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Unterricht Selbstbilder der Transvestit_innen früher und heute

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen.

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in der deutschen Sexualwissenschaft geführt wurden, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen. Denn es kann hier zum einen nachgezeichnet werden, wie diese Diskurse im Wechselspiel von Außen- und Innenperspektive (z.B. ärztliche Gutachten verSchüler_innen Selbstzeugnisse) (Selbst-)Zuschreibungen und Identitäten erst hervorbringen und gleichzeitig Begriffe und Kategorien erschaffen, die dann wiederum identitäre Einordnungen ermöglichen bzw. erzwingen.

Ein Selbstzeugnis aus dem Jahr 1929, sowie ein Blogeintrag eines Online-Forums heute zeigen die Innenperspektive von Transvestit_innen im Wandel der Zeit auf. Die Selbstzuschreibungen und Identitäten, die durch aktuelle Diskurse und Normen beeinflusst sind, werden in diesen Dokumenten deutlich.

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

Q6: Selbstzeugnis - Die Transvestitin /E.K. 1929 1

„(...) Dann aber leistete ich das Furchtbarste eines Tages. Ich schnitt mir aus einem inneren befehlenden Gefühl heraus meinen sehr schönen, langgewachsenen blonden Zopf ab und hätte mich mit den glücklichsten Gefühlen dafür totschlagen lassen. Mit einem Male wurde es besser mit diesem Umkleidungstrieb. Alles atmete erleichtert auf, aber eine andere Veranlagung machte sich bei mir bemerkbar.

Ich fing an, Frauen zu lieben, und da ich eines Tages einer Frau in die Hände fiel, die meinen Verkleidungstrieb wieder weckte, so fing alles wieder von neuem an, bis auf den heutigen Tag. Es ist kaum zu glauben, aber ich kann nichts in meinem selbständigen Beruf, den ich mir geschaffen habe, zu Wege bringen, wenn ich in Röcken arbeite. Ich bin ein sehr willensstarker Mensch und kann darin vielleicht mehr zu Wege bringen wie manch anderer, aber hierin kann ich nichts ändern; sowie ich einen Rock anhabe, komme ich mir fremd vor und schwach. Ich habe mir für das Haus und zur Berufsarbeit im Atelier eine ganze Anzahl blauleinerner Monteuranzüge angeschafft und sonst im Haus und Atelier ziehe ich dann noch immer die von Kind auf so geliebten exotischen männlichen Gewänder an. Mir ist in Hosen keine Arbeit unmöglich. Ich zimmere Möbel, tapeziere Zimmer, tünche Decken und Wände selbst, so dass die Handwerker, die ins Haus kommen, vor Erstaunen große Augen machen. Ich würde mich sogar daran wagen, ganz allein ein Häuslein zu bauen. Ich kann aber ebenso gut, nur dass ich weniger Freude daran habe, in Hosen alles das ausführen, was man mit „weibliche Arbeit“ bezeichnet.
Nur der mir verhaßte Rock ist mir in jeder Weise hinderlich und schließlich auch mit Recht, denn sind auch in der heutigen Zeit die Röcke nicht mehr so lang wie früher, so hemmen sie trotzdem die Bewegungen und folglich sind sie hindernd bei der Betätigung, die man mit „männliche Arbeit“ bezeichnet und weshalb soll man sich denn da Röcke anziehen, wenn sie nicht zu einem passen, das seh ich gar nicht ein.“

  • 1. Die Welt der Transvestiten. Sonderteil der Zeitschrift Die Freundin: Die Transvestitin/ E.K., 5. Jahrgang, Nr. 16., 16.Oktober 1929.

Erarbeitung:

Analog zu den Aufgabenstellungen in Baustein 2, in dem sich die Schüler_innen mit den Reaktionen der Öffentlichkeit und des Staates auf Transvestit_innen in den 1920er Jahren auseinander setzen, erarbeiten sie in diesem Baustein nun die Selbstbilder zweier Transvestitinnen früher und heute. In einer eigenständigen Quellenanalyse erarbeiten die Schüler_innen mit Hilfe der Aufgabenstellungen die vorliegenden Quellen (Q6 & Q7).

Arbeitsaufträge:

  1. Notiere in der folgenden Tabelle die in den Quellen zum Vorschein tretenden „typisch männlichen“ und die „typisch weiblichen“ Merkmale.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich"
    Q6    
    Q7    
  2. Begründe anhand von Beispielen aus der Tabelle, welche Rolle Kleidung bei den Zuschreibungen von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ spielt.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich" Rolle der Kleidung
    Q6      
    Q7      
  3. Was erfahren wir über die Geschlechtsidentität der Person: Sieht sie sich als Mann oder als Frau? Welche Rolle spielt dabei die Kleidung?

