Hidden from mobile

Unterricht Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Abstract

Geschlecht und Kleidung sind normstabilisierende Kategorien, die auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen sowohl privilegierende als auch diskriminierende Wirkungen entfalten. Das Lernziel der Unterrichtsreihe besteht darin, diese kategorialen Wirkmächtigkeiten anhand des Identitätskonzepts Transvestismus aufzuzeigen und zu dekonstruieren.

Sachanalyse

Kleider machen Leute - Kleider machen Geschlecht?

Obwohl Transvestismus in zahlreichen Staaten den besonderen Rechtschutz eines individuellen Lebensentwurfs genießt, wird die Vorliebe für die Kleidung des „anderen“ Geschlechts in aktuellen medizinischen Diskursen noch immer pathologisiert. Laut aktueller ICD-10-GM 1 wird er als eine „Störung der Geschlechtsidentität unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen“ beschrieben, die sich über das „Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung [definiert], um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht […]“. Zudem ist der Kleiderwechsel „nicht von sexueller Erregung begleitet2.

An dieser Definition wird deutlich, dass Transvestismus kein eigenständiges Identitätskonzept verkörpert, welches sich durch genuine Kategorien oder Attribute auszeichnet. Vielmehr wird es im Kontext einer binären und eindeutig begriffenen Geschlechterordnung („gegengeschlechtliche Kleidung“, „anderes Geschlecht“) durch Fremdzuweisungen als „das Andere, das Abweichende“ konstruiert. Die Tatsache, dass Transvestismus im Jahr 2013 noch immer in der internationalen Datenbank des ICD-10-GM als Krankheiten geführt wird, basiert auf der dichotomen Grundannahmen von Geschlechterbildern, in denen „männlich“ und „weiblich“ bzw. „Mann“ und „Frau“ als normale geschlechtliche und soziale Identitäten verstanden werden. Folglich wird ein Aufbrechen dieser binären Geschlechterordnung – zumindest im medizinischen Diskurs – noch heute als „Störung“ empfunden.

Transvestismus in Medizin und Sexualwissenschaft

Da Kleidung eine der signifikanten Geschlechterkodierungen von sexuellem und sozialem Verhalten darstellt, wurde geschlechtsungemäßes Kleiden im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in die sexualpathologische Debatte aufgenommen – u.a. auch, weil es für diese Identitätsform bisher keine Bezeichnung gab 3 .

Ein erstes umfassenderes Erklärungsmodell begründeten deutsche Mediziner_innen und Sexualwissenschaftler_innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zusammenhang mit Untersuchungen zu sexuellen Abweichungen von heteronormativen 4 Geschlechteridentitäten, begründeten sie das Konzept der konträren Sexualempfindung. Dieses Konzept umfasste all jene Verhaltensweisen, die „entgegengesetzt“ zu den sozial-kulturellen Konstruktionen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ stehen. 5 Anstatt die dichotome Geschlechterordnung damit aufzubrechen, wurden dadurch heteronormative Geschlechterrollen weiter zementiert. Denn der Wunsch die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen wurde dabei nicht als singuläre Erscheinung oder eigenständige Kategorie betrachtet, sondern stets als Bestandteil einer „degenerierten und konträren Sexualempfindung“ und als Varianz der Homosexualität gedeutet. 6

Vor allem die „Betroffenen“ – die sich seit den 1970ern selbst als Cross-Dresser bezeichnen –, die sich häufig nicht in den von Medizin und Gesellschaft vorgenommenen Zuschreibungen wiederfanden, wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu veranlasst, sich außerhalb der bekannten sexualpathologischen Grundsätze selbst wissenschaftlich zu verorten. Dazu gehörte unter anderem auch der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. 7

Hirschfelds Definition von Transvestismus

Vor diesem Hintergrund stellte Hirschfeld 1910 sein Konzept des Transvestismus vor, den er als „heftigen Drang, in der Kleidung desjenigen Geschlechts zu leben, dem die Betreffenden ihrem Körperbau nach nicht angehören8 , beschreibt. Zwar stellte dieses Konzept wie auch Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen 9 ein eher offenes Schema von potentiell unendlichen Sexualkonstitutionen auf. Doch wurden sowohl körperliche als auch soziale Merkmale weiterhin meist eindeutig als „männlich“ oder „weiblich“ klassifiziert. Hirschfelds Transvestismus-Entwurf vollzog daher trotz einer Herausforderung letztlich doch keine Auflösung der binären Geschlechterordnung. 10

