beobachtung Meißauers im Gutachten von Hirschfeld/Bloch 1912 1

    „[...] Der Patient ist 1 Meter 66 Zentimeter groß, von schlanker Gestalt, die Schulterhöhe beträgt 43 1/2 cm, die Beckenbreite 39 cm , der Habitus ist im allgemeinen männlich. Die Muskeln sind schwach entwickelt, die Brust zeigt weibliche Rundung, Hände und Füße sind klein, so daß der Patient Damenschuhe und Damenhandschuhe trägt. Farbe der Haut dunkelgelblich. Das Haupthaar war lang , weich und blond , ist aber zum großen Teil in Folge der Meningitis ausgefallen, der Rest ergraut. Er trägt jetzt eine in der Mitte geteilte Haarperücke. Der Körper ist fast nicht behaart, auch der Bartwuchs an Kinn und Oberlippe ist sehr gering. Die Genitalien sind männlich, jedoch wenig entwickelt, die Hoden leicht atropisch. Der Gang ist mehr weiblich als männlich, die Schritte sind klein und leicht, auch das Körpergewicht von 63 Kilogramm ist verhältnismäßig gering.

    M. macht in Männerkleidung einen scheuen, nervösen, sehr wenig männlichen Eindruck, errötet leicht, spricht mit allerdings männlicher, aber leiser Stimme. Sobald er Frauenkleidung angezogen hat, ist sein Verhalten völlig verändert. Er scheint erst dadurch sein natürliches Wesen gewonnen zu haben und macht als Frau einen viel harmonischeren und ausgeglicheneren Eindruck, während er in Männertracht befangen, geniert und verängstigt ist. Auch haben wir ihn wiederholt auf der Straße begleitet und uns überzeugt, daß er keinerlei Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt. Durch sein ganzes Leben hat er außerdem bestätigt, daß seine ganze Geschlechtlichkeit gewissermaßen sich auf diese Neigung zur Frauentracht konzentriert und beschränkt. Seine Enthaltsamkeit macht beinahe den Eindruck der Asexualität. Es ist deshalb nicht zu befürchten, daß er seine Frauenkleidung jemals dazu benutzen wird, um Unrecht zu tun. Auf der anderen Seite erscheint es im Interesse seines Gesundheitszustandes dringend geboten, ihm die Frauentracht, in der er weder auffällt noch öffentliches Aergernis erregt, zu belassen. [...] Im Falle M. würde ein Verbot dieser Tracht eine außerordentliche Härte sein, die sehr leicht den Selbstmord eines Menschen zur Folge haben würde, der in jeder Beziehung, vor allem in moralischer Hinsicht, ein ehrenwerter, harmloser Mensch ist, der still für sich hin lebt, ohne jemandem was zu Leide zu tun.“

    • 1. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts - Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Gutachten von Hirschfeld und Bloch, um Legitimation des Tragens von Frauenkleidung für Joseph Meißauer. Gießen 2005, S. 82.
  • Q 5: Die behördliche Anerkennung der Transvestiten in den 1920er Jahren 1

    Nicht nur im Hinblick auf die Möglichkeiten der Vornamensänderung gab es eine Liberalisierung in der Weimarer Zeit, sondern auch in der Bewertung der Transvestiten und im polizeilichen Umgang mit ihnen. Unabhängig vom Justizministerium wurde 1922 eine Dienstanweisung des Berliner Polizeipräsidiums über die „Behandlung der sogenannten ,Transvestiten‘„ verabschiedet. Darin wird nochmals darauf hingewiesen, dass es nach geltendem Recht keine Handhabe gegen das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts gebe. Die Paragraphen über die Störung der öffentlichen Ordnung (§360, 11 StGB) oder die Erregung öffentlichen Ärgernisses (§183 StGB) dürften nur angewendet werden, wenn diese Tatbestände auch wirklich erfüllt seien. Das gelte jedoch für die Mehrzahl der Transvestiten nicht, denn: „Im allgemeinen bleiben die in Rede stehenden Personen (,Transvestiten‘) von der Öffentlichkeit unbeachtet, da sie sich in ihrem ganzen Wesen meist so sehr dem anderen Geschlecht nähern, daß sie diesem vom Publikum ohne weiteres zugezählt werden“ (Polizeipräsidiums Abt. IV. 1922, S.347).