    Quelle Geschlechtsidentität Rolle der Kleidung
    Q6    
    Q7    

Auswertung & Sicherung:

Im Unterrichtsgespräch werden daraufhin die beiden Selbstzeugnisse miteinander verglichen, um zu untersuchen, inwiefern die Selbstbilder historischem Wandel unterliegen. Außerdem soll im Vergleich mit den zuvor erarbeiteten Reaktionen der Öffentlichkeit in den 1920er herausgestellt werden, dass Selbstbilder der Norm der Zeit unterliegen und Normen auf die Identität wirken. Ziel dieses Bausteines ist es, zu überprüfen, ob das Entweder-oder-Prinzip auch in den Selbstzeugnissen greift, sowie die dichotome Geschlechterordnung im Bewusstsein der Schüler_innen zu verunsichern.


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Unterricht Selbstbilder der Transvestit_innen früher und heute
Abstract

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen.

Hintergrund

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in der deutschen Sexualwissenschaft geführt wurden, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen. Denn es kann hier zum einen nachgezeichnet werden, wie diese Diskurse im Wechselspiel von Außen- und Innenperspektive (z.B. ärztliche Gutachten verSchüler_innen Selbstzeugnisse) (Selbst-)Zuschreibungen und Identitäten erst hervorbringen und gleichzeitig Begriffe und Kategorien erschaffen, die dann wiederum identitäre Einordnungen ermöglichen bzw. erzwingen.

Ein Selbstzeugnis aus dem Jahr 1929, sowie ein Blogeintrag eines Online-Forums heute zeigen die Innenperspektive von Transvestit_innen im Wandel der Zeit auf. Die Selbstzuschreibungen und Identitäten, die durch aktuelle Diskurse und Normen beeinflusst sind, werden in diesen Dokumenten deutlich.

Didaktische Anmerkung:

Der oben bereitgestellte Abstract kann von der Lehrkraft als kurzes Impulsreferat zur thematischen Einführung verwendet werden. Ebenso bietet es sich an, den Abstract als kurzen Infotext den Schüler_innen während der Erarbeitung bereitzustellen.

Quellen / Material
  • Q6: Selbstzeugnis - Die Transvestitin /E.K. 1929 1

    „(...) Dann aber leistete ich das Furchtbarste eines Tages. Ich schnitt mir aus einem inneren befehlenden Gefühl heraus meinen sehr schönen, langgewachsenen blonden Zopf ab und hätte mich mit den glücklichsten Gefühlen dafür totschlagen lassen. Mit einem Male wurde es besser mit diesem Umkleidungstrieb. Alles atmete erleichtert auf, aber eine andere Veranlagung machte sich bei mir bemerkbar.

    Ich fing an, Frauen zu lieben, und da ich eines Tages einer Frau in die Hände fiel, die meinen Verkleidungstrieb wieder weckte, so fing alles wieder von neuem an, bis auf den heutigen Tag. Es ist kaum zu glauben, aber ich kann nichts in meinem selbständigen Beruf, den ich mir geschaffen habe, zu Wege bringen, wenn ich in Röcken arbeite. Ich bin ein sehr willensstarker Mensch und kann darin vielleicht mehr zu Wege bringen wie manch anderer, aber hierin kann ich nichts ändern; sowie ich einen Rock anhabe, komme ich mir fremd vor und schwach. Ich habe mir für das Haus und zur Berufsarbeit im Atelier eine ganze Anzahl blauleinerner Monteuranzüge angeschafft und sonst im Haus und Atelier ziehe ich dann noch immer die von Kind auf so geliebten exotischen männlichen Gewänder an. Mir ist in Hosen keine Arbeit unmöglich. Ich zimmere Möbel, tapeziere Zimmer, tünche Decken und Wände selbst, so dass die Handwerker, die ins Haus kommen, vor Erstaunen große Augen machen. Ich würde mich sogar daran wagen, ganz allein ein Häuslein zu bauen. Ich kann aber ebenso gut, nur dass ich weniger Freude daran habe, in Hosen alles das ausführen, was man mit „weibliche Arbeit“ bezeichnet.
    Nur der mir verhaßte Rock ist mir in jeder Weise hinderlich und schließlich auch mit Recht, denn sind auch in der heutigen Zeit die Röcke nicht mehr so lang wie früher, so hemmen sie trotzdem die Bewegungen und folglich sind sie hindernd bei der Betätigung, die man mit „männliche Arbeit“ bezeichnet und weshalb soll man sich denn da Röcke anziehen, wenn sie nicht zu einem passen, das seh ich gar nicht ein.“

    • 1. Die Welt der Transvestiten. Sonderteil der Zeitschrift Die Freundin: Die Transvestitin/ E.K., 5. Jahrgang, Nr. 16., 16.Oktober 1929.
  • Q 7: Selbstzeugnis - Blogeintrag einer Tranvestitin heute1

    Hallo Inga,

    ich lese sehr gerne Deine interessanten Threads.