Auch die „Betroffenen“ hatten diese Auflösung selten zum Ziel. Viele Transvestit_innen wollten explizit das „andere“ Geschlecht und die damit zugeschriebenen sozialen Rollen verkörpern. Sie trugen betont „weibliche“ oder „männliche“ Kleidung und Frisuren und traten den Geschlechterrollen entsprechend in der Öffentlichkeit auf. 11

Der Transvestitenschein als identitäts- und gesellschaftsstruktierendes Machtelement

Auch die Regelungen im Kontext des sogenannten „Transvestitenscheins“ spiegeln die Stabilisierung der dichotomen Geschlechterordnung wider. Transvestit_innen war es mit Hilfe eines ärztlichen Gutachtens und einer polizeilichen Bestätigung ab 1911 zwar erlaubt, die Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit zu tragen, aber nur, sofern durch Kleidung und Verhalten eindeutig ein Geschlecht bestimmt werden konnte. Individuen mussten also geschlechtlich eindeutig erscheinen, auch wenn sie auf der Identitätsebene gerade die Instabilität der Geschlechterordnung aufzeigten. 12 Begründet wurde diese Erlaubnis zudem damit, dass ein Großteil der „Betroffenen“ als geschlechtlich „normal“ (also heterosexuell) wahrgenommen wurde. 13 Die ärztliche und behördliche Abgrenzung von Transvestismus und Homosexualität verdeutlicht, wie stark der Umgang mit Transvestit_innen in der Matrix eines heteronormativen und dichotomen Gesellschaftsverständnisses verhaften blieb. Demnach scheint es beim Transvestismus kein „Sowohl-als-auch“, sondern nur ein „Entweder-oder“ bei den Zuschreibungen von Geschlechtsidentitäten gegeben zu haben. 14

Ein großer Verdienst der Sexualwissenschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts liegt vor allem darin, zur Emanzipation und Selbstbestimmung „sexueller Minderheiten“ entscheidend beigetragen und ihre staatliche Verfolgung und Ächtung gemindert zu haben. Zur Aufweichung von Heteronormativität und binärer Geschlechterordnung als identitäts- und gesellschaftsstrukturierendes Machtelement trugen die Diskurse über Transvestismus jedoch nicht bei, sondern bestätigten und stabilisierten diese Ordnung weiterhin - bis heute.

