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Unterricht Verbotene Liebe im Mittelalter, verbotene Liebe heute – akzeptiert oder verurteilt?

Der § 173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten im Spannungsfeld von moderner Gesetzgebung und christlicher Tradition.

Seit 2008 besteht in Deutschland eine öffentliche Debatte über die Aufhebung des § 173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten, der inzestuöses Verhalten unter Strafe stellt. Losgetreten wurde die Diskussion von einem Geschwisterpaar aus Leipzig, welches zunächst unwissend von seiner familiären Herkunft eine Liebesbeziehung einging, in der vier Kinder zur Welt kamen. Kritische Stimmen, die in dem Geschwisterpaar eine familiäre Verirrung und Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung sahen, bewirkten 2005 beim Amtsgericht Leipzig einen Prozess, in dem der Bruder sowie Vater zu einer 2,5 Jahre langen Haftstrafe verurteilt und die Schwester sowie Mutter unter staatliche Obhut gestellt worden. Mit der Begründung, dass der deutsche Rechtsstaat das Geschwisterpaar seiner menschlichen Würde und seiner persönlichen Freizügigkeit beraube, legte das Geschwisterpaar eine Verfassungsbeschwerde gegen den § 173 ein, die am 28. Februar 2008 vom BVerfG mit einem Entscheidungsverhältnis von sieben zu einer Stimme für die Verfassungsmäßigkeit des § 173 abgelehnt wurde. Ist das Einmischen des Staates in das Familienglück und die sexuelle Selbstbestimmung der einzelnen Familienmitglieder damit gerechtfertigt? Diese Frage sorgt bis heute für eine juristische sowie emotionale Kontroverse.1

Die bereitgestellten Auszüge aus den Gesetzestexten geben einen kurzen Einblick zur Bestrafung von inzestuösen Handlungen [Q-7] Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten und zur Begründung der Verfassungsmäßigkeit des § 173 (StGB) und [Q-8] BVerfG-Entscheidung zur Verfassungsmäßigkeit des § 173 vom 26. Februar 2008.

  • 1. Vgl. den Artikel: Geschwisterpaar kämpft gegen Inzest-Paragraf. Aus: Sächsische Zeitung (20.02.2007).
  • M3 - Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
    Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
  • M7 - Feedbackbogen
    Feedbackbogen

[Q 7] Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
[...]

Didaktische Anmerkung:

Die folgende Unterrichtsstunde ergibt nur Sinn, wenn die Unterrichtsreihe planmäßig eingehalten wurde. Der Abstract kann auch als Lehrer_innenvortrag zur Überleitung auf die Diskussion zum gegenwärtigen Inzestverbot in Deutschland verwendet werden.

Einstieg:

Die Lehrkraft projiziert  den Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.) (M 3) an die Wand, so dass die Schüler_innen erneut mit den inzestuösen Familienverhältnissen in der Gregorius Legende konfrontiert werden und ihr Wissen zur vorherigen Unterrichtsstunde reaktivieren können.

Arbeitsauftrag:
Fasst anhand der Abbildung die Ergebnisse der vergangenen Unterrichtsstunde zusammen und tragt eure Hausaufgaben vor!

Erarbeitung:

Die Schüler_innen tragen ihre Narrationen zum Schicksal des jungen Gregorius vor und diskutieren im Plenum die Plausibilität der einzelnen Erzählungen, indem sie ihr gesamtes Wissen aus der Unterrichtsreihe anwenden.

Anschließend bewerten die Schüler_innen auf Grundlage ihrer Positionierung in der Meinungslinie aus der ersten Unterrichtseinheit die familiäre Konstellation.

Arbeitsauftrag:
Stellt für Euch das Verhältnis zwischen Bruder, Schwester und Gregorius eine Familie dar? Begründet eure Aussagen, indem Ihr zu eurer Positionierung in der Meinungslinie Stellung bezieht!  

Auswertung:

Die Lehrkraft projiziert (Q 7) Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten und (Q 8) BVerfG-Entscheidung zur Verfassungsmäßigkeit des § 173 vom 26. Februar 2008 an die Wand und klärt mit den Schüler_innen zunächst unbekannte Begriffe, sowie die Bedeutung der Gesetzestexte für das alltägliche Leben in und mit der deutschen Gesellschaft.