    Dienstanweisung des Berliner Polizeipräsidiums Abt. IV. 1922, S.347

    [...] Die im Publikum noch verbreitete Meinung, dass es sich bei den verkleideten Personen um verkappte Verbrecher (Taschendiebe, Spione, Mädchenhändler usw.) handele, ist hinfällig. Hinsichtlich der männlichen Transvestiten ist nach neueren Erfahrungen nicht einmal mehr die früher als eine Selbstverständlichkeit vertretene Ansicht haltbar, dass die Frauenkleidung tragenden Männer durchweg als Homosexuelle anzusprechen seien. Es hat sich neuerdings ein Teil dieser Individuen als geschlechtlich normal, wenn auch mit starkem weiblichen Einschlag versehen, erwiesen. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Pflicht zur schonenden Behandlung der Transvestiten, soweit sie nicht der männlichen Prostitution zuzuzählen sind. Es ist aber in allen Fällen, in denen ein Transvestit bei irgendeiner Gelegenheit zu Feststellung gelangt, der Kriminalpolizei Mitteilung zu machen, vorausgesetzt, dass der Betreffende nicht im Besitz einer Bescheinigung ist des Inhalts, dass er der zuständigen Dienststelle bereits bekannt ist.

    • 1. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts - Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft. Gießen 2005, S. 135 f.)
Arbeitsaufträge

Erarbeitung I

In einem ersten Arbeitsschritt erarbeiten sich die Schüler_innen  anhand des Sachtextes wichtiges historisches Wissen zum Themenfeld Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (M1).

Erarbeitung II

Eine Gruppenarbeitsphase, bei der die Schüler_innen in vier Gruppen drei verschiedene Auszüge aus dem sexualwissenschaftlichen Gutachten Josef Meißauers, erstellt von den Sexualwissenschaftlern Magnus Hirschfeld und Iwan Bloch (Q2; Q3 & Q4), sowie einer polizeilichen Anordnung (Q5), mit Hilfe der folgenden Aufgabenstellungen analysieren und interpretieren, schließt sich an.

Arbeitsaufträge:

  1. Notiere in der folgenden Tabelle die in der Quelle zum Vorschein tretenden „typisch männlichen“ und die „typisch weiblichen“ Merkmale.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich"
    Q2    
    Q3    
    Q4    
    Q5    
  2. Begründe anhand von Beispielen aus der Tabelle, welche Rolle Kleidung bei den Zuschreibungen von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ spielt.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich" Rolle der Kleidung
    Q2      
    Q3      
    Q4      
    Q5      

     

  3. Erläutere, welche Reaktionen auf die „Verkleidung“ die Öffentlichkeit und der Staat zeigten? Benenne die einzelnen Akteurinnen und Akteure und die Reaktionen.

    Quelle Reaktion(en) Akteur_innen
    Q2    
    Q3    
    Q4    
    Q5    

     

In dieser Gruppenarbeit sollen die Schüler_innen geschlechterspezifische Kleiderordnung, die kulturell festgelegt ist, erkennen und nachvollziehen, dass die Gesellschaft über „weibliche“ und „männliche“ Kleidung entscheidet. Hierfür sollen sie zunächst feststellen, wie „weiblich“ und „männlich“ in den Quellen kategorisiert werden. In den folgenden Aufgaben soll durch weiterführende Reflexionen deutlich werden, dass Kleidung das biologische Geschlecht unterstreichen sollte und entgegengesetzes Kleiden in der Gesellschaft Irritationen hervorruft.

Auswertung & Sicherung

Die Arbeitsergebnisse der einzelnen Gruppen werden in neu zusammengesetzten Gruppen, mit je eine(r/m) Schüler_in aus jeder Gruppe, ausgetauscht und in einem Arbeitsbogen, den jede(r) Schüler_in zur Sicherung ausfüllt, ausgetauscht.