  • 1. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (GM=German Modification) ist das wichtigste weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. GM
  • 2. ICD-10-GM, Version 2013, Aktualisierung 9.11.12, F 64.1, http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen... (Aufgerufen am 27.12.12).
  • 3. Vgl. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts. Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Gießen 2005, S. 25.
  • 4. Heteronormativität bezeichnet hier ein binäres Geschlechtersystem, das lediglich genau zwei Geschlechter akzeptiert, und das Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechterrolle und sexueller Orientierung gleichsetzt. Die Basiseinheiten sind Männer und Frauen, die sich in ihrer Sexualität aufeinander beziehen. Heteronormativität bezeichnet aber nicht nur Naturalisierungen von Zweigeschlechtlichkeit  und Heterosexualität, sondern bezieht sich auch auf gesellschaftliche Strukturen und Organisationsweisen. Für die Definition vgl. Degele, Nina: Gender/ Queer Studies. Eine Einführung, Paderborn 2008, S. 88.
  • 5. Vgl. Herrn (2005), S. 27, sowie Lücke, Martin: Sowohl als auch? Entweder oder? – Transvestismus, Homosexualität und die Stabilisierung der dichotomen Geschlechterordnung in der Moderne. In: Hornung, Esther & Günther-Saeed, Marita (Hg.): Zwischenbestimmungen. Identität und Geschlecht jenseits der Fixierbarkeit? Würzburg 2012a, S. 139-154, hier S. 149.
  • 6. Vgl. Herrn (2005), S. 30
  • 7. Vor allem viele männliche Cross-Dresser lehnten die ihnen zugeschriebene homosexuelle Neigung als Verkennung ihrer „Natur“ und als Entwertung ihrer Männlichkeit ab und mieden homosexuelle Transvestiten. Ebenso lehnten „homosexuelle Maskulinisten“ die sexualpathologische Verknüpfung zwischen Männerbegehren und Cross-Dressing ab, die auf Weiblichkeitszuschreibungen rekurrierten. Vgl. Herrn (2005), S. 34ff., sowie Herrn, Rainer: Magnus Hirschfelds Geschlechterkosmos: Die Zwischenstufentheorie im Kontext hegemonialer Männlichkeit. In: Brunotte, Ulrike/ Herrn, Rainer (Hg.): Männlichkeiten und Moderne. Geschlecht in den Wissenskulturen um 1900. Bielefeld 2008, S. 173-196, hier S. 186f.
  • 8. Hirschfeld, Magnus: Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb. (2. Aufl.) Leipzig 1925 (1910), S. 159, zitiert nach Herrn (2005), S. 54.
  • 9. Hirschfeld, Magnus: Sexualpathologie: Sexuelle Zwischenstufen. 2 Bde., Bonn 1918. Hirschfeld entwarf die Zwischenstufentheorie hauptsächlich als Instrument zur Entpathologisierung der Homosexualität und ihrer Rückführung in eine Geschlechternormalität. Dennoch blieb er als naturwissenschaftlich orientierter Arzt im eugenischen Diskurs verhaftet und hielt z.B. Homosexualität für ein „Vorbeugungsmittel der Degeneration“, da ihre Nachkommen „vielfach den Stempel geistiger Minderwertigkeit“ trügen. Ebenso sei auch die Nachkommenschaft von Transvestit_Innen häufiger „labil-degeneriert“. Hirschfeld, Magnus: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, Berlin 1914, S. 391 sowie Ders.: Die Transvestiten – Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, Berlin 1910, beide zitiert nach Herrn (2008), S. 191.
  • 10. So wurden z.B. Männer und Frauen zwar grundsätzlich als gleichwertig gesehen, aber „nicht seelisch von gleicher Beschaffenheit“, was eine „Teilung  der Arbeit zwischen den Geschlechtern“ einschloss. Vgl. Hirschfeld, Magnus: Geschlechtskunde, 3 Bde., (Bd. 1), Stuttgart 1926, S. 490. Rainer Herrn betont jedoch, dass die Behauptung einer „universellen Mischgeschlechtlichkeit“ in der „Zwischenstufentheorie“ Hirschfelds das Prinzip der hegemonialen Männlichkeit in Frage stelle, da dieser Theorie nach jeder Mensch Eigenschaften beider Geschlechter in sich trägt und Mischgeschlechtlichkeit damit zur Norm erklärt wird. Vgl. Herrn (2008), S. 187ff.
  • 11. Inwiefern die zeitgenössischen Diskurse um Sexualität und Geschlecht sich jedoch möglicherweise nur derart in die Subjektivität dieser Individuen einschrieben, dass die Annahme bzw. Internalisierung der binären Geschlechterordnung und der „klassischen“ sozialen Geschlechterrollen für sie den einzig möglichen Handlungsspielraum bildete, muss als zentrale Frage indes offen bleiben. Zur Frage, auf welche Weise sich Diskurse in die Subjektivität von Individuen einschreiben können und ihre Handlungen beeinflussen vgl. z.B. Lücke, Martin: Identitäten, Geschlechter und Sexualitäten im Spiegel der historischen Diversity- und Intersectionality Studies. In: Hornung, Esther & Günther-Saeed, Marita (Hg.): Zwischenbestimmungen. Identität und Geschlecht jenseits der Fixierbarkeit? Würzburg (2012b), S. 61-73, hier S. 65.
  • 12. Vgl. dazu ausführlich Herrn (2005), S. 134-142. Siehe auch Lücke (2012a), S. 152.
  • 13. Vgl. Herrn (2005), S. 136.
  • 14. Vgl. Lücke (2012b), S. 152.
Reihenverlaufsplan

Lernziel der Reihe: Kleider machen Leute - Kleider machen Geschlecht?

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in der deutschen Sexualwissenschaft geführt wurden, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen. Denn es kann hier zum einen nachgezeichnet werden, wie diese Diskurse im Wechselspiel von Außen- und Innenperspektive (z.B. ärztliche Gutachten der Schüler_innen Selbstzeugnisse) (Selbst)-Zuschreibungen und Identitäten erst hervorbringen und gleichzeitig Begriffe und Kategorien erschaffen, die dann wiederum identitäre Einordnungen ermöglichen bzw. erzwingen. Zum anderen kann anhand des Konzepts des Transvestismus in dieser Zeit aufgezeigt werden, dass der Diskurs Magnus Hirschfelds, der sich zunächst als ein Aufweichen der binären Geschlechterordnung deuten lässt, weiterhin zwischen den binären Geschlechterbildern von „Mann“ und “Frau“ geführt wurde und sie dadurch stabilisierte.