Arbeitsaufträge:

  1. Lest die Auszüge aus den Gesetzestexten.
  2. Klärt unbekannte Begriffe und Wörter.
  3. Was denkt ihr, welchen Stellenwert diese Gesetzesauszüge in unserem täglichen Leben einnehmen. Begründet eure Antworten.

Die Schüler_innen erkennen dabei, dass die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland auf Gesetzen basiert, die durch Pflichten und Rechte das Verhalten der Bürger_innen zum Schutz der Freiheit aller aufrechterhält. Die Autorität der rechtsstaatlichen Normierung ist folglich notwendig, um die individuelle Freiheit, wie sexuelle Selbstbestimmung und das Recht auf einen unversehrten Körper, sicherstellen zu können.

In einem zweiten Schritt vergleichen die Schüler_innen das Inzestverbot und dessen Folgen für Betroffene aus dem Mittealter mit der aktuellen Gesetzgebung in Deutschland. Sie verweisen dabei auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten und beurteilen die jeweilige strukturgebende Norm.

Diskussionsfrage:
Wie stellen sich die Normen zum Verbot des Inzests zur Zeit des Mittelalters im Vergleich zu heute dar? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Normen zur Zeit Gregorius und der Gegenwart? Begründet eure Entscheidung!

Die Schüler_innen erkennen, dass der Glaube als strukturgebende Norm der Inzestgesetzgebung des Mittelalters in den Gesetzestexten der Gegenwart in Form von heteronormativ geprägten, individuellen Freiheiten fortbesteht. Gleichermaßen erkennen sie, dass die Inzestgesetzgebung nach wie vor ein Instrument zur Organisation einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung ist, in der je nach Epoche eine bestimmte Norm gesetzt wird.
 


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Unterricht Verbotene Liebe im Mittelalter, verbotene Liebe heute – akzeptiert oder verurteilt?
Abstract

Der § 173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten im Spannungsfeld von moderner Gesetzgebung und christlicher Tradition.

Hintergrund

Seit 2008 besteht in Deutschland eine öffentliche Debatte über die Aufhebung des § 173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten, der inzestuöses Verhalten unter Strafe stellt. Losgetreten wurde die Diskussion von einem Geschwisterpaar aus Leipzig, welches zunächst unwissend von seiner familiären Herkunft eine Liebesbeziehung einging, in der vier Kinder zur Welt kamen. Kritische Stimmen, die in dem Geschwisterpaar eine familiäre Verirrung und Gefährdung der gesellschaftlichen Ordnung sahen, bewirkten 2005 beim Amtsgericht Leipzig einen Prozess, in dem der Bruder sowie Vater zu einer 2,5 Jahre langen Haftstrafe verurteilt und die Schwester sowie Mutter unter staatliche Obhut gestellt worden. Mit der Begründung, dass der deutsche Rechtsstaat das Geschwisterpaar seiner menschlichen Würde und seiner persönlichen Freizügigkeit beraube, legte das Geschwisterpaar eine Verfassungsbeschwerde gegen den § 173 ein, die am 28. Februar 2008 vom BVerfG mit einem Entscheidungsverhältnis von sieben zu einer Stimme für die Verfassungsmäßigkeit des § 173 abgelehnt wurde. Ist das Einmischen des Staates in das Familienglück und die sexuelle Selbstbestimmung der einzelnen Familienmitglieder damit gerechtfertigt? Diese Frage sorgt bis heute für eine juristische sowie emotionale Kontroverse.1

Die bereitgestellten Auszüge aus den Gesetzestexten geben einen kurzen Einblick zur Bestrafung von inzestuösen Handlungen [Q-7] Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten und zur Begründung der Verfassungsmäßigkeit des § 173 (StGB) und [Q-8] BVerfG-Entscheidung zur Verfassungsmäßigkeit des § 173 vom 26. Februar 2008.

  • 1. Vgl. den Artikel: Geschwisterpaar kämpft gegen Inzest-Paragraf. Aus: Sächsische Zeitung (20.02.2007).
Quellen / Material
  • M3 - Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
    Der Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.)
  • M7 - Feedbackbogen
    Feedbackbogen
  • [Q 7] Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten

    (1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    [...]