    Die Frage nach dem:"Was bin ich"? Wird zwangsläufig immer in den traditionellen Rollenmuster enden, wir sind nun einmal so geprägt, konditioniert, seid frühster Kindheit, diesem Dilemma können wir uns nicht entziehen. Ich wehre mich kategorisch gegen jegliche Zuordnung, Einordnung in irgendwelche Muster und Schablonen, denn sie bringen nur wieder musterhaftes Verhalten (Behaviorismus) hervor.

    Vielmehr sollten wir uns der Frage widmen:"Wer bin ich eigentlich"? Es ist eine Frage die den Kern unseres Ichs sucht, fernab meines Sexus, weil sie meine differenzierte und komplexe Persönlichkeit, ob nun feminin oder maskulin, analysiert. Wer bin ich zeigt mir auch, welchen Standpunkt ich in dieser Welt einnehme. Denn mein Standpunkt setzt mich in Beziehung zu den Objekten dieser Welt. Wie mich diese Welt wahrnimmt, hängt immer von meinem jeweiligen Standpunkt, ob gerade feminin oder maskulin, ab. Meine Umwelt kann nur auf mich reagieren, agieren tue ich in der jeweiligen geschlechtsspezifischen Rolle. Ob ich nun androgyn, intersexuell, wie auch immer bin, ist dabei zweitrangig, denn es ist alles klischeehaft und immer abhängig vom moralischen Wertesystem einer Gesellschaft.

    Ergänzend wären noch die neusten neurophysiologischen Erkenntnisse über die Unterschiede im menschlichen Gehirn zwischen Männern und Frauen. Siehe da, es gibt sie de facto nicht! Unsere Gehirnfunktionen sind fast identisch, - männliche Gehirne wiegen 50-80 gr. mehr - somit ist mein Denkapparat sich keiner geschlechtsspezifischen Zuordnung bewusst, also neutral. Das Neutrum Mensch wird sich erst später in seiner Prägung als Männlein oder Weiblein bewusst, und dann entsprechend definieren. Und einige werden ein Leben lang immer beides sein und bleiben, die neue Art eben! So ich hoffe, es war verständlich genug, dieser ist mein ureigenster Standpunkt, den ich vertrete.

    Liebe Grüsse von Ladylike/Deborah!

Arbeitsaufträge

Erarbeitung:

Analog zu den Aufgabenstellungen in Baustein 2, in dem sich die Schüler_innen mit den Reaktionen der Öffentlichkeit und des Staates auf Transvestit_innen in den 1920er Jahren auseinander setzen, erarbeiten sie in diesem Baustein nun die Selbstbilder zweier Transvestitinnen früher und heute. In einer eigenständigen Quellenanalyse erarbeiten die Schüler_innen mit Hilfe der Aufgabenstellungen die vorliegenden Quellen (Q6 & Q7).

Arbeitsaufträge:

  1. Notiere in der folgenden Tabelle die in den Quellen zum Vorschein tretenden „typisch männlichen“ und die „typisch weiblichen“ Merkmale.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich"
    Q6    
    Q7    
  2. Begründe anhand von Beispielen aus der Tabelle, welche Rolle Kleidung bei den Zuschreibungen von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ spielt.

    Quelle "typisch männlich" "typisch weiblich" Rolle der Kleidung
    Q6      
    Q7      
  3. Was erfahren wir über die Geschlechtsidentität der Person: Sieht sie sich als Mann oder als Frau? Welche Rolle spielt dabei die Kleidung?

    Quelle Geschlechtsidentität Rolle der Kleidung
    Q6    
    Q7    

Auswertung & Sicherung:

Im Unterrichtsgespräch werden daraufhin die beiden Selbstzeugnisse miteinander verglichen, um zu untersuchen, inwiefern die Selbstbilder historischem Wandel unterliegen. Außerdem soll im Vergleich mit den zuvor erarbeiteten Reaktionen der Öffentlichkeit in den 1920er herausgestellt werden, dass Selbstbilder der Norm der Zeit unterliegen und Normen auf die Identität wirken. Ziel dieses Bausteines ist es, zu überprüfen, ob das Entweder-oder-Prinzip auch in den Selbstzeugnissen greift, sowie die dichotome Geschlechterordnung im Bewusstsein der Schüler_innen zu verunsichern.