Anhand des Phänomens des Transvestismus, das ja gerade „instabile“ Identitäten mit dem Ziel benennen und ordnen wollte, sie in bestehende Normativitätskonzepte zu integrieren (siehe z.B. Regelungen zum „Transvestitenschein“), lässt sich daher besonders gut ein „Normalisierungsverfahren“ einer Gesellschaft nachzeichnen und anhand queerer Fragen „entselbstverständlichen“.

Um Schüler_Innen für queere Überlegungen und Fragen zu sensibilisieren, ist das Thema deshalb geeignet, weil sich hier ein zunächst als Aufbrechen bestehender Ordnung wahrgenommenes Phänomen vielmehr als deren Bestätigung entpuppt und dies über das anschauliche Thema der Kleidung geschieht. Denn besonders für Schüler_innen der Sekundarstufe I und II stellt Kleidung einen zentralen Aspekt ihres Selbstverständnisses dar und ist wichtiger Bestandteil ihrer Lebenswelt. Vor allem kann aber über das Thema Kleidung, Geschlecht und soziale Rollen das „Entselbstverständlichen“ für Schüler_innen gut nachvollzieh- und erfahrbar gemacht werden. So können sie über eine queere Lesart von (Quellen)Texten nicht nur bestimmte gesellschaftlich geprägte Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen erkennen, sondern auch ihre eigenen normativen Grundannahmen reflektieren und hinterfragen und auf diese Weise wichtige Alteritätserfahrungen machen. Dass Geschlecht und Kleidung wirkungsmächtige Kategorien bilden, die auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft wirken und sowohl privilegieren als auch diskriminieren, kann und sollte daher eines der zentralen und wertvollen Lernziele der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema sein.


Hidden from normal

Unterricht Transvestismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Fieldset:

Geschlecht und Kleidung sind normstabilisierende Kategorien, die auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen sowohl privilegierende als auch diskriminierende Wirkungen entfalten. Das Lernziel der Unterrichtsreihe besteht darin, diese kategorialen Wirkmächtigkeiten anhand des Identitätskonzepts Transvestismus aufzuzeigen und zu dekonstruieren.

Kleider machen Leute - Kleider machen Geschlecht?

Obwohl Transvestismus in zahlreichen Staaten den besonderen Rechtschutz eines individuellen Lebensentwurfs genießt, wird die Vorliebe für die Kleidung des „anderen“ Geschlechts in aktuellen medizinischen Diskursen noch immer pathologisiert. Laut aktueller ICD-10-GM 1 wird er als eine „Störung der Geschlechtsidentität unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen“ beschrieben, die sich über das „Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung [definiert], um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht […]“. Zudem ist der Kleiderwechsel „nicht von sexueller Erregung begleitet2.

An dieser Definition wird deutlich, dass Transvestismus kein eigenständiges Identitätskonzept verkörpert, welches sich durch genuine Kategorien oder Attribute auszeichnet. Vielmehr wird es im Kontext einer binären und eindeutig begriffenen Geschlechterordnung („gegengeschlechtliche Kleidung“, „anderes Geschlecht“) durch Fremdzuweisungen als „das Andere, das Abweichende“ konstruiert. Die Tatsache, dass Transvestismus im Jahr 2013 noch immer in der internationalen Datenbank des ICD-10-GM als Krankheiten geführt wird, basiert auf der dichotomen Grundannahmen von Geschlechterbildern, in denen „männlich“ und „weiblich“ bzw. „Mann“ und „Frau“ als normale geschlechtliche und soziale Identitäten verstanden werden. Folglich wird ein Aufbrechen dieser binären Geschlechterordnung – zumindest im medizinischen Diskurs – noch heute als „Störung“ empfunden.

Transvestismus in Medizin und Sexualwissenschaft

Da Kleidung eine der signifikanten Geschlechterkodierungen von sexuellem und sozialem Verhalten darstellt, wurde geschlechtsungemäßes Kleiden im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in die sexualpathologische Debatte aufgenommen – u.a. auch, weil es für diese Identitätsform bisher keine Bezeichnung gab 3 .

Ein erstes umfassenderes Erklärungsmodell begründeten deutsche Mediziner_innen und Sexualwissenschaftler_innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zusammenhang mit Untersuchungen zu sexuellen Abweichungen von heteronormativen 4 Geschlechteridentitäten, begründeten sie das Konzept der konträren Sexualempfindung. Dieses Konzept umfasste all jene Verhaltensweisen, die „entgegengesetzt“ zu den sozial-kulturellen Konstruktionen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ stehen. 5 Anstatt die dichotome Geschlechterordnung damit aufzubrechen, wurden dadurch heteronormative Geschlechterrollen weiter zementiert. Denn der Wunsch die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen wurde dabei nicht als singuläre Erscheinung oder eigenständige Kategorie betrachtet, sondern stets als Bestandteil einer „degenerierten und konträren Sexualempfindung“ und als Varianz der Homosexualität gedeutet. 6

Vor allem die „Betroffenen“ – die sich seit den 1970ern selbst als Cross-Dresser bezeichnen –, die sich häufig nicht in den von Medizin und Gesellschaft vorgenommenen Zuschreibungen wiederfanden, wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu veranlasst, sich außerhalb der bekannten sexualpathologischen Grundsätze selbst wissenschaftlich zu verorten. Dazu gehörte unter anderem auch der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. 7

Hirschfelds Definition von Transvestismus

Vor diesem Hintergrund stellte Hirschfeld 1910 sein Konzept des Transvestismus vor, den er als „heftigen Drang, in der Kleidung desjenigen Geschlechts zu leben, dem die Betreffenden ihrem Körperbau nach nicht angehören8 , beschreibt. Zwar stellte dieses Konzept wie auch Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen 9 ein eher offenes Schema von potentiell unendlichen Sexualkonstitutionen auf. Doch wurden sowohl körperliche als auch soziale Merkmale weiterhin meist eindeutig als „männlich“ oder „weiblich“ klassifiziert. Hirschfelds Transvestismus-Entwurf vollzog daher trotz einer Herausforderung letztlich doch keine Auflösung der binären Geschlechterordnung. 10

Auch die „Betroffenen“ hatten diese Auflösung selten zum Ziel. Viele Transvestit_innen wollten explizit das „andere“ Geschlecht und die damit zugeschriebenen sozialen Rollen verkörpern. Sie trugen betont „weibliche“ oder „männliche“ Kleidung und Frisuren und traten den Geschlechterrollen entsprechend in der Öffentlichkeit auf. 11

Der Transvestitenschein als identitäts- und gesellschaftsstruktierendes Machtelement

Auch die Regelungen im Kontext des sogenannten „Transvestitenscheins“ spiegeln die Stabilisierung der dichotomen Geschlechterordnung wider. Transvestit_innen war es mit Hilfe eines ärztlichen Gutachtens und einer polizeilichen Bestätigung ab 1911 zwar erlaubt, die Kleidung des „anderen“ Geschlechts in der Öffentlichkeit zu tragen, aber nur, sofern durch Kleidung und Verhalten eindeutig ein Geschlecht bestimmt werden konnte. Individuen mussten also geschlechtlich eindeutig erscheinen, auch wenn sie auf der Identitätsebene gerade die Instabilität der Geschlechterordnung aufzeigten. 12 Begründet wurde diese Erlaubnis zudem damit, dass ein Großteil der „Betroffenen“ als geschlechtlich „normal“ (also heterosexuell) wahrgenommen wurde. 13 Die ärztliche und behördliche Abgrenzung von Transvestismus und Homosexualität verdeutlicht, wie stark der Umgang mit Transvestit_innen in der Matrix eines heteronormativen und dichotomen Gesellschaftsverständnisses verhaften blieb. Demnach scheint es beim Transvestismus kein „Sowohl-als-auch“, sondern nur ein „Entweder-oder“ bei den Zuschreibungen von Geschlechtsidentitäten gegeben zu haben. 14

Ein großer Verdienst der Sexualwissenschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts liegt vor allem darin, zur Emanzipation und Selbstbestimmung „sexueller Minderheiten“ entscheidend beigetragen und ihre staatliche Verfolgung und Ächtung gemindert zu haben. Zur Aufweichung von Heteronormativität und binärer Geschlechterordnung als identitäts- und gesellschaftsstrukturierendes Machtelement trugen die Diskurse über Transvestismus jedoch nicht bei, sondern bestätigten und stabilisierten diese Ordnung weiterhin - bis heute.

  • 1. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (GM=German Modification) ist das wichtigste weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. GM
  • 2. ICD-10-GM, Version 2013, Aktualisierung 9.11.12, F 64.1, http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen... (Aufgerufen am 27.12.12).
  • 3. Vgl. Herrn, Rainer: Schnittmuster des Geschlechts. Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft, Gießen 2005, S. 25.
  • 4. Heteronormativität bezeichnet hier ein binäres Geschlechtersystem, das lediglich genau zwei Geschlechter akzeptiert, und das Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechterrolle und sexueller Orientierung gleichsetzt. Die Basiseinheiten sind Männer und Frauen, die sich in ihrer Sexualität aufeinander beziehen. Heteronormativität bezeichnet aber nicht nur Naturalisierungen von Zweigeschlechtlichkeit  und Heterosexualität, sondern bezieht sich auch auf gesellschaftliche Strukturen und Organisationsweisen. Für die Definition vgl. Degele, Nina: Gender/ Queer Studies. Eine Einführung, Paderborn 2008, S. 88.
  • 5. Vgl. Herrn (2005), S. 27, sowie Lücke, Martin: Sowohl als auch? Entweder oder? – Transvestismus, Homosexualität und die Stabilisierung der dichotomen Geschlechterordnung in der Moderne. In: Hornung, Esther & Günther-Saeed, Marita (Hg.): Zwischenbestimmungen. Identität und Geschlecht jenseits der Fixierbarkeit? Würzburg 2012a, S. 139-154, hier S. 149.
  • 6. Vgl. Herrn (2005), S. 30
  • 7. Vor allem viele männliche Cross-Dresser lehnten die ihnen zugeschriebene homosexuelle Neigung als Verkennung ihrer „Natur“ und als Entwertung ihrer Männlichkeit ab und mieden homosexuelle Transvestiten. Ebenso lehnten „homosexuelle Maskulinisten“ die sexualpathologische Verknüpfung zwischen Männerbegehren und Cross-Dressing ab, die auf Weiblichkeitszuschreibungen rekurrierten. Vgl. Herrn (2005), S. 34ff., sowie Herrn, Rainer: Magnus Hirschfelds Geschlechterkosmos: Die Zwischenstufentheorie im Kontext hegemonialer Männlichkeit. In: Brunotte, Ulrike/ Herrn, Rainer (Hg.): Männlichkeiten und Moderne. Geschlecht in den Wissenskulturen um 1900. Bielefeld 2008, S. 173-196, hier S. 186f.
  • 8. Hirschfeld, Magnus: Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb. (2. Aufl.) Leipzig 1925 (1910), S. 159, zitiert nach Herrn (2005), S. 54.
  • 9. Hirschfeld, Magnus: Sexualpathologie: Sexuelle Zwischenstufen. 2 Bde., Bonn 1918. Hirschfeld entwarf die Zwischenstufentheorie hauptsächlich als Instrument zur Entpathologisierung der Homosexualität und ihrer Rückführung in eine Geschlechternormalität. Dennoch blieb er als naturwissenschaftlich orientierter Arzt im eugenischen Diskurs verhaftet und hielt z.B. Homosexualität für ein „Vorbeugungsmittel der Degeneration“, da ihre Nachkommen „vielfach den Stempel geistiger Minderwertigkeit“ trügen. Ebenso sei auch die Nachkommenschaft von Transvestit_Innen häufiger „labil-degeneriert“. Hirschfeld, Magnus: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, Berlin 1914, S. 391 sowie Ders.: Die Transvestiten – Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, Berlin 1910, beide zitiert nach Herrn (2008), S. 191.
  • 10. So wurden z.B. Männer und Frauen zwar grundsätzlich als gleichwertig gesehen, aber „nicht seelisch von gleicher Beschaffenheit“, was eine „Teilung  der Arbeit zwischen den Geschlechtern“ einschloss. Vgl. Hirschfeld, Magnus: Geschlechtskunde, 3 Bde., (Bd. 1), Stuttgart 1926, S. 490. Rainer Herrn betont jedoch, dass die Behauptung einer „universellen Mischgeschlechtlichkeit“ in der „Zwischenstufentheorie“ Hirschfelds das Prinzip der hegemonialen Männlichkeit in Frage stelle, da dieser Theorie nach jeder Mensch Eigenschaften beider Geschlechter in sich trägt und Mischgeschlechtlichkeit damit zur Norm erklärt wird. Vgl. Herrn (2008), S. 187ff.
  • 11. Inwiefern die zeitgenössischen Diskurse um Sexualität und Geschlecht sich jedoch möglicherweise nur derart in die Subjektivität dieser Individuen einschrieben, dass die Annahme bzw. Internalisierung der binären Geschlechterordnung und der „klassischen“ sozialen Geschlechterrollen für sie den einzig möglichen Handlungsspielraum bildete, muss als zentrale Frage indes offen bleiben. Zur Frage, auf welche Weise sich Diskurse in die Subjektivität von Individuen einschreiben können und ihre Handlungen beeinflussen vgl. z.B. Lücke, Martin: Identitäten, Geschlechter und Sexualitäten im Spiegel der historischen Diversity- und Intersectionality Studies. In: Hornung, Esther & Günther-Saeed, Marita (Hg.): Zwischenbestimmungen. Identität und Geschlecht jenseits der Fixierbarkeit? Würzburg (2012b), S. 61-73, hier S. 65.
  • 12. Vgl. dazu ausführlich Herrn (2005), S. 134-142. Siehe auch Lücke (2012a), S. 152.
  • 13. Vgl. Herrn (2005), S. 136.
  • 14. Vgl. Lücke (2012b), S. 152.

Lernziel der Reihe: Kleider machen Leute - Kleider machen Geschlecht?

Die Diskurse um das Konzept des Transvestismus, die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders in der deutschen Sexualwissenschaft geführt wurden, eignen sich gut, um die Dynamik in der Entstehung, im Wandel, aber auch in der Stabilisierung von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern in dieser Zeit aufzuzeigen. Denn es kann hier zum einen nachgezeichnet werden, wie diese Diskurse im Wechselspiel von Außen- und Innenperspektive (z.B. ärztliche Gutachten der Schüler_innen Selbstzeugnisse) (Selbst)-Zuschreibungen und Identitäten erst hervorbringen und gleichzeitig Begriffe und Kategorien erschaffen, die dann wiederum identitäre Einordnungen ermöglichen bzw. erzwingen. Zum anderen kann anhand des Konzepts des Transvestismus in dieser Zeit aufgezeigt werden, dass der Diskurs Magnus Hirschfelds, der sich zunächst als ein Aufweichen der binären Geschlechterordnung deuten lässt, weiterhin zwischen den binären Geschlechterbildern von „Mann“ und “Frau“ geführt wurde und sie dadurch stabilisierte.

Anhand des Phänomens des Transvestismus, das ja gerade „instabile“ Identitäten mit dem Ziel benennen und ordnen wollte, sie in bestehende Normativitätskonzepte zu integrieren (siehe z.B. Regelungen zum „Transvestitenschein“), lässt sich daher besonders gut ein „Normalisierungsverfahren“ einer Gesellschaft nachzeichnen und anhand queerer Fragen „entselbstverständlichen“.

Um Schüler_Innen für queere Überlegungen und Fragen zu sensibilisieren, ist das Thema deshalb geeignet, weil sich hier ein zunächst als Aufbrechen bestehender Ordnung wahrgenommenes Phänomen vielmehr als deren Bestätigung entpuppt und dies über das anschauliche Thema der Kleidung geschieht. Denn besonders für Schüler_innen der Sekundarstufe I und II stellt Kleidung einen zentralen Aspekt ihres Selbstverständnisses dar und ist wichtiger Bestandteil ihrer Lebenswelt. Vor allem kann aber über das Thema Kleidung, Geschlecht und soziale Rollen das „Entselbstverständlichen“ für Schüler_innen gut nachvollzieh- und erfahrbar gemacht werden. So können sie über eine queere Lesart von (Quellen)Texten nicht nur bestimmte gesellschaftlich geprägte Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen erkennen, sondern auch ihre eigenen normativen Grundannahmen reflektieren und hinterfragen und auf diese Weise wichtige Alteritätserfahrungen machen. Dass Geschlecht und Kleidung wirkungsmächtige Kategorien bilden, die auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft wirken und sowohl privilegieren als auch diskriminieren, kann und sollte daher eines der zentralen und wertvollen Lernziele der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema sein.