  • [Q 8] BVerfG-Entscheidung zur Verfassungsmäßigkeit des
    § 173 vom 26. Februar 2008

    „Als Instrument zum Schutz der sexuellen Selbstbestimmung, der Gesundheit der Bevölkerung und insbesondere der Familie erfüllt die Strafnorm eine appellative, normstabilisierende und damit generalpräventive Funktion, die die Wertsetzungen des Gesetzgebers verdeutlicht und damit zu ihrem Erhalt beiträgt.“

Arbeitsaufträge

Didaktische Anmerkung:

Die folgende Unterrichtsstunde ergibt nur Sinn, wenn die Unterrichtsreihe planmäßig eingehalten wurde. Der Abstract kann auch als Lehrer_innenvortrag zur Überleitung auf die Diskussion zum gegenwärtigen Inzestverbot in Deutschland verwendet werden.

Einstieg:

Die Lehrkraft projiziert  den Stammbaum des Gregorius nach der Überlieferung von Hartmann von Aue (12.Jh.) (M 3) an die Wand, so dass die Schüler_innen erneut mit den inzestuösen Familienverhältnissen in der Gregorius Legende konfrontiert werden und ihr Wissen zur vorherigen Unterrichtsstunde reaktivieren können.

Arbeitsauftrag:
Fasst anhand der Abbildung die Ergebnisse der vergangenen Unterrichtsstunde zusammen und tragt eure Hausaufgaben vor!

Erarbeitung:

Die Schüler_innen tragen ihre Narrationen zum Schicksal des jungen Gregorius vor und diskutieren im Plenum die Plausibilität der einzelnen Erzählungen, indem sie ihr gesamtes Wissen aus der Unterrichtsreihe anwenden.

Anschließend bewerten die Schüler_innen auf Grundlage ihrer Positionierung in der Meinungslinie aus der ersten Unterrichtseinheit die familiäre Konstellation.

Arbeitsauftrag:
Stellt für Euch das Verhältnis zwischen Bruder, Schwester und Gregorius eine Familie dar? Begründet eure Aussagen, indem Ihr zu eurer Positionierung in der Meinungslinie Stellung bezieht!  

Auswertung:

Die Lehrkraft projiziert (Q 7) Auszug aus §173 (StGB) Beischlaf zwischen Verwandten und (Q 8) BVerfG-Entscheidung zur Verfassungsmäßigkeit des § 173 vom 26. Februar 2008 an die Wand und klärt mit den Schüler_innen zunächst unbekannte Begriffe, sowie die Bedeutung der Gesetzestexte für das alltägliche Leben in und mit der deutschen Gesellschaft.

Arbeitsaufträge:

  1. Lest die Auszüge aus den Gesetzestexten.
  2. Klärt unbekannte Begriffe und Wörter.
  3. Was denkt ihr, welchen Stellenwert diese Gesetzesauszüge in unserem täglichen Leben einnehmen. Begründet eure Antworten.

Die Schüler_innen erkennen dabei, dass die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland auf Gesetzen basiert, die durch Pflichten und Rechte das Verhalten der Bürger_innen zum Schutz der Freiheit aller aufrechterhält. Die Autorität der rechtsstaatlichen Normierung ist folglich notwendig, um die individuelle Freiheit, wie sexuelle Selbstbestimmung und das Recht auf einen unversehrten Körper, sicherstellen zu können.

In einem zweiten Schritt vergleichen die Schüler_innen das Inzestverbot und dessen Folgen für Betroffene aus dem Mittealter mit der aktuellen Gesetzgebung in Deutschland. Sie verweisen dabei auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten und beurteilen die jeweilige strukturgebende Norm.

Diskussionsfrage:
Wie stellen sich die Normen zum Verbot des Inzests zur Zeit des Mittelalters im Vergleich zu heute dar? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Normen zur Zeit Gregorius und der Gegenwart? Begründet eure Entscheidung!

Die Schüler_innen erkennen, dass der Glaube als strukturgebende Norm der Inzestgesetzgebung des Mittelalters in den Gesetzestexten der Gegenwart in Form von heteronormativ geprägten, individuellen Freiheiten fortbesteht. Gleichermaßen erkennen sie, dass die Inzestgesetzgebung nach wie vor ein Instrument zur Organisation einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung ist, in der je nach Epoche eine bestimmte Norm gesetzt